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Medienberichte

Westfalenpost (30.11.2004)

Für Handyschulden gibt´s nur Dresche

Für "Junges Paar mit Kind" viel Geld / Ursulinen gingen betteln

Attendorn / Köln. (wp) Wie fühlt man sich als Bettler in Zeiten von "Hartz IV", restriktiver Gesundheitsreform und schiefer Wirtschaftslage? Halten die Passanten ihr Geld inzwischen unter Verschluss? Oder öffnet das bevorstehende Weihnachtsfest die Herzen und die Portemonnaies?

30 Oberstufenschülerinnen und -schüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums wollten es wissen. Bereits im Sommer hatten sich einige von ihnen im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Projekts als "Bettler" in die Fußgängerzonen von Attendorn und Gummersbach gesetzt. Nun wurden die Studien, pünktlich zum ersten Advent, am Samstag in der Kölner Innenstadt fortgeführt.

Die jungen Erwachsenen gliederten sich zu diesem Zweck in mehrere Teams. Team 1 bis 6 bestanden jeweils aus einem (männlichen oder weiblichen) Bettler, zwei Beobachterinnen und zwei Leibwächtern. Team 7 war um ein "Bettlerpaar" gruppiert. Und Team 8 zog durch die Fußgängerzone und versuchte, "echte" Bettler nach ihren Lebensverhältnissen zu befragen. Alle Teams waren mit Beobachtungsbögen, Fotoapparaten und Diktaphonen ausgestattet.

Die "Bettler" (allesamt aus den Jahrgangsstufen 12 und 13) wurden mit unterschiedlichen Pappschild-"Legenden" jeweils für etwa zwei Stunden platziert, in der Regel aber nicht mehr als zwei oder drei Personen gleichzeitig. Eine Besonderheit: Die meisten Bettelagenten waren zeitweilig mit einer versteckten Kamera verkabelt; denn ein RTL-Fernsehteam war die ganze Zeit dabei und drehte für die Regionalausgabe von "Guten Abend RTL".

Eine erste Auswertung zeigt, dass die Spendenbereitschaft je nach "Legende" zum Teil beträchtlich differierte. Die meisten Spenden erhielten Janina und Stefan, die in einem modernen Maria-und-Josef-Szenario ("Junges Paar - bald mit Kind - bittet um Hilfe") auf der Hohe Straße saßen. Der Lohn ihrer Bemühungen: 43 Euro in gut zwei Stunden.

Jan, der auf der Schildergasse um eine "Chance für ein neues Leben" bat, erhielt immerhin mehr als 17 Euro. Hier kam die erste Spende bereits zwei Minuten, nachdem er Platz genommen hatte. Ein Passant gab ihm sogar einen 5-Euro-Schein in die Hand.

Jasmin hingegen ging mit 92 Cent nahezu leer aus. Ihr Schild "Habe Handyschulden. Bitte helft!" erregte allgemein Unmut. Eine Passantin: "Der möchte ich am liebsten links und rechts eine runterhauen. Und ihren Eltern gleich mit! Die sind doch da mit schuld dran!"

Wenig erfolgreich war auch Nina (3,50 Euro). Sie hatte eine Kerze neben sich entzündet und signalisierte: "Jesus lebt! - Ich bete für Dich". Einigen Vorübergehenden erschien das wohl zu dick aufgetragen. Reaktion eines Mannes: "Demnächst setze ich mich auch hierhin. Mit einem Schild: 'Elvis lebt!'"

Die "Bettler" wurden übrigens in der Regel nicht angesprochen. Gespendet wurde "stumm". Eine Ausnahme bildete lediglich Laura ("Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin."), die am Bauzaun vor einem der Türme des Doms Platz genommen hatte. Hier gab es einige "Kontakte" zu jüngeren Passanten, insbesondere jungen Männern.

Auch das Interviewteam, das die "echten" Bettler befragte, brachte interessante Ergebnisse. Ihrer Erfahrung nach sind die Menschen vor Weihnachten spendierfreudiger.

Westfalenpost, Nr.280 (30.11.2004), S.1 und S.POEK1.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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