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Auftritt der Etablierten

Nordrhein-Westfalen, Frühjahr 2005, Wahlkampfzeit. Die Zeit, in der es Politiker in die Fußgängerzonen verschlägt. In der Provinz, in Olpe im Sauerland, steht der grüne Landtagsabgeordnete Johannes Remmel. Sein Infostand hat das Thema Solarenergie. Das Interesse der Passanten ist mäßig.


Johannes Remmel Sie sind hier im Straßenwahlkampf. Der ist ja so ein bisschen ein Gegensatz zum Fernsehwahlkampf. Provozierend gefragt: Wenn Sie jetzt hier stehen und möglicherweise Stimmen gewinnen, kommt das nur annähernd an das heran, was durch einen Visa-Ausschuss-Auftritt von Joschka Fischer im Fernsehen gewonnen oder auch verloren werden kann?

Remmel: Ich glaube, dass es nötig und richtig ist, nicht nur in den Wahlkampfzeiten auf der Straße zu stehen, mit den Menschen Kontakt zu haben, zu diskutieren, weil man so nah wie auf der Straße sonst nie an die Menschen herankommt. Das Fernsehen oder die Zeitung als Filter dazwischen sind da nur zweite Wahl. Und erste Wahl ist es tatsächlich, mit den Leuten zu reden. Deshalb stehen wir auf der Straße.

Wie sehen Sie es hier in Olpe: Ist das eher Zuspruch, Ablehnung oder Gleichgültigkeit, was Sie hier so erleben?

Remmel: Es ist von allem etwas dabei. Es gibt Menschen, die offen sind, die auch für unser Energiethema offen sind, die sich dafür interessieren, die darüber einen Zugang bekommen. Es gibt andererseits Menschen, die zucken mit den Schultern. Aber die meisten nehmen zumindest etwas zu lesen mit. Es geht ja darum, einen ersten Kontakt zu haben, ein erstes Gespräch zu führen und eventuell den Ärger, aber auch die Zustimmung der Passanten mitzunehmen. Das ist durchwachsen heute Morgen, aber das ist an fast allen Ständen so.


15 Kilometer weiter, in Attendorn, präsentiert sich die SPD. Landtagskandidat Reinhard Jung verteilt rote Ostereier an die Passanten.


Herr Jung, Sie stehen hier am SPD-Infostand in der Attendorner Fußgängerzone. Sind die Parteien nicht durch das Fernsehen schon so bekannt, dass man gar keine Stände mehr braucht?

Reinhard Jung (links) Jung: Man muss diese Stände haben, weil ich - das ist meine persönliche Meinung - einfach den Kontakt zu den Menschen auf der Straße haben will und auch haben muss. Denn es nutzt mir nichts, wenn ich irgendwo in Düsseldorf oder in Berlin sitze und nicht weiß, was wirklich unten auf der Straße los ist. Denn da ist die Politik, da sind die Leute, die auch wählen; und die wählen nach dem, was sie auf der Straße erfahren, und zwar von den Politikern. Und wer davon fern bleibt, der kann meiner Meinung nach auch nicht gewählt werden, weil er die Nähe zu den Menschen, die Nähe zur Straße verloren hat.

Wen erreichen Sie denn hier auf der Straße - nur Ihre Wähler, die Sie sowieso schon haben, sprich: die SPD-Sympathisanten, oder unter Umständen auch andere?

Jung: Ich komme aus Schönau in der Nähe von Wenden. Ich kenne hier zwar einige Leute, und zwar Genossinnen und Genossen, aber was ich hier heute Morgen erlebt habe, ist phänomenal. Ich spreche Leute an, die mir unbekannt sind, und die lassen sich gern auf ein Gespräch ein, sind wissbegierig, und deshalb spricht man eigentlich jeden an, und zwar nicht nur die Genossen, die man so oder so irgendwann mal immer wieder trifft, sondern wirklich die Menschen, die ein Bedürfnis haben, die Fragen haben und die auch gerne zu einem Gespräch bereit sind.

Welche Eigenschaften sollte Ihrer Ansicht nach ein guter Lokalpolitiker haben?

Jung: Ich denke, menschennah zu sein. Diesen Anspruch erhebe ich für mich auch, weil: Ich bin bodenständig, und ich bin bei den Menschen - bei den Menschen und nicht über den Menschen.

Apropos "über" den Menschen. Sie haben aber doch offenbar Ambitionen. Sie wollen durchaus auch höher hinaus...

Jung: Ja, natürlich. Das ist mein Ziel. Ich will in den Landtag. Aber dazu muss ich die Menschen kennen, dazu muss ich die Probleme kennen, und nur dann, wenn ich die Probleme kenne, kann ich auch im Landtag, wenn ich denn da sein sollte, etwas für die Menschen tun.


Auch die Grünen sind in Attendorn präsent. Landtagskandidat Gerd Sauer brät Frühlingspuffer aus biologischem Anbau.


Gerd Sauer Herr Sauer, Sie stehen hier in Attendorn. Attendorn ist nicht gerade die Hochburg der Grünen. Wie fühlen Sie sich?

Sauer: Ich fühle mich sehr gut. Es ist erstens gutes Wetter. Die Leute sind sehr nett. Man kann mit vielen Leuten reden. Attendorn ist nicht die Hochburg, aber Attendorn ist ein interessantes Pflaster für uns.

Wie beurteilen Sie denn überhaupt den Straßenwahlkampf? Ist das eher lästige Pflicht oder durchaus effektiver Einsatz von Kräften?

Sauer: Es ist sowohl Pflicht; es macht aber auch Spaß. Man kann nirgendwo so viele Menschen erreichen, mit so vielen Menschen sprechen wie auf der Straße, auf dem Marktplatz, heute zum Beispiel, wo, wenn Markt ist, Hunderte, Tausende herumlaufen. Ich finde, das ist schon sehr effektiv, selbst wenn man nicht mit jedem reden kann. Jeder sieht, dass wir da sind, jeder weiß, wir setzen uns ein und wir machen etwas. Jeder, der uns hier sieht, hat auch die Möglichkeit, uns anzusprechen. Insofern ist das wesentlich effektiver, als irgendwo eine Geschäftsstelle in irgendeinem Ort zu haben und in irgendeinem Büro zu sitzen.

Jetzt ist ja dieser Wahlkampfstand ein bisschen anders als andere. Hier werden keine Luftballons oder Fähnchen verteilt. Vielleicht sagen Sie kurz etwas dazu.

Sauer: Wir haben uns gedacht, mal etwas anderes zu machen. Wir machen "Appetit auf Grün" und machen heute Frühlingspuffer, aus biologischem Anbau, mit Möhren, Zwiebeln usw.; die werden hier gebraten und verteilt, mit Kräuterquark. Da gibt es ganz eigenartige Reaktionen. Man kommt ganz anders in ein Gespräch, als wenn man da Luftballons oder ein Windrad verteilt. Sie wissen ja: Liebe geht durch den Magen. Insofern ist das, glaube ich, eine ganz gute Idee gewesen...


Ein paar Tage später. Bei strömendem Regen fährt der Tourbus der Jungen Liberalen auf dem Marktplatz vor. Die Kandidaten Nicole Hilchenbach und Stefan Westerschulze werben für sich und für die FDP.


Wir haben viele Politiker gefragt, welches ihr Idealtypus von Politiker ist. Die meisten sagten, man sollte nicht zu jung in die Politik gehen. Nun sind Sie noch nicht so besonders alt. Wie würden Sie darauf antworten?

Nicole Hilchenbach und Stefan Westerschulze mit Tourbus Hilchenbach: Ich sehe es so, dass ein Parlament die Interessen der Bevölkerung, der Bürger vertreten sollte. Und da eine Gesellschaft nun mal aus Alt und Jung besteht, finde ich, dass es dazu gehört, dass sich durchaus auch junge Menschen in der Politik engagieren und in Landtagen oder auch im Bundestag vertreten sind.

Herr Westerschulze, Sie sind jetzt hier mit dem JuLi-Tourbus unterwegs. Wie viele Kilometer sind Sie bisher gefahren?

Westerschulze: Mittlerweile bestimmt schon dreieinhalbtausend Kilometer in drei Wochen. Wir haben bis zum 22. Mai jetzt genau noch zwei Wochen vor uns. Da werden es bestimmt noch mal ähnlich viele Kilometer, so dass wir am Ende der Tour bestimmt sechs-, siebentausend Kilometer abgefahren haben werden.

Welche Funktion hat der Tourbus? Ist das nur Bagagewagen - oder was soll er sonst?

Westerschulze: Er ist natürlich auch Bagagewagen, aber in erster Linie Blickfang im Straßenwahlkampf. 90 Prozent der Termine mit dem Tourbus sind tatsächlich Straßenwahlkampftermine. Wir finden uns also dann in den Städten an zentralen Punkten ein und versuchen dort, den Blick auf die FDP, auf die Jungen Liberalen zu richten, um Präsenz im Wahlkampf zeigen zu können.


Szenenwechsel. Köln, Schildergasse. Hier steht das Infomobil der CDU. Wir sprechen mit Hans-Peter Bröhl und Christiane Germann vom Vorstand der örtlichen Jungen Union.


Sie stehen jetzt hier sogar mit einem eigenen Wohnwagen in der Fußgängerzone in Köln, im Straßenwahlkampf für die CDU. Erste Frage: Bringt das überhaupt etwas - oder bestimmt nicht das Fernsehen, wer die Wahl gewinnt?

Hans-Peter Bröhl (Mitte) Bröhl: Ich denke schon, dass der Straßenwahlkampf an sich sehr viel bringt. Beim Straßenwahlkampf geht es ganz einfach um Mobilisierung. Man muss den Leuten zeigen, dass man da ist, dass man sich einsetzt. Es geht nicht einmal so sehr darum, mit den Leuten zu diskutieren und über Konzepte zu sprechen, sondern die Leute müssen einfach das Gefühl haben: Da tut sich was, da sind Leute, die engagieren sich, die setzen sich ein und sind überzeugt von ihrer Sache, das ist eine schöne Sache. Und vor allen Dingen: Die Leute merken: Es ist Wahl. Wir haben ja oft das Mobilisierungsproblem, gerade in Nordrhein-Westfalen. In Köln haben wir bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr eine Wahlbeteiligung von 56 Prozent gehabt. Das ist aus meiner Sicht sehr unschön, denn da verliert für mich eine Regierung bzw. eine Selbstverwaltung ein bisschen ihre Legitimation. Da müssen wir ganz stark daran arbeiten, dass wir in Nordrhein-Westfalen mal wieder über die 70-Prozent-Marke Wahlbeteiligung drüberkommen. Und deshalb sind Mobilisierungsaktionen sehr, sehr wichtig.

"Frauen und Politik". Wenn ich hier so an den Ständen vorbeigehe, stelle ich fest: Es gibt einen starken Männerüberschuss. Wie ist das zu erklären?

Germann: Wie das zu erklären ist, wissen wir selber nicht. Wir haben in der Jungen Union eine etwas höhere Frauenquote als in der CDU, wir haben 37 Prozent. Wir fragen uns selber, warum es so wenige sind. Wir sprechen Frauen genauso an, Frauen kriegen genauso Posten wie Männer. Es sieht einfach so aus, als ob sich Frauen weniger für Politik interessieren, was sehr schade ist.

Bröhl: Also, ich glaube, es ist tatsächlich ein Wahrnehmungsproblem. Frauen sind viel schneller von Politik erschreckt und abgeschreckt, als es Männer sind, weil man mit Politik ja auch immer Macht, Postenschacherei usw. verbindet. Ich denke, Frauen haben diese Angst: In der Politik sind Männerseilschaften, die machen das alles unter sich aus, die drücken dich gegen die Wand, eine eigene Meinung wird nicht zugelassen! Das heißt, dass Frauen politischem Engagement viel reservierter gegenübertreten.


Ein paar Meter weiter, am Neumarkt: der Glascontainer der FDP. Auskunft geben Benedikt Vennemann und Gabor Vago.


Bringt es denn überhaupt etwas, hier in der Fußgängerzone zu stehen, oder finden der Wahlkampf und die Entscheidungen über die Wahl im Prinzip im Fernsehen statt?

Gabor Vago (Mitte) und Benedikt Vennemann (rechts) Vennemann: Wenn es nichts bringen würde, würde ich hier nicht stehen. Ich denke schon, dass es etwas bringt. Man kommt ins Gespräch mit verschiedenen Leuten, mit interessierten Menschen, die sich noch unschlüssig sind, oder auch mit solchen, die sagen: Ich wähle euch sowieso, ich wähle euch immer! - Ich denke, es ist wichtig, einfach präsent zu sein - dass man sieht, die FDP ist auch hier in Köln vor Ort.

Vago: Dieser Präsenzgedanke ist sehr wichtig. - Richtig ist natürlich: Die Medien haben die Macht. Ein solcher Stand wie unserer kann nur kleine Dinge bewegen. Ein großer Zeitungsartikel auf der ersten Seite bewegt natürlich mehr als so ein Stand. Doch es ist andererseits für uns auch Spaß. Mir persönlich macht es Spaß, in Kontakt mit den Leuten zu kommen. - Was mich als Wähler dann allerdings vielleicht frustrieren würde, das ist, dass die Parteien solche Stände leider nur vor Wahlen machen dürfen. Da würde ich mir mehr Spielraum für die Parteien wünschen. Man erlebt hier oft Situationen, dass jemand sagt: Ja, ihr steht ja nur hier, wenn ihr unsere Wählerstimme haben wollt, und sonst interessiert ihr euch gar nicht für uns und informiert uns gar nicht! - Insofern finde ich es eigentlich schade für die Wahlkämpfer und auch für die Parteibasis, dass wir so selten die Möglichkeit haben, mit dem Bürger in Kontakt zu treten. Wir würden gerne öfter hier stehen, wenn es die Möglichkeit gäbe, aber es gibt die Möglichkeit leider nicht.


Zurück nach Attendorn. Juso-Mitglied Katharina Opalka mobilisiert acht Tage vor der Wahl letzte Kräfte.


Reinhard Jung, Christian Pospischil, Katharina Opalka Frau Opalka, eine Woche vor der Wahl: Es sieht nicht so toll aus für die SPD. Warum stehen Sie hier?

Opalka: Weil ich immer noch der Ansicht bin, dass die SPD eine Chance hat, die Wahl zu gewinnen, und weil ich es für richtig halte, die Leute zu informieren. Und außerdem macht Straßenwahlkampf, wenn es nicht gerade regnet, ziemlich viel Spaß.

Sie sind Mitglied der Jusos. Wozu braucht eine Partei eine Jugendorganisation? Warum steigt man nicht gleich in die Partei ein?

Opalka: Erstens: Ich bin sowohl in der Partei als auch bei den Jusos. Im Übrigen wird eine Jugendorganisation auf jeden Fall gebraucht, weil in allen Parteien der Altersdurchschnitt relativ weit oben liegt. Ohne Jugendorganisationen würden die Alten entscheiden - vielleicht auch manchmal an den Jungen vorbei. Und außerdem muss es immer jemanden geben, der der großen Partei sagt, wo es eigentlich lang geht...


Siegen. Zwei Tage vor der Wahl. Umweltministerin Bärbel Höhn im Endspurt.


Bärbel Höhn Sie sind jetzt gerade hier in Siegen mit Joschka Fischer zusammen in einer Großveranstaltung gewesen. Meinen Sie nicht, dass letztlich das Fernsehen die Wahl entscheidet? Inwiefern haben Sie das Gefühl, dass solch eine Wahlkampfveranstaltung wie heute die Leute mobilisiert?

Höhn: Die Leute mobilisiert das, glaube ich, schon. Weil: Es war eine gut besuchte Veranstaltung, und so eine Live-Veranstaltung ist etwas vollkommen anderes als irgendetwas, was man im Fernsehen sieht. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass alle, die hier waren, grün wählen. Aber sie werden darüber nachdenken, und es wird diejenigen, die Interesse daran haben, grün zu wählen, schon motiviert haben. Solche großen Veranstaltungen sind absolut wichtig.

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Die Interviews wurden zwischen dem 19.3. und dem 20.5.2005 geführt. Die Fragen stellte Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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