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Interview

Hans-Peter Bröhl   Hans-Peter Bröhl,
Jahrgang 1980,
Kreisvorsitzender der Jungen Union Köln

Wahlkampf

Herr Bröhl, bald ist Landtagswahl. Sie stehen deshalb hier sogar mit einem eigenen Wohnwagen in der Fußgängerzone in Köln, im Straßenwahlkampf für die CDU. Erste Frage: Bringt das überhaupt etwas - oder bestimmt nicht das Fernsehen, wer die Wahl gewinnt?

CDU-Infomobil Ich denke schon, dass der Straßenwahlkampf an sich sehr viel bringt. Beim Straßenwahlkampf geht es ganz einfach um Mobilisierung. Man muss den Leuten zeigen, dass man da ist, dass man sich einsetzt. Es geht nicht einmal so sehr darum, mit den Leuten zu diskutieren und über Konzepte zu sprechen, sondern die Leute müssen einfach das Gefühl haben: Da tut sich was, da sind Leute, die engagieren sich, die setzen sich ein und sind überzeugt von ihrer Sache, das ist eine schöne Sache. Und vor allen Dingen: Die Leute merken: Es ist Wahl. Wir haben ja oft das Mobilisierungsproblem, gerade in Nordrhein-Westfalen. In Köln haben wir bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr eine Wahlbeteiligung von 56 Prozent gehabt. Das ist aus meiner Sicht sehr unschön, denn da verliert für mich eine Regierung bzw. eine Selbstverwaltung ein bisschen ihre Legitimation. Da müssen wir ganz stark daran arbeiten, dass wir in Nordrhein-Westfalen mal wieder über die 70-Prozent-Marke Wahlbeteiligung drüberkommen. Und deshalb sind Mobilisierungsaktionen sehr, sehr wichtig.

Nun ist Köln ja Großstadt. Da kennt nicht jeder jeden. Im Gegenteil: Sie haben hier überwiegend Touristen, die an Ihrem Stand vorbeigehen. Sprechen Sie die trotzdem an? Können Sie die überhaupt ansprechen - oder ist das mehr so ein "Nebeneinander-Her"?

Hier auf der Schildergasse ist es in der Tat so, dass Sie viele Leute aus verschiedenen Bereichen haben. Das sind Einheimische aus ganz Köln, das sind Leute aus Bonn, aus Düsseldorf. Heute Morgen haben wir mit Leuten aus Velbert, aus Koblenz gesprochen. Aber etwa siebzig Prozent derjenigen, die hier herumrennen, stammen aus Nordrhein-Westfalen, so dass sie prinzipiell auch mobilisiert werden können. Ob die nun hier in Köln der CDU ihre Stimme geben - oder in Velbert, in Mönchengladbach, in Aachen für die CDU stimmen, das ist uns erst mal egal - Hauptsache, sie wählen CDU oder - fangen wir mal ganz bescheiden an - gehen überhaupt zur Wahl. Wenn sie dann auch noch uns wählen, kann es uns im Prinzip ja gleich sein, wo sie uns wählen. Von daher ist dieser Stand hier schon sehr wichtig.
   Im Übrigen ist das hier, ehrlich gesagt, ja nur der Vorzeigestand. Hier ist die Schildergasse, die Innenstadt, wo man sich eben präsentiert, wohin aus ganz Köln die parteiliche Unterstützung kommt. Der eigentliche Straßenwahlkampf, die eigentlichen Veranstaltungen, die laufen ja vor Ort, in den Ortsverbänden. Ich komme aus Köln-Porz, da steht jetzt zum Beispiel mein Ortsverband mit drei Ständen an verschiedenen Standorten, vorm Rewe, vorm extra-Markt, vorm Schlecker, also da, wo viele Leute entlanggehen. Und da kennt dann eben, so wie bei Ihnen in Attendorn, jeder jeden. Da weiß man: Aha, da ist Bäckers Hein, der kommt seine Brötchen holen. Da kann man dann auch mit den Leuten diskutieren, wirklich mit ihnen über Politik sprechen, da ist der Bezug da. Da kennt man die Abgeordneten, die sind da auch vor Ort anwesend. Da läuft dann also der wirkliche Mobilisierungs- und vor allem Argumentationswahlkampf. - Der Stand hier dient eher dazu, Präsenz zu zeigen und "Give aways", Informationsmaterial, zu verteilen und zu signalisieren: Die CDU, die tut was.
   Das gilt für die anderen Parteien, die SPD, die Grünen, die FDP, aber sicherlich genauso. Die wollen hier ebenfalls nur Präsenz zeigen, weil man es hier in der Fußgängerzone in der Tat nicht automatisch mit der Klientel zu tun hat, die dann auch die jeweiligen örtlichen Kandidaten wählt.

Wie sind denn generell die Reaktionen? Kommen zu Ihnen an den Stand eher die Wähler, die sowieso CDU wählen und sich dann einfach noch mal bestätigt fühlen möchten, oder gibt es auch welche, die ganz bewusst die Gegenposition vertreten, von denen Sie vielleicht sogar angefeindet werden?

Sowohl als auch. Heute Morgen fing es in klassischer Manier an. Der Erste, der kam, sagte: Mein Gott, was für ein beschissenes Wetter! Aber er fände es so toll, dass wir, obwohl es in Strömen regnete - wir konnten drau8en gar nichts aufbauen -, als Junge Union hier stehen würden und trotz des Wetters Präsenz zeigten. Und er wähle ja schon seit fünfzig Jahren nichts anderes als CDU, und er wünsche uns ganz, ganz, ganz viel Glück am 22. Mai, am Wahltag. - Kaum hatte er sich umgedreht und war noch nicht mal hinter dem Wohnwagen verschwunden, kam eine alte Dame vorbei und fing an hier herumzuschreien, sechzehn Jahre Helmut Kohl seien doch lange genug gewesen, und durch die Politik der CDU hätten junge Menschen heute überhaupt keine Chancen mehr, außerdem würden wir uns nicht um Obdachlose kümmern, und dass sich überhaupt noch junge Leute für die CDU engagieren würden, könne sie ja nun gar nicht verstehen. Alle Passanten sind in dem Augenblick natürlich stehen geblieben und haben geguckt. - Das gibt es eben auch; das gehört mit dazu. Wir haben beides: sowohl die Sympathisanten, die vorbeikommen und uns schulterklopfend gratulieren - Ihr werdet sehen, diesmal klappt's bestimmt! - als auch die andern, die kommen und sagen: Was steht ihr überhaupt hier, ihr seid sowieso Scheiße!
   Die, die kommen, um hier wirklich zu diskutieren, sind jedenfalls in der Minderheit. Wenn hier am Tag zwischen fünf und zehn Leuten kommen, die wirklich über das Programm diskutieren wollen, dann ist das viel. Diese Diskussionen haben wir tatsächlich eher in den Ortsverbänden, wo man die Leute kennt, wo es auch nicht diese Hemmschwelle gibt. Hier laufen alle vorbei, die wollen zu H&M, die wollen zum Kaufhof, die wollen zu C&A, aber die wollen zwischendurch nicht unbedingt mit der CDU diskutieren. Auch nicht mit der SPD und den andern.

Persönlichkeitsmerkmale

Kommen wir jetzt mal ein bisschen weg von der Politik der Straße und werden allgemeiner: Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Hans-Peter Bröhl Erstens sollte er auf jeden Fall authentisch sein. Ein Politiker sollte sich nicht, nur um Wählerstimmen zu sichern, verbiegen müssen. Das fällt auf und das wird ihm übel genommen. Wenn man das Gefühl hat, der gibt sich jetzt nur so, um meine Wählerstimme zu bekommen, wird der Wähler sich hintergangen fühlen und ihn deshalb auch nicht wählen.
   Ein Politiker sollte meiner Meinung nach auch ehrlich sein. Das ist ein großes Problem: Man will eine Wahl gewinnen und blendet deshalb auch manchmal unschöne Wahrheiten aus; man lügt zwar nicht direkt, aber man redet halt auch nicht darüber. Den klassischen Fall haben wir ja jetzt: Am 22. Mai findet eine Landtagswahl statt, also wird in Berlin keine große Politik mehr gemacht, weil natürlich CDU und SPD alles auf die goldene Waage legen: Was erzählt man den Leuten jetzt? Wenn ich ihnen eine unschöne Wahrheit sage, könnte es ja sein, dass sie mich nicht wählen.
   Das ist meiner Meinung nach aber etwas, was dazugehört. Man muss den Leuten offen ins Gesicht sagen können: Wir haben schwierige Zeiten; aber wir kommen da auch wieder raus; dafür muss allerdings jeder etwas tun! - Man muss natürlich den Leuten dann auch sagen, was man tun muss, und nicht einfach nur sagen: Wir müssen halt alle den Gürtel enger schnallen. - Das glaubt einem eh kein Mensch.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen, und Sie sagen mir, ob man die in der Politik braucht?

Dürfen Sie.

Zielgerichtetheit?

Ja. Ohne Ziele ist Politik - gute Politik - nicht möglich. Andererseits muss man in der Politik aber auch flexibel sein, das heißt, von gesteckten Zielen auch mal abweichen können, wenn es erforderlich ist, oder auf anderen Wegen zum Ziel kommen. Zielgerichtetheit also ja, aber nicht im Sinne von ideologischer Verbissenheit.

Idealismus?

Ohne Idealismus machen Sie, glaube ich, relativ wenig. Ohne Idealismus geht man nicht in den Sportverein, ohne Idealismus ist man nicht im Karneval aktiv, und - Entschuldigung - ohne Idealismus funktioniert auch Politik nicht.

Altruismus?

Ich möchte den Menschen kennen lernen, der wirklich altruistisch ist! Ich glaube nicht, dass es auf dieser Welt, vielleicht mal abgesehen von Johannes Paul II. und Mutter Theresa, altruistische Menschen gegeben hat. - Natürlich sollte man als Politiker immer das Gemeinwohl der Menschen im Blick haben. Aber leider ist sich jeder Mensch auch immer selbst am nächsten. Das sollte er zwar in der Politik nicht zwingend sein, aber er sollte sich auch nicht für andere Menschen aufgeben müssen.

Populismus?

Populismus ist ein schwieriger Begriff. Als Populisten kann man denjenigen bezeichnen, der nur die Dinge in den Mund nimmt, von denen er glaubt, dass die Leute sie hören wollen - oder aber denjenigen, der sich auf die Menschen einstellt und versucht, Volkes Meinung wiederzugeben und umzusetzen. Wenn Sie es im letzteren Sinne verstehen, dann ist, denke ich, Populismus schon wichtig, weil schließlich im Grundgesetz steht, dass alle Macht vom Volk ausgeht, und sich das Volk in der Politik auch wiederfinden soll. Wenn ein Politiker in diesem Sinne dem Volk aufs Maul schaut und das berücksichtigt, dann finde ich das richtig. - Wenn er sich aber, nur um Wählerstimmen zu erhaschen, verbiegen lässt und eine Politik verfolgt, hinter der er in Wirklichkeit gar nicht steht, sondern einfach nur Fragen in die Öffentlichkeit wirft (wie Haider in Österreich oder wie auch immer die Rechts- oder Linkspopulisten heißen mögen), dann ist Populismus etwas sehr Schädliches und deshalb auch abzulehnen.

Kompromissbereitschaft?

Die ist überall wichtig. Die ist in der Ehe wichtig, in einer Beziehung wichtig; und die ist natürlich auch in einer Demokratie wichtig. Wir sind in dieser Republik achtzig Millionen Menschen mit achtzig Millionen verschiedenen Meinungen; und da muss man eben sehen, dass man die Mehrheitsmeinung herausfiltert und ihr Geltung verschafft. Diese Mehrheitsmeinung wird nie zu hundert Prozent meine eigene Meinung sein; also muss ich auch immer kompromissbereit sein.

Taktisches Geschick?

Das ist leider in der Politik sehr wichtig. Leider stehen oftmals nicht der Mensch und die Sachpolitik im Vordergrund, sondern taktische Erwägungen. Aber gerade weil es darum geht, sich im politischen Prozess durchzusetzen und Kompromisse zu finden, müssen offenbar gelegentlich solche taktischen Spielchen sein.

Wille zur Macht?

Wer keinen Willen zur Macht hat, wird auch nie bis zur Spitze der Staatsämter gelangen. Wer keinen Willen zur Macht hat, wird vorher zurückstecken. Und wer keinen Willen zur Macht hat, ist eigentlich an der Spitze des Staates auch fehl am Platz. Macht dient ja schließlich auch dazu, sie sinnvoll für die Menschen einzusetzen. - Was allerdings ganz falsch in der Politik ist (und was mir auch immer wieder sauer aufstößt), ist das Festklammern an Macht. Wir haben da durchaus hier in Köln, vor Ort, unsere Beispiele, wo Leute über dreißig Jahre in der Politik sind, also ihre beste Zeit schon hinter sich haben, aber einfach nicht loslassen können und mit allen Tricks und Kniffen daran festzuhalten versuchen, weil sie, auf gut Deutsch gesagt, total machtgeil sind. Und das ist natürlich sehr schädlich.

Charisma?

CDU-Werbematerial Das ist in der Mediengesellschaft auch wichtig. Wir leben leider in einer "Guten Abend RTL"-Gesellschaft. Wer liest - um jetzt mal das ganze Spektrum zu nennen - noch die FAZ, die Welt, die Süddeutsche, die taz? Wer nimmt sich sonntags noch die Welt am Sonntag oder die Zeit vor? Stattdessen knallen sich die meisten von uns abends ab 18.45 Uhr vor den Fernseher, sehen, was die Beckhams, die Junckes dieser Welt machen, und akzeptieren, dass für die Politik nur 5 Minuten bleiben. Da haben es natürlich charismatische Politiker wie Gerhard Schröder leichter, gewählt zu werden, als ein weniger charismatischer Mensch wie Edmund Stoiber. Dabei kann ja ein weniger charismatischer Mensch durchaus die besseren Inhalte haben, aber er kommt damit halt leider in den Medien nicht rüber.
   Das ist so einer der Widersprüche der Politik. Es gibt Eigenschaften, die einen guten Politiker gar nicht ausmachen, die ein Politiker aber braucht, um überhaupt bestehen zu können. Sei das nun Charisma, seien das die taktischen Spielereien, sei es der Wille zur Macht.

Gehört dazu auch die Skrupellosigkeit?

Ein Politiker, der skrupellos ist, darf nicht gewählt werden. Punkt.

Gutes Aussehen?

Das sehe ich ähnlich wie beim Charisma. In unserer Mediengesellschaft kommt es offenbar inzwischen wirklich darauf an, als Politiker gut auszusehen. Schröder gilt zum Beispiel als ein Womanizer; der kommt bei den Frauen gut an; das hat man ja auch daran gesehen, wie viele Frauen ihn gewählt haben. Frau Merkel sieht da vielleicht weniger gut aus; trotzdem macht sie die bessere Politik.

Unverwechselbarkeit?

Ja. - Eigentlich sollte ja jeder Mensch unverwechselbar sein, nicht nur ein Politiker. Aber in der Tat sollte man speziell mit einem Politiker etwas Unverwechselbares, womöglich Einzigartiges verbinden. Ich habe ja vorhin schon gesagt: Politiker müssen authentisch sein, müssen Ecken und Kanten haben. - Allerdings ist diese Unverwechselbarkeit, genauso wie zum Beispiel Charisma, nicht zwingend. Es gibt auch viele gute Politiker, die nicht ganz so unverwechselbar sind. - Unverwechselbar sollte allerdings das Programm der jeweiligen Partei sein, die jemand vertritt!

Müssen erfolgreiche Politiker eigentlich immer männlich sein? Wie stellt sich Ihnen das Thema "Frauen und Politik" dar? Wenn ich hier so an den Ständen vorbeigehe, stelle ich fest: Es gibt einen starken Männerüberschuss. Wie ist das zu erklären?

Also, ich glaube, es ist ein Wahrnehmungsproblem. Frauen sind viel schneller von Politik erschreckt und abgeschreckt, als es Männer sind, weil man mit Politik ja auch immer Macht, Postenschacherei usw. verbindet. Ich denke, Frauen haben diese Angst: In der Politik sind Männerseilschaften, die machen das alles unter sich aus, die drücken dich gegen die Wand, eine eigene Meinung wird nicht zugelassen! Das heißt, dass Frauen politischem Engagement viel reservierter gegenübertreten. - Das Problem haben sogar die super basisdemokratischen Grünen, die ja alle Posten nach Quote - Männlein, Weiblein - besetzen. Bei ihren "50-plus-Leuten" haben die noch genug Frauen, aber wenn ich mir mal die jungen Grünen anschaue, dann haben die die gleichen Mobilisierungsprobleme wie wir auch. - Ich denke, dass es vielfach die Negativbeispiele in den Medien sind, die Frauen abschrecken, sich politisch zu engagieren.

Politik als Sucht

Apropos Medien. Kürzlich lief im Fernsehen ein schöner Film mit dem Titel "Im Rausch der Macht - Süße Droge Politik", in dem Spitzenpolitiker ihre Abhängigkeit vom politischen Geschäft schilderten. Gilt das auch schon für Basispolitiker wie Sie?

Helmut Kohl Ich glaube, dass Politik wirklich eine Sucht ist und auch süchtig macht. Wie Nikotin oder Kaffee oder Alkohol: Wenn man einmal an der Politik geschnuppert hat, wenn man einmal Erfolg mit der Politik gehabt hat, wenn man gemerkt hat, man kann etwas bewegen, man kann etwas verändern, man kann Gesellschaft weiterentwickeln, dann kommt man davon nicht mehr los. Das merke ich jetzt schon nach meinen fünf Jahren in der Jungen Union. Es fällt mir, wenn irgendwann einmal etwas ansteht in der Politik, unheimlich schwer, nein zu sagen - zu sagen: Nee, ich bin heute mal mit meiner Freundin unterwegs.
   Erst recht gilt das für die Leute an der Spitze: Wenn jemand, der dreißig, fünfunddreißig Jahre lang in dieser Form auf einem hohen Niveau - in der Kommune, im Landtag, als Vorsitzender einer Partei - Politik gemacht hat, plötzlich nicht mehr gewollt wird, dann fällt dem das unheimlich schwer, da loszulassen und zu sagen: So, ich ziehe einen Schlussstrich; zum Wohle des Landes, zum Wohle der Partei höre ich auf. Das ist sehr, sehr schwierig.
   Ich habe mir vorgenommen: Wenn ich den Leuten irgendwann mal zu viel bin, mache ich lieber rechtzeitig von mir aus Schluss mit der Politik. Das ist natürlich ein hehrer Wunsch. Ob ich das, wenn es so weit ist, tatsächlich schaffe, das werden wir dann mal sehen.

Woran merkt man denn überhaupt, dass man allmählich gehen sollte?

Man merkt es daran, dass die innerparteiliche Kritik stärker wird, dass sie offener wird, nicht mehr so hinter vorgehaltener Hand stattfindet. Vielleicht sollte man deshalb schon viel früher den Schritt wagen und sagen: Ich gehe dann, wenn's am schönsten ist. - Die Krönung ist wahrscheinlich, dann abzutreten, wenn alle sagen: Das ist aber schade!

Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist das ja seinerzeit gelungen...

Genscher ist das gelungen, ja.

Bundeskanzler Helmut Kohl nicht...

Wenn Helmut Kohl Mitte der 90er Jahre gesagt hätte: Ich gehe! und natürlich zu diesem Zeitpunkt auch jemanden als Nachfolger aufgebaut gehabt hätte, wäre das für die CDU - und aus meiner Sicht auch für das ganze Land - sicherlich das Beste gewesen, ja. Er hat es nicht gemacht. Er hat den Zeitpunkt verpasst. Das ist schade.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

CDU-Stand in Attendorn Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, hat mal ein Politiker gesagt. Wenn man Visionen braucht, dann allenfalls im Sinne einer Vorstellung, wie menschliches Zusammenleben funktionieren soll und was man dafür tun muss, um dieses Zusammenleben zu gewährleisten. Visionen, die pure Träumereien sind, und seien es auch sympathische Träumereien vom Weltfrieden und von vollkommener Harmonie, brauchen wir allerdings nicht.
   Konkret: Ich als CDUler bin durch ein christliches Menschenbild geprägt, das friedliches Zusammenleben und wechselseitige Achtung beinhaltet; darauf basiert dann vielleicht meine "Vision" von Politik. Doch insgesamt, Sie merken es schon, ist mir dieser Begriff zu hochtrabend.

Frisst der politische Alltag denn diese Visionen bzw. Vorstellungen auf?

Nein. Denn das politische Tagesgeschäft arbeitet ja eigentlich diesen Visionen zu.

Mit welchen Argumenten würden Sie denn für das Engagement in diesem politischen Tagesgeschäft werben - speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Da gibt es eigentlich nur ein Argument: Es geht dich selber an! Politik beschäftigt sich mit fundamentalen Fragen, die jeden persönlich berühren. Wer sich da nicht einbringt, der ist selber schuld, wenn der Laden anders läuft, als er es sich vorgestellt hat.

Angenommen, es gäbe die gute Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei: Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Mein größter Wunsch wäre, dass wir eine Staatsverschuldung von null Euro hätten, und zwar in Bund, Land und Kommune und in den Sozialversicherungssystemen. Nordrhein-Westfalen hat 110 Milliarden Euro Staatsverschuldung! Das ist Geld, das Sie zurückzahlen müssen, das ich zurückzahlen muss. Jeden Tag zahlen wir alleine 13 Millionen Euro an Zinsen hier in Nordrhein-Westfalen. Was könnte man mit diesen 13 Millionen nicht alles politisch machen!

Das Interview wurde am 7.5.2005 in Köln geführt. Die Fragen stellten Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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