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Medienberichte

Sauerlandkurier (1.12.2004)

Gymnasium schickt Schüler zum Betteln in die Domstadt

Projekt "Bettelarm" führt an den untersten Rand der Gesellschaft

Attendorn/Köln. (ag) Der Sozialstaat wankt, die Werte verfallen und das Heer der Arbeitslosen wächst beständig. Wie es aber dem ergeht, der durch das letzte Netz bis ins Abseits unserer Gesellschaft gefallen ist, das wollten 30 Attendorner Schülerinnen und Schüler auf dem Pflaster der Kölner Fußgängerzone erfahren.

Studienrat Frank Kugelmeier hatte mit seinen Schülern ein ähnliches Projekt bereits im vergangenen Jahr in Gummersbach realisiert. Dieses Mal jedoch ging es nach Köln in den vorweihnachtlichen Rummel der Domstadt, unterstützt vom Sender RTL, der mit verdeckter Kamera den Ablauf dokumentierte. Die jungen Erwachsenen aus Attendorn maskierten sich als Bettler in der klassischen Situation: schweigend auf dem Boden, mit einem Hinweis über ihr Schicksal auf Pappkarton, den Almosenbecher daneben. Radikal unterschiedlich waren die Ergebnisse. Jasmin wollte um die Begleichung ihrer Handy-Rechnung betteln, was mit großem Unverständnis der Passanten quittiert wurde. Deutlich anders erging es Janina und Stefan, die als Paar mit zu erwartendem Nachwuchs durchaus auf helfende Hände stießen, ebenso wie Laura, die mit dem Aufruf: "Habe nichts mehr. Weiß nicht wohin." sogar mehrfach angesprochen wurde. Glaubhafte Not findet noch Solidarität in Deutschland. Das ist die erfreuliche Erfahrung der Initiative. Andererseits muss man sich fragen, ob junge "Bilderbuchbettler" die bittere Wahrheit zu reflektieren imstande sind. Andere St.-Ursula-Schüler befragten während der Aktion echte Bettler, die zum Teil Schicksale aufzuweisen hatten, denen sich der gut gemeinte Versuch dem tragischen Ausmaß der bitteren Realität entzieht. Denn gebrochen, desillusioniert und um die 40 Jahre alt, so präsentiert sich die Wahrheit auf der "Platte", dem Umfeld, in dem der deutsche Bettler zu überleben versucht. Die Schülerinnen und Schüler des Attendorner Gymnasiums haben eine wertvolle Erfahrung gemacht. Es ist ein großes Privileg, auch einmal in die Haut des anderen schlüpfen zu dürfen, gerade, wenn es sich um das ganz Fremde in einer sonst so geordneten Welt handelt. Der Ertrag des Versuches, immerhin über 130 erbettelte Euro, gingen an die "Kölner Tafel", eine Initiative, die sich um die Versorgung der Betroffenen kümmert.

Sauerlandkurier vom 1.12.2004, S.3.


©  Achim Gandras, Sauerlandkurier (Lennestadt-Grevenbrück) und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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