Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht   Zur Übersicht

Ein Zweikampf

Deutschland im Sommer 2005. Nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder im Deutschen Bundestag die Vertrauensfrage gestellt und wunschgemäß verloren hat, löst Bundespräsident Horst Köhler das Parlament auf. In 299 Wahlkreisen beginnen fieberhafte Vorbereitungen auf einen kurzen, aber heftigen Wahlkampf. Das Gebiet, das - zumindest arithmetisch - in der Mitte liegt, ist der Wahlkreis 150. Er umfasst den Kreis Olpe und Teile des Märkischen Kreises. Hier rechnen sich zwei Kandidaten eine Chance auf ein Direktmandat aus: Hartmut Schauerte, CDU, seit zwei Legislaturperioden mit satter Mehrheit gewählter Bundestagsabgeordneter, und sein Herausforderer Uwe Beul, SPD, der zum ersten Mal antritt.


Im Straßenwahlkampf Herr Beul, Sie sind Bundestagskandidat der SPD im Kreis Olpe bzw. im Märkischen Kreis. Auf Seiten der CDU haben Sie starke Gegner. Bei der vergangenen Landtagswahl fuhr der hiesige CDU-Kandidat landesweit das beste Ergebnis für seine Partei ein, und auch Ihr direkter Kontrahent im Bundestagswahlkampf hat den Wahlkreis zweimal überlegen gewonnen. - Welche Chancen rechnen Sie sich vor diesem Hintergrund aus?

Beul: Die Situation ist sehr schwierig, aber ich habe von Anfang an gesagt, ich will um jede Stimme kämpfen. Deshalb will ich zum Beispiel auch sehr viele Hausbesuche machen. Ich hoffe einfach darauf, dass ich Menschen überzeugen kann, und glaube auch, der bessere Kandidat zu sein und diesen Wahlkreis zu gewinnen.

Ihr CDU-Kontrahent ist sich seiner Sache sicher. Er hat sogar auf einen Listenplatz verzichtet und setzt ganz auf das Direktmandat. Was sagen Sie dazu?

Beul: Das finde ich mutig von Herrn Schauerte. Aus der Erfahrung heraus würde ich an seiner Stelle vielleicht genauso reagieren, aber ich glaube, gewonnen hat er noch nicht. Ich werde bis zum 18. September kämpfen, und ich glaube, dass ich ihn auf dieser Strecke sicherlich ärgern kann. Ob es dann letztendlich zu mehr reicht, werden wir am Wahlabend sehen.

Wie wollen Sie Ihre potenziellen Wähler ansprechen?

Beul: Vorrangig durch ein persönliches Gespräch. Ich habe in den vergangenen Wochen schon 900 Hausbesuche gemacht. Ich werde versuchen, bis zum 18. September 3.000 Hausbesuche zu machen - bei 300.000 Einwohnern in meinem Wahlkreis sicherlich nur ein Bruchteil, aber so etwas spricht sich herum, und ich glaube schon, dass ich darüber Menschen erreichen kann.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit den "Hausbesuchen"? Sind die Menschen eher aufgeschlossen - oder fragen sie mehr oder weniger unverhohlen: Was will der denn hier?

Uwe Beul Beul: Insgesamt ist es eine sehr positive Reaktion, die ich erlebe. Die Menschen freuen sich vom Grundsatz her, dass überhaupt mal jemand vorbeikommt. Das habe ich auch in meinen Kommunalwahlkämpfen immer erlebt. Und die Gespräche sind zu weit über 90 Prozent sehr positiv und konstruktiv.

Einige der Hausbesuche sind ja auch von der Presse begleitet worden. Deshalb unsere Frage: Welche Rolle spielen überhaupt die Medien im Wahlkampf?

Beul: Ich denke, für mich eine ganz große und entscheidende Rolle, weil ich im Gegensatz zu meinem vorrangigen Gegenkandidaten, Herrn Schauerte, nicht so bekannt bin. Da bin ich natürlich darauf angewiesen, dass ich über die Medien - sprich: Presse, oder auch Fernsehen, was mir zum Teil auch vergönnt war - bekannt werde. Deshalb halte ich sie für sehr wichtig und unterstütze sie, wo ich das persönlich kann.

Die Medien dokumentieren - und bestimmen vielleicht auch - zu einem Großteil den Bundestrend für eine Partei. Da sieht es zurzeit für die SPD nicht so rosig aus. Können Sie als "Einzelkämpfer vor Ort" überhaupt dagegen an - oder unterliegen Sie nicht letztlich diesem bundesweiten Trend?

Beul: Natürlich spielt der bundesweite Trend eine Rolle. Ich glaube, dass es mir dadurch auch sehr schwer gemacht wird. Aber ich betone noch einmal ausdrücklich: Ich kämpfe um jede einzelne Stimme, und ich hoffe einfach auch auf die Überraschung, die mir zum 18. September dann gelingen wird.

Können Sie eine kurze Stellungnahme zum Thema WASG bzw. Linkspartei abgeben?

Beul: Ja, das kann ich sehr gerne machen. Ich halte das, was die Linkspartei macht, für Schaumschlägerei, um es mal mit einfachen deutschen Worten zu sagen. Das ist eine Politik ohne Inhalt, die nicht finanzierbar ist und die den Menschen etwas vorgaukelt. Das finde ich persönlich schlimm. Deswegen ist sie grundsätzlich abzulehnen.

Sie haben heute zusammen mit dem Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Kemper, dem Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung, zu einer Wahlkampfveranstaltung ins Centro Don Bosco eingeladen. Was versprechen Sie sich von einer solchen Veranstaltung?

Uwe Beul und Hans-Peter Kemper, MdB Beul: Wir haben in Deutschland viele Zuwanderer, viele Migranten. Auch und gerade hier in Attendorn lebt in einem Baugebiet eine besonders große Zahl von Migranten. Ich verspreche mir einfach davon, im Dialog mit den Menschen und auch mit Herrn Kemper Informationen zu bekommen und weiterzuvermitteln, wie wir als SPD den Menschen helfen wollen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Warum sollte ein Wähler, eine Wählerin Sie wählen?

Beul: Ich antworte jetzt mal als Attendorner: Weil ich hier groß geworden bin, weil ich weiß, was die Menschen bewegt. Ich glaube, dass ich in meinen fast dreißig Berufsjahren alles erlebt habe, was man sich nur vorstellen kann, und als "normaler Mensch" die Interessen der Menschen in unserer Region - im Sauerland wie auch im Märkischen - gut vertreten kann und auch Fürsprecher für sie bin.

Welche Eigenschaften sollte Ihrer Ansicht nach ein Politiker haben, der erfolgreich sein will?

Beul: Er muss in erster Linie ehrlich sein; er muss Klartext reden. Er muss viel wissen. Er muss bereit sein, sich für andere zu engagieren und hierbei insbesondere auch zu den Menschen zu gehen, ihnen zuzuhören, ihre Stimmungen, Meinungen und Argumente - weil ein Politiker ja schließlich von diesen Menschen gewählt wird - in seine Entscheidungen mit einfließen zu lassen und das dann nach Berlin zu transportieren.

Was werden Sie tun, falls Sie nicht in den Bundestag einziehen?

Beul: Ich werde weiter meiner Arbeit als Einrichtungsleiter des Seniorenheims St. Liborius nachgehen, werde mich aber politisch weiterhin stark engagieren, insbesondere auch parteipolitisch, weil ich glaube, dass ich in der Verantwortung und dem Engagement, das ich bisher gezeigt habe, auch, wenn ich nicht gewählt werden sollte, viel bewegen kann. Deswegen werde ich da in jedem Fall weiterarbeiten.


Ob sich auch Hartmut Schauerte ein Leben ohne Bundestag vorstellen kann, erklärt er am Stand seiner Partei in der Attendorner Fußgängerzone.


Hartmut Schauerte (links) im Gespräch Herr Schauerte, dieses Mal haben Sie im Vorfeld der Bundestagswahl auf einen Listenplatz verzichtet und treten ausschließlich als Direktkandidat an. Lieben Sie das Risiko?

Schauerte: Ja, ich liebe das Risiko. Ich bin allerdings auch sehr überzeugt, dass ich wegen meiner guten vorangegangenen Arbeit und meiner langjährigen Treue zur Sache eine gute Chance habe, die Mehrheit in meinem Wahlkreis zu gewinnen.

Ihr hauptsächlicher Gegenkandidat, Uwe Beul von der SPD, hat sich vorgenommen, im Wahlkampf etwa 3.000 Haushalte zu besuchen. Was unternehmen Sie, um den "Kontakt zur Basis" herzustellen oder zu erhalten?

Schauerte: Auch ich mache Hausbesuche. Ich zähle sie nicht. Ich zähle die bei Herrn Beul auch nicht nach, aber ich mache mehr Veranstaltungen als er. Offensichtlich ist die SPD hier so schlecht aufgestellt, dass sie, wenn sie einlädt, keine Zuhörer bekommt. Meine Veranstaltungen sind mit fünfzig, hundert oder zweihundert Leuten besucht; insofern ist bei mir die Veranstaltung auch noch ein wichtiger Gesprächsort, um mit den Bürgern zu diskutieren. Da hat man auch mehr Zeit als beim Hausbesuch.

Welche Bedeutung haben für Sie Wahlkampfstände - so wie hier - in den Fußgängerzonen? Sind die im Fernsehzeitalter nicht völlig überflüssig?

Hartmut Schauerte (links), Uwe Beul (rechts) Schauerte: Nein, ich glaube nicht. Die Leute wollen schon sehen, ob die Politiker noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Und das kann man bei Marktständen gut beweisen. Nicht nur, aber auch. Man lernt viele Menschen kennen. Es gibt auch viele alte Bekannte, die einem wieder begegnen. Es ist ein lockeres Gespräch, mal etwas länger, mal ganz kurz. Ich halte die Stände für nützlich, wertvoll, und sie zeigen die Verbundenheit zwischen den Politikern und den Menschen.

Morgen findet das Fernsehduell Schröder - Merkel statt. Was halten Sie von derartigen Schaukämpfen?

Schauerte: Es kommt gar nicht darauf an, ob ich etwas davon halte. Die Menschen wollen sie haben, und deswegen müssen sie sein. Ich persönlich bin nicht so überzeugt davon, aber sie sind ein Instrument in der Fernseh- und Mediendemokratie, auf das ja wohl keiner ernsthaft verzichten will.

Sind denn die Medien inzwischen eine "vierte Macht" im Staat?

Schauerte: Das sind sie nicht erst seit kurzem, sondern schon viel länger, als man glaubt. Schon immer war die Frage der "Propaganda" sehr beeinflussend; wir brauchen nur sechzig, siebzig Jahre in Deutschland zurückzudenken. In kommunistischen Systemen waren Medien und Presse gelenkt, eine klare Macht. Und auch die freie Presse ist eine Macht.

Bis vor einigen Wochen schien die absolute Mehrheit für eine Koalition aus CDU/CSU und FDP recht sicher. Durch die guten Umfragewerte für die Linkspartei hat sich das inzwischen ein bisschen relativiert. Wie beurteilen Sie diese Partei?

Schauerte: Schlimm. Sie macht reinen Populismus. Sie holt nur Wähler an sich heran, die Denkzettel verteilen wollen. Sie löst nichts. Ihre beiden Spitzenrepräsentanten sind jedes Mal, wenn sie in die konkrete Verantwortung gestellt wurden - als Minister und als Senator -, nach kurzer Zeit zurückgetreten, weil ihnen die Arbeit zu viel wurde. Mit solchen Leuten kann man keinen Staat machen.

Flyer Kann diese Partei denn Frau Merkel schaden?

Schauerte: Sie könnte einige enttäuschte linke Wähler dazu bringen, sie zu wählen, und würde deshalb das Gewicht auf der Waage zwischen links und rechts oder zwischen links und Mitte verschieben. Insoweit kann sie Regierungsbildungen erschweren. Aber ich glaube, sie wird auch wieder abnehmen, weil die Leute, wenn es ernst wird in der Wahlkabine, nachdenklicher sind als in einer Zeit vier, sechs Wochen vor der Wahl, wo man noch locker sagen kann: Denen gebe ich mal meine Stimme, um die andern zu ärgern! Denn die Bereitschaft der Wähler, sich durch eine fehlerhafte Stimmabgabe selbst zu schädigen, ist Gott sei Dank doch relativ niedrig.

Wem schadet Ihrer Meinung nach die Linkspartei mehr - der SPD oder der CDU?

Schauerte: Ganz eindeutig der SPD. Die hat ja zehn Punkte gegenüber ihren früheren Ergebnissen verloren. Die Linkspartei bindet im Wesentlichen Wähler von der SPD. - Uns schadet sie nur indirekt. Sie nimmt uns keine Wähler weg, aber sie erhöht das Gewicht der linken Wähler auf der anderen Seite.

Was halten Sie von einer Großen Koalition?

Schauerte: Nichts.

Können Sie das näher erläutern?

Schauerte: Weil sie immer nur der kleinste gemeinsame Nenner ist. Wir brauchen klare Mehrheiten, klare Zuständigkeiten, klare Verantwortung. Unser Staat leidet darunter, dass die Bürger kaum noch unterscheiden können: Wer ist eigentlich für welche Entwicklung in Deutschland verantwortlich? Selbst eine kleine Koalition verwischt da schon die Verantwortlichkeiten. - Es gibt weitere Gründe: Ich habe die Große Koalition von 1966 bis 1969 sehr intensiv erlebt, ich war da schon nah an der Politik in Bonn und habe auch da schon die Erfahrung gemacht: Eine solche Koalition taugt nicht zur Lösung unserer Probleme.

Im Straßenwahlkampf Sie gelten in der CDU als - Zitat: - "wichtiger Strippenzieher" im Hintergrund. So sieht es jedenfalls die WDR-Sendung "Westpol". Reizt Sie nicht auch mal ein Amt in der ersten Reihe?

Schauerte: Ich weiß nicht, ob ich ein "wichtiger Strippenzieher im Hintergrund" bin; das ist deren Interpretation. Ich habe Einfluss in der Politik und in der Partei, und diesen Einfluss will ich ausbauen. Da ist es mir egal, ob ich das in vorderster Front oder im Hintergrund mache. Wichtig ist, dass die Dinge, die ich für richtig halte, mehr oder weniger gemacht werden. Dabei kommt es nicht auf die Frage an, ob man da als Staatssekretär oder Minister vorne steht oder ob man als stellvertretender Fraktionsvorsitzender Entscheidungen beeinflusst. Die Hauptsache ist, man kann sie beeinflussen. Ich bin nicht eitel - oder nur wenig eitel...

Warum soll ein Wähler, eine Wählerin Hartmut Schauerte wählen?

Schauerte: Weil ich von den Kandidaten, die sich hier im Wahlkreis anbieten, die mit Abstand größte politische Erfahrung habe. Weil ich sehr viel gelernt habe im Umgang mit den Aufgaben, die vor uns stehen. Denn es ist eine verdammt schwere Aufgabe, 82 Millionen Menschen in einen politischen Rahmen zu stellen, in dem sie erfolgreich arbeiten können und zufrieden sind.

Angenommen, Sie gewinnen Ihr Direktmandat nicht. Was machen Sie dann nach der Wahl?

Schauerte: Dann würde ich mich erstens sehr wundern. Zweitens würde ich nach der Wahl meinen alten erlernten Beruf Rechtsanwalt wieder aufnehmen und sehr viel mehr Geld verdienen.

Die Interviews wurden am 23.8. und 3.9.2005 in Attendorn geführt. Die Fragen stellte Anna Carla Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter