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Schuljahr 2001/2002

Christoph Hellweg:

Das Bäumchensetzen

Ein Schulabschlussritual an Attendorner Gymnasien

Facharbeit, eingereicht im Fachbereich "Sozialwissenschaften"
am St.-Ursula-Gymnasium Attendorn am 21.5.2002


Bäumchensetzen Inhalt

0.   Vorwort

1.   Durchführung des Bäumchensetzens
1.1 Definition
1.2 Vorbereitungen
1.3 Ablauf des Bäumchensetzens
1.4 Ablauf der "Joker"-Party

2.   Geschichte des Bäumchensetzens

3.   Das Bäumchensetzen aus verschiedenen Blickwinkeln
3.1 Die Sicht der Polizei
3.2 Die Sicht eines "Setzergottes"
3.3 Die Sicht betroffener Eltern

4.   Schlussbemerkung



0. Vorwort

Während der Erarbeitung des Themas hat sich gezeigt, dass es relativ schwierig ist, Materialien und Quellen zur Geschichte des Bäumchensetzens zu finden. Ich konnte mich fast nur auf Informationen ehemaliger Schüler stützen, die jedoch als glaubwürdig und zuverlässig gelten können.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich der Attendorner Polizei (hauptsächlich Herrn Friedel W.) für ihre Kommunikations- und Informationsbereitschaft danken, da mir so ebenfalls einige Informationen zur Verfügung gestellt wurden.

1. Durchführung des Bäumchensetzens

1.1 Definition

Das Bäumchensetzen ist eine Attendorner Tradition, bei der für jeden Schüler, der an einem der beiden hiesigen Gymnasien sein Reifezeugnis erhält, zwei Bäumchen (je ein Laub- und ein Nadelbaum) gepflanzt werden. Diese ritualisierte Pflanzaktion findet - meist im Garten des jeweiligen Abiturienten - unter großer Beteiligung der übrigen Oberstufenschüler statt und wird in der Regel von einem Autokorso sowie am Abend, nach mehreren Setzaktionen, von einer Abschlussfete "auf freiem Feld" begleitet. Organisiert wird der gesamte Vorgang grundsätzlich von den Schülern der Jahrgangsstufe 12 für die Abiturienten der eigenen Schule.

1.2 Vorbereitungen

Setz-o-mania Das Bäumchensetzen findet natürlich nicht spontan statt, sondern bedarf einer langen Vorbereitungszeit, in der viele Dinge abzuklären sind. Um den Überblick zu behalten, werden zwei Teams bestimmt, die die Vorbereitungen für das Bäumchensetzen in die Hand nehmen: je ein Team aus der Jahrgangsstufe 12 und aus der Jahrgangsstufe 13, welche beide miteinander kooperieren.

Die Aufgaben sind innerhalb der Stufen sehr klar verteilt. Das Team der Jahrgangsstufe 12 sorgt für die jeweiligen so genannten "Setzer" und dichtet die Sprüche, die bei jeder Setz-Station vorgelesen werden, um dadurch die einzelnen Schüler zu charakterisieren. Übertreibungen eines Charakterzuges sind dabei natürlich keine Seltenheit.

Die organisatorischen Aufgaben werden überwiegend von den Abiturienten übernommen. Sie müssen zuerst entscheiden, bei wem im Garten überhaupt gesetzt werden soll bzw. darf. Meist bilden sich Gruppen von drei bis fünf Personen, die unter sich ausmachen, bei wem zu Hause die Bäumchen für die gesamte Gruppe gesetzt werden. Stehen alle Stationen einer Schule fest, treffen sich die Organisationsteams der beiden Attendorner Gymnasien und arbeiten einen Plan für die Reihenfolge des Bäumchensetzens aus. Dies nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, da verkehrstechnische Probleme von vornherein berücksichtigt werden müssen. Dieser Plan muss anschließend noch von der Polizei abgesegnet werden.

Ein Gauwagen Als Letztes müssen nun noch Plätze organisiert werden, auf denen die so genannten "Joker", die immer einen Bäumchensetztag abschließen, stattfinden können. Hierzu dienten in den letzten Jahren fast immer folgende vier Plätze: die Hubertushütte oder die Schafsbrücke in Attendorn, der Platz "Auf dem Höchsten" bei Hülschotten und der Platz um den Wasserspeicher vor Dünschede. Wegen Verunreinigungen fielen in den letzten Jahren die ersten beiden Jokerplätze weg.

Um eine Joker-Party veranstalten zu können, braucht man grundlegend nur drei Dinge, die beschafft werden müssen: wie gerade beschrieben, einen großen Platz, eine große Musikanlage und einen Getränkewagen.

Was allerdings von den 12ern, aber auch den 13ern privat organisiert werden muss, sind die jeweiligen so genannten Gauwagen, die sie von Station zu Station bringen sollen. Die Gauwagen sind alte Pkws, die z. T. nur noch ein paar Monate TÜV haben und entweder gratis oder für wenig Geld zu erwerben sind. Auch bei der Organisation der Gauwagen bilden sich Gruppen zu vier oder fünf Personen, die gemeinsam für die anfallenden Kosten wie zum Beispiel die Versicherung des Wagens oder auch das benötigte Spritgeld aufkommen. Da die Wagen nach den Tagen des Bäumchensetzens sowieso verschrottet werden, werden sie vor dem Bäumchensetzen unter verschiedenen Mottos, wie zum Beispiel "Blues Brothers" oder "Flower Power", bunt bemalt.

1.3 Ablauf des Bäumchensetzens

Die Bäumchen werden fast immer an drei aufeinander folgenden Wochenenden im Mai und/oder Juni gesetzt.

Los geht's! Nach Absprache eines geeigneten Versammlungsortes treffen sich die Schüler der Jahrgangsstufen 12 und 13 des St.-Ursula-Gymnasiums und des Rivius-Gymnasiums sowie die Ehemaligen, die ebenfalls teilnehmen wollen, am frühen Nachmittag (freitags gegen 15 Uhr, samstags gegen 13 Uhr) am vereinbarten Ort, wobei es sich immer um einen größeren Platz handelt, wie zum Beispiel vor einer Schützenhalle. Meist dauert es jedoch einige Minuten, bis wirklich alle anwesend sind. Von dort aus setzt sich die Kolonne zum ersten Bäumchensetzen in Bewegung, angeführt von den so genannten Gauleitern. Deren etwas anrüchiger Name leitet sich angeblich vom lateinischen Gaudi ab.

Nun fahren ca. 40 Gauwagen, welche alle unter einem anderen Motto stehen, in einer Kolonne. Um Verkehrsbehinderungen aus dem Wege zu gehen, werden, so gut es geht, Waldwege, Nebenstraßen und eher unbefahrene Straßen benutzt, da meist nur in Schrittgeschwindigkeit gefahren wird. Größtenteils geht der Weg natürlich über Haupt- und Bundesstraßen, welche auf diese Art und Weise oft blockiert werden.

Bei der ersten Station angekommen, dauert es erst einmal einige Zeit, bis alle einen geeigneten Parkplatz gefunden haben. Das Augenmerk liegt nun ganz auf dem Garten, in dem sich jetzt alle versammeln und nach Möglichkeit einen großen Kreis bilden. Die Letzten, die der Menschenmasse folgen und die Kreismitte betreten, sind die Setzer, welche ausschließlich aus der Jahrgangsstufe 12 stammen und die jeweilige Anzahl von kleinen Bäumchen tragen. Diese Bäumchen müssen von den Setzern vorher besorgt werden. Hierbei handelt es sich oft um junge Birken, Kastanien und Nadelbäume. Es werden aber auch manchmal einfach nur Äste von ausgewachsenen Bäumen gesetzt.

Schlammorgie Nun liegt alles Weitere in der Hand der Setzer. Es ist jetzt ihre Aufgabe, ihre Partei, sprich: die Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums oder des Rivius-Gymnasiums, in Stimmung zu bringen. Der jeweilige Setzer beginnt nun die Spitzhacke wild über seinem Kopf kreisen zu lassen und schleudert sie anschließend, so fest es geht, in den Boden. Dies bedeutet aber nicht, dass dies der erste Schlag für das Loch ist, in welches der Baum gepflanzt werden soll, sondern dies ist lediglich ein Schlag, um die Menge von Leuten anzuheizen. Da die Bäumchen, wenn sie im Boden sind, immer mit Bier begossen werden, werden vom Setzer einige Flaschen Bier vom Gastgeber gefordert. Zu diesem Zeitpunkt sind eigentlich alle Vorbereitungen getroffen und es geht los.

Mit ca. 5-10 Schlägen wird ein Loch in die Wiese gehackt. Um das Bäumchen nun zu pflanzen, wird es in das Loch gestellt und mit den Erdklumpen, die beim Hacken entstanden, fixiert. Der Setzer öffnet anschließend eine Flasche Bier und übergießt das Bäumchen mit diesem. Jetzt kann die Prozedur wieder von vorne beginnen, bis für jeden Abiturienten, der bei dieser Station beteiligt ist, ein Bäumchen steht. Die Pausen zwischen dem Löcherhacken nutzen die Setzer, um bei den Mitschülern ein paar Lieder oder Sprüche anzustimmen. Diese Sprüche und Lieder richten sich immer gegen die jeweils andere Schule, da die Schüler der beiden Attendorner Gymnasien an den Tagen des Bäumchensetzens in einer nicht immer ernst gemeinten Rivalität zueinander stehen, da jede Partei überzeugt ist, die bessere Schule zu besuchen. Natürlich werden aber auch viele Lieder angestimmt, die entweder sehr inhaltslos sind oder zum Trinken anregen sollen. Wenn alle Bäumchen ihren Weg in den Boden gefunden haben, werden die Sprüche, die vorher von dem Vorbereitungsteam der Jahrgangsstufe 12 ausgedacht wurden und die jeweiligen Gastgeber charakterisieren sollen, laut vorgesprochen. Es ist jedoch meist nicht zu vermeiden, dass diese Sprüche kaum jemand verstehen kann, da die Repräsentanten der jeweils anderen Schule versuchen, die Lautstärke der Sprecher zu übertönen.

Der Diver Neben dem einfachen Hacken gibt es noch abgewandelte Möglichkeiten, mit der Hacke ein Loch in den Boden zu schlagen. Die wohl gängigste Methode, die auch bei fast jeder Station angewandt wird, ist der so genannte "Diver". Nachdem der Setzer schon ein paar Bäumchen gesetzt hat, stimmt die Menge meist gemeinsam den Spruch "Wir wolln den Diver sehn" an, der x-mal wiederholt wird. Automatisch öffnet sich der Kreis von Schülern an einer Stelle und bildet dort eine Art Gang, durch den der Setzer den Kreis verlässt. Mit ca. 20 Metern Anlauf stürmt der Setzer jetzt auf die Stelle zu, an der das Bäumchen gesetzt werden soll, und schmettert mit einem riesigen Sprung die Hacke in den Boden, wobei er selbst auf dem Bauch landet.

Es gibt aber nicht nur die Möglichkeit, mit der Hacke ein Bäumchen zu setzen bzw. ein Loch in den Boden zu bekommen. In den letzten Jahren haben die Setzer ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. So wurden im Jahr 2000 in Schönholthausen bei einer Station fünf Löcher gesprengt anstatt sie zu hacken. Im letzten Jahr wurde sogar vom Organisationsteam der 13er für das Setzen bei ihrem Stufensprecher Christian P. ein Schaufelbagger geordert, der die Löcher für die Bäumchen aushob.

Nach dem anstrengenden Teil des Bäumchensetzens kommt es anschließend zu der so genannten "Caritas". Dies bedeutet nichts anderes, als dass die Gastgeber gratis Getränke und Speisen bereitstellen. Hierbei gilt das Prinzip: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." Der Ort, an dem die Verpflegung zu finden ist, ist fast immer die Garage, die vorerst noch verschlossen bleibt. Es versammeln sich dann ungefähr 100-130 Personen vor dieser Garage. In den ersten Reihen herrscht starkes Gedränge, da sich dort diejenigen befinden, die auf die Getränke (Bier) aus sind. Wenn sich das Garagentor nun öffnet, stürmen innerhalb weniger Sekunden so viele Leute in die Garage wie nur möglich. Nach ca. 5 bis 10 Minuten beruhigt sich die Lage in der Garage, da das ganze Buffet, das häufig aus belegten Brötchen, Partyhäppchen und trockenem Kuchen besteht, geleert ist und die Getränke aufgebraucht sind.

Nach dieser Prozedur suchen alle teilnehmenden Personen wieder ihre Gauwagen auf und die Gauleiter lotsen die sich wieder bildende Kolonne zur nächsten Station, wo sich das gerade geschilderte Schauspiel wiederholt. Pro Tag werden fünf oder sechs Stationen abgefahren.

1.4 Ablauf der "Joker"-Party

Die Joker-Partys finden immer am Ende eines jeden Bäumchensetztages statt. Sie dienen dazu, den Tag bei ausgelassenem Feiern ausklingen zu lassen und eventuelle Defizite, die noch in der Stufenkasse vorliegen, durch den Verkauf von Getränken wieder auszugleichen.

Nach dem letzten Setzen an einem Tag führen die Gauleier die Kolonne zu dem Platz, wo die Joker-Party stattfindet. Diese Party findet öffentlich statt, so dass viel mehr Leute da sind, als eigentlich am Setzen teilgenommen haben.

Bei lauter Musik und vielen Getränken, die direkt vom Kühlwagen verkauft werden, wird fast jedes Mal bis tief in die Nacht gefeiert.

2. Geschichte des Bäumchensetzens

Bäume ausreißen... Es ist eindeutig, dass die Wurzeln des Bäumchensetzens beim Rivius-Gymnasium (dem ehemaligen Jungen-Gymnasium) wiederzufinden sind.

Die ersten Setzaktionen fanden wohl in den Nachkriegsjahren statt. Damals wurde allerdings nur immer ein Baum für jede Abgangsstufe gesetzt. Die Bäume, die heute vor dem Rivius-Gymnasium stehen, wurden also seinerzeit von der Abiturientia selbst gesetzt.

Später, in den siebziger Jahren, war es dann - ausschließlich unter den Attendorner Schülern - Brauch, bei sich zu Hause ein Bäumchen im Garten pflanzen zu lassen. Zu dieser Zeit zog man allerdings noch nicht mit motorisierten Fahrzeugen los, sondern beschränkte sich auf einfache Bollerwagen. Auch der Ablauf war teilweise anders. Nur ein paar Schüler pflanzten den Baum und bekamen anschließend an jeder Station Kaffee und Kuchen. Der damalige Direktor sorgte selbst dafür, dass unter allen Umständen kein Alkohol zur Verfügung stand, indem er alle Eltern persönlich benachrichtigte.

Als in den folgenden Jahrzehnten dann aber immer mehr Schüler, die nicht aus Attendorn stammten, auch ein Bäumchen gesetzt haben wollten, wich man mehr und mehr auf Autos aus. Diese Tradition ist bis heute erhalten geblieben.

3. Bäumchensetzen aus verschiedenen Blickwinkeln

3.1 Die Sicht der Polizei

"Es ist nicht die Aufgabe der Polizei, eine Horde wildgewordener Affen zu beaufsichtigen."
(Friedel W., Polizeihauptkommissar)

Es ist offensichtlich, dass das Bäumchensetzen aus Sicht der Polizei immer kritisch zu betrachten ist.

Konvoi Allgemein lässt sich sagen, dass grundlegende Kriterien, die eine Genehmigung voraussetzen, nicht erfüllt sind. Dies liegt z. B. daran, dass beim Bäumchensetzen immer in einer Kolonne von mindestens 40 Fahrzeugen nur sehr langsam und zum Teil verkehrswidrig gefahren wird. Diese Sondernutzung der Straße wird vom Straßenverkehrsamt nicht akzeptiert. Andere Verkehrsteilnehmer fühlen sich genötigt und erstatten Anzeige wegen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung. Vor einigen Jahren hat ein Mann einmal einen wichtigen Flug verpasst, da er durch die Kolonne und deren Langsamkeit aufgehalten wurde. Außerdem hat sich durch plötzliches Herausfahren aus der Kolonne ein Unfall ereignet, bei dem ein Motorradfahrer leicht verletzt wurde. Aber auch Unfälle mit schwerwiegenden Folgen konnten in der Vergangenheit nicht ausgeschlossen werden. So fiel ein Mädchen, welches während der Fahrt im Kofferraum saß, aus diesem heraus und erlitt einen Schädelbasisbruch. Auch Verstöße ohne größere Folgen, wie zum Beispiel das Nichteinhalten des Rechtsfahrgebotes oder Fahren mit nicht verkehrstüchtigen Fahrzeugen, sind keine Seltenheit. Weiterhin entstehen durch die große Anzahl an Fahrzeugen erhebliche Parkprobleme, die besonders im städtischen Bereich zu Verkehrsblockaden führen. Nicht selten fühlen sich Anwohner bzw. Verkehrsteilnehmer hierdurch bedrängt und lassen es zu einer Anzeige kommen.

Ähnliches Fehlverhalten lässt sich auch auf den anschließenden Jokern feststellen. Permanente Kontrollen durch Security-Dienste wie auf den Oberstufenfeten gibt es nicht. Gesetzesverstöße sind für den Veranstalter nicht zu überblicken. So kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Schlägereien und Vandalismus. Aber genau wie beim Kolonnefahren gibt es bei den Jokern auch andere schwerwiegende Übergriffe. Im Jahr 1992 fand bei einem Joker sogar eine versuchte Vergewaltigung statt. Eine weitere Schwierigkeit für die Polizei sind die Verunreinigungen, die bei den Jokern entstehen. Dies ist insofern ein Problem, als es sich bei den Plätzen nicht immer um private Plätze handelt, sondern oft auch um öffentliche. Im letzten Jahr ist in Dünschede durch Glasbruch auf einer Wiese eine Kuh verblutet, da diese Scherben fraß, die durch die Joker-Party entstanden.

Belastungsprobe Durch diese große Menge an Zwischenfällen ist die Polizei immer öfter dazu gezwungen, Kontrollen durchzuführen. Diese Kontrollen sahen in den letzten Jahren verschieden aus. Im Einzelnen waren es im Jahr 2000 eine groß angelegte Alkoholkontrolle und Ausweiskontrollen, aber auch Kontrollen des angemessenen Parkens der Gauwagen sowie in Einzelfällen auch der Fahrzeuge selbst. Die Überprüfungen wurden manchmal sogar von Zivilstreifen durchgeführt.

In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass eine Tendenz zur Besserung der genannten Probleme zu erkennen ist. Die "Tagestouren" werden nur noch gebietsweise vorgenommen, d. h. z. B. nur im Raum Plettenberg, Attendorn oder Finnentrop. Dies ermöglicht der Attendorner Polizei durch Kooperation mit anderen Polizeistationen eine gewisse Kontrolle über die Situation.

Auch die Auswahl der Versammlungsorte hat sich geändert. Da in der Vergangenheit die Treffpunkte zentral lagen, wie z. B. der Feuerteich in Attendorn, konnte nicht vermieden werden, dass auch so genannte Trittbrettfahrer bzw. Unruhestifter unter den Versammelten waren. Durch dezentrale Versammlungsorte, die von Setzen zu Setzen wechseln, kann man die Begleitung dieser ungebetenen Gäste unterbinden.

Weitere Verbesserungsvorschläge der Polizei wurden bis heute jedoch nicht wahrgenommen. Das Fahren mit Bussen oder Planwagen wurde von den Schülern abgelehnt; in diesem Jahr ist jedoch zum ersten Mal die Vereinbarung getroffen worden, dass in kleineren Gruppen (nicht mehr als fünf Autos) gefahren wird.

Auch vorbereitende Diskussionsrunden sind von der Polizei erwünscht.

(Aussagen von Friedel W., Polizeihauptkommissar, der seit 1994 das Bäumchensetzen in Attendorn betreut, in einem Gespräch am 10.05.2002)

3.2 Die Sicht eines "Setzergottes"

Landeanflug Im Gegensatz zur Polizei ist das Bäumchensetzen aus der Sicht eines Setzergottes - natürlich - nur positiv zu bewerten. Das hat sicherlich damit zu tun, dass man sich als "Gott" in Szene setzen und so eine gewisse Anerkennung gewinnen kann.

Man muss sich klar machen, dass das Bäumchensetzen durchaus mit einigen Anstrengungen verbunden ist. Um überhaupt Setzergott zu werden, muss jeder Setzer probieren, das Setzen so kreativ wie möglich zu gestalten. In den Jahren 2000 und 2001 war Matthias S. einer der Setzer und wurde aufgrund seiner kreativen Darbietungen zum Setzergott gekürt. Ein paar Bäumchen setzte er, indem er die Löcher mit Silvesterböllern sprengte. Weitere Bäumchen pflanzte er in den Boden, indem er sich mit hoch gehaltener Spitzhacke in einer Mülltonne umschmeißen ließ. Seine Glanzleistung, die ihn im Jahr 2001 zum Setzergott machte, war ein Setzritual, das er wie die Büttenrede einer Karnevalssitzung aufzog, wobei er zwischendurch immer mal wieder ein Bäumchen setzte. Die Schüler der Jahrgangsstufe 13 krönten ihn daraufhin beim letzten Setzen. Nach seiner Inthronisation durch den Stufensprecher Christian P. wurde er auf einem präparierten Autositz durch die Menschenmenge getragen.

Dies läuft im Allgemeinen in jedem Jahr ähnlich ab. Es ist Aufgabe der einzelnen Setzer, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, um anschließend beim letzten Setzen von den Abiturienten zum Setzergott gekrönt zu werden. Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang eine gewisse Hemmschwelle, die nicht von jedem Setzer von Beginn an automatisch überwunden wird. Daher wird schon vor den Setzaktionen von den Setzern Alkohol konsumiert, um eventuelle Hemmungen abzubauen und die Schülermenge aufzuheitern. Dieser - gratis gereichte - Alkohol ist natürlich ein Ansporn und zudem ein triftiger Grund, das Bäumchensetzritual grundsätzlich gut zu finden.

3.3 Die Sicht betroffener Eltern

Für die Eltern eines Abiturienten ist das Bäumchensetzen sowohl positiv als auch negativ zu sehen. Auf der einen Seite wollen sie ihrem Kind einen schönen Schulabschluss nicht verweigern, der traditionell mit dem Bäumchensetzen endet. Hier sind noch einmal alle Mitglieder der Jahrgangsstufe vereint und feiern gemeinsam das Ende ihrer Schulzeit. Viele Schüler wollen aus diesem Grund bei sich im Garten ein Bäumchen gesetzt bekommen, da es für sie einfach "dazugehört".

Gartenneugestaltung Für die Eltern ist dies jedoch auch mit einigen Problemen verbunden. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Garten nach dem Setzen wahrscheinlich nicht mehr so gepflegt aussehen wird wie vorher und dass z. B. angelegte Beete zertreten worden sind. Dies stellt für die Eltern einen Kostenfaktor dar, den sie in Kauf nehmen müssen, wenn sie ihrem Kind das Bäumchensetzen im eigenen Garten erlauben. Es stellt sich für die Eltern außerdem die Frage, wo sie die so genannte "Caritas" veranstalten wollen. Hier entsteht in den meisten Fällen eine ziemlich große Verschmutzung, die später ebenfalls von den Eltern behoben werden muss.

Viele Eltern denken jedoch noch über ein weiteres Problem nach. Sie sehen in erster Linie den Alkohol, den vor allem die jeweiligen Setzer konsumieren. Sie fragen sich, mit welcher Gefahr das Bäumchensetzen verbunden ist, wenn z. B. der Setzer die Hacke wild durch die Gegend schleudert und dann ziellos in den Boden schlägt. Im Falle eines Unfalls müssen sie sich fragen, ob sie das Unglück nicht hätten verhindern können, da sie sich im Klaren darüber waren, dass der Setzer schon viel Alkohohl getrunken hat und seine Reaktion auf diese Art und Weise beeinträchtigt war. Dies kann im Ernstfall auch juristische Konsequenzen haben.

Über diesen Bedenken stehen jedoch häufig der Spaß und nicht zuletzt die Tradition, die das Bäumchensetzen mit sich bringt.

4. Schlussbemerkung

Hiermit schließe ich meine Facharbeit über das Bäumchensetzen an Attendorner Gymnasien ab. Ich hoffe, dass ich trotz der im Vorwort angesprochenen Probleme einen Einblick in dieses eigentümliche Schulabschlussritual geben konnte. Immerhin ist die Tradition des Bäumchensetzens meines Wissens zumindest im Südsauerland, vielleicht sogar in ganz Deutschland, einmalig.

Attendorn, den 21.5.2002

Schwunghaftigkeit

©  Christoph Hellweg / St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2002


Der Anhang der Facharbeit (Interviewtexte, Fotos usw.) ist in der vorliegenden Dokumentation nicht enthalten.
Stattdessen wurden für die Webfassung Fotos des Bäumchensetzens 2003 (© Christian Struck/Manuel Rueda-Davila) in den Text integriert.
Ein Film über die Setzaktionen des Jahres 2003 ist auf DVD erhältlich.