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8. "Habe nichts mehr! Weiß nicht wohin!!!" (Szenario 5)

Die Legende des fünften Szenarios - "Habe nichts mehr! Weiß nicht wohin!!!" - bezeugte tiefe Ratlosigkeit und Verzweiflung. Sie signalisierte, dass die bettelnde Person "am Ende" war. Entsprechend stark war der appellative Charakter des Spruchs.

8.1 Rahmenbedingungen

Wir richteten das Szenario auf der Domplatte ein - an einem Bauzaun vor dem Nordturm des Kölner Doms. Der Bettelort lag an der Verbindungsstrecke zwischen Hauptbahnhof und Dom bzw. der Einkaufsmeile und war entsprechend stark frequentiert. Am ersten Adventssamstag kamen hier zudem etliche Besucher des großen Weihnachtsmarkts auf dem Roncalliplatz vorbei.

Bettelagentin Laura nahm ihren Platz von 14.35 bis 16.40 Uhr ein (die letzten, "überzähligen" fünf Minuten waren dem RTL-Team geschuldet, das noch einen Abschlussdreh machen wollte). Natürlich bettelte auch Laura in "neuzeitlicher" Haltung, also im Schneidersitz, mit gesenktem Blick. Untergelegt hatte sie eine rote Decke; neben ihr lehnte eine Plastiktüte; bekleidet war sie mit Blue Jeans, Schal sowie mit einem beigefarbenen Anorak mit Kapuze, die sie auch dringend brauchte, da auf der Domplatte ein eisiger Wind wehte.

In ihrer unmittelbaren Nähe hielt sich als Beobachterin ihre (eineiige) Zwillingsschwester Nora auf. Wir griffen damit ein Szenario auf, das wir bereits im Sommer in Gummersbach - dort allerdings mit Nora als Bettlerin und Laura als Begleiterin - getestet hatten: Würde den Passanten auffallen, dass die beiden jungen Frauen - die eine "auf der Straße", die andere "normal" - etwas miteinander zu tun haben mussten?

Wie schon in unserem Gummersbacher Versuch fiel die Antwort negativ aus. Selbst der Reporter des Kölner "Express", der sich eine ganze Weile mit Nora über das Experiment unterhielt, bemerkte die Ähnlichkeit zwischen Beobachterin und Bettlerin erst auf Nachfrage.

Obwohl Laura nicht mitten im Besucherstrom saß, erregte sie doch beträchtliche Aufmerksamkeit. Hierfür war außer ihrer Legende sicherlich auch der monumentale, unplakatierte Bauzaun verantwortlich, vor dem sie als einziger Blickfang saß. Dass sie in dieser Bettelumgebung gute Chancen auf ein Almosen hatte, bemerkten auch einige andere, vermutlich osteuropäische Bettler. Zwei von ihnen (geschätztes Alter: Mitte zwanzig bis Mitte dreißig) nahmen in etwa zehn bis zwanzig Metern Entfernung links und rechts neben Laura Platz und hofften ebenso auf eine Spende. Eine dritte osteuropäische Bettlerin, die wir zuvor bereits auf der Schildergasse beobachtet hatten, sank - ebenfalls in Lauras Nähe - auf dem Pflaster der Domplatte vor den Passanten auf die Knie und bat auf diese Weise um Almosen.

Nicht nur vor dem Dom, sondern auch in der Innenstadt waren an diesem Tag viele osteuropäische Bettler zu sehen.

8.2 Ergebnisse

Während sich die anderen Bettelagenten unseres Experiments zum Teil darum sorgen mussten, überhaupt eine Spende zu erhalten, traf dies auf Laura in Szenario 5 nicht zu. Im Gegenteil: Ohne Übertreibung kann man sagen, dass es an ihrem Bettelort zuging wie im Taubenschlag; zeitweise erfolgten die Spenden im Minutentakt. Auch angesprochen wurde die Bettlerin im Vergleich zu ihren "Kollegen" in den anderen Szenarien überdurchschnittlich oft. Insgesamt hatte Laura innerhalb von zwei Stunden über dreißig Passantenkontakte; ihre Einnahmen beliefen sich auf stolze 43,19 Euro.

Wie umfangreich die Reaktionen der Vorübergehenden waren, zeigt das unten stehende Schaubild: Jeder hell- oder dunkelbraune Strich steht für einen Passantenkontakt, also für eine Geld- oder Sachspende und/oder für ein Gespräch. Gepunktete Flächen deuten an, dass sich der Kontakt - in der Regel in Form einer längeren Plauderei - über mehrere Minuten hinzog. Die unterschiedlichen Brauntöne haben keine besondere Bedeutung; sie dienen auf dem Zeitstrahl lediglich der besseren Unterscheidung der Einzelkontakte.

Wie man sieht, gab es kaum einmal fünf Minuten, in denen niemand auf die Bettelagentin reagierte. Und wenn ihr tatsächlich einmal über einen gewissen Zeitraum nichts gespendet wurde, lag dies zumeist daran, dass sie gerade "im Gespräch" war. Dass die Reaktionen der Passanten sehr intensiv waren, belegt der zum Vergleich angeführte Zeitstrahl für das vierte Szenario ("Jesus lebt..."). Hier gab es in zwei Stunden gerade mal sieben Kontakte.

Die Passantenkontakte bestanden, wie schon erwähnt wurde, nicht ausschließlich in Spenden. Einige der Vorübergehenden beschränkten sich darauf, mit der Agentin zu sprechen - so schon nach etwa sieben Minuten, um 14.42 Uhr, ein etwa 35-jähriger Mann, der von den Beobachtern der "unteren Mittelschicht" zugeordnet wurde. Um 15.05 Uhr kam Laura dann mit einer ca. 67-jährigen Frau (wiederum der "unteren Mittelschicht") ins Gespräch; diese gab ebenfalls nichts - ebenso wenig wie ein älteres Paar (Ende sechzig, dem Erscheinungsbild nach eher Ober- als Mittelschicht), das sich um 15.40 Uhr nach Lauras Schicksal erkundigte. Acht Minuten später erschien dann noch eine Frau, die möglicherweise selbst auf der Straße lebte. Sie mochte Ende fünfzig sein, hatte eine Gitarre umgehängt und unterhielt sich lange mit der Bettelagentin.

Der weitaus größere Teil der interessierten Passanten spendete allerdings. Insgesamt konnten wir 27 Almosen verzeichnen. Die meisten davon kamen von Einzelpersonen, für einige legten aber auch kleinere Gruppen (von bis zu vier Personen) zusammen. Die Geldbeträge reichten vom Fünf-Euro-Schein bis zu einzelnen Cent-Stücken; zum Teil wurde aber auch in Naturalien gegeben: So erhielt die Bettelagentin zum Beispiel einen Hamburger-Gutschein (einzulösen in einem in der Nähe gelegenen Schnellrestaurant) und eine Einladung zum Besuch der Christengemeinde "Die Tür".

  Gespräch Offerte
Kaffeepause
Die Agentin im Gespräch.
Gegen 15.35 Uhr erschien ein Mann um die vierzig und übergab der Bettlerin außer dem schon erwähnten Geldschein seine Visitenkarte: Wenn sie einmal nach München kommen sollte, könne sie sich ja dort bei ihm melden; er betreibe da ein Fotostudio. Wenig später spendierte ein etwa 24-Jähriger Laura einen Becher Kaffee; er selbst hatte sich auch einen gekauft, und so stellte sich die Bettelagentin zu ihm und sie plauderten eine Viertelstunde miteinander. Auch Übernachtungsangebote erhielt die Bettlerin von mehreren Männern. Ob diese Offerten immer seriös waren, lässt sich nur schwer beurteilen. Der Kölner "Express" bzw. die Zeitschrift "Mini" werteten sie als "eindeutig zweideutig". Das mag für den einen oder anderen Fall gegolten haben; andererseits muss jedoch gesagt werden, dass es offenbar auch echte Hilfsbereitschaft gab - so beispielsweise die des Kaffee-Spenders, dem gegenüber sich Laura im Laufe der Plauderei als Agentin outete: Im Anschluss an das Gespräch suchte er dezidiert den Versuchsleiter auf, stellte sich selbst als Sozialarbeiter vor und gratulierte der Truppe ausdrücklich zu dem "interessanten, lebensnahen Experiment". Ein anderer Passant, der später vom RTL-Team interviewt wurde, äußerte, er habe früher selbst ein halbes Jahr auf der Straße gelebt und könne sich deshalb gut in die Situation der Bettlerin hineinfühlen.

Andere Passanten konnten sich noch aus einem weiteren Grund gut in Lauras Lage versetzen. Einige, die wir befragten, meinten, die Bettlerin sehe eigentlich gar nicht so schlecht gekleidet aus. Vielleicht sei sie nach einem Streit mit den Eltern einfach nur "von zu Hause abgehauen". Im Grunde genommen sahen die Befragten in der Agentin also keine "von ganz unten", sondern vielmehr eine "Bürgerliche", eine von ihnen, die lediglich abgerutscht war - und das erschreckte sie möglicherweise besonders und sprach sie an. Auffällig war in diesem Zusammenhang nämlich, dass die anderen - osteuropäischen - und augenscheinlich nicht "gut bürgerlichen" Bettler, die in der Hoffnung auf die gleiche Aufmerksamkeit neben Laura Platz genommen hatten, von den Passanten nahezu gar nicht bedacht wurden.

Zieht man ein Resümee, so kann man das fünfte Szenario als das erfolgreichste des gesamten Experiments bewerten: Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Spendern war recht ausgeglichen (44 zu 56 Prozent); die Alters-Bandbreite der Spender reichte von 15 bis 70 Jahren; die Legende "Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin" sprach also offenkundig eine breite Zielgruppe an und brachte dementsprechend viel Ertrag.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 14.42 weiblich 50 MMS Kleingeld  
2 14.48 weiblich 53 MMS Kleingeld  
3 14.48 weiblich 60 UMS Kleingeld  
4 14.49 weiblich 40 MMS Kleingeld  
5 14.54 männlich 43 OMS Kleingeld
liest das Schild und gibt dann
6 14.56 2x weiblich 19 MMS ?
zwei junge Frauen hocken sich zur Agentin und sprechen mit ihr
7 15.05 weiblich 40 MMS Kleingeld  
8 15.06 männlich 40 OMS ?  
9 15.08 männlich 47 MMS Kleingeld  
10 15.13 männlich 30 OMS Kleingeld  
11 15.18 4x weiblich 15 MMS Kleingeld  
12 15.25 männlich 47 OMS Kleingeld
spricht kurz mit der Agentin
13 15.29 weiblich 63 OMS Kleingeld  
14 15.30 weiblich 40 UMS Kleingeld  
15 15.35 männlich 40 MMS Schein
war vorher schon einmal da, gibt seine Karte
16 15.42 weiblich ? MMS Kleingeld  
17 15.42 männlich 45 MMS Kleingeld  
18 15.43 weiblich 25 OMS Kleingeld  
19 15.45 weiblich 50 OMS Kleingeld  
20 15.57 männlich 24 MMS Becher
Kaffee
trinkt gemeinsam mit der Agentin Kaffee, spricht sehr lange mit ihr; während dieser Zeit gibt niemand etwas
21 16.18 männlich 70 OMS ?
gibt der Agentin das Geld in die Hand
22 16.20 weiblich 19 OMS ?  
23 16.24 männlich 67 MMS Kleingeld  
24 16.29 weiblich 16 MMS Kleingeld  
25 16.30 männlich 23 MMS Kleingeld
Südländer
26 16.34 weiblich 47 MMS Kleingeld  
27 16.35 2x männlich 26 OMS ?
spricht mit der Agentin, wird später von RTL interviewt
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
6 4 13 17 11 13 15 6 1 - 43,19
Zusätzlich: 1 Hamburger-Gutschein, 1 Becher Kaffee, 1 Einladung (Christengemeinde Die Tür), 1 Visitenkarte


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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