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Ein Selbstversuch

Die Agentin im Rollstuhl Niemand wünscht sich, im Rollstuhl zu sitzen. Aber niemand kann sicher sein, nicht doch irgendwann auf ihn angewiesen zu sein. Wie es ist, sich als Gehbehinderter durchs Leben schlagen zu müssen, das erforschte Jessica Steinberg, Schülerin der Jahrgangsstufe 12. Für ihre Facharbeit schickte sie eine Freundin einen Tag lang im Rollstuhl durch die Kölner Innenstadt und beobachtete das Verhalten der Vorübergehenden.

Die Probleme fingen bereits damit an, das aus einem Attendorner Altenheim entliehene Gerät in den Kleinwagen der Schülerin zu verfrachten. "Uns wurde schlagartig klar, wieso es für Rollstuhlfahrer wichtig ist, in einem extra für sie ausgestatteten Auto transportiert zu werden", resümierte Jessica in ihrer Arbeit.

In Köln selbst wurden die Probleme nicht geringer. Zwar erlebte die "Gehbehinderte" hier in der Fußgängerzone und in den Kaufhäusern hin und wieder Zuspruch und kleine Aufmerksamkeiten, doch zeigten sich die meisten Passanten bzw. Kunden eher gleichgültig. Mitunter waren die Reaktionen sogar ausgesprochen taktlos und provokant. Häufig wurde die Rollstuhlfahrerin von eiligen Vorübergehenden schlichtweg abgedrängt, und eine Gruppe Jugendlicher ließ sich in ihrer Gegenwart sogar lautstark über ihre Gebrechen aus, bis einer der Beteiligten schließlich vorschlug, ihr "'nen Stein zwischen die Speichen" zu werfen.

Vor dem Hauptbahnhof Komplikationen gab es bei der Suche nach einer geeigneten Toilette. Zu einem öffentlichen WC wurde der jungen Behinderten der Zugang verwehrt, da sie keinen entsprechenden Ausweis vorlegen konnte. Trotz ihres Hinweises, sie habe ihn lediglich vergessen, blieb das Wachpersonal hart.

Im Kaufhaus waren die Angestellten umgänglicher, doch bedeutete hier der "Gang" zur Toilette zunächst einmal, sich an der Information den Schlüssel für das WC im nächsthöheren Stockwerk zu holen und dann zehn Minuten lang auf einen der überfüllten Aufzüge zu warten.

Natürlich gab es aber auch positive Momente. "Ein schönes Erlebnis hatten wir, als ein behinderter Junge unseren Weg kreuzte", berichtete Jessica. "Er grüßte uns, vor allem aber lächelte er unsere Rollstuhlfahrerin freundlich an." Und als der Behinderten zwischen Dom und Hauptbahnhof eine Treppe den Weg versperrte, fanden sich sogleich einige hilfreiche Hände, die sie über die Stufen expedierten.

Zum Konzept des Versuchs gehörte es, dass die Rollstuhlfahrerin einen Teil der Strecke in der Kölner Innenstadt allein zurücklegen, einen anderen Teil von ihrer Mitschülerin geschoben werden sollte. Dabei kamen die beiden zu einem überraschenden Ergebnis. War die Behinderte allein unterwegs, nahmen die Passanten erheblich mehr Rücksicht auf sie, als wenn sie sich in Begleitung zeigte.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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