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Fragen an die Interviewerinnen Kerstin und Nikol

Kerstin und Nikol, Sie haben an dem Projekt "Bettelarm" als Interviewerinnen teilgenommen. Sie haben wirkliche Kölner Bettler befragt. Weshalb?

  Kerstin
Interviewerin Kerstin.
Kerstin: Ich hatte einiges über das erste Experiment, das im Sommer durchgeführt wurde, gelesen und gehört. Ich wollte mir selber mal ein Bild davon machen, und ich war gespannt, was dabei so herauskommt.

Nikol: Und mich hat interessiert, ob die Bettler bzw. Obdachlosen überhaupt bereit sind, mit einem zu reden. Außerdem hat es mich interessiert, was für Menschen dazu gezwungen sind zu betteln - und wie sie sich dabei fühlen.

Ist es Ihnen schwer gefallen, die tatsächlichen Bettler anzusprechen?

Nikol: Erst ja, später ging es dann.

Kerstin: Auch bei mir waren am Anfang - bei dem ersten und zweiten Bettler - natürlich Berührungsängste vorhanden. Ich hatte schließlich noch nie mit einem Obdachlosen gesprochen, und man kann außerdem nie wissen, wie diese Leute reagieren. Von Bettler zu Bettler fiel mir das Ansprechen dann aber leichter.

Wie waren die Reaktionen der Angesprochenen?

Nikol: Die Bettler waren sehr unterschiedlich, genau wie ihre Reaktionen. Es gab welche, die einfach drauflos geredet haben, und Nachfragen unsererseits waren gar nicht nötig, andere haben nur kurz und knapp auf unsere Fragen geantwortet. Auffällig war, dass die Straßenmusiker, die wir getroffen haben, gar nichts gesagt haben, da sie sich nicht als "arm" oder als Bettler sahen. Auch ein junger Bettler, so ungefähr 19 bis 20 Jahre alt, wollte gar nichts sagen. Ihm schien das unangenehm zu sein.

Kerstin: Ich würde die Angesprochenen in drei Gruppen einteilen.
   Die erste Gruppe würde ich die "Zögernden" nennen. Die Leute waren zunächst distanziert und wollten den Grund für das Interview wissen. Nachdem wir sie aufgeklärt hatten, beantworteten sie bereitwillig alle Fragen.
   Die zweite Gruppe waren die "Willigen". Diese Leute waren zwar überrascht, angesprochen zu werden, zeigten jedoch große Bereitschaft, unsere Fragen detailliert zu beantworten. Manche plauderten in der Tat einfach drauflos und schilderten uns ihre ganze Lebensgeschichte. Einer von ihnen entschuldigte sich ständig für sein Aussehen (er hatte keine Zähne mehr) und bedankte sich ein paar Mal dafür, dass wir uns überhaupt mit ihm unterhalten haben. Zitat: "Sowas habe ich schon lange nicht mehr gemacht." Er meinte damit, dass sich schon lange niemand mehr für ihn interessiert hat.
   Die dritte Gruppe bildeten die "Unwilligen". Es gab einige Leute, die unsere Interviewversuche völlig abblockten. Dazu gehörten, wie Nikol schon gesagt hat, vor allem die Musiker, die übrigens alle nicht Deutsch sprachen, sondern bestenfalls Englisch. Sie meinten von sich selber, sie seien nicht arm, und man könnte sogar sagen, dass sie empört darüber waren, dass wir sie für Bettler hielten.

Was hat Sie im Verlauf Ihrer Gespräche am meisten beeindruckt?

Nikol: Die Tatsache, dass vielen ihr Hund wichtiger war als ein warmer Schlafplatz und dass viele sich mit ihrer Situation abgefunden haben.

Kerstin: Mich persönlich haben die Schicksalsschläge der Bettler am meisten beeindruckt. Besonders bewegend fand ich auch die Geschichte eines Bettlers, der uns erzählt hat, was er in seiner Zeit als Obdachloser schon alles erlebt hat und wo er schon überall gewesen ist.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus den Gesprächen gezogen?

Nikol: Dass viele Bettler eigentlich zufrieden sind - und dass sie andere Wertvorstellungen haben als die Menschen, die nicht auf der Straße leben.

Kerstin: Wenn man hört, was die Bettler alles mitmachen, bekommt man echt Mitleid.

Parallel zu Ihren Interviews wurde ja das eigentliche Experiment "Bettelarm" durchgeführt. Nach Ihren Erfahrungen mit den echten Bettlern: Würden Sie als "falsche" Bettlerinnen an einem solchen Experiment teilnehmen? Oder hätten Sie da Skrupel?

Kerstin: Ich selber könnte mir nicht vorstellen, als "falsche" Bettlerin zu betteln, weil ich es einfach extrem erniedrigend finde, wie man von den Leuten von oben herab angeschaut wird.

Nikol: Wenn das Geld, wie im vorliegenden Fall, gespendet wird, würde ich es machen. Dürfte ich das Geld allerdings behalten, hätte ich ein zu schlechtes Gewissen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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