Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Medienberichte

draußen! (Juni 2007) [Auszug]

Straßenkids: Betteln oder auf den Strich

Rund 860.000 Obdachlose gibt es in Deutschland. Viele leben von Sozialhilfe, einige verkaufen Straßenzeitungen wie die draußen! und dann gibt es noch jene, die in der Stadt sitzen und betteln. Wie es sich anfühlt, andere um einen Euro oder zwei anzuhauen, haben Pennäler aus dem Sauerland selbst ausprobiert. Herausgekommen ist eine lebendige Sozialstudie, von der sich dröge Wissenschaftler locker eine Scheibe abschneiden können. Die draußen! stellt Ihnen die Ergebnisse in dieser und den nächsten Ausgaben in leicht gekürzter Form vor. Dem Alter der Gymnasiasten entsprechend, beschäftigt sich der erste Teil mit der Situation von Straßenkindern in der Bundesrepublik.

"Bin 18 und arbeitslos" steht auf dem Schild des jungen Mannes, der in der Fußgängerzone am Straßenrand kauert. "Habe Hunger" signalisiert eine verhärmte junge Frau auf einem Zettel vor einem Kaufhauseingang. Dieses sonst eher aus Großstädten bekannte Bild bot sich den Bürgern in der nordrhein-westfälischen Provinz, in Attendorn und Gummersbach. Es war Teil des Experiments "Bettelarm", das einige Oberstufenschüler des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums im Fach Sozialwissenschaften durchführten. Ihre Fragestellung einerseits: Wie reagieren die Passanten? Wie ist es um ihre Spendenbereitschaft bestellt? Und andererseits: Was empfindet man selbst in der Position des Almosenempfängers? Eine Sondergruppe der Obdachlosen sind die Straßenkinder. Offiziell tauchen sie in keiner Statistik auf, da sie in der Regel formal der Wohnadresse ihrer Herkunftsfamilie zugerechnet werden. Zudem verbindet man mit dem Ausdruck Straßenkinder eher Minderjährige in Dritte-Welt-Ländern, in Afrika oder Südamerika, als solche in Deutschland. Gleichwohl sind sie natürlich auch bei uns anzutreffen. Wie für alles gibt es auch für den Begriff Straßenkinder eine juristische Definition. Es handelt sich dabei um Minderjährige, die sich ohne Erlaubnis oder Vormund für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten, also praktisch obdachlos sind. Zu dieser Gruppe werden freilich nicht diejenigen Jugendlichen gezählt, die zwar zu Hause schlafen, aber sonst nicht zu Hause sind. Man argumentiert, dass bei dieser Gruppe wenigstens (noch) kein räumlicher Bruch zur Herkunftsfamilie eingetreten sei, was sonst bei Straßenkindern der Fall sei. Zu der definierten Gruppe gehören auch nicht die so genannten "Kurzausreißer", die weniger als zwei Wochen von zu Hause verschwinden.

Durchschnittlich leben in Deutschland 1.500 bis 2.500 Minderjährige als Straßenkinder in Obdachlosigkeit. Die jüngsten sind acht Jahre alt, die meisten jedoch über 13. Der Großteil stammt aus Deutschland selbst, über den Anteil der ausländischen Straßenkinder ist wenig bekannt. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die meisten stammen aus ländlichen Gebieten und suchen in den Großstädten die Anonymität und den Schutz vor Entdeckung. Hierbei fungiert Berlin als wichtigster Treffpunkt; fast jedes Straßenkind pilgert sozusagen einmal in seinem Dasein nach Berlin. Im Winter trampen viele Straßenkinder außerdem nach Spanien und Portugal. [...]

draußen! Straßenmagazin (Juni 2007), S.9f [stark gekürzt].


draußen! (Juli/August 2007) [Auszug]

Schüler-Experiment: Als Bettler auf der Straße

Das St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn im Sauerland hat seine Schüler auf die Straße geschickt. Damit sie in einer Feldstudie erfahren können, wie es ist, wenn man in der Fußgängerzone von Köln betteln muss. Herausgekommen ist eine beeindruckende Studie über die Situation obdachloser Jugendlicher in Deutschland. Im ersten Teil ging es um Straßenkids, im zweiten nun ums Betteln. Nur so nebenbei: Das St.-Ursula-Gymnasium ist eine Privatschule des Erzbistums Paderborn. Womit das gängige Vorurteil, wonach auf solchen Schulen weitab der Realität nur reiche Schnösel lernen, Risse bekommt.

Köln zieht seit vielen Jahren, ähnlich wie Berlin, Obdachlose magisch an. Das mag unter anderem daran liegen, dass viele Touristen in die Domstadt kommen und damit potenzielle "Spender". Ein lukrativer Arbeitsplatz für Bettler also. Wenn nicht die Stadt vor einigen Jahren in der Innenstadt ein rigides Bettelverbot verhängt hätte, zum Schutz der Passanten und Touristen, wie sie sagt. "Die alte Fassung der Kölner Straßenordnung untersagte das Lärmen, Betteln und störenden Alkoholgenuss. Damit wurde dieses Verhalten als Gefährdung, Schädigung, Behinderung oder Belästigung anderer BenutzerInnen des öffentlichen Raumes eingestuft. Zuwiderhandlungen konnten demnach mit einer Geldbuße in Höhe von bis zu 2000 Mark geahndet werden", schreiben Torben Straussdat und Jendrik Scholz in ihrem Artikel "Köln: Wir bleiben sauber", der in der Zeitschrift "philtrat" veröffentlicht worden ist. Das Verbot hatte indes nicht lange Bestand: Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hatte über ein von der Stadt Stuttgart erlassenes Bettelverbot zu entscheiden und erklärte es für unwirksam. Betteln sei eine gesellschaftliche Erscheinung, die hinzunehmen sei, solange die öffentliche Ordnung nicht gestört werde. Eine solche Störung der öffentlichen Ordnung liege aber in der Regel nur dann vor, wenn aggressiv gebettelt werde. In dieselbe Richtung geht das Urteil des Oberlandgerichts in Saarbrücken, das schon 1997 die "Saarbrücker Bettelsatzung" einkassierte. Köln hat daraufhin die Straßenordnung geändert.

Ein Freibrief zum Betteln (oder auch nur Herumsitzen) ist die neue, alte Straßenordnung freilich nicht, da der Verwaltungsgerichtshof zwar das Recht auf Betteln zugestanden hat, davon jedoch ausdrücklich "aggressives Betteln" ausgenommen hat. [...]

draußen! Straßenmagazin (Juli/August 2007), S.9-11 [stark gekürzt].


draußen! (September 2007) [Auszug]

Schüler-Experiment: "Wie der letzte Penner"

Wie fühlen sich junge Bettler auf der Straße? Das wollten Schüler des St.-Ursula Gymnasiums in Attendorn in einem Feldversuch herausfinden. In den letzten beiden Ausgaben der draußen! haben die Pennäler beschrieben, wie sie das Experiment vorbereitet haben. Im dritten Teil geht es ans Eingemachte - ein Mitschüler setzt sich in die Fußgängerzone der Kleinstadt im Sauerland und bettelt um ein Almosen. Über 20 Euro hatte er nach zwei Stunden in seinem Pappbecher.

Ein gewöhnlicher Samstagmorgen im Juni um zehn Uhr in Attendorn. Der Wochenmarkt zieht viele Besucher an, ideal für Bettler. Außerdem scheint zum ersten Mal richtig die Sonne nach den vergangenen Regentagen. Die Passanten haben gute Laune. Unser Bettler ist ein Schüler der Jahrgangsstufe 12, dessen Gesicht in der Stadt unbekannt ist. Er setzt sich in eine Nische neben den Eingang zu einem Fotoladen, direkt am Marktplatz. Nebenan ist ein Straßencafé und das Südsauerland-Museum. Unseres Erachtens ein idealer Platz, an dem alle Flaneure, die auf den Wochenmarkt wollen, vorbei müssen. Wir schminken unserem Bettler dunkle Augenringe und ein schmutziges Gesicht. Er trägt ein altes, kariertes Hemd, eine kaputte Hose, ein Paar kaputte Schuhe und eine Mütze. Er sitzt auf einer alten, roten Decke und hat einen Pappbecher vor sich stehen, in den wir schon ein paar kleinere Münzen geworfen haben. "Bin 18 und arbeitslos", steht auf seinem Schild. Mitschüler sitzen im nahe gelegenen Straßencafé zwischen den anderen Gästen an kleinen Bistrotischen. Nachdem es sich unser Bettler auf seinem Platz bequem gemacht hat, passiert erst einmal zwanzig Minuten wenig. Die meisten Passanten gehen an ihm vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Auffällig viele schauen in die entgegen gesetzte Richtung. Unser Verdacht: Sie ignorieren ihn bewusst. Einige blicken mäßig interessiert zu ihm rüber, gehen aber weiter. Dann kommt eine Frau von ungefähr 30 Jahren mit ihren Kindern auf den Bettler zu und gibt ihm einen Euro. Der Bann scheint nun gebrochen: Innerhalb der nächsten zehn Minuten werfen sechs weitere Personen Geld in den Becher. Fünf Frauen und ein Mann. Drei Frauen sind im Alter zwischen 50 und 70. Dann geschieht wieder eine halbe Stunde nichts, bis eine Frau einen Euro spendet und ein älterer Mann 50 Cent. Ein anderer gibt dem Bettler einen Fünf-Euro-Schein. [...]

draußen! Straßenmagazin (September 2007), S.9-11 [stark gekürzt].


©  Gerrit Hoekman, draußen! (Münster), Laura Heisterkamp, Attendorn und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter