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Interview

Gerd Sauer   Gerd (Gerhard) Sauer,
Jahrgang 1957,
Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Kreis Olpe

Wahlkampf

Herr Sauer, Sie sind Landtagskandidat für die Grünen im Kreis Olpe. Warum streben Sie das Mandat an?

Gerd Sauer Von Jugend an, seit ich Schülersprecher war, auf der Realschule, anschließend auf der Berufschule, heißt für mich Demokratie "einmischen", "mitreden", "mitmachen", "mitbestimmen". Das habe ich dann als Kommunalpolitiker weitergeführt. Ich war in Lennestadt, meinem Wohnort, lange Jahre im Kommunalparlament. Für mich gehört das einfach dazu. - Ich habe zwei Kinder; die sind inzwischen groß, achtzehn und zwanzig Jahre alt; und das gibt mir jetzt Gelegenheit, mich ein bisschen weiter Richtung Landesebene zu orientieren. Ich will "Demokratie leben", weil dies aus meiner Sicht die beste Staatsform ist. Das ist meine Motivation, für den Landtag zu kandidieren.

Wenn Sie in Lennestadt, Attendorn oder, wie jetzt hier, in Olpe auf der Straße stehen und an Ihrem Stand Wahlkampf machen, fragen Sie sich da nicht, ob das überhaupt nötig ist? Bestimmen nicht letztlich die Medien, vor allem das Fernsehen, wie eine Wahl ausgeht?

Nein, gerade der Straßenwahlkampf ist wichtig, der direkte Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. Gerade Leute wie ich, die anfangen, die das erste Mal kandidieren, müssen sich ja erst einmal bekannt machen, müssen sich sozusagen präsentieren. Außerdem müssen wir hören, was die Menschen zu sagen haben, die ja Politik sonst immer nur über die Medien vermittelt bekommen. Wir müssen hören: Was sagen sie dazu? Wie sehen sie die Sachverhalte? - Dazu kriegt man hier dann ganz viele Meinungen mitgeteilt, häufig ganz andere als die, die ich habe, aber das gehört halt dazu und das macht am meisten Spaß. Mit den Zeitungen reden und Pressemitteilungen schreiben ist also die eine Sache, aber der direkte Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern hier auf der Straße ist sozusagen das Salz in der Suppe.

Werden wir mal konkret: Wenn Sie jetzt hier stehen und sich, wie Sie eben sagten, "präsentieren", dann bringt Ihnen das zwar möglicherweise Stimmen - von Leuten, die Sie kennen lernen. Aber wenn beispielsweise Joschka Fischer im Untersuchungsausschuss fernsehwirksam aussagt, hängt das Wahlergebnis für die Grünen davon ja vermutlich viel mehr ab, als wenn Sie jetzt hier in der Fußgängerzone "strampeln".

Beides ist der Fall! Selbstverständlich überlagert die Aussage von Fischer auf Bundesebene vieles, und wenn die Stimmung bundesweit schlecht ist, dann kann man sich vor Ort abstrampeln, wie man will. Trotzdem gehört die Präsenz der Partei in der Fußgängerzone dazu. Mehr als das: Sie ist ein weiterer Baustein, um die Leute direkt anzusprechen. Dabei kann man Meinungen häufig auch noch einmal drehen.

Wen erreichen Sie denn hier überhaupt? Sind das im Wesentlichen nur Ihre Wähler, also die, die sich sowieso schon für die Grünen interessieren, oder kommen auch andere Leute auf Sie zu - oder haben zumindest Sie die Chance, auf diese anderen zuzugehen?

"Appetit auf Grün" Gerade hier in Olpe - und im Sauerland allgemein - ist es ja so, dass die meisten nicht grün wählen. Insofern sind hier natürlich sehr viele, die, wenn man sie anspricht, überhaupt das erste Mal Kontakt mit den Grünen bzw. mit einem grünen Landtagskandidaten haben. Das setzt einiges frei, auch viel Frust: Wir hatten hier heute natürlich schon ein paar Leute am Stand, die sich über Joschka oder über Bärbel Höhn aufgeregt haben. Ein paar kommen aber auch mit ganz konkreten Vorstellungen, um sich zum Beispiel über Solaranlagen zu informieren, also über die konkrete Politik, die wir als Grüne machen. Das sind von Hause aus nicht nur alles "grüne" Wähler; im Gegenteil. Deshalb ist meine Meinung: Über einen solchen Infostand wie den, den wir hier heute haben, der sich mit der Solartechnik beschäftigt, kann man sehr viele Gedanken- und Meinungsbildungsprozesse in Gang setzen, sowohl auf Seiten der Bürger als auch auf meiner Seite, der des Politikers. Es ist immer ein Geben und Nehmen.
   Wenn ich es vielleicht etwas salopp zusammenfassen darf: Ich treibe mich sehr viel bei den Grünen herum, aber wenn man nur im eigenen Saft brät, dann ist das auch nicht gut. Da muss man dann auch mal woanders hin, vielleicht gerade zu den Leuten, die einen nicht wählen.

Dass Wahlen ein Kernstück der Demokratie sind, ist unstrittig. Über den Sinn von "Wahlkämpfen" kann man dagegen geteilter Meinung sein. Müssen die vielen Plakate an den Bäumen, die Fernsehspots - genauso plakativ - und die in der Fußgängerzone verteilten Rosen und Kugelschreiber wirklich sein? Sind die Wählerinnen und Wähler durch die Medien nicht hinreichend informiert, um nicht zu sagen: übersättigt?

Über einzelne Formen des Wahlkampfs lässt sich sicherlich streiten. Ob wirklich die Rosen oder die Kugelschreiber sein müssen, weiß ich nicht. Ich glaube aber schon, dass Wahlkämpfe an sich wichtig sind, um auf den Wahltag hin zu orientieren - damit die Leute langfristig darüber Bescheid wissen. Jeder weiß zwar, dass irgendwann Wahlen sind; aber wenn ich zum Beispiel heute gezielt fragen würde, wäre ich ziemlich sicher, dass 40, 45 Prozent der Leute nicht wissen, dass die Landtagswahl am 22. Mai stattfindet. Deshalb ist es die Aufgabe der Parteien, auf diesen Tag hinzuweisen, hinzutreiben, ihre Anhänger zu mobilisieren, potenzielle Wähler anzusprechen, warum es wichtig ist, gerade dieser Partei die Stimme zu geben.
   In den letzten Jahren hat sich da ja nun auch einiges gewandelt. Die Plakate sind weniger geworden, zumindest die Kopfplakate an den Laternenpfählen. Zum anderen erwarten die Menschen ja in gewisser Weise auch einen Wahlkampf, allerdings einen, der etwas lockerer ist als früher. Ich mache demnächst zum Beispiel in den Fußgängerzonen, auf den Marktplätzen eine Kochaktion mit Essen aus biologischem Anbau; das hätten wir vor zehn Jahren auch noch nicht gemacht. Insofern muss man sich immer wieder etwas einfallen lassen, um auch auf neue Weise Leute anzusprechen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Persönlichkeitsmerkmale

Kommen wir mal weg vom Straßenwahlkampf, wenden wir uns mal der Politik ganz allgemein zu: Welche Eigenschaften sollte Ihrer Ansicht nach jemand haben, der in der Politik erfolgreich sein will?

"Erfolgreich"? - Das ist eine Fangfrage! Denn sie unterstützt das Bild, das häufig von Politikern gezeichnet wird, dass man sich möglichst durch die Übernahme bzw. den Erwerb bestimmter Eigenschaften anpassen sollte, um dadurch in der Partei und generell in der Politik "erfolgreich" zu sein. Aber genau das glaube ich nicht. Die meisten, die in der Politik wirklich etwas zu sagen haben und nicht nur Luftblasen absondern, folgen da keinen "Rezepten".
   Standfestigkeit und die Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen und ihnen zuzuhören - das sind vielleicht noch am ehesten die Eigenschaften, über die ein Politiker verfügen sollte.

Auch wenn Sie mit unserer Frage nicht ganz glücklich sind, würde ich Ihnen gerne einige Eigenschaften nennen. Vielleicht können Sie mir ja trotz Ihrer Vorbehalte sagen, ob man die in der Politik braucht?

Bitte!

Zielgerichtetheit?

Ja, auf jeden Fall.

Werbematerial Idealismus?

Kann nicht schaden.

Altruismus?

Ist wünschenswert, fällt heutzutage aber eher hinten runter.

Populismus?

Sollte man möglichst vermeiden.

Kompromissbereitschaft?

Muss auf jeden Fall sein. Es ist das Wesen der Politik, Kompromisse zu schließen und einen Ausgleich zu finden.

Taktisches Geschick?

Ist sehr notwendig. Oft kommt man nicht auf dem geraden Weg zum Ziel, sondern nur auf Umwegen, mit kleinen Schlenkern.

Wille zur Macht?

Wille zur Macht gehört dazu, in der Politik, in jedem Verein, jedem Verband, in der Gesellschaft insgesamt.

Charisma?

Charisma ist wünschenswert; leider haben es nur die wenigsten.

Skrupellosigkeit?

Hat in der Politik nichts zu suchen.

Gutes Aussehen?

Hilft sicherlich. Leider hat man darauf wenig Einfluss, es sei denn, man gestaltet sich ein wenig.

Medienwirksamkeit?

Wird zunehmend wichtiger, ist aber, glaube ich, in der Politik manchmal auch hinderlich. Politik ist ja mehr als das, was über die Medien vermittelt wird. Politik ist ein Ganztagsbetrieb und läuft nicht nur zwanzig Sendesekunden. Ist man zu "medienwirksam", steht man sich mitunter selbst im Weg.

Unverwechselbarkeit?

Hilft sicherlich in der Wiedererkennbarkeit der eigenen Position, hat aber auch etwas mit der schon erwähnten Zielgerichtetheit zu tun.

Muss ein guter Politiker eigentlich immer mehrheitsfähig sein? Mit anderen Worten: Gibt es Ihrer Einschätzung nach Politiker, die nur in der Opposition wirklich gut sind?

Die gibt es, ja. Es gibt Politiker, die nur im Gegenarbeiten gut sind. - Man muss im Übrigen aber auch nicht immer mehrheitsfähig sein. Wenn man es immer wäre, würde das ja bedeuten, dass man seine Meinung immer so weit abschleift, dass sie von mehr als 50 Prozent der Leute getragen werden kann.

Frauen spielen in der Politik - zumindest quantitativ - immer noch eine untergeordnete Rolle. Wie erklären Sie sich das?

Das hat etwas mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun, die ganz lange tradiert sind. Da spielt sicherlich das über die letzten Jahrhunderte, Jahrtausende zementierte Patriarchat eine große Rolle.
   Bei den Grünen haben wir ja versucht, das dadurch aufzuknacken, dass bei uns jeder ungerade Listenplatz mit einer Frau besetzt wird. Mindestens fünfzig Prozent aller Positionen müssen bei uns mit Frauen besetzt sein. Und auf das Wörtchen "mindestens" legen die Frauen auch großen Wert: Da es jeder ungerade Platz ist, der mit einer Frau besetzt wird, haben wir in der Regel dann auch immer eine mehr.
   Deshalb habe ich auch keine Sorge, dass diese Strukturen nicht aufgebrochen werden könnten. Im Übrigen nehmen da die Frauen heutzutage viel selbstbewusster ihre Plätze ein, als das noch vor zehn, zwanzig Jahren der Fall war.

Müssen Frauen in der Politik die "besseren Männer" sein, um bestehen zu können?

Nein. Frauen sollen Frauen sein. Frauen haben häufig eine andere Sicht auf die Dinge. Mit der können sie manchmal wesentlich weiter kommen, als wenn sie versuchen würden, Männer zu imitieren.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Ja. Man muss wissen, wohin man will. Man muss ein Ziel vor Augen haben. Das muss man im Privaten, und das gehört auch zur Politik. - Die Visionen werden allerdings oft im täglichen Geschäft klein gearbeitet.

Gerd Sauer (Mitte) und Johannes Remmel, MdL (rechts) Was wäre für Sie ein Grund zu sagen: Ich höre als Politiker auf!

Ich habe ja schon einmal aufgehört - als Kommunalpolitiker, weil es mit meinem Job nicht mehr vereinbar war. Aber in meiner momentanen Situation fällt mir kein Grund ein. Solange man Spaß an der Politik hat, solange man Möglichkeiten hat, sich einzumischen - das hört ja mit sechzig, siebzig, achtzig Jahren nicht auf -, so lange lässt man davon auch nicht ab. Dieses Brennen, dieses Kribbeln, etwas politisch umsetzen zu wollen, hört, glaube ich, nie auf.

Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber wirklich nur einen!) Wunsch frei. Welches politische Ziel würden Sie sofort umsetzen?

Nur einen Wunsch? - Dann muss ich lange darüber nachdenken. - Vielleicht einen, der allerdings nicht so konkret zu fassen ist: Mein Wunsch wäre, dass man sich bei jeder Entscheidung, die man trifft, immer darüber klar wird, welche kurz-, mittel- und langfristigen Folgen sie hat. Wenn man das wirklich immer vor Augen hätte, dann sähen - Stichwort: Nachhaltigkeit - viele politische Entscheidungen anders aus.
   Wenn Sie einen etwas konkreteren Wunsch hören wollen, dann natürlich den, dass es uns gelingt, für viele Menschen wieder eine Perspektive zu schaffen, in Arbeit und Ausbildung zu kommen. Wenn man das dann vielleicht auch noch mit einer ökologischen Erneuerung verbinden könnte, wäre es natürlich optimal.

Der erste Teil des Interviews datiert auf den 16.4.2005 in Olpe, das weitere Gespräch wurde am 20.4.2005 in Düsseldorf geführt. Die Fragen stellten Kerstin Rüenauver, Jonas Warns, Anna Carla Kugelmeier und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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