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Kleine Studie zum latenten Rechtsextremismus

In Köln hatten fünfzig Autofahrer Ende April 2007 ein Erlebnis der besonderen Art. An der Windschutzscheibe ihres geparkten Fahrzeugs klemmte jeweils ein fertig adressierter und frankierter Briefumschlag, an den ein kleiner gelber Notizzettel geheftet war. Seine Aufschrift: "Brief lag neben Ihrem Auto. Gehört er Ihnen?"

Marcel Prentler mit Briefen Hier war nicht ein nachlässiger Postzusteller am Werk; verteilt hatte die Umschläge vielmehr ein Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums. Marcel Prentler, Jahrgangsstufe 12, bestritt mit seinem "Experiment der verlorenen Briefe" eine sozialwissenschaftliche Facharbeit. Die Hälfte der Briefumschläge hatte er unter seinem normalen Namen an sich selbst adressiert; die anderen fünfundzwanzig waren unter der gleichen Postadresse an "Kamerad Marcel Prentler, Nationaler Schutzbund des Deutschtums e. V., Sektion 17" gerichtet.

Gleich zwei Fragen versuchte der Schüler mit seiner Experimentalanordnung zu beantworten. Erstens: Würden die Autofahrer die offensichtlich fehlgeleiteten Briefe tatsächlich in den nächsten Postkasten werfen und somit an den Empfänger weiterreichen? Und zweitens: Würde ihre Bereitschaft, den Brief einzuwerfen, von dem jeweiligen Adressaten - dem "einfachen" Bürger oder dem offenkundig rechtslastigen "Kameraden" - abhängen?

Die Antworten ließen im wahrsten Sinne des Wortes nicht lange auf sich warten. Nach einer Woche hatte der Gymnasiast fünfundzwanzig Briefe wieder im Kasten, eine weitere Woche später folgte ein Nachzügler. Die Rücklaufquote der Umschläge lag also bei 52 Prozent.

Bemerkenswert waren aber vor allem die Resultate hinsichtlich der beiden Anschriften. Hier ließen sich nämlich kaum Unterschiede feststellen: Den "einfachen" Adressaten erreichten 14 Briefe, den "Kameraden Prentler" immerhin 12. Den Versuchspersonen, die die Umschläge weitergeleitet hatten, war es augenscheinlich gleich gewesen, wem sie da gerade "Amtshilfe" leisteten.

Marcel Prentler zeigte sich von dem Ergebnis mehr als überrascht. Er habe gedacht, dass die Probanden deutlicher differenzieren und sich einem "Nationalen Schutzbund" erkennbar verweigern würden. Und sein Lehrer Frank Kugelmeier bilanzierte: "Offenbar sind in unserer Gesellschaft rechtsextreme Gruppierungen wieder salonfähig geworden, sodass kaum jemand etwas dabei findet, ihnen zuzuarbeiten."

Die Idee zu dem Experiment, mit dem sich die Einstellung der Menschen zu bestimmten Themen unauffällig überprüfen lässt, stammt übrigens von dem bekannten US-amerikanischen Sozialpsychologen Stanley Milgram. Dieser hatte bereits im Jahr 1963 je hundert "verlorene Briefe" an die "Freunde der Nazi-Partei" und an einen unbescholtenen Bürger adressiert. Die Rücklaufquote betrug seinerzeit für den Bürger 71 Prozent, für die rechtsextreme Partei 25 Prozent.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2007-2012

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