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9. "Ich will ÜBERLEBEN" (Szenario 6)

Neben der des fünften Szenarios ("Habe nichts mehr...") wies die Legende des sechsten Szenarios die höchste Appellwirkung auf. Das kreatürliche "Ich will überleben" signalisierte eine Bedürftigkeit "auf Leben und Tod".

Anders als im fünften Szenario schuf das Pappplakat aber eine Distanz zwischen Betrachter und Bedürftigem. Es war außer in deutscher auch in spanischer Sprache verfasst ("¡Quiero sobrevivir!") und legte somit nahe, der Bettler sei auf Deutsch vielleicht gar nicht ansprechbar.

9.1 Rahmenbedingungen

Das sechste Szenario legten wir, wie das fünfte, auf der Domplatte an, allerdings nicht unmittelbar am Dom, sondern vor einem Mülleimer an genau der Stelle, an der die Hohe Straße ihre Besucherströme in Richtung Dom bzw. Weihnachtsmarkt am Roncalliplatz entließ.

  Christian
Bettelagent Christian auf der Domplatte.
In dieser "Einflugschneise" saß unser Bettelagent Christian in der Zeit von 14.30 bis 16.30 Uhr, also etwa zeitgleich mit seiner "Kollegin" Laura. Christian trug keine Jacke, sondern nur einen roten Pullover und Jeans, hielt seinen wuscheligen Kopf gesenkt und saß unbeweglich wahlweise im Schneidersitz oder in Embryonalhaltung vor dem Kübel.

Das Verkehrsaufkommen in der Fußgängerzone war beträchtlich. Auffällig war allerdings, dass die Passanten hier, im Gegensatz zu denen in den Einkaufsstraßen Hohe Straße und Schildergasse, ausgeglichener wirkten - vielleicht, weil sie beabsichtigten, sich nach dem Konsum in der Einkaufsmeile nun einen entspannten Tagesausklang auf dem Weihnachtsmarkt zu gönnen.

Ein paar Meter neben Christians Bettelort zeigte die Kölner Polizei mit zwei Einsatzfahrzeugen Präsenz. Hintergrund war die gerade angelaufene Aktion "Wintercheck", mit der der Kölner Polizeipräsident durch massiven Einsatz von Beamten gegen Taschendiebe, Trickbetrüger, Randalierer, Schwarzfahrer und Falschparker mobil machte - auf dass Köln binnen Jahresfrist zur "sichersten Großstadt Deutschlands, wenn nicht Europas" werde.

Da sich unser Agent jedoch strikt an die Kölner Straßenordnung hielt - kein aggressives Betteln, kein Lagern, kein Verstellen des Weges -, blieb er an seinem Platz völlig unbehelligt.

9.2 Ergebnisse

Obwohl die Szenarien 5 und 6 jeweils auf der Domplatte eingerichtet waren, unterschieden sie sich doch fundamental: Während Laura im fünften Szenario ständig angesprochen wurde, erfolgten die Spenden im Falle des Bettelagenten Christian eher anonym, im Vorübergehen. Nur zwei der insgesamt dreizehn Geldgeber - zwei Frauen - gaben ihm ein paar Worte mit auf den Weg.

Sicherlich hatte die fehlende Ansprache mit der teils auf Spanisch verfassten Bettellegende zu tun, vermutlich aber auch damit, dass die Massen an nachströmenden Fußgängern nicht gerade zum Verweilen vor dem Agenten einluden. Denn der Besucherandrang in diesem Bereich der Domplatte war beträchtlich, mitunter chaotisch. Immer wieder wurde unachtsam und ohne ein Wort der Entschuldigung auf das Schild des Bettelagenten getreten. Zwischendurch stieß eine Passantin versehentlich sogar den Spendenbecher um; sie half dann zwar teilweise beim Auflesen der Münzen, gab selbst jedoch nichts.

  Dämmerung
Der Agent nach Einbruch der Dämmerung.
Ein besonderes Erlebnis stand Christian wenig später bevor: Aus der Hohe Straße wurde ein wahrhaftiger Scheich im Rollstuhl in Richtung Domplatte geschoben. Wenn jemand einem Klischee entsprach, dann er: Ganz in Weiß gekleidet, mit hängender Kapuzenkopfbedeckung und Brille, war er in Begleitung mehrerer verhüllter Frauen, eines männlichen Begleiters und eines Kindes. Als er direkt - das heißt: etwa zwanzig Zentimeter - vor Christians Füßen anhielt, konnte sich der Bettelagent einige Hoffnungen machen. Doch weit gefehlt: Es war, als existiere der Bettler für die Besuchergruppe überhaupt nicht. Der Scheich ließ sich lediglich in aller Ruhe die Rückenkissen richten und die übergeschlagene Decke zurechtzupfen; dann setzte der Tross nach etwa anderthalb Minuten seinen Weg ohne jede Spende fort.

Auch bei anderen Passanten konnte Christian nicht punkten. Ein älterer Mann erklärte seiner Frau: "Der friert, der arme Kerl!", gab jedoch nichts. Eine Dame aus besseren Kreisen erregte sich über die "ständige Bettelei"; eine weitere Passantin beklagte sich im Angesicht des Agenten über die "vielen Ausländer". Und ein etwa 15- bis 16-jähriger Jugendlicher, der selbst etwas heruntergekommen wirkte, philosophierte gar: "Diese Scheiß Penner sollen sich, verdammt noch mal, Arbeit suchen."

Die Mehrzahl der Vorübergehenden zeigte sich, sofern sie den Bettler tatsächlich wahrnahmen, allerdings eher wohlwollend. Manche unterhielten sich sogar noch über ihn, als sie schon an den Beobachtern vorbeigingen. Entsprechend erfolgreich war der Bettelagent dann auch: Nach zwei Stunden konnte er immerhin 18,95 Euro an Einnahmen verzeichnen.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 14.48 weiblich 60 UMS 3,50
spricht kurz mit dem Agenten
2 14.55 männlich 45 MMS 0,50
in Begleitung einer Osteuropäerin
3 15.00 weiblich 65 MMS 0,70
spricht mit dem Agenten
4 15.04 weiblich 17 UMS ?  
5 15.12 weiblich 19 MMS ?  
6 15.33 männlich 43 MMS ?
grinst
7 15.36 männlich 19 MMS ?  
8 15.44 männlich 50 MMS ?  
9 15.46 weiblich 19 MMS ?  
10 15.46 männlich 19 MMS ?  
11 15.55 männlich 35 MMS ?
Türke
12 16.06 weiblich 15 MMS ?  
13 16.25 weiblich 20 UMS ?  
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
21 7 12 15 15 5 5 3 - - 18,95


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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