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Interview

Guido Kahlen   Guido Kahlen,
Jahrgang 1948,
Mitglied der SPD,
Stadtdirektor der Stadt Köln

Persönlichkeitsmerkmale

Herr Stadtdirektor, welche Eigenschaften sollte jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

Der muss sehr gut zuhören können. Er muss Anregungen aufnehmen können und muss dann auch sehr gut mit anderen Politikern über die bestmögliche Lösung reden können. Zuhören - kreative Lösungen entwickeln - kommunikativ ganz hervorragend sein: Das sind die wichtigsten Voraussetzungen.

Darf ich Ihnen einige Eigenschaften nennen - und Sie sagen mir dann, ob man sie braucht?

Ja...

 




Zielgerichtetheit?

Ja. Der würde ich eine ganz hohe Note geben. Wenn im politischen Diskurs ein Ziel erkannt ist, dann kommt es, in der Abwägung von Alternativen, wirklich darauf an, da hinterher zu sein, dass man dieses Ziel auch erreicht.

Idealismus?

Ohne Idealismus geht es nicht.

Altruismus?

Das ist ganz selbstverständlich. Entscheidend sind ja das Gemeinwesen und die Interessen der Allgemeinheit. Wir haben sehr oft abzuwägen zwischen den Einzelinteressen - einzelner Personen, einzelner Unternehmungen, einzelner Vereinigungen, einzelner Organisationen -, und die müssen wir mit dem allgemeinen Anspruch in Verbindung setzen: Was bringt unser Gemeinwesen voran? Woran muss unser Gemeinwesen arbeiten? Diese Gemeinwohlziele sind die wichtigsten.

Populismus?

Da muss man ganz deutlich unterscheiden können: Was ist Populismus - und was sind wirkliche Ziele?

Kompromissbereitschaft?

Ja. Wir haben heute nicht mehr die klaren Mehrheiten in der politischen Diskussion. In dem Ringen um die besten Zukunftsentwicklungen muss man zuhören können und muss man möglicherweise eigene Forderungen, eigene Ansprüche und eigene Ideen auch noch mal kritisch auf den Prüfstand stellen. Dann hat man wahrscheinlich auch ganz schnell den Kompromiss.

Taktisches Geschick?

Es ist manchmal nicht schlecht, es zu haben. Aber es ist nur sekundär.

Wille zur Macht?

Ich glaube, dass Sie so etwas brauchen. "Macht" heißt, den Versuch zu unternehmen, Ziele, die man für richtig hält, im Ergebnis dann auch umzusetzen. Ohne Umsetzung sind die besten Ziele nichts, und da brauchen Sie dann in der Tat auch ein bisschen Machtbewusstsein.

Charisma?

Das hilft. Wenn Sie Leute überzeugen wollen - etwa: Welches sind die Ziele des Gemeinwesens oder auch die Ziele in bestimmten Bereichen, zum Beispiel in der Bildung (Stichwort: Bildungschancen)? -, dann tritt dieses politische Ziel in Wettbewerb mit anderen Zielen (der Reform von Sozialversicherungssystemen beispielsweise) und dann müssen Sie überzeugen können, warum in der Abwägung möglicherweise Bildung die Priorität Nummer eins kriegt. Und da hilft Charisma.

Skrupellosigkeit?

Das merken die Leute. Da brechen Sie mit Ihrer eigenen Überzeugung: Skrupellosigkeit ist ja das Hinwegsetzen über bestimmte Grenzen. Die Menschen brauchen jedoch Leute, die wirklich nachdenken, die abwägen können, die nicht irgendwelche Sachen einfach wegradieren. Skrupellosigkeit wird ganz schnell entlarvt.

Gutes Aussehen?

Ich glaube nicht. Die Inhalte sind wichtig. Aussehen ist sekundär.

Medienwirksamkeit?

Gehört heute dazu, weil der politische Kommunikationsprozess so wichtig ist. Wir müssen ja auch unpopuläre - nicht populistische - Ziele erreichen. Wir müssen unter Umständen ein Gemeinwesen, sei es eine Stadt oder ein ganzes Land, darauf aufmerksam machen, dass wir nicht genug Geld haben, um bestimmte Reformen anzuschieben. Da müssen wir auch mal lieb gewordene Entwicklungen und Errungenschaften, die wir bisher hatten, zurücknehmen und uns zum Teil auf unsere Kernaufgaben zurückbesinnen. Und um dies zu vermitteln, kommt man, glaube ich, ohne mediale Überzeugungskraft nicht aus.

Unverwechselbarkeit?

Es wird immer schwieriger, unverwechselbar zu sein. Heutzutage liegen die verschiedenen Entwürfe zur Gestaltung unseres Gemeinwesens oft sehr eng beieinander. Wenn Sie zum Beispiel die Große Koalition in Berlin angucken, dann sind da natürlich ganz unterschiedliche Positionen zweier großer Parteien für einen politischen Auftrag zusammengefasst worden. Da ist es dann schwierig, Unverwechselbarkeit auszumachen, nämlich die Ziele von Solidarität und Gerechtigkeit einer christlich orientierten Volkspartei und einer sozialdemokratisch orientierten Volkspartei auseinander zu halten.

Welchen Fehler sollte ein Politiker auf keinen Fall machen?

Unehrlich sein. Er muss Wahrheiten sagen können. Die Menschen wissen viel zu genau, wo die Probleme sind. Und wenn man sich diesen Problemen nicht stellt, wenn man Probleme möglicherweise zu positiv darstellt, wird das sofort erkannt. Unehrlichkeit wäre also ein großer Fehler.

Welche Fehler haben Sie bereits gemacht?

Ich bin furchtbar ungeduldig. Ich weiß, dass man für bestimmte Ziele die Kolleginnen und Kollegen mitnehmen muss; und für diesen Prozess nehme ich mir manchmal zu wenig Zeit.

Politisches Tagesgeschäft

Wie sind Sie überhaupt zur Politik gekommen?

In einer Stadt können Sie die gesellschaftlichen Veränderungen tagtäglich erleben. Jeder Baukran, jede Baustelle steht für Veränderungsprozesse. Wenn Sie eine Schule sanieren, wenn Sie dort einen Anbau machen, wenn Sie Fachräume einrichten, genauso wenn Sie eine U-Bahn bauen, heißt das immer: bessere Lebensbedingungen. Das können Sie in der Stadt am schnellsten beobachten, und Sie kriegen auch am ehesten die Kritik mit, ob das gut ist, ob das Perspektive hat, was Sie machen, oder ob Sie etwas falsch machen. Und diese Entwicklungsmöglichkeiten in der Stadt mit beeinflussen zu können hat mich dazu gebracht, mich politisch zu engagieren.

Ist (bzw. war) Politiker Ihr Traumberuf?

Ich bin nicht der typische Politiker. Ich bin nicht vom Volk in Kommunalwahlen, sondern vom Stadtrat gewählt worden. Aber die Möglichkeit, hier politisch für die Weiterentwicklung von Köln zu arbeiten, ist natürlich sehr reizvoll.

Können Sie sich vorstellen, dass Politik süchtig macht?

Es gibt das Phänomen. Sie kennen vielleicht das Buch eines bekannten Spiegel-Autors - "Höhenrausch". Es ist, glaube ich, jetzt seit zwei Jahren auf dem Markt, und in seinen Porträts wird deutlich, dass man in der Tat bei Politikern bestimmte Suchtmomente erleben kann. Das ist unbestritten. Ich für meinen Teil plädiere dafür, die Bodenhaftung zu halten, sonst können Sie an der Diskussion von politischen Zielen nicht ernsthaft mitwirken. Je weniger Bodenhaftung man hat, desto schwieriger wird es für die Ziele - und desto schwieriger wird es vor allem, nach einer bestimmten Zeit ins normale Leben zurückzukehren. Sie wissen: Politische Mandate sind immer Mandate auf Zeit.

"Kölscher Klüngel"

"Kölscher Klüngel": Was fällt Ihnen dazu ein?

Der Begriff ist leider in der Vergangenheit mit problematischen Belegen öffentlich geworden. Aber die problematischen Fälle haben dazu geführt, dass hier in Köln neue Wege beschritten worden sind. Es ist deutlich geworden durch verschiedene Skandale, dass wir uns das nicht weiter leisten können. Da ist bei vielen - auch bei Parteien - ein Besinnungsprozess eingeleitet worden. Die haben auch neue Köpfe in Verantwortung hineingebracht. Diese Köpfe stehen nicht mehr für den schlechten "Kölner Klüngel".
   Ansonsten gibt es aber einen Bereich, der ist, glaube ich, positiv: Wenn man zusammensteht und Lösungen findet - nicht zu Lasten von Dritten, sondern im Interesse des Gemeinwesens -, dann ist dieses Zusammenarbeiten gut. Das ist in allen Städten so üblich. Das wird möglicherweise hier in Köln als Klüngel bezeichnet. Aber wenn es nicht zu Lasten von Dritten ausfällt und wenn es vor allem nicht zu Lasten des Gemeinwesens geht, dann kann man das machen.

Wie würden Sie einem Zugereisten den Begriff "Klüngel" erklären?

Dass man hart an Lösungen arbeitet und wegen des gemeinsamen Ziels, eine Stadt nach vorne zu bringen, sich wirklich auch schnell verständigt. Aber entscheidend ist natürlich: nicht zu Lasten der Ziele der Allgemeinheit!

Kommt Politik ohne "Klüngel" aus?

Im positiven Sinne gehört dieses Miteinander-Reden, dieses Miteinander-Ringen und Sich-schnell-Verständigen zum politischen Handwerkszeug dazu.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja - weil wir alle Visionen brauchen. Politiker unterscheiden sich da nicht vom Rest der Menschen. Wir sind in einem wahnsinnigen Veränderungsprozess, und wir verlieren bei der Geschwindigkeit des Prozesses manchmal die Orientierung. Dann kommt es darauf an, Ziele zu formulieren - durchaus auch schwierige Ziele. Und für die richtige Zielansprache muss ich eine Vision haben, selbst wenn ich weiß: Die kann innerhalb einer bestimmten Zeit gar nicht realisiert werden. Aus dieser langfristigen Zielansprache - Wo bewegen wir uns hin? Wohin bewegt sich eine Gesellschaft, eine Stadt, auch: eine Schule? - lassen sich dann konkrete Feinziele ableiten. Ohne eine Vision können Sie diese Ziele bzw. Feinziele nicht formulieren.

Frisst der politische Alltag die Visionen manchmal auf?

Ja. Es ist leider so, dass wir an unheimlich vielen Stellschrauben drehen - sehr kleinschrittig, oft zu kleinschrittig - und dass wir darüber das langfristige Nachdenken über unsere Ziele verlieren. Das hängt natürlich auch ein bisschen damit zusammen, dass wir durch die Finanzknappheit eine Art eingebaute Bremse haben. "Visionen" bedeuten im Ergebnis große Veränderungen, und Reformen und große Veränderungen brauchen Geld - und dann werden sie mit der harten Wirklichkeit konfrontiert, dass wir davon viel zu wenig haben. In der Tat: Da bleibt dann manchmal zu wenig für Visionen übrig.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Ich höre auf!?

Ich habe den Vorteil, dass ich in das Amt als Jugenddezernent, auch als Vertreter des Herrn Oberbürgermeisters, als Stadtdirektor gewählt worden bin und noch sieben Jahre vor mir habe. Insoweit bin ich nicht der klassische Politiker, der vielleicht irgendwann resigniert und an seinen Visionen zerbricht. Ich arbeite in der Stadtverwaltung; dort haben wir noch genügend Aufträge für die nächsten Jahre. Und wenn ich, was vielleicht auf uns alle zukommt, noch länger arbeiten müsste, dann würde ich auch noch länger arbeiten.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde sofort die Städte von ihren finanziellen Schulden freistellen, das heißt, einen Schuldenerlass in die Wege leiten. Wir geben von unseren laufenden Einnahmen zu viel Geld aus, um Kredite zu bezahlen, die wir in der Vergangenheit aufgenommen haben, um die Infrastruktur zu verbessern. Das kostet allein bei uns 170 Millionen Euro im Jahr. Wenn wir diesen Betrag für neue Projekte frei hätten, dann wäre das, glaube ich, die beste Basis, die wir uns wünschen könnten.

Das Interview wurde am 27.10.2006 während des "Jugendforums NRW" in Köln geführt. Die Fragen stellte Kerstin Rüenauver.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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