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Medienberichte

Express (30.11.2004)

Bettler für einen Tag

Gymnasium schickte Abiturienten auf die Straße
Lehrer: "Das ist doch effektiver als ein halbes Jahr Unterricht über Armut"

Köln – Mitten im Weihnachtstrubel auf der Schildergasse sitzt ein junges Mädchen mit verschränkten Armen auf dem Boden. Vor sich ein Schild: "Habe Handyschulden. Helft mir!" Doch das Mädchen will kein Geld, sondern macht gerade ihr Abitur. Und das hier ist Unterricht: Jasmin ist Bettlerin für einen Tag.

  Laura
Laura saß links neben dem Dom und bekam eindeutige Angebote. Ihre Ausbeute: 43 Euro. Foto: Jens Koch
"Das ist doch effektiver als ein halbes Jahr Unterricht über Armut mit Statistiken", sagt ihr Lehrer, Oberstudienrat Frank Kugelmeier vom St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn. "Die meisten Schüler sehen die Welt nach diesem Versuch mit anderen Augen. Für einen Schüler war das sogar die schlimmste Erfahrung seines Lebens."

Jasmin ist eine von acht Schülerinnen, die freiwillig in Kölns Einkaufsstraßen betteln. Beobachtet wird sie dabei von einem dreiköpfigen Team aus ihrer Jahrgangsstufe, die ihre Erlebnisse skizzieren.

Jasmin hat keine guten Erfahrungen gemacht: "Dir sollte man links und rechts eine runterhauen. Und deinen Eltern gleich mit", sagte eine Frau zu ihr. Zwei Stunden saß Jasmin auf dem Boden. Ihre magere Ausbeute: 92 Cent.

Ivonne (18) hat sich zwei Flügel aus Pappe um die Schultern gehängt. Vor ihr steht ein Schild: "Gefallener Engel bittet um eine Spende", steht darauf.

"Es ist mir sehr schwer gefallen zu betteln", sagt sie. Ihre Ausbeute: 13 Euro.

Links vor dem Domportal sitzt Laura (18). Auf ihrem Schild steht: "Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin". "Mir wurden ziemlich eindeutige Angebote gemacht", berichtet sie. Ihre Ausbeute nach zwei Stunden: 43 Euro.

"Nachdem die anderen Bettler merkten, dass Laura so erfolgreich ist, haben sich vier Profis neben sie gesetzt", sagt ihr Lehrer.

Trotz der großen Polizeiaktion "Wintercheck", die an diesem Wochenende anlief, wurde keiner der Schüler von der Polizei kontrolliert oder des Platzes verwiesen.

Lehrer Kugelmeier: "Menschen aus mittleren bis unteren Einkommensschichten geben am meisten." 150 Euro haben die Schüler erbettelt – und der Kölner Tafel gespendet.

Express, Nr. 280 (30.11.2004), S.1 und S.26.


©  Louis-Ferdinand Jägersberg, Express (Köln) und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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