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Interviews mit Passanten

Hin und wieder gelang es den Beobachtern, spendende Passanten zu einem kurzen Interview zu bewegen. Natürlich fingen sie aber auch Eindrücke von denjenigen ein, die nichts gaben.

Szenario 2

Versuchstag, 10.40 Uhr: Jan, der auf "eine Chance für ein neues Leben" hofft, hat gerade ein Almosen erhalten. Sein "Leibwächter" Christopher kommt mit dem Spender, einem Mann um die vierzig, ins Gespräch.

Entschuldigung, wir machen hier eine Umfrage zum Thema Betteln. Wenn Sie mir kurz sagen könnten, warum sie ihm etwas gegeben haben?

  Jan, einsam am Müllkübel
Jan, einsam am Müllkübel (noch ohne Parteistand).
Das mache ich eigentlich immer so. [Ich geb] öfter mal was.

Und wie viel ungefähr?

So zwanzig Cent bis ein Euro ungefähr.

Haben Sie denn auch Mitleid mit diesen Leuten, oder geben Sie einfach nur aus so etwas wie "Anstand"?

Ja, schon aus Mitleid. Weil ich finde: Das nimmt auch ziemlich zu, dass Leute so unverschuldet in Not geraten - wobei man ja nie weiß, ob die Leute drogenabhängig sind oder irgendwie etwas anderes nehmen.

Und was hatten Sie bei diesem [Bettler] jetzt für einen Eindruck?

Ja, irgendwie unverschuldet in Not geraten.

Szenario 5

Auf der Domplatte macht es sich gegen 15 Uhr Laura mit ihrer Legende "Habe nichts mehr! Weiß nicht wohin!" unbequem. Eine Frau in Begleitung ihres Sohnes betrachtet sie eine Zeit lang und spendet dann etwas. Nora, die Zwillingsschwester der Bettelagentin, und einige andere Beobachterinnen stellen ihr anschließend einige Fragen. Die Spenderin ist zwar erst misstrauisch, gerät danach jedoch, durch ein paar Notlügen beruhigt, ins Plaudern. Dass Nora mit der Bettlerin verwandt sein könnte, bemerkt sie nicht.

Sie haben da eben eine Weile die Bettlerin beobachtet und ihr auch gespendet. Das ist uns aufgefallen. Können Sie uns sagen, was Sie von der jungen Frau halten?

Seid ihr befreundet, oder...?

Nee, wir beobachten die ganze Zeit so insgesamt die Obdachlosen. Wir beobachten die ganze Zeit schon so ein paar Reaktionen. Wir waren zusammen einkaufen und dann haben wir das gesehen und dann gucken wir ab und zu mal.

Ist das eine von euch, die ihr hier jetzt [seit] Stunden beobachtet?

Nee...

Mir ist [sie] nur aufgefallen, weil ich gedacht hab: Das passt gar nicht zu ihr.

Hatten Sie denn vorhin den Eindruck, dass sie ein bisschen erbärmlich aussieht oder dass es [ihre] Klamotten noch tun? Also, weil: Manche haben jetzt gesagt, die wär total daneben gekleidet; das wär noch alles viel zu gut.

Ja, das hab ich auch gedacht. Das hört sich jetzt so grausam an, aber ich hab direkt gedacht: Meine Güte, ob die [vielleicht] von zu Hause abgehauen ist? Das war meine erste Idee.

Das kommt ja im Moment wohl häufig vor...

Das kommt immer häufig vor, dass sie sich, was weiß ich, vielleicht mit den Eltern gezankt hat. Aber die sieht jetzt nicht so aus, als würde sie wirklich draußen arbeiten.

Haben Sie denn jetzt mit ihr darüber geredet?

Nee, ich hab halt mit meinem Sohn darüber geredet...

Machen Sie so etwas grundsätzlich nicht: einfach Gespräche anfangen...?

Nee, das kann ich nicht sagen, dass ich das grundsätzlich nicht mache. Also, wenn es sich gerade ergibt, mache [ich es]. Die hätte ich jetzt vielleicht sogar angesprochen, weil es so komisch gewesen ist, weil ich gedacht hab, dass es ein Mädchen ist, das von zu Hause ausgerissen ist. Aber so einen richtigen Obdachlosen [anzusprechen...]

Spenden Sie denn sonst auch, oder gucken Sie erst mal so, ob [derjenige auch bedürftig ist]?

Fremden [spende ich] eher selten auf der Straße, aber ich hab so mein gewisses Kontingent - sagen wir mal: - für Wohltätigkeit, was Sie so kennen: "Kinder ohne Grenzen" und so, da mach ich viel; [Spenden] für irgendwelche Katastrophen. Das ist mir lieber, als wenn ich jetzt so auf der Straße [spende] - weil ich immer denke: Damit unterstütze ich das so, dass sie [nur] so ihr Geld kriegen.

Man weiß dann nicht, was [die] mit dem Geld anfangen.

Ja, gut, wenn es jetzt ein Obdachloser ist, ist mir das, ehrlich gesagt, auch egal, ob er sich etwas zu essen dafür kauft oder Schnaps. Warum soll er nicht Schnaps dafür kaufen! Das ist nicht so dramatisch. Wenn ich ihm ein paar Euro dafür gebe, verändere ich ja sowieso nichts, denke ich.


Audio   O-Ton: Interviews mit Passanten (Szenario 2 und 5) sowie Kommentare zu den Szenarien 4 und 6   (5 Min. 48 Sek., 681 kB, MP3)


Szenario 7

Wallrafplatz, zur selben Zeit. Janina und Stefan erregen als "junges Paar (bald mit Kind)" einiges Aufsehen. "Leibwächter" Julian pirscht sich an einige Passanten heran, darunter ein älteres Ehepaar, das die beiden zwar aufmerksam beobachtet, aber nichts gibt.

  Janina und Stefan - Foto (c) Julian Hageböck
Janina und Stefan am Rande der Gesellschaft.
Entschuldigen Sie bitte: Wir machen eine Umfrage zum Thema Betteln. Ich habe gesehen, dass Sie die ganze Zeit das Bettlerpaar da vorne betrachtet haben, und wollte jetzt mal gerne feststellen, was Sie davon halten - weil es für uns halt ein erschreckendes Beispiel war.

Ja. Ich frag mich: Wie alt werden sie sein? Sechzehn, siebzehn Jahre alt, so in dem Alter.

Ja, sieht so aus.

Bliebe zu klären: Als Erstes würde mich interessieren: Warum sitzen sie auf der Straße? Haben sie keine Familie und warum und weshalb [nicht]? Und gibt's da keine anderen Möglichkeiten, als sich dort auf die Straße zu setzen. Ich weiß nicht...

Ja, soziale Hilfe vielleicht...

Na ja, na gut, aber das kann's ja nicht sein. Das kann ja letztendlich kein Dauerzustand sein, dass sie ständig nur auf der Straße sitzen und ein Schild in der Hand halten: Bitte helft mir!

Ja, klar.

Da muss ich selber was tun. Es gibt Möglichkeiten. Es gibt immer eine Möglichkeit. Aber na ja.

Ja, dankeschön. Schönen Einkauf noch!

Ebenso.

Auch ein Mann in den Vierzigern interessiert sich sehr für das Bettlerpaar, spendet aber ebenfalls nichts.

Wir machen hier eine Umfrage über das Betteln und haben dieses junge Paar hier als erschreckendes Beispiel gesehen und haben jetzt gesehen, dass Sie das Paar mehrfach beobachtet haben, und wollten deshalb fragen, was Sie davon halten...

Von wo sind Sie denn?

Von der Schule. Wir machen das für ein Schulprojekt - über die Bettler allgemein.

Ich komm ja nicht von Köln. Ich komm aus Duisburg. Und ich hab mir das da gerade angeguckt. Ich würde sagen: Die sollen mal arbeiten gehen. Beide! Arbeit gibt es genug.

Vielleicht auch soziale Möglichkeiten, wo sie hingehen könnten?

Ja, was heißt denn "soziale Möglichkeiten"! Wer sagt mir denn überhaupt, dass die ein Kind erwarten? Und soziale Möglichkeiten gibt es auch genügend. Es muss doch eine soziale Anlaufstelle geben, auch in Köln. Da sollten sie doch erstmal hingehen. [Oder sie] sollten zum Arbeitsamt gehen, zur Jobvermittlung. Auch wenn ich in Umständen bin, kann ich arbeiten gehen.

Deswegen haben Sie jetzt nichts gespendet?

Nein, ich hab deshalb nichts gespendet, weil ich gar nicht weiß, ob das da wahr ist. Ich weiß gar nicht - dass die Ordnungshüter das überhaupt dulden! Die müssen doch irgendwie einen Ausweis haben, dass sie überhaupt dazu befähigt sind, da zu betteln!


Audio   O-Ton: Interviews mit Passanten und Kommentare zu Szenario 7   (6 Min. 14 Sek., 731 kB, MP3)



©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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