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Medienberichte

Kölnische Rundschau (30.11.2004)

"Man fühlt sich wie der letzte Dreck"

Schüler untersuchten die Reaktionen von Passanten auf Bettler

Wer am Samstag in der überfüllten City oder auf dem Weihnachtsmarkt am Dom unterwegs war, dem dürften, wie so oft, zahlreiche Bettler aufgefallen sein. Darunter waren auch mehrere Jugendliche mit Pappschildern, auf denen stand: "Junges Paar (bald mit Kind) bittet um Hilfe" oder "Habe Handyschulden. Bitte helfen Sie mir!"

Janina, Stefan, Jasmin und Laura sind zum Glück nicht wirklich in Not. Sie sind Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums aus Attendorn im Sauerland. Statt wie die meisten ihrer Altersgenossen durch die Läden zu bummeln, waren sie unterwegs für das sozialwissenschaftliche Unterrichtsprojekt "Bettelarm".

Die Schüler aus den Klassen 11 bis 13 untersuchten die Reaktionen der Kölner auf ihre scheinbare Armut. Dafür setzten sie sich stundenlang in die Kälte und gaben ihr Geheimnis auch bei längeren Gesprächen nicht preis. Doch zu solchen Gesprächen kam es nur selten. Die meisten Passanten nahmen die Schüler allenfalls wahr, schauten mal ungläubig, mal verärgert. Einige gaben auch eine Münze. „Ich glaube, dass die meisten sich freikaufen wollen, aber bloß keine Verantwortung übernehmen“, sagte Nils Osowski, der über das Projekt eine Facharbeit anfertigt. Er wertete aus, welche Bevölkerungsgruppen wie auf Laura reagierten. Die 18-Jährige saß am Domportal und starrte traurig vor sich hin, vor sich ein Pappschild mit der Aufschrift: "Ich weiß nicht wohin - habe gar nichts mehr."

Hilfe von Frauen und sozial Schwächeren

"Wir haben beobachtet, dass Frauen und Menschen aus sozial schwächeren Schichten eher bereit sind zu helfen. Ich finde es erschreckend, wie wenige Jugendliche stehen bleiben", berichtete Nils. Das Projekt steht unter der Leitung von Lehrer Frank Kugelmeier, der seine Schüler intensiv auf diesen besonderen Samstag vorbereitet hat: "Wir haben das Verhalten von Bettlern studiert." Tatsächlich sahen die Schüler bedauernswert echt aus: zusammengekauert in "Embryonalstellung", den Blick ins Leere gerichtet, nie nach oben.

Lehrer Kugelmeier hatte sich absichern wollen und der Stadt deshalb die Aktion angekündigt. "Betteln ist zwar erlaubt, aber mir wurde gesagt, es sei ein unfreundlicher Akt, schlecht für das Image der Stadt, und dass es schon genug Bettler gebe. Wir sollten das doch bei uns machen."

Doch gerade die Großstadt eignet sich besonders, um die Befindlichkeit der Bevölkerung zu untersuchen. Und um die Solidarität scheint es schlecht zu stehen. Jasmin Rohrmann saß auf der Straße, angeblich durch Handykosten in die Schuldenfalle getrieben: "Die Leute haben mich zum Teil beschimpft, jeder habe Schulden und ich solle doch arbeiten gehen. Ich saß direkt neben einem Abfalleimer. Der Müllmann hat mich nicht beachtet, als er den Eimer leerte, und wäre fast auf mich getreten. Da fühlt man sich wie der letzte Dreck."

Kölnische Rundschau, Nr.280 (30.11.2004), S.27.


©  Anneke Schaefer, Kölnische Rundschau (Köln) und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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