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11. Interviews mit Bettlern

Neben den sieben Bettelexperimenten führten wir in der Kölner Fußgängerzone zeitgleich auch Interviews mit "echten" Bettlern durch. Auf diese Weise versuchten wir, die Befindlichkeit der dauerhaft in der City lebenden Almosenempfänger zu ermitteln; zugleich bildeten die tatsächlich Bedürftigen eine Art "Kontrollgruppe", an deren Äußerungen wir die von uns inszenierten Bettelsituationen messen konnten.

11.1 Konzeption

Wie wir bereits im ersten Teil unserer Ausführungen festgestellt haben, sind die Übergänge zwischen verschiedenen Formen des Spendenempfangs in Fußgängerzonen häufig fließend. Wir verzichteten daher darauf, bei den zu befragenden Almosenempfängern exakt zwischen Bettlern, Verkäufern von Obdachlosenzeitungen, Zirkus-Spendensammlern, Straßenmusikern und sonstigen Artisten zu unterscheiden, sondern bezogen sie zunächst einmal alle in unsere Untersuchungen ein.

Um möglichst viele Personen zu erreichen, trafen wir folgende Vorkehrungen:
  Zeitungsverkäufer
Obdachlosenzeitungs-Verkäufer.

Auch für die Befragungen selbst erhielten die Interviewerinnen feste Vorgaben, so etwa die - an sich selbstverständliche - Anweisung, behutsam und taktvoll vorzugehen, die Befragten also zum Beispiel grundsätzlich zu siezen und sie nicht gleich mit intimen Fragen zu überfallen. Die Ablehnung eines Interviews sollten sie im Übrigen ohne Wenn und Aber respektieren.

Die Interviews waren als offene Befragungen (also als Befragungen ohne standardisierte Antwortvorgaben) konzipiert. Inhaltlich richteten wir die Fragen an folgenden Aspekten aus:

Darüber hinaus waren die Fragestellerinnen natürlich auch für andere mögliche Aspekte eines Gesprächs offen, etwa für Fragen der Resozialisierung, der Rivalität zwischen einheimischen und auswärtigen Bettlern, der Problematik des Hundebesitzes usw.

Zum Registrieren der Befragungsergebnisse verwendeten die Interviewerinnen Befragungsbögen, auf denen sie jeweils unmittelbar nach Abschluss eines Interviews wichtige Informationen und Eindrücke notierten. Zusätzlich benutzten sie, sofern die Befragten dies zuließen, digitale Diktaphone, um die Interviews wörtlich aufzuzeichnen. Die Verwendung von Videokameras und/oder Fotoapparaten war hingegen nicht vorgesehen.

Aus unseren Beobachtungen wussten wir, dass zumindest einige ausländische Almosenempfänger von "Betreuern" begleitet wurden, die sie während der Bettelaktionen nicht aus den Augen ließen. Um für eventuelle Konfrontationen mit diesen "Betreuern" - und auch für Konflikte anderer Art - gerüstet zu sein, agierte die Interviewergruppe grundsätzlich zu viert: In der Regel traten zwei Mitarbeiterinnen als Fragestellerinnen auf, eine dritte hielt sich "in Reserve"; und begleitet wurden die drei von einem (männlichen) "Leibwächter", der allerdings außer in Notfällen diskret im Hintergrund zu bleiben hatte. - Erfreulicherweise trat während unserer Befragungen kein einziger Notfall ein.

11.2 Ergebnisse

Die Ergebnisse unserer Recherchen waren, wie sich denken lässt, vielschichtig. Am schwierigsten war es, an die Gruppe der Straßenmusiker "heranzukommen". Die von uns Angesprochenen beherrschten allesamt kein Deutsch; eine Verständigung war in einigen Fällen allenfalls auf Englisch möglich.

Bemerkenswert war, dass sich die Musiker, obwohl sie mit ihrem Auftritt ja um ein Almosen baten, offensichtlich nicht als Bettler sahen. Mehrere reagierten sogar ausgesprochen ungehalten, als das Interviewerteam sie mit der Annahme konfrontierte, sie seien "bedürftig". Ein englischsprachiger älterer Musiker mit grauem Bart, zerfurchtem Gesicht und wettergegerbter Haut, den man, hätte er nicht seine Instrumente bei sich gehabt, genauso gut für einen Obdachlosen hätte halten können, formulierte uns gegenüber seine Position kurz und bündig: "Poor people? That's not me. Please find somebody else!"

Auch die Spendensammler, die mit Zirkustieren unterwegs waren, zeigten sich wenig gesprächig. Ein Achtzehnjähriger, der ein Lama an der Leine führte, blieb zunächst sehr zurückhaltend. Erst nach einigen Minuten gab er etwas mehr von sich preis: Er sei bereits von Geburt an beim Zirkus, einem kleinen Familienunternehmen, das in der Nähe von Gummersbach (knapp 60 Kilometer entfernt) Winterquartier bezogen habe. Insgesamt seien dort etwa fünfzig Tiere zu verpflegen. - Unsere Frage, wie viel er denn pro Tag einnehme, beantwortete er nur vage: So genau könne er das nicht sagen, da er in die Sammelbüchse gar nicht richtig hineingucke. Die kriege am Abend dann immer gleich der Bauer, bei dem sie Quartier hätten, und der gebe ihnen dafür Heu, Hafer und Sägespäne.

Neben den Musikern und Zirkus-Spendensammlern waren in Köln zum Befragungszeitpunkt auffällig viele ausländische - vermutlich osteuropäische - Bettler aktiv. Mit zum Teil recht schrillem Auftreten versuchten sie, zeitweise sehr erfolgreich, das Mitleid der Passanten zu erregen. So robbte beispielsweise ein verstümmelter Bettler, der sich mühsam zu den Passanten hochreckte und ihnen ein "Helft! Helft!" entgegenrief, die Schildergasse entlang. Ein anderer Osteuropäer durchquerte, geschüttelt von spastischen Zuckungen, die Breite Straße. Ebenfalls im Innenstadtbereich ließ sich hin und wieder eine alte, in altmodisches Schwarz gekleidete, kopftuchbewehrte Frau vor den Vorübergehenden zu Boden sinken und streckte ihnen stammelnd die geöffnete Hand entgegen. - Leider gelang es uns nicht, diese und andere ausländische Bettler zu befragen. Sie gaben vor, keine der von uns angebotenen Sprachen zu verstehen.

Deutlich erfolgreicher waren wir hingegen bei den deutschen, ortsansässigen Bettlern. Hier konnten wir tatsächlich acht Personen zu einem Interview bewegen (ihre Namen, über die wir sie in den folgenden Ausführungen unterscheiden, haben wir natürlich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert): Hubert (71 Jahre), Bernd (51), Mike (38, mit Hund), Maximilian (55), Steffen (31), Gerald (der uns sein Alter nicht sagte), Marko (35) und - als einzige Bettlerin - Dora (24, mit drei Hunden).

Dauer der Obdachlosigkeit

Auf die Frage, wie lange sie schon auf der Straße lebten, fielen die Antworten der Befragten weit gefächert aus. Hubert (71) gab an, er sei in Köln geboren und nun schon seit 11 Jahren obdachlos; Marko konstatierte gar, er lebe bereits seit 16 Jahren, also praktisch seit seiner Volljährigkeit, unter freiem Himmel. Kürzer lagen die Zeiten bei Mike (6 Jahre), Dora (über 3 Jahre), Steffen (3 Jahre), Gerald (etwa anderthalb Jahre) sowie Maximilian, der erst seit einem Jahr "auf Trebe" war.

Ein Sonderfall war Bernd. Er erzählte, dass er inzwischen zwar über eine Wohnung verfüge, zuvor aber zwischen 1969 und 1990 die meiste Zeit, abgesehen von vier Jahren Knast, auf der Straße verbracht habe. Sein Leben wies mehrere schillernde Stationen auf: Drogenkarriere, Hilfsarbeiten im Zirkus und auf der Kirmes, Bandenkriminalität und Gefängnis, danach Entzug. Mittlerweile engagiere er sich aufgrund eines "einschneidenden Erlebnisses" in der Obdachlosenhilfe. Auf der Straße stehe er nur noch, um die Obdachlosenzeitung zu verkaufen.

Gründe für das Leben auf der Straße

  Bettler am Kölner Dom
Bettler am Kölner Dom.
Befragt nach den Gründen für ihr Leben "im Freien", antworteten mehrere der Bettler ausweichend. Hubert erklärte knapp, er sei auf der Straße, weil er "keine Wohnung mehr" habe. Mike machte überhaupt keine Angaben. Gerald berichtete, er sei in Haft gewesen und habe dadurch sowohl Wohnung als auch Arbeitsplatz verloren. Ähnlich äußerte sich Marko: Erst sei der Job weg gewesen, dann sei auch noch seine Beziehung kaputt gegangen; das habe ihn aus der Bahn geworfen.

Verbittert zeigte sich Maximilian: Vor einem Jahr habe er seine Wohnung aufgeben müssen, und seitdem stritten sich die Ämter über die Zuständigkeit für ihn. Eigentlich wolle er gar nicht auf der Straße leben. Seine vage Hoffnung: "Ich kriege das alles nachgezahlt!"

Dora, Besitzerin dreier Hunde, darunter eines Pitbulls, hatte mit den "Ämtern" hingegen wenig im Sinn. Sie merkte an, sie habe nach dem Tod der Mutter die gemeinsame Wohnung aufgeben müssen und finde mit ihren Tieren nun in Heimen keine Aufnahme. Darum und um Sozialhilfe habe sie sich aber, ehrlich gesagt, auch nicht sehr gekümmert. Im Übrigen wolle sie sich "davon auch nicht abhängig machen".

Einen ganzen Roman erzählte uns Steffen: Erst habe er seine Mutter verloren; sie sei vergewaltigt und dann erstickt worden. Sein Bruder habe Selbstmord begangen; er selbst sei kriminell geworden und ins Gefängnis gewandert. Zwei Tage vor seiner Entlassung sei dann auch noch seine Frau gestorben, und so sei er zum Alkoholiker geworden.

Eine erheblich kürzere Erklärung für sein (ehemaliges) Straßenleben, teils in Deutschland, teils aber auch in den Niederlanden und in Skandinavien, hatte Bernd parat: Er habe sich ganz einfach in der Welt umsehen wollen.

Übernachtungsorte

Auf die Frage, wo sie übernachteten, antworteten die Interviewten einhellig: Bis auf den inzwischen nicht mehr obdachlosen Bernd gaben alle Befragten an, "draußen" zu schlafen. In eins der einschlägigen Heime wollte keiner. Dora und Mike wären mit ihren Hunden ohnehin nicht hineingekommen; Maximilian gab an, in den Notunterkünften sei es "zu voll"; Gerald konstatierte, die Hilfsstätten seien tagsüber zwar "ganz okay", nachts hingegen "doof"; und Steffen erklärte etwas vage, er komme "mit den Leuten in den Hilfsinstitutionen nicht zurecht". Deutlicher wurde Hubert: In den Heimen gebe es zu viele Alkoholiker; auch werde dort zu viel gestohlen: "Die Nachbarn, die da mit schlafen, die sind nicht so ehrlich. Die klauen Ihnen die Schuhe, und dann stehen Sie da in Socken auf der Straße."

Dora und Marko übernachteten deshalb eigenen Angaben zufolge lieber in Tiefgaragen. Nur wenn er gerade genug Geld habe, so Marko, gehe er auch schon mal in eine Herberge. Hundebesitzer Mike verfügte über ein kleines Zelt.

Ein ganzes Spektrum an Übernachtungsmöglichkeiten bot der inzwischen sesshafte Bernd auf: Die Heime seien in der Tat nur für harte Problemfälle, die gar nichts mehr könnten, weder Zeitungen verkaufen noch leere Flaschen sammeln. Ansonsten könne man sich aber auch im Park ein gemütliches Plätzchen einrichten und im Winter vor warmen Lüftungsschächten schlafen. Mit viel Glück werde man ab und zu auch mal von einem Bekannten zum Übernachten eingeladen.

Einkünfte

Hinsichtlich ihrer Einkünfte zeigten sich einige der Befragten ungewöhnlich auskunftsfreudig. Fünf der acht Almosenempfänger gaben dezidiert an, dass sie von der "Sozialhilfe" lebten und sich mit dem Betteln lediglich etwas dazuverdienten. Allein Dora vermerkte, sie lebe ausschließlich vom "Schnorren"; mit Sozialhilfe habe sie nichts am Hut. Mike beklagte sich, dass ihm die Sozialhilfe um 25 Prozent gekürzt worden sei, da er - wegen seines Hundes - nicht ins Heim gehe.

Als Motiv für den Hinzuverdienst durch das Betteln erklärte Marko, er habe eine Tochter und wolle, dass es ihr gut gehe. Vermutlich finanzierte er also durch das "Sitzen" einen Teil seiner Unterhaltsverpflichtungen. Bernd gab an, von Sozialhilfe allein könne man nicht leben. Indem er die Obdachlosenzeitungen verkaufe, sei er in der Lage, sich auch schon mal etwas zu leisten: "Wenn ich nur von dem Sozialgedöns leben würde, dann könnte ich mir nicht ab und zu mal ein Schnitzel in die Pfanne hauen."

Seinen Nettoverdienst - den Erlös aus dem Zeitungsverkauf abzüglich seiner Unkosten beim Ankauf der Blätter - bezifferte Bernd auf monatlich etwa 150 bis 200 Euro. Bei sechs Stunden "Stehen" am Tag habe er am Abend etwa 10 Euro netto zusammen.

Marko resümierte, er mache etwa 30 Euro Umsatz am Tag; Dora erklärte, sie schnorre nur so viel zusammen, wie sie für sich und ihre Hunde täglich brauche: etwa 20 Euro.

Kontakt zu anderen Bedürftigen

Die Beziehungen der Bettler untereinander schienen ambivalent zu sein. Lediglich die Hundebesitzer Mike und Dora erzählten, sie hätten "gute Kontakte" zu anderen Bettlern. Hingegen merkten die meisten anderen an, sie lebten ganz für sich allein. Gerald berichtete, er habe ausschließlich Kontakt zu einer speziellen Bettlergruppe.

Zeitungsverkäufer Bernd, der ehemals Obdachlose, konstatierte, die Kontakte zur Drogenszene habe er radikal abgebrochen. Wohl aber stehe er in Verbindung mit weiteren Betroffenen; so teile er sich seinen Stehplatz in der Fußgängerzone mit zwei anderen. Auch zu den für ihn zuständigen Sozialarbeitern und Ärzten pflege er gute Kontakte.

Nicht gut zu sprechen war er auf die ausländische Bettelkonkurrenz. Zwar gönne er prinzipiell jedem sein Einkommen, auch den Osteuropäern, die in Köln nur mal einen schnellen Euro machen wollten, doch gebe es andererseits in Deutschland Elend genug. Die Konsequenz: "Wenn sich von denen mal jemand daneben benimmt, dann kriegt der auch schon mal den Ausweis abgenommen." - Offen ließ Bernd, von wem.

Kontakt zu den Passanten

  Arm vs. Reich
Arm vs. Reich.
Welche Beziehung die befragten Bettler zu den Passanten aufbauten, hing unseren Recherchen zufolge sehr stark von den jeweiligen Charakteren ab. Bernd beispielsweise erklärte, er habe seine Stammkunden, die ihm regelmäßig seine Zeitungen abkauften. Hubert klagte auf der anderen Seite, es werde "wenig, wenig, wenig" gespendet.

Zu den Spendern äußerten sich die Almosenempfänger im Übrigen eher vage: Der Anteil von Männern und Frauen, Älteren und Jüngeren unter den Geldgebern gleiche sich aus, erzählte etwa Maximilian. Marko hingegen stellte für sich fest, dass ihm Ältere mehr gäben. Dora wiederum gab zu Protokoll, dass "eher die Jüngeren" spendeten.

Die Passanten seien "teils freundlich, teils unfreundlich", äußerte sich Marko etwas kryptisch. Präziser war dagegen Gerald: Die Vorübergehenden seien "zu 50 Prozent freundlich, zu 30 Prozent teilnahmslos und zu 20 Prozent negativ".

Vor Weihnachten, so ließ sich Bettler Hubert vernehmen, seien die Menschen am spendabelsten: "Da haben die Leute ein Herz."

Zu anderen Zeiten aber offenbar nicht: Gefährlich seien besonders die "Hobbytrinker" am Wochenende, warnte Dora. Die würden dann mitunter auch schon mal handgreiflich. Bestätigen konnte uns diese Einschätzung ein als Clown verkleideter junger Mann, der in der Fußgängerzone Luftballons gegen eine kleine "Spende" verschenkte und Einblick in die Szene hatte. Besonders nach verlorenen Fußballspielen zögen gelegentlich randalierende Fans durch die abendliche Innenstadt, um zur Kompensation ihres Frusts "Bettler zu klatschen".


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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