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Solidarität in der City

Valeria, Josephine, Helena und Lena mit einem der "peinlichen Zettel" Nach mehreren Bettelprojekten in den Jahren zuvor zog es einige Oberstufenschüler des St.-Ursula-Gymnasiums Ende April 2007 erneut in die Kölner City. Wiederum testeten sie die Hilfsbereitschaft der Passanten - diesmal jedoch in einem ganz anderen Experiment.

Das Szenario war einfach: Im Halbstundentakt ging jeweils ein Schüler durch die stark frequentierte Fußgängerzone. Auf seinem Rücken klebte ein handgeschriebener Zettel, den ihm augenscheinlich irgendein Spaßvogel ohne sein Wissen angeheftet hatte. Darauf stand ein peinlicher oder auch sexuell anzüglicher Text. Wie würden die Passanten auf das vermeintliche "Opfer" reagieren? Würden sie es auf seine Situation aufmerksam machen - oder es einfach laufen lassen? Hierüber führten die Mitschüler des Opfers in einiger Entfernung diskret Buch - Stoff für zwei sozialwissenschaftliche Facharbeiten.

Die Idee zu dem "Experiment der peinlichen Zettel" hatte Fachlehrer Frank Kugelmeier; die Zettelaufschriften steuerten die Versuchsteilnehmer selber bei. Das beruhigende Ergebnis des Projekts: Tatsächlich wurde jedes "Opfer" angesprochen, durchschnittlich alle fünf Minuten einmal. Allerdings gab es Unterschiede: Während sich Marcel, der als "Vollidiot" durch die Straßen lief, Lena ("Ich stinke") und Valeria ("Ich verkaufe meinen Körper") mit nur wenigen Hinweisen begnügen mussten, kam Helena ("Ich bin eine Schlampe und krieg nix mit") in einer halben Stunde immerhin auf neun Treffer. Auf ihren Zettel "Kick me" reagierten die Passanten sogar im Minutentakt.

"Ich stinke" Besonders hervor taten sich hier einige grüne Lokalpolitiker, die ihren Parteiinfostand am Neumarkt aufgebaut hatten: Kaum sahen sie die Schülerin, da stürzten auch schon drei von ihnen herbei, rissen ihr das Schild ab und zerknüllten es sofort.

Auch ein Obdachloser lief spontan hinter einem der Opfer her und hielt es an. Auf Nachfrage der Beobachter, warum er das getan habe, winkte er ab: "Dazu kann ich nichts sagen. Ich wollte nur nett sein."

Typischer war jedoch, dass die Passanten eine ganze Weile brauchten, um sich zur Hilfe zu entschließen. Viele kämpften sichtlich mit ihrer Entscheidung. Sie vergewisserten sich erst einmal, ob sie vielleicht selbst einen Zettel auf dem Rücken trügen. Dann berieten sie sich häufig mit ihrem Partner, ehe sie nach frühestens 20 Sekunden, manchmal aber auch erst nach ein bis zwei Minuten handelten.

Allerdings gab es auch gegenteilige Reaktionen - Passanten, die sich über die Zettel erkennbar belustigten, mitunter sogar noch ihr Fotohandy zückten, um ein Erinnerungsbild zu machen, ansonsten aber nicht einschritten. Auf ihr Verhalten angesprochen, meinten sie, die Situation aufzuklären sei ihnen zu peinlich gewesen. Ein junger Mann rechtfertigte sich gar damit, er habe das Ganze für eine "Wette" gehalten.

Demgegenüber erklärten die Helfer unisono, sie hätten sich sehr gut in die Lage des Opfers hineinversetzen können. "Wäre ich in einer solchen Situation", meinte eine Passantin, "dann wäre ich doch auch heilfroh, wenn mir jemand Bescheid sagen würde."

Dass der Gang durch die Fußgängerzone tatsächlich einen hohen Peinlichkeitsfaktor aufwies, darüber waren sich alle Projektteilnehmer abschließend einig. Zum Glück kam ihnen das strahlende Wetter zu Hilfe. "So konnten wir uns während des Versuchs ein wenig hinter unseren Sonnenbrillen verstecken", erklärte Josephine, die das Experiment später schriftlich auswertete.

Download   Hier finden Sie die Passanteninterviews im O-Ton (ca. 15 Min., 1,7 MB, MP3-Format).
Medien   Hier stehen einige Medienreaktionen zum Experiment.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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