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Interview mit einer Lokalpolitikerin

Das "Bettelarm"-Projekt beschränkte sich nicht darauf, in den verschiedenen Szenarien die Reaktionen der Passanten lediglich zu beobachten; vielmehr führten die Begleiter der Bettelagenten auch Interviews durch. Im Falle des 2. Szenarios trafen sie dabei auf eine Kölner Lokalpolitikerin.

Szenario 2

Köln, 27.11.2004, 11 Uhr vormittags. Bettelagent Jan sitzt seit einer Stunde auf der Schildergasse, Nähe Neumarkt, und wartet auf eine "Chance für ein neues Leben". Soeben hat etwa fünfzehn Meter von ihm entfernt eine politische Partei ihren Informationsstand aufgebaut. Auf großen Schildern und per Handzettel werben vier Parteigänger für Solidarität - ein willkommener Anlass für die Beobachter Nils und Carina, der Sache auf den Grund zu gehen.

Wir haben eben beobachtet, dass Sie hier mit Ihren hochtrabenden Plakaten, mit [dem] Stand Ihrer Partei werben in Sachen Solidarität unter den Menschen, und fünfzehn Meter weiter sitzt dieser Bettler. Da haben wir uns gefragt: Warum haben Sie nicht einfach dem Menschen, der Ihnen am nächsten war, geholfen?

  Bettler und Politik
Bettelagent Jan, rechts dahinter der Parteistand.
Alle Leute, die hier herumlaufen, sind mir eigentlich am nächsten.

Aber er scheint der Bedürftigste gewesen zu sein, oder?

Das weiß ich nicht...

Oder haben Sie an seiner Authentizität gezweifelt?

Nein, das kann ich jetzt, wenn ich ehrlich bin, nicht sagen. Das weiß ich nicht. Ich bin ja gar nicht zu ihm hingegangen. Außerdem kann ich das nicht von außen sehen. Wenn, dann müsste ich ja mit ihm reden, ob das richtig ist.

Und warum haben Sie das nicht gemacht?

Weil ich eine bestimmte Aufgabe im Moment hier habe. Deshalb stehe ich ja hier.

Aber Ihre Aufgabe ist es doch eigentlich auch, mit den Leuten zu reden, und auch solche [wie er] gehören eigentlich dazu.

Ja, das ist richtig. Grundsätzlich ist das richtig. Ich sage ja auch nicht, dass ich das nicht machen würde.

Warum haben Sie es denn dann jetzt nicht getan?

Na ja, dann könnte ich natürlich jetzt die ganze Fußgängerzone durchgehen und gucken, wo jetzt die Bettler sitzen, dass ich mit denen rede.

Aber dieser Bettler saß ja hier schon am Platz.

Ja, das ist sicher wahr. Da drüben sitzt auch jemand, mit dem habe ich auch nicht gesprochen.

Dann könnten Sie das ja auch tun.

Aber ich glaube auch... - Das kann ich auch machen. Wenn ich hier fertig bin, kann ich das auch gerne machen. Ich steh ja hier nicht zu meinem Vergnügen.

Aber am Anfang war ja hier zum Beispiel ziemlich wenig los, da hätten Sie ja...

Hier waren immer viele Leute!

Aber es haben sich relativ wenige Leute hier mit Ihnen unterhalten.

Ja, aber ich hab ja trotzdem versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

Ja, dann hätten Sie das ja auch mit ihm machen können...

Ich hätte euch ja auch ansprechen können...

Ja.

Das habe ich ja auch nicht gemacht. Weil ich nicht wusste, ob ihr Interesse habt. Also, ich habe andere Leute versucht anzusprechen. - Aber generell ist es ja richtig. Ich will da ja nicht sagen, dass man sich mit den Armen... - Wir müssen ja die Situation der armen Leute verändern. Nur: Was ich nicht glaube, ist, dass wir das nur mit Almosen können, sondern wir brauchen eine andere Politik. Wenn Leute heute betteln, haben sie ja meistens einen Grund dafür.

[Sie wollen] also nicht im Kleinen, sondern im Großen helfen.

Ja! Das Problem ist... - Ich weiß ja nicht, was ihr über die jetzige politische Lage denkt, über die Politik, die in Deutschland gemacht wird, über die Wirtschaftspolitik. Wir haben Massenarbeitslosigkeit. Viele von den Leuten, die heute auf der Straße sind, sind eben irgendwann mal "durchs Rost gefallen", wie man so schön sagt. Und ich kann denen nicht dadurch helfen, indem ich jetzt jedem etwas gebe. Das kann ich zwar machen...

Ich meine eigentlich eher eine Geste: dass Sie zu denen hingehen und mit denen reden.

Ja, das ist ja...

Das hat kein einziger von Ihrer Organisation hier gemacht.

Ja...

Und Sie sind, glaube ich, vier Leute hier. Von daher...

Ja, aber -. Gut. Ich muss dir ehrlich sagen: Ich verdiene auch nicht so viel Geld, dass ich allen Leuten etwas geben kann.

Nein, das hat jetzt ja nichts mit dem Geldgeben zu tun.

Das ist richtig. Aber, wie gesagt: Unsere Aufgabe... - Hier im Moment stehen wir ja, um mit Leuten darüber ins Gespräch zu kommen, um [uns über] die Ursachen dafür, dass es Leute gibt, die heute auf der Straße leben, zu unterhalten.

Dann hätten Sie ja auch genau mit ihm reden können, weil: er ist ja einer von diesen, die [auf der Straße leben].

Ich hätte heute schon viel tun können. Aber ich habe mich entschieden...

Warum, glauben Sie, machen das denn die Leute - [dass sie auf der Straße leben]?

Ich habe mich entschieden, das jetzt zu machen, was ich jetzt im Moment mache.

Aber wieso, glauben Sie, machen das viele Leute?

Weil generell Leute an Fragen, die die Allgemeinheit betreffen, wenig Interesse haben. Das ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft.

Globaler Egoismus...

  Schildergasse - Foto (c) Julian Hageböck
Die Kölner Schildergasse am frühen Vormittag des Versuchstags: noch feucht vom Morgendunst, erst mäßig belebt.
Ja, wenn man so will. Also, das Solidaritätsprinzip spielt keine Rolle. Die Leute kämpfen ja auch nicht um die, sagen wir mal, Errungenschaften, die zum Beispiel unser Sozialsystem [bietet]. [Darum] wird ja nicht gekämpft; [es] macht ja keiner etwas. Weil: Die Leute gehen ja auch nicht auf die Straße. Auf den Montagsdemos gegen Hartz IV waren im Westen entsprechend wenig Leute. In Ostdeutschland war das anders, weil die Leute sich auch noch erinnern können, dass sie vor fünfzehn Jahren [auf] diese Art und Weise ein Regime gestürzt haben. - Es ist genauso wie mit den Entwicklungsländern. Da könnte man auch sagen: Jeder Bettelbrief, den ich nach Hause bekomme - warum beantworte ich den nicht? Ich kann dir das sagen: Weil wir so das Problem nicht lösen. Ich kann zwar für den Moment einem Einzelnen vielleicht ein bisschen [helfen], dass er sich, was weiß ich, einen Kaffee kaufen kann, aber...

Aber ein kleiner Schritt: einfach so mit einem reden - das zählt ja schon! Ich muss nicht gleich [komplett] helfen, aber ich muss erst mal den Anfang schaffen!

Ja, das ist ja richtig. Aber der entscheidende Punkt ist: Wir müssen die Politik verändern. Wir müssen die Massenarbeitslosigkeit abschaffen. Wir brauchen eine andere Wirtschaftspolitik. Wir müssen investieren in produktive Arbeitsplätze.

Also, ich finde, man sollte erst mal im Kleinen anfangen, und dann vom ersten zum zweiten Schritt [kommen]...

Nein, da ist meine Einstellung eben eine andere. Wir müssen die Rahmenbedingungen [ändern]. Das heißt nicht, dass man dem Einzelnen -, [dass man] nicht irgendwie auf den zugeht. Aber, wie gesagt, das war jetzt im Moment nicht das, was mir primär wichtig war. Wie gesagt: Es gibt viele Leute, die heute wahrscheinlich in der Fußgängerzone sitzen, weil sie wissen: Es ist Adventssamstag, hier sind viele Leute unterwegs, vielleicht haben die Leute ein Herz!, und betteln, wofür sicherlich die meisten (es gibt auch organisierte Banden, aber das ist wieder etwas anderes) einen Grund haben. Aber da ist generell...

Es geht mir nicht [darum], was jetzt in der ganzen Fußgängerzone passiert, [sondern] einfach nur um diesen Platz [mit diesem Bettler] hier.

Ja, aber ich kann da nur dazu sagen... - Gut, das kann man sagen: Da bin ich halt nicht hingegangen. Aber damit lösen wir das Problem der Bettelei nicht - [das Problem] von armen Leuten, die auf der Straße stehen und betteln müssen. Aber das muss man dann auch diskutieren. Weil: Es nützt nichts, im Grunde genommen nur den Punkt [anzusprechen]: Warum gehen Sie da nicht hin? Sondern man muss wirklich auch das problematisieren: Was ist die Ursache? Und wie können wir das verändern? Und dafür stehen wir jetzt [hier] mit unserem Stand.

Genau das versuchen wir gerade herauszufinden.


Audio   O-Ton: Interview mit einer Lokalpolitikerin (Szenario 2)   (6 Min. 26 Sek., 756 kB, MP3)



©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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