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Interview

Fritz Schramma   Fritz Schramma,
Jahrgang 1947,
Mitglied der CDU,
Oberbürgermeister der Stadt Köln

Kommunalpolitik

Herr Oberbürgermeister, Köln hat anderthalb mal so viele Bürger wie der Stadtstaat Bremen und etwa genauso viele Einwohner wie das Saarland. Andernorts wären Sie in Ihrer Position also Ministerpräsident - mit allen entsprechenden Machtbefugnissen. Schmerzt Sie das nicht?

Ja, manchmal finde ich es schon ungerecht, denn unser Etat von 4 Milliarden ist schon in einer entsprechenden Größenordnung. Ein Ministerpräsident hat etwas mehr Möglichkeiten, Dinge durchzusetzen. Das fehlt mir manchmal, wenn man ständig um Mehrheiten ringen muss; und so kann man nicht immer die Politik, für die man steht und die man gerne umsetzen will, direkt durchsetzen. Aber ich kann gut damit leben; denn meinen Beruf verstehe ich immer auch als Dienst am Bürger, und so will ich ihn auch weiter praktizieren.

Was reizt Sie an der Kommunalpolitik?

Kommunalpolitik ist die direkte, die demokratischste aller Formen. Im Gegensatz zu fast allen anderen Politikern wird ein Oberbürgermeister direkt von den Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt gewählt. Das ist für mich auch ein Stück praktizierte Demokratie. Ich stehe ständig in der Auseinandersetzung mit den Bürgern, will für diese Bürger arbeiten und denke, das gibt mir auch ein bisschen Unabhängigkeit, mehr Unabhängigkeit, als wenn ich jetzt nur über eine Liste, ein Ticket einer Partei aus dem Rat gewählt würde. Diese sehr breite Basis der Bürgerinnen und Bürger ist die beste Legitimation.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal in eine politische Funktion auf der Landes- oder Bundesebene zu wechseln?

Ja, das könnte ich mir vorstellen, will ich aber derzeit nicht. Ich mag diesen Beruf. Wenn man, wie ich, in dieser Stadt geboren ist und hier seit fast sechzig Jahren lebt, dann hat man das so in seinem Herzen und in seinen Gedanken internalisiert, dass ich alles dafür geben will, dass es den Bürgern dieser Stadt wohl geht. Und das ist ja schon eine große Stadt, wie Sie eben am Anfang gesagt haben, so dass ich damit sehr, sehr zufrieden bin und das auch gerne weitermachen möchte.

Traumjob Politiker?

Ist (bzw. war) "Politiker" Ihr Traumberuf?

Überhaupt nicht. Mein Beruf, und den habe ich mir freiwillig ausgesucht, war, Lehrer zu sein. Ich war Gymnasiallehrer, fast dreißig Jahre. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit jungen Menschen zu arbeiten. Ich hab Latein, Philosophie und Erziehungswissenschaft studiert und auch unterrichtet, später noch Psychologie. Da habe ich sehr viel mit den jungen Menschen gestalten können, Projekte, Arbeiten, Unterricht, aber auch als SV-Lehrer vieles von den Problemen der Schülerinnen und Schüler mitnehmen können und mich dafür eingesetzt. Ich habe also auch den Demokratisierungsprozess in der Schule, im Schulwesen schon mitvollzogen; denn Mitbestimmung ist erst in dieser Zeit in der Schule eingezogen.
   Diesen Demokratisierungsprozess habe ich übrigens auch in der Kirche erlebt, weil ich mich dort als Laie auch in Pfarrgemeinderäten, Kirchenvorständen engagiert habe. Von daher gesehen gibt es keinen Wunsch, kein Ziel, Oberbürgermeister zu werden; das kann man auch nicht von vorneherein planen.
   Es gab eine Situation, da wurde ich gefragt; da war ich gefragt und gefordert und habe kurz reflektiert, mit der Familie darüber gesprochen, dann entschieden, und dann gab es einen radikalen Wechsel von einem Leben in ein anderes. Ja, und jetzt mache ich das auch schon sieben Jahre - mit Freude und auch nicht ganz ohne Erfolg.

Wie sind Sie zur CDU gekommen?

Ich habe zunächst im vorpolitischen Raum gearbeitet, das heißt vor allen Dingen in der Pfarrei, habe mich da sehr stark engagiert in der Jugendarbeit, im Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand, in Bürgervereinen; und irgendwann habe ich festgestellt: Die tatsächliche Gestaltungsmöglichkeit kannst du nur erreichen, indem du in die Politik hineingehst. Dann habe ich mich an irgendeiner Stelle, das ist jetzt fast dreißig Jahre her, dazu entschieden, in eine Partei zu gehen. Da lag mir die CDU am nächsten. Dann bin ich da reingegangen und hab dann allerdings auch sofort eingefordert, dass ich nicht nur zahlendes Mitglied bin, sondern dass ich auch mitgestalten möchte. Das heißt, ich hab dann unmittelbar für den Rat der Stadt Köln kandidiert und bin ja dann auch dementsprechend in die Kommunalpolitik gegangen.

"Kölscher Klüngel"

"Kölscher Klüngel": Was fällt Ihnen dazu ein?

Sie sind aber hart in Ihren Fragen! Kölscher Klüngel, was ist das denn?
   Nein, jetzt mal im Ernst: Sie meinen sicherlich das, was man das Beziehungsgeflecht innerhalb einer Stadt nennt. Ich habe festgestellt - und das kann ich Ihnen aus guter Erfahrung sagen, weil ich in vielen Städten Deutschlands herumkomme -, dass es das, was hier Klüngel heißt, eigentlich in allen Städten gibt. Der heißt da nur anders; es ist aber im Prinzip genau dasselbe. Dass es Menschen gibt, die sich kennen - über die Politik, über die Gesellschaft, über die Wirtschaft; und die treffen sich in bestimmten Bereichen. Bei uns in Köln ist es häufig zum Beispiel der Karneval oder der Sport, wo man sich begegnet. Und da wird natürlich am Rande auch über bestimmte Dinge gesprochen, über wirtschaftliche Entwicklungen, über Stadtentwicklung. Und wenn sich dann Menschen gut verstehen, dann verabreden die was. Und es ist auch in Ordnung, solange andere nicht geschädigt werden. Alles das, was in einer direkten Verbindung von zwei oder drei Punkten in einer Stadt letztendlich dazu führt, dass es der Stadt und den Bürgern dieser Stadt zum Wohl ist, ist völlig in Ordnung, erleichtert manchmal, weil es an der Bürokratie vorbei geht, viele Wege; und dazu stehe ich auch.
   Nur eins muss ich ganz deutlich sagen, denn es wird vielfach verwechselt: Klüngel hat nichts mit einem anderen Begriff zu tun, der häufig in dem Zusammenhang genannt wird; das ist nämlich "Korruption". Und gegen Korruption bin ich ganz strikt sowohl innerhalb der Verwaltung als auch innerhalb der Politik angegangen. Ich habe einen Ehrenrat, einen Ältestenrat eingerichtet, einen Ehrenkodex eingerichtet; und seitdem haben wir, das darf ich sagen, die Politik und die Verwaltung in Köln ganz erheblich gesäubert.

Kommt Politik ohne "Klüngel" aus?

Nein. Das sollte sie auch gar nicht. Der Klüngel ist in der wohlgemeinten Form Bestandteil des menschlichen Miteinanders, insofern auch der Politik. Aber Sie müssen diesen Begriff eben richtig interpretieren, richtig wahrnehmen. In dem Moment, wo es darum geht, dass jemand persönlich bereichert wird oder dass es zum Nachteil anderer geschieht, bin ich nicht mehr dabei.

Visionen

Brauchen Politiker Visionen?

Unbedingt. Einerseits müssen Sie das Alltagsgeschäft beherrschen. Es ist ja so, dass jeden Tag Entscheidungen gefällt werden, gerade in der Position, in der ich bin. Ich kriege jeden Tag etwa vierhundert verschiedene Schreiben, verschiedene Anliegen von Bürgern, aus der Verwaltung, aus der Politik. Da müssen Sie ständig Entscheidungen fällen; das ist einfach so. Und ich denke, diesen Anforderungen kann man sich - andererseits - nur mit einem gewissen Background stellen. Den können Sie meinetwegen Visionen nennen.
   Im Übrigen geht es bei Entscheidungen, auch visionären, um Transparenz. Alle wichtigen Entscheidungen müssen für die Bürger transparent sein. Transparenz heißt: für die Bürger nachvollziehbar. Das ist mir sehr wichtig.

Eine letzte Frage: Angenommen, es gäbe die berühmte Fee und Sie hätten einen (aber nur einen!) politischen Wunsch frei. Welches Ziel würden Sie sofort verwirklichen?

Spontan würde ich sagen: die Stadt schuldenfrei zu machen. Das wäre ein schönes Ziel, wenn mir das gelänge, damit wir vom Haushalt her wieder mit dem Geld, das ja die Menschen dieser Stadt verdienen, noch mehr gestalten, mehr für die Bürgerinnen und Bürger tun können, insbesondere - das ist mir ein besonderes Anliegen - für die Jugendlichen und Kinder. Für die brauchen wir wirklich eine Zukunft, und die heißt: Bildung, Ausbildung, Arbeitsplatz. Das ist ganz entscheidend, und das ist auch das, was ich mir wünsche.

Das Interview wurde am 9.6.2007 am Rande des 31. Evangelischen Kirchentags in Köln geführt. Die Fragen stellten Sebastian Rabe und Kerstin Rüenauver.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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