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Interview

Christian Pospischil   Christian Pospischil,
Jahrgang 1981,
Mitglied des Rats der Stadt Attendorn (SPD)

Kommunalpolitik

Herr Pospischil, 1999 sind Sie hier in Attendorn als SPD-Kandidat in den Stadtrat gewählt worden. Damals waren Sie einer der jüngsten Ratsherren Deutschlands. Wie kam es dazu?

Christian Pospischil Ich bin eigentlich immer im Begriff gewesen, in die SPD zu gehen. Konkret eingetreten bin ich dann im August 1998, das war kurz vor Schröders erstem Wahlsieg. Damals war ich siebzehn. Damit war ich eins der jüngsten Mitglieder im Ortsverein. Es war mir allerdings auch wichtig, dass ich parteipolitisch aktiv werde, und gerade in der Euphorie vor der Wahl habe ich das dann in die Tat umgesetzt.

Warum sind Sie gerade in die SPD gegangen?

Ich bin da vielleicht familiär etwas vorbelastet, weil mein Vater in der Postgewerkschaft aktiv war. Schon deshalb kam für mich eigentlich nur die SPD in Frage. Und wenn ich einen sachlichen Grund nennen soll, warum es gerade die SPD war, dann würde ich sagen, dass die SPD die einzige Partei ist, die soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg verbindet.

Sie sind ja dann recht schnell sehr aktiv geworden...

Ja, ich habe damals zum Beispiel am Wahlprogramm der SPD für die Kommunalwahl 1999 mitgearbeitet. Da war ich mit Abstand der Jüngste.

Das heißt aber, Sie haben sich von Anfang an kommunalpolitisch ausgerichtet.

Nein, keineswegs. Mich hat eigentlich immer mehr die Bundespolitik, speziell der Bundestagswahlkampf, interessiert. - Es gibt aber dann, wenn man erst einmal in so einem Ortsverein der SPD gelandet ist, keine andere Möglichkeit, als sich zunächst mal kommunalpolitisch zu engagieren, weil Kommunalpolitik ja nun schließlich auch die Aufgabe der Partei vor Ort ist. Das habe ich dann auch gemacht; und ich habe eigentlich sehr schnell erkannt, dass Kommunalpolitik für die Allgemeinheit auch sehr wichtig ist, selbst wenn man sich nur um die Schlaglöcher in den Straßen kümmert. Natürlich gibt es da ja auch noch eine ganze Reihe von anderen Aufgaben, die sehr viel wichtiger sind, zum Beispiel unsere Schullandschaft in Attendorn.

War bei Ihrem kommunalpolitischen Engagement die Tatsache, dass Sie noch relativ jung sind, eher hinderlich oder eher förderlich?

Es gab vor der Kommunalwahl, durch die ich in den Stadtrat gekommen bin, durchaus Leute, die meinten: Der wird nicht richtig ernst genommen, weil er noch so jung ist, und wird deshalb die Wahl verlieren, weil ihm die Leute nicht so vertrauen wie einem "alten Hasen". Diese Einschätzung hat sich aber dann als völlig falsch erwiesen. Es war im Gegenteil sogar so, dass viele gesagt haben: Wir finden es gut, dass auch mal ein junger Mensch kandidiert, und deshalb wählen wir ihn dann auch und geben ihm eine Chance.

Und wie haben die Leute überhaupt erfahren, dass da ein "junger Mensch" kandidiert?

Ich habe wirklich in jedem Haushalt in meinem Wahlbezirk einen Hausbesuch gemacht, sofern ich die Leute angetroffen habe. Da habe ich mich dann kurz vorgestellt, in ein, zwei Sätzen die Punkte unseres Programms genannt und außerdem kurz angerissen, was ich in dem Bereich tun wollte, in dem die Leute gelebt haben. Wenn da zum Beispiel ein Spielplatz gebaut oder der Verkehr beruhigt werden sollte, dann habe ich das kurz thematisiert.

War diese Begegnung mit den Bürgerinnen und Bürgern, dieses "Klinkenputzen", einfach - oder mussten Sie da auch mit Widerstand rechnen?

Das ist am Anfang immer schwer. Man muss sich zuerst schon überwinden, an fremden Türen zu klopfen und sich selber natürlich auch sehr positiv darzustellen. Das ist ja keine Aufgabe, die große Bescheidenheit erfordert. Aber am Ende macht es eigentlich sogar Spaß, wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt. Man hört vieles, man kriegt viele Ideen - und man gewinnt Respekt vor den Leuten. Ich habe zum Beispiel damals mit einem ausländischen Mitbürger gesprochen, der kam aus Jugoslawien und durfte gar nicht wählen, so dass man hätte denken können, dass ihn das vielleicht gar nicht so interessiert. Aber dieser Mann war unheimlich gut über Kommunalpolitik informiert. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, obwohl ich ihn natürlich schon aus formalen Gründen gar nicht überzeugen konnte, dass er mich wählen sollte. Er durfte mich ja nicht wählen.
   Es gibt halt unheimlich viele Leute, die Gesprächsbedarf über Kommunalpolitik haben; und den muss man erst einmal offen legen. Man kommt eigentlich auch nur so an die Leute heran.

Reden die Leute von sich aus los, oder müssen Sie die erst einmal aus der Reserve locken, müssen Sie denen erst einmal erklären, was Politik ist?

Nein, eigentlich nicht. Natürlich muss man manchmal gegen Klischees ankämpfen, etwa das, dass sich in der Politik ja doch nichts ändert. Gut, dann kann man halt ein paar Beispiele geben, was in den letzten fünf Jahren in der Stadt doch anders geworden ist. - Aber im Allgemeinen sind die Leute recht aufgeschlossen.

Wie sehen Sie das Verhältnis Lokalpolitik und Bundes- bzw. Landespolitik? Mitunter müssen Sie ja Entscheidungen der Bundespartei mittragen, die Sie als Lokalpolitiker vielleicht gar nicht verantworten können. Wie gehen Sie damit um?

Am SPD-Stand Das lässt sich manchmal in der Tat nicht vermeiden. Da kennt man, offen gestanden, auch wenig Parteigrenzen, wenn man als Kommunalpolitiker eine schlechte Entscheidung umsetzen muss, die vom Land kommt, oder wenn man vom Land an Zielen gehindert wird. Es ist allerdings wichtig, dass man hier vor Ort mit den Bürgern direkt ins Gespräch kommt, damit man die Verantwortung für Entscheidungen, die man selbst gar nicht getroffen hat, auch gar nicht erst übernehmen muss. Das ist der SPD bei den letzten Kommunalwahlen sehr gut gelungen. Das heißt, die Bürger nehmen schon wahr, dass wir einen eigenen Bereich haben, für den wir zuständig sind, so dass wir nicht die Prügelknaben für das sind, was Bundes- oder Landespolitiker verzapfen.

Aber trotzdem entscheidet mehr als die Hälfte der Wählerinnen und Wähler bei den Kommunalwahlen nach dem Trend des Bundes. Da können Sie doch mitunter vor Ort noch so strampeln und sich engagieren - bestätigt oder abgestraft wird sozusagen die Bundesregierung. Ist das nicht frustrierend?

Das ist in der Tat frustrierend. Man kann vielleicht zweierlei dazu sagen. Es gab zum Beispiel im letzten Jahr die Kommunalwahl in Brandenburg; da hat die SPD, wenn ich mich richtig erinnere, durchschnittlich 15 Prozent verloren. - Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich würde 15 Prozent verlieren, nur weil es gerade dem Trend im Bund entspricht, dann wäre das schon frustrierend, weil ich dann praktisch fünf Jahre umsonst gearbeitet hätte - nicht umsonst, was meine Leistungen angeht, aber was die Honorierung durch den Wähler angeht. - Allerdings ist das Gegenbeispiel die letzte Kommunalwahl in Attendorn. Da haben wir entgegen dem Trend für die SPD noch 3 Prozent zulegen können, obwohl die Sozialdemokraten in den Umfragen auch nicht gut dastanden. Das spricht ja dafür, dass wir den Bürgern eben schon vermitteln konnten, dass in Attendorn über eine andere Entwicklung und über andere Themen abgestimmt wird.
   Wichtig ist dabei auch der Unterschied zwischen Stadt und Land. In den großen Städten haben die Kommunalpolitiker kaum die Möglichkeit, mit vielen Bürgern ins Gespräch zu kommen; da kennt man sich einfach nicht so. Deshalb wählen die Leute dort dann vielleicht Politiker, die sie letzten Endes gar nicht persönlich kennen, und entscheiden sich dann natürlich nach grundsätzlicheren politischen Fragen, also auch bundespolitischen. Das ist hier in Attendorn zum Glück anders.

Im jetzigen Landtagswahlkampf bläst Ihnen, was den Trend angeht, so ein bisschen der Wind ins Gesicht. Wie motivieren Sie sich trotzdem?

Ich habe es vor zwei Jahren im Bundestagswahlkampf, als ich in der SPD-Wahlkampfzentrale gearbeitet habe, erlebt, dass so ein Trend, der damals einen ähnlichen Abstand wie jetzt zwischen CDU/FDP einerseits und SPD/Grünen andererseits darstellte, innerhalb von zwei Monaten aufgeholt wurde. Deshalb darf man nicht aufhören, im Wahlkampf zu kämpfen, bis dann tatsächlich der Wahltag herangekommen ist. Auch wenn es momentan nicht gut aussieht.

Sie sind zur Zeit Mitglied des Rats. "Genügt" Ihnen das - oder könnten Sie sich auch ein höheres Amt vorstellen, auf Kreis- oder Landesebene, vielleicht sogar im Bund?

Ich kann eigentlich beides mit "ja" beantworten. Erst mal genügt mir das; aber ich kann mir auch etwas anderes vorstellen. Das heißt, ich strebe es nicht an, Berufspolitiker zu werden. Es ist auch gefährlich, wenn man als junger Mensch direkt in die Politik geht, sich der Sache ganz verschreibt und im Prinzip keine Rückzugsmöglichkeiten mehr hat. Man ist ja doch immer abhängig davon, ob einen die Wähler letzten Endes wollen. Ich würde mich da nicht gerne durch "Beziehungen" innerparteilich auf irgendwelche Posten schieben lassen wollen, wenn ich das Vertrauen der Wähler längst verloren hätte.
   Andererseits ist die Politik natürlich eine so reizvolle Aufgabe - sonst hätte ich jetzt auch nicht jahrelang Kommunalpolitik gemacht -, dass ich es schon toll fände, an einer anderen Stelle auch größeren Einfluss zu haben und unser Land weiterzuentwickeln.

Wann wäre für Sie ein Punkt erreicht, an dem Sie sagen würden: Bis hierher und nicht weiter! Jetzt höre ich als Politiker auf!

Wenn die persönliche Auseinandersetzung zu schlimm würde, so dass man sich innerlich tief verletzt fühlen würde. Aber diesen Punkt habe ich bisher noch nicht ansatzweise erreicht. Bisher sind die politischen Auseinandersetzungen, die ich hier in der Stadt miterlebt habe, immer im sachlichen Bereich geblieben.

Frauen und Politik

Frauen und Politik - Was fällt Ihnen dazu ein?

Inga Isphording, Attendorner Juso-Vorsitzende Zuallererst natürlich, dass sie in den meisten politischen Ämtern hoffnungslos unterrepräsentiert sind, je höher die Ämter, desto mehr. Man hat in der SPD und auch andernorts versucht, das mit einer Frauenquote zu beheben. Die habe ich allerdings, ehrlich gesagt, als nicht hilfreich empfunden.
   Man müsste vielleicht eher darüber nachdenken, ob man Politikformen findet, die Frauen mehr ansprechen. Man könnte doch Möglichkeiten schaffen, dass Frauen beispielsweise nicht darauf angewiesen sind, im Stadtrat große Fensterreden zu halten, um in dieser Stadt etwas zu bewegen. Stattdessen sollte man vielleicht eher dezentralisiert Mittel bereitstellen und Frauen da beteiligen, wo sie wirklich sind. Vorstellbar wäre - um nur ein Beispiel zu nennen -, dass jeder Kindergarten ein bestimmtes Budget eigenständig verwaltet und dass nicht nur bestimmte Investitionen von der Stadt bezuschusst werden - dass sich da also zum Beispiel Mütter direkt einbringen können, ohne sagen zu müssen: Mir bleibt nichts übrig, als in den Stadtrat zu gehen, um für eine bessere Kinderbetreuung zu kämpfen.
   Diejenigen Frauen allerdings, die ich in der Politik erlebt habe, die sich letztlich doch dafür entschieden haben, sich in dieser Männerdomäne einzumischen und da mitzumischen, die waren immer ziemlich überzeugend und durchsetzungsfähig.

Müssen denn dann die Frauen die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

So, wie das politische Geschäft im Moment ist, ja. Da spreche ich jetzt aber nicht nur für Attendorn, sondern das ist auch meine Einschätzung der Bundespolitik.

Wie lange Zeit braucht es bis zu einer SPD-Bundeskanzler-Kandidatin?

Eine gute Frage. Ich denke, das wäre vielleicht in acht Jahren möglich. Ich halte es in der Partei zwar grundsätzlich für jetzt schon möglich, weil die SPD da eigentlich sehr aufgeschlossen ist; ich glaube nicht, dass es da vom Frauenbild her nennenswerte Widerstände gibt, da schleppt zum Beispiel die CDU sicherlich mehr konservative "Altlasten" mit sich - allerdings ist im engeren Führungszirkel der SPD im Moment keine Frau vertreten. Ich denke da als Erstes vielleicht an Ute Vogt, die ja Landesvorsitzende in Baden-Württemberg und auch schon lange Mitglied des Parteivorstands ist.

Persönlichkeitsmerkmale

Was zeichnet Ihrer Ansicht nach einen guten Politiker aus?

Erst einmal natürlich Sachkenntnis - und der Umgang mit Menschen. Man muss nicht nur ein guter Redner sein, nicht nur überzeugen können, sondern auch zuhören, auf Menschen zugehen können und letztlich auch Glaubwürdigkeit in seinem eigenen Charakter und seinem eigenen Lebensweg ausstrahlen.

Muss ein Lokalpolitiker darüber hinaus spezielle Qualitäten haben?

Er muss natürlich bekannt sein. Das ist vielleicht nicht unbedingt eine Qualität, aber ohne Bekanntheitsgrad geht es nun mal nicht. Deshalb muss man zum Beispiel außer in der Kommunalpolitik auch in Vereinen engagiert sein, die hier in der Gegend eine ganz große Rolle spielen. Man muss neugierig sein und vielleicht auch mal Veranstaltungen von Leuten besuchen, die man noch nicht kennt.

Werbematerial Brauchen Politiker Visionen?

Ja, auf jeden Fall. Und ich finde, gerade das ist ein Defizit bei den Bundespolitikern, die wir im Moment haben. Da bringt zurzeit keiner die visionäre Kraft auf wie beispielsweise Willy Brandt. Diese Visionen sind deshalb wichtig, weil sie die Leute motivieren, auf ein Ziel zu zu arbeiten und Gesellschaft in Bewegung zu bringen.
   Eine Vision, die man vor allen Dingen braucht, ist die, Politik wieder lebendiger zu machen, die Demokratie mit mehr Leben zu füllen, damit wieder mehr Menschen daran teilnehmen.

Mit welchen Argumenten lässt sich denn für ein solches Engagement werben?

Es ist die einzige Möglichkeit, Einfluss auf seine Lebensbedingungen zu nehmen. Im Übrigen ist Demokratie überhaupt ein Wert an sich. In China haben sich 1989 Hunderte von Menschen dafür erschießen lassen, dass sie für Menschenrechte und Demokratie eingetreten sind. Deshalb sollte man hier in unserem Land die Chance wahrnehmen, dass man seine Meinung tatsächlich vertreten kann.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) Wunsch frei: Welches politische Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Ich würde die Arbeitslosigkeit abbauen wollen. - Nun habe ich aber in der Zeitung gelesen, dass auf Ihre Frage auch andere schon so geantwortet haben, deshalb nehme ich mir gleich noch einen zweiten Wunsch, wenn die Fee schon mal da ist, nämlich den, den ich eben schon formuliert habe: dass die Demokratie in Deutschland wieder lebendiger werden soll.

Das ist ein sehr abstrakter Wunsch. Das hätten wir gerne konkreter.

Dieser Wunsch beinhaltet mehreres. Vor allem, dass die Leute Anteil an dem nehmen, was die Politiker machen, dass sie das als ihre Angelegenheit wahrnehmen, dass aber zugleich auch die Politiker die Leute wieder echter vertreten. Konkret: Ich wünsche mir eine höhere Wahlbeteiligung und mehr Basisdemokratie, umgekehrt aber auch mehr Bürgernähe der Politiker. Nur so können wir die Probleme, von denen es derzeit mehr als genug gibt, angehen.

Das Interview wurde am 8.4.2005 in Attendorn geführt. Die Fragen stellten Julia-Kristin Klein, Kerstin Rüenauver, Niklas Bein und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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