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10. "Junges Paar (bald mit Kind) bittet um Hilfe" (Szenario 7)

Die siebte Legende - "Junges Paar (bald mit Kind) bittet um Hilfe" - war vielleicht diejenige des gesamten "Bettelarm"-Projekts, die am ehesten saisonal gebunden war - nahm sie doch, zumindest unterschwellig, Bezug auf ein vorweihnachtliches Maria-und-Josef-Szenario: die Herbergssuche. Darüber hinaus war der Spruch auch deshalb ein Hingucker, weil er das Betteln in einer ungewöhnlichen Konstellation, nämlich als Paar oder, wenn man so will, sogar als "virtuelles Trio", thematisierte.

10.1 Rahmenbedingungen

Bettelort für das siebte Szenario war die Kölner Hohe Straße in Höhe des Wallrafplatzes. Hier suchten wir eine Fläche zwischen einem Laternenmast und einem frei stehenden Mülleimer aus. Sie wurde gewöhnlich von einem Holzengelchen schnitzenden Obdachlosen genutzt, der allerdings an unserem Versuchstag nicht da war. Der Bettelplatz lag sehr günstig kurz vor dem Ende der Hohe Straße und wurde von allen frequentiert, die den Dom, den davor auf dem Roncalliplatz befindlichen Weihnachtsmarkt oder den Hauptbahnhof aufsuchen wollten.

Unser Experiment fand von 13.25 bis 15.25 Uhr statt. Die beiden Bettelagenten Janina und Stefan setzten sich, ausgestattet mit Decke, Rucksacktasche und Aldi-Einkaufsbeutel, auf das Pflaster. Beide hüllten sich in Winterjacken, wobei Janina besonders dick eingemummelt war, was den Eindruck einer fortgeschrittenen Schwangerschaft erweckte. Verstärkt wurde dieser Eindruck dadurch, dass sie, anders als Stefan, nicht im Schneidersitz oder in Embryonalhaltung saß, sondern die Beine seitlich abwinkelte, so dass ihr Bauch "geschont" wurde. Außerdem stützte sie mit den Händen ihren Rücken ab.

Natürlich sah das Bettlerpaar nicht zu den Passanten auf, sondern verharrte mit "niedergeschlagenem" Blick. Die beiden Agenten saßen zudem zwar nebeneinander, berührten sich jedoch kaum - geschweige denn, dass sie einander angefasst oder sich gar umarmt hätten; auch sprachen sie nicht miteinander. Diese zur Schau gestellte Kommunikationslosigkeit, die dem Klischee vom jungen Glück so massiv widersprach, beeindruckte und entsetzte die Passanten unseren Beobachtungen zufolge nachhaltig.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Paars agierte die Bettelkonkurrenz: ein jüngerer Mann, der in Begleitung eines Ponys um Geldspenden für einen Kleinzirkus warb. Das rhythmische Schlagen seiner Spendenbüchse beherrschte den gesamten Wallrafplatz. Zwei seiner Kollegen waren mit einem Lama und einem weiteren Pony am Kaufhof und am Neumarkt unterwegs; sie hatten die Fußgängerzone also strategisch unter sich aufgeteilt.

10.2 Ergebnisse

  Legende
Die Bettel-Legende.
So ungewöhnlich das siebte Szenario war, so ungewöhnlich waren auch die Reaktionen der Passanten. Das "junge Paar" erreichte vor allem eins: Es polarisierte die Betrachter. Kaum einer, der vorüberging, zeigte sich von der Bettelsituation unberührt.

Besonders jüngere Passanten und hier vor allem junge Eltern mit kleinen Kindern hielten kurz inne und überlegten, ob sie spenden sollten. In drei Fällen gaben sie dann nicht selbst etwas, sondern ließen ihr Kind zum Spendentopf gehen. Nicht immer endete die Begegnung allerdings mit einer Spende. So kam zum Beispiel auch um 13.29 Uhr eine Familie mit einem kleinen Kind im Kinderwagen vorbei. Die Frau zögerte; nach einem Kopfschütteln des Mannes gingen sie dann aber weiter und diskutierten lediglich über das Gesehene.

Insgesamt erhielten die beiden Bettelagenten zwar nur elf Almosen; diese hatten es allerdings in sich: Zusammen ergaben sie einen Betrag von 42,76 Euro. Unter den Spenden waren zwar auch viele kleine Münzen, aber vor allem großes Geld: zwei Zehn-Euro-Scheine sowie ein Fünf-Euro-Schein - die mit Abstand größten Einzelbeträge, die in einem der Bettelszenarien "erwirtschaftet" wurden. Auch Schokoriegel und ein Becher Cola gehörten zu den Geschenken. Gerade diese Naturalspenden machten dem Paar in seiner Agentenrolle allerdings zu schaffen, da sie, so Janina, erkennbar "von Herzen" gekommen seien: "Der 'Schokoriegelspender' sagte noch zu mir: 'Und iss für's Baby mit!' Da hatte ich schon ein extrem schlechtes Gewissen."

Neben materiellen Gaben erhielten die beiden Bettelagenten in einem Fall auch ideellen Zuspruch. Um 14.41 Uhr ging ein etwa 35-jähriger, fremdländisch aussehender Mann auf das Paar zu, hockte sich vor die Agenten hin und unterhielt sich ausführlich mit ihnen. Er versuchte ihnen Mut zuzusprechen: Wenn man jung sei, müsse man etwas aus seinem Leben machen. - Auf unsere spätere Nachfrage hin erklärte er, er komme aus Afghanistan und habe es dort selbst nicht immer ganz leicht gehabt. Als er das Paar gesehen habe, sei ihm aufgefallen, dass niemand mit den beiden geredet habe. Deshalb habe er das dann gemacht. Nur auf der Straße zu sitzen sei allerdings keine Lösung: "Betteln ist ganz schlecht."

Ein besonderes Interesse an den Bettelnden bekundete eine junge Ostasiatin, vermutlich eine Japanerin. Gegen 13.49 Uhr filmte sie die beiden ganz ungeniert mit ihrer Videokamera. Auf unsere Erkundigungen hin, aus welchem Grund sie das "junge Paar" aufnehme, gab sie vor, unsere Frage nicht zu verstehen.

Auffällig war, dass vor allem ältere Passanten dem Geschehen sehr kritisch gegenüberstanden. So betrachtete um 13.25 Uhr ein älterer Rollstuhlfahrer das Paar, schüttelte den Kopf und fuhr dann ohne zu spenden weiter. Eine gute Stunde später, um 14.28 Uhr, blieb ein weiterer Rollstuhlfahrer vor dem Paar stehen, setzte seine Fahrt dann aber ebenfalls ohne eine Gabe fort. Mehrere Rentner warfen auf unsere Fragen hin ein, das "könne es doch wohl nicht sein". Es müsse doch wohl andere Möglichkeiten geben, als sich mit einem Schild in die Fußgängerzone zu setzen. Eine ältere Frau bekundete ihr Unverständnis sehr deutlich: Eine Spende lehnte sie mit der Feststellung ab, dann würde sie lieber dem Mann mit dem Pony nebenan etwas geben als diesem Bettlerpaar.

Besonders hartgesotten war ein Mann Mitte vierzig, der den beiden Bettlern dringend den Gang zur Jobvermittlung empfahl: "Auch wenn ich in Umständen bin, kann ich arbeiten gehen." Ein wenig später machte er seinem Unbehagen dann endgültig Luft: "Ich weiß gar nicht - dass die Ordnungshüter das überhaupt dulden! Die müssen doch irgendwie einen Ausweis haben, dass sie überhaupt dazu befähigt sind, da zu betteln!"

Festzuhalten ist allerdings, dass die Kritik an dem "jungen Paar" ausnahmslos verhalten und meist auch nur auf unsere Nachfrage hin geäußert wurde. Offene Anfeindungen gab es nicht. Möglicherweise war hierfür das Entsetzen über die Bettelnden dann doch zu groß.

Fasst man die Reaktionen auf die Bettelagenten Janina und Stefan zusammen, dann kann man feststellen, dass sie mit ihrer Legende vor allem die jüngere Generation ansprachen: Von den elf Spendern war nur einer um die fünfzig; die übrigen schätzten wir durchweg auf unter vierzig. Auch hatte die Bettelsituation offenbar einen besonderen Emotionalitätsfaktor: Zwar hielt sich die Zahl der Passantenkontakte in Grenzen; dafür fielen dann aber die (wenigen) Einzelspenden überdurchschnittlich hoch aus.

Spendenfrequenzen
Lfd. Nr. Uhrzeit Geschlecht Alter Status Spenden-
betrag
Bemerkungen
1 13.33 weiblich 30 MMS 1,50
geht schnell weiter
2 13.45 männlich 30 MMS Kleingeld
Ausländer, geht schnell weiter
3 13.55 männlich 30 MMS ?  
4 14.23 männlich 20 UMS ?
mit Freundin, die ihn wegzieht
5 14.26 weiblich 38 UMS ?
geht schnell weiter
6 14.36 weiblich 9 OMS ?
lächelt schüchtern
7 14.40 weiblich 30 MMS ?
mit Freundin
8 14.55 weiblich 18 MMS ?
mit bunten Haaren
9 14.56 männlich 50 UMS ?  
10 15.09 männlich 4 UMS ?
mit Mutter
11 15.09 weiblich 7 UMS ?  
Alter und Status wurden geschätzt. Status-Kategorien: OS (Oberschicht), OMS (Obere Mittelschicht), MMS (Mittlere Mittelschicht), UMS (Untere Mittelschicht), US (Unterschicht).
Häufigkeitsverteilung von Münzen und Scheinen
1 Cent 2 Cent 5 Cent 10 Cent 20 Cent 50 Cent 1 Euro 2 Euro 5 Euro 10 Euro Summe
9 6 5 12 13 9 5 2 1 2 42,76
Zusätzlich: 1 Becher Cola, 2 Schokoriegel


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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