Zur Übersicht   Facharbeiten Sozialwissenschaften

Schuljahr 2002/2003

Nike Hengstenberg:

Der Amoklauf von Erfurt:
Ursachen, Reaktionen, Auswirkungen

Eine Bestandsaufnahme ein Jahr danach

Facharbeit, eingereicht im Fachbereich "Sozialwissenschaften"
am St.-Ursula-Gymnasium Attendorn am 18.6.2003


Inhalt

1.      Einleitung

2.      "Amok" - eine Definition

3.      Der Amoklauf von Erfurt
3.1    Der Ablauf des Amoklaufs
3.2    Korrekturen der Berichterstattung

4.      Täterprofile
4.1    Generelles Täterprofil
4.2    Das Täterprofil Robert Steinhäusers

5.      Ursachen
5.1    Die Medien
5.2    Das Schulsystem
5.3    Waffengesetz und Schützenvereine

6.      Reaktionen
6.1    Reaktionen der Politik
6.2    Reaktionen der Medien
6.3    Reaktionen öffentlicher Institutionen
6.3.1 Örtliche Reaktionen
6.3.2 Bundesweite Reaktionen
6.4    Weltweite Reaktionen

7.      Auswirkungen
7.1    Auswirkungen in Erfurt bzw. Thüringen
7.2    Bundesweite Auswirkungen

8.      Reaktionen und Auswirkungen im Kreis Olpe
8.1    Kreispolizeibehörde Olpe
8.2    St.-Ursula-Gymnasium Attendorn

9.      Fazit

         Anmerkungen

         Quellen


1. Einleitung

Am 26.4.2002 schockierte die Nachricht über den Amoklauf eines jungen Mannes, der in Erfurt offensichtlich gezielt in seiner ehemaligen Schule eine verheerende Bluttat begangen und sich anschließend selber getötet hatte. Die Tat verlief einer Hinrichtung gleich ohne Rücksicht auf jene, die möglicherweise nicht im Fokus des von der Schule verwiesenen Schülers standen.

Schockierend war sicherlich das Ausmaß der Tat, waren die vielen Toten und Verletzten, besonders aber der Tatort mitten in Deutschland. Wie konnte so etwas hier passieren?

Natürlich waren Amokläufe auch in Schulen nicht völlig unbekannt, aber Meldungen dieser Art erwartete man aus Ländern wie beispielsweise den USA. Solch eine Tat auf deutschem Boden war in dem Bewusstsein der Menschen hier etwas völlig Neues.

Dies brachte die Medien auf den Plan und natürlich auch die Politik. Es wurde eine Fülle von Analysen durchgeführt; Gründe wurden gesucht und Gesetze geändert. Alles vielleicht in der Hoffnung, dass es sich um einen schrecklichen Einzelfall handelt, der nur aus Versehen hier stattgefunden hat? Oder erlebten wir den Startpunkt einer neuen Ära, sozusagen die Konsequenz eines der Importe von gesellschaftlichen Abartigkeiten, die nun vielleicht zur Tagesordnung werden? Oder haben wir Gewalt in Schulen bisher unterschätzt oder verdrängt und handelt es sich im vorliegenden Fall nur um eine von vielen Gewalttaten mit statistischem Einzelwert? Wäre das, was in Erfurt passiert ist, z. B. auch in Castrop-Rauxel oder in Wiesbaden möglich gewesen? Die Fülle an Fragen wurde natürlich auf breiter Front diskutiert.

Die vorliegende Arbeit fasst heute, ca. 1 Jahr danach, die Erkenntnisse zu den Ursachen des Amoklaufes, die Reaktionen und Auswirkungen im Sinne einer Bestandsaufnahme zusammen. Sie soll darüber hinaus einen kleinen Einblick darüber geben, was sich seit der Tat von Erfurt auch unmittelbar vor der eigenen Haustür getan hat.

2. "Amok" - eine Definition

Der etymologische Ursprung des Wortes "Amok" liegt im Malaiischen und bedeutet soviel wie "Wut". Amok-Laufen wird mit "einer Waffe umherlaufen und blindwütig töten" definiert. [1] Es handelt sich dabei um die mörderische Raserei einer in der Regel männlichen Person. Diese geht scheinbar ungezielt auf alles los, was sich ihr in den Weg stellt. Am Ende tötet sich der Amokläufer meistens selbst, wenn er zuvor nicht überwältigt wird oder vor Erschöpfung zusammenbricht. Als unberechenbare Gewalttaten lösen Amokläufe in der Öffentlichkeit Fassungslosigkeit und Entsetzen aus. Sie versetzen die Betroffenen in einen Zustand der Ohnmacht und Hilflosigkeit. "Amok, Amok" soll nachweislich bereits im 19. Jahrhundert als Kampfruf der Malaien und "Amokan, Amokan" als Kampfruf der Javaner bekannt gewesen sein. Amokähnliches Verhalten ist auch aus anderen Kulturkreisen bekannt, wie beispielsweise die "Arctic-hysteria" in Sibirien oder die "Whitico-Psychos" der Eskimos. [2]

Der Amoklauf von Erfurt hat sich in beispielloser Weise in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eingeschrieben. Vergleichbare Fälle waren bisher nur aus anderen Ländern wie den USA oder Schottland bekannt. (Im Anhang findet sich eine chronologische Zusammenstellung ähnlicher Gewaltexzesse, die sich, wie der Amoklauf von Erfurt, an Schulen abgespielt haben.)

3. Der Amoklauf von Erfurt

3.1 Der Ablauf des Amoklaufs

Am Morgen des 26. April 2002 verabschiedete sich der (vermeintliche) Schüler Robert Steinhäuser von seinen Eltern, die ihm noch viel Glück für seine bevorstehende Abiturprüfung wünschten. Die Eltern ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Robert wegen eines gefälschten Attests zwei Monate vor der Reifeprüfung von der Schule verwiesen worden war.

Gutenberg-Gymnasium Gegen 10.45 Uhr betrat Steinhäuser über den Vordereingang das Gutenberg-Gymnasium. Nach Aussagen von Schülern trug er eine größere Tasche bei sich und verschwand unmittelbar nach seinem Eintreten auf der Herrentoilette. Dort lagerte er 500 scharfe Schuss Munition und vermummte sich am ganzen Körper mit schwarzen Kleidungsstücken. Wenige Minuten später verließ Robert Steinhäuser mit einer Kleinkaliber-Pistole in der Hand die Toilette und begann gezielt auf Lehrer und Lehrerinnen zu schießen. Neben der Pistole hatte der Täter auch eine Pump-Gun auf dem Rücken und einen Patronengürtel um den Oberkörper geschnallt. Nacheinander stürmte er zu den Klassenräumen, riss die Tür auf und schoss auf das Lehrerpersonal, dabei ignorierte er zunächst die auf dem Flur stehenden Schüler.

Als die ersten Schüsse fielen, waren die Schüler der 12. Klasse gerade in ihre Abiturklausur vertieft. Es wurde angenommen, dass der Lärm von den derzeitigen Renovierungsarbeiten im Gutenberg-Gymnasium kam, und auch der Hausmeister alarmierte erst nach mehreren Schüssen, um 11.05 Uhr, die Einsatzzentrale der Polizeidirektion Erfurt.

Wenige Minuten nach dem Notruf, um 11.10 Uhr, trafen die ersten zwei Polizisten vor der Schule ein. Der 41-jährige Polizeihauptmeister Andreas G., Vater von zwei Kindern, wurde trotz schusssicherer Weste von Steinhäuser tödlich getroffen.

Bereits vor der Ankunft der örtlichen Polizei hatte der Amokläufer 15 Menschen, darunter 2 Sekretärinnen, 11 Lehrer und 2 Schüler, erschossen.

Um 11.16 Uhr traf der Geschichtslehrer Rainer Heise nach eigenen Angaben auf den Täter, nahm ihm die Maske ab und stieß ihn nach einem kurzen Gespräch in ein Zimmer, das er verschloss.

Laut Obduktionsbericht beging Steinhäuser um 11.30 Uhr mit einem Kopfschuss Selbstmord.

Die ersten Sanitäter sowie der Erfurter Polizeidirektor trafen wenig später am Ort des Geschehens ein. Als um 11.43 das Sondereinsatzkommando in das Gebäude stürmte und es systematisch durchsuchte, befanden sich noch 180 Schüler in der Schule. Viele versteckten sich, flüchteten auf Toiletten oder versperrten die Türen mit Schränken und Stühlen.

Die Beamten evakuierten Zimmer für Zimmer, und die schwer bewaffneten SEK-ler forderten die Verbarrikadierten auf, langsam die Tür zu öffnen und die Schule zu verlassen.

Erst um 13.01 Uhr wurde die Leiche des Täters entdeckt und von dem Geschichtslehrer Rainer Heise als Robert Steinhäuser identifiziert.

Sanitäter und Polizei vor Ort Die noch in der Schule verbliebenen Schüler wurden bis 15.30 Uhr vollständig aus dem Schulgebäude in Sicherheit gebracht. In einer nahe gelegenen Turnhalle wurde den Betroffenen ein Team von Psychologen zur Verfügung gestellt. Im Bundesarbeitsgericht wurde eine Anlaufstelle für die Eltern der Schüler des Gutenberg-Gymnasiums eingerichtet.

Die erste Pressekonferenz zu dem Amoklauf von Erfurt fand um 16.00 Uhr statt, in der die Ermittlungsbehörde die Zahl der Toten bekannt gab.

Noch am selben Abend wurde das Haus des Täters durchsucht und das Ehepaar Steinhäuser auf dem Polizeirevier vernommen.

An jenem Tag, dem 26. April 2002, wurde das Erfurter Gutenberg-Gymnasium, über dessen Portal der Spruch "Lerne um zu leben" [3] eingraviert ist, in einen Schauplatz des Todes verwandelt. In den Gängen der Schule lagen die Leichen von Polizist Andreas G., den Lehrern Hans-Joachim Sch., Helmut Sch., Hans L., Peter W., Heidemarie S., Monika B., Gabriele K., Sofia F.-B., Rosemarie H., Carla P. und Heidrun B., den Schülern Ronny M. und Susan H., der Sekretärin Anneliese Sch. und des Täters Robert S. Auf dem Parkplatz vor der Schule lag die Leiche der Lehrerin Birgit D.

3.2 Korrekturen der Berichterstattung

Am Tag nach dem Amoklauf von Erfurt wurde die Zahl der Toten auf 17 korrigiert. Durch einen Übermittlungsfehler zwischen den Ärzten in der Schule und dem Sondereinsatzkommando hieß es am Vorabend fälschlicherweise, dass 14 Schulangestellte anstelle von 13 ums Leben gekommen seien. Zudem berichtigte die Polizei ihre früheren Angaben, nach denen die beiden toten Schüler Mädchen gewesen seien. Tatsächlich handelte es sich aber um ein 14-jähriges Mädchen und einen 15-jährigen Jungen.

Die Polizei teilte mit, dass aus der Pump-Gun, die Robert Steinhäuser am Tag seiner Amoktat mit in das Gutenberg-Gymnasium geschmuggelt hatte, keine Schüsse abgegeben wurden. Nach den Erkenntnissen der Ermittler hatte sich im Lauf dieser Repetier-Flinte eine Patrone verkantet, sodass der Täter alle Opfer mit seiner Pistole erschoss. "Insgesamt hatte der Amokläufer laut Aussagen der Staatsanwaltschaft 71-mal abgefeuert, die Polizei war zunächst von 40 Schuss ausgegangen. Die Ermittler bestätigten die Angaben der Staatsanwaltschaft, da am Tatort 72 Hülsen gefunden wurden, wovon 71 aus der Waffe des Täters stammten" [4]; die einzelne Hülse stammte aus einer Polizeiwaffe. Anhand dieser Erkenntnis konnte die Polizei einen zweiten Täter ausschließen. Zeugen hatten zuvor von schnell aufeinander folgenden Schüssen berichtet, die die Annahme eines Mittäters aufkommen ließen.

Auch das Gerücht über eine Warnbotschaft des Täters per SMS erwies sich als Missverständnis.

Der Geschichtslehrer Rainer Heise wurde nach dem Amoklauf zunächst als "Held von Erfurt" gefeiert. Nach eigenen Aussagen hatte er in einer lebensgefährlichen Konfrontation mit dem Täter Robert Steinhäuser, seinem ehemaligen Schüler, zu diesem gesagt: "Drück ab! Wenn du mich jetzt erschießt, dann guck mir in die Augen." [5] Anschließend hatte Heise ihn, so erklärte er später, in einen Raum gestoßen, die Tür abgeschlossen und so die Gewaltorgie beendet. Wegen dieser mutigen Tat wurde Heise von Innenminister Otto Schily für das Bundesverdienstkreuz ins Gespräch gebracht. Jedoch ergaben sich im Laufe der Ermittlungen immer mehr Widersprüche zwischen dem tatsächlichen Geschehen und den Aussagen des Geschichtslehrers. Es gab Zweifel an der Glaubwürdigkeit Heises, dessen zahlreiche Interviews mittlerweile auf große Kritik stießen. Innerhalb weniger Tage wurde er vom Helden zum Opfer erklärt und litt unter Bedrohungen und Beschimpfungen. Selbst die Rektorin des Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, bemerkte: "Manchmal denke ich, er hätte auch ein leiserer Held sein können!" [6]

Aus dem Abschlussbericht von Polizei und Justiz ergab sich schließlich, dass sich der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26. April tatsächlich so abgespielt habe, wie es Heise dargestellt hatte. Er lehnte jedoch das Bundesverdienstkreuz ab, da er nicht als "Blutheld" namhaft werden wollte.

4. Täterprofile

4.1 Generelles Täterprofil

Amokläufer in Littleton 95% der Amokläufer sind nach einer Studie des Psychiaters und Neurologen Lothar Adler männlich und haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren. Allerdings hat sich dieses in den letzten zwei Jahrzehnten stark nach unten bewegt; immer mehr Jugendliche werden zu Amoktätern.

Die Mehrzahl der Täter ist sehr introvertiert, wenig im sozialen Umfeld integriert und hat über einen längeren Zeitraum Enttäuschungen erlebt oder Kränkungen erfahren. Ein solches traumatisches Ereignis bewirkt daraufhin einen zunehmenden Realitätskontrollverlust der Täter, der aggressive Phantasien hervorruft und schließlich in einer "Grübelphase" den Plan für die Gewalttat entstehen lässt. [7] Häufig werden für die Verwirklichung des Planes Orte vergangener Kränkungen gewählt.

In den meisten Fällen leben die Täter vor ihrer Tat sehr unscheinbar, meist isoliert, und teilen eine Begeisterung für Gewalt und Waffen aller Art. Der Umgang mit einer Schusswaffe ist ihnen fast ausnahmslos durch das familiäre oder soziale Umfeld vertraut. Bei einer Vielzahl von Amokläufen liegen Hinweise dafür vor, dass die Tat mit der finalen Zielrichtung des eigenen Suizides geplant worden ist. Vor der eigenen Hinrichtung soll aber eine Vielzahl anderer Menschen getötet werden. Dadurch werden zuvor unterdrückte Aggressionen entladen, den Amokläufern fehlt jedoch in diesem Moment der Bezug zur Wirklichkeit.

4.2 Das Täterprofil Robert Steinhäusers

Wie auch bei sonst bekannten Amokfällen handelte es sich bei dem Amokläufer von Erfurt um einen männlichen Täter. Mit 19 Jahren war er deutlich jünger als vergleichbare Täter. Das Tatalter würde jedoch in gewisser Weise den Trend zum "jugendlichen Täter" [8] bestätigen. Bei dem Täter handelt es sich um einen ehemaligen Schüler des Gymnasiums.

Steinhäuser Wie auch die Mehrzahl der Amokläufer galt Steinhäuser allgemein als ein unauffälliger, introvertierter junger Mann. Nach Angaben seiner Mitschüler fiel er lediglich durch seine schwarze Kleidung und die entsprechende Band-T-Shirts auf.

Robert Steinhäuser kam aus einer normalen deutschen Familie. Beide Eltern waren berufstätig und sein älterer Bruder studierte an einer Fachhochschule Informatik. Mit anderen Amokläufern verband Steinhäuser, dass er ebenfalls ein isoliertes Dasein führte. Zu Hause verbrachte Robert die meiste Zeit in seinem Zimmer; in der Familie wurde nicht viel geredet.

Seit 3 Jahren besuchte Robert das Gutenberg-Gymnasium, das nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt war. Nachdem er die elfte Klasse wiederholt hatte, wurde er nur knapp in die zwölfte Klasse, den Abiturjahrgang, versetzt. Zwei Monate vor den Abiturprüfungen wurde Robert Steinhäuser von der Schule verwiesen, da er seit längerem Klausuren geschwänzt und ärztliche Atteste gefälscht hatte. Dieses hat er offensichtlich vor seinen Eltern verbergen können. Es ist sicherlich mehr als eine Vermutung, dass der Tatort Schule auch ein Ort ehemaliger Kränkung war.

Die Begeisterung für Waffen aller Art war offensichtlich auch bei Steinhäuser vorhanden. Im Oktober 2002 trat Robert in den Schützenverein "Domblick" ein. Die Mitgliedschaft im Verein ermöglichte ihm, beim Ordnungsamt eine Waffenbesitzkarte zu beantragen. Zum Erwerb der Karte absolvierte er mehrere Übungen und Wettbewerbe, so dass er sich wenige Monate vor dem Amoklauf die beiden Tatwaffen, eine Kleinkaliberpistole und eine Pump-Gun, auf legalem Wege besorgen konnte. Zudem war er Mitglied im Erfurter Polizeisportverein.

Ferner fand man bei ihm Gewalt verherrlichende Computerspiele und Musik-CDs. Wie auch bei dem Großteil von Amoktaten endete der Amoklauf von Erfurt mit dem Suizid des Täters.

5. Ursachen

Die schrecklichen Ereignisse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in einigen anderen Ländern breite Debatten über die Ursachen für Gewaltanwendungen innerhalb der Gesellschaft ausgelöst.

Bisher gibt es keine universelle Erklärung für das Entstehen von Gewalt und die damit verbundene Faszination.

5.1 Die Medien

Schon seit langer Zeit wird in der Forschung über die Wirkung von Medien gestritten. Fest steht, dass Medien in der heutigen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen und auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen einen erheblichen Einfluss ausüben können.

Der Amoklauf von Erfurt hat in der Medienforschung erneut Diskussionen über die alltägliche Gewalt auf den Bildschirmen ausgelöst. Mord und Totschlag sind im Fernsehprogramm, in Videos und Computerspielen weit verbreitet. Zudem liefert das Internet eine neue Zugangsquelle auch zu gewalttätigen Darstellungen.

"Aussagen des Jugend-Medien-Schutz-Reports zufolge halten immer mehr Kinder Mord für eine alltägliche Todesursache. Durchschnittlich habe jedes Kind bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr etwa 18.000 mal im Fernsehen miterlebt, wie ein Mensch stirbt bzw. getötet wird." [9]

Ermittlungen über Robert Steinhäuser ergaben, dass sich dieser gerne zusammen mit seinen Freunden Horror- und Actionfilme anguckte. Solche Gewaltdarstellungen können auf den Zuschauer unterschiedliche Effekte haben. Allgemein gibt es in der Medienforschung viele weit verbreitete Theorien über die Wirkung von Gewalt in den Medien. "So können z. B. nach der Stimulationsthese Gewaltanwendungen auf der Leinwand anregend für den Zuschauer sein und somit aggressives Verhalten fördern. Im Kontrast dazu besagt die Inhibitionsthese, dass Gewalt in den Medien Aggressionsängste hervorruft und diesbezüglich abschreckend wirkt." [10]

"Experten glauben, dass Robert Steinhäuser die Helden aus den Gewaltfilmen als seine Vorbilder gesehen habe, da diese eine gewisse Stärke und Macht ausstrahlten, von welcher Steinhäuser nur geträumt habe. Anhand der Identifikation mit den Starken und Mächtigen habe er seine eigenen Schwächen und Alltagsprobleme für einen Moment verdrängen können, um in seiner Phantasie ebenfalls zu den Helden zu gehören." [11]

Des Weiteren konsumierte Steinhäuser sakrale Heavy-Metal-Musik. Es wurde bekannt, dass er ein Fan der Band Slipknot war, die u. a. wegen ihrer aggressiven Texte (z. B. people = shit) berüchtigt ist.

Als weitere Auslöser für den Amoklauf von Erfurt werden die von Steinhäuser beliebten Ego-Shooter-Computerspiele Counterstrike und Quake genannt, bei denen die Spieler aus der Ich-Perspektive ein sich ständig wiederholendes Töten von Menschen zur Aufgabe haben.

Im Gegensatz zu der Film- und Musikrezeption konnte Steinhäuser bei diesen Computerspielen, ohne reale Konsequenzen zu spüren, aktiv in das Geschehen auf dem Monitor eingreifen.

Die enorme Leistungsverbesserung moderner Computertechnologien sowie die Entwicklung wirklichkeitsnaher Grafik steigern nicht nur das Spielvergnügen, sondern erschweren auch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität.

Das Internet ermöglicht den Spielern in einem Multi-Player-Modus zu spielen, d. h. mit mehreren Spielern gleichzeitig. Hinter den virtuellen Gegnern verbergen sich dabei "echte" Spieler, die über das Internet verbunden werden. Dadurch wird das Spiel spannender und es entsteht gleichzeitig ein Gemeinschaftserlebnis mit anderen Spielern.

Sicherlich reduzieren solche Ego-Shooter-Computerspiele die Hemmschwelle, Menschen auf grausame und perverse Weise zu ermorden, und verstärken parallel die eigenen Aggressionsimpulse. Dabei kann jedoch nicht verabsolutierend gesagt werden, dass Steinhäuser allein durch den Konsum von Mediengewalt zum Massenmörder geworden ist.

Denn im Umkehrschluss wäre ja jeder, der vergleichbare Videos sieht, Musik hört oder Computerspiele konsumiert, ein potentieller Täter. Die Wirkung von Mediengewalt liefert also nur einen Mosaikstein in der Analyse von Steinhäusers Vorgehen, aber reicht bei weitem nicht aus, um die Motive für seine Tat lückenlos zu klären.

Im Folgenden werden weitere Faktoren analysiert, die einen möglichen Einfluss auf Steinhäusers Tatverhalten hatten.

5.2 Das Schulsystem

Für den Eintritt in die Berufswelt ist das schulische Abschlusszertifikat eine zwingende Voraussetzung geworden. Als gesellschaftliche Institution übt die Schule einen erheblichen Einfluss auf die berufliche und persönliche Entwicklung der Schüler aus. Neben dem Elternhaus übernimmt die Schule die Verantwortung, die Schüler zu erziehen und sie auf ihre Zukunft vorzubereiten. Zunehmende Aggressions- und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen ist somit ein Signal für das Versagen des Zivilisierungsprozesses unserer Kultur, in erster Linie der Familien und Schulen.

Vor allem das thüringische Schulsystem ist durch ein leistungsorientiertes Selektionsverfahren gekennzeichnet, dass die Schüler knallhart als Gewinner oder Versager kategorisiert. Robert Steinhäuser war ein solcher Verlierer des Systems, denn obwohl er die elfte Klasse noch einmal durchlaufen hatte, traten bereits zu Beginn der zwölften Klasse große Schwierigkeiten auf. Durch das leistungsmäßige Versagen wurden die beruflichen Chancen Steinhäusers deutlich eingeschränkt. Denn das in Thüringen bestehende "K.-o.-System" besagt, dass Schüler im Falle wiederholten Scheiterns ohne jeglichen Abschluss die Schule verlassen müssen. Nach zwölf Jahren Schule drohte Steinhäuser ins Bodenlose zu stürzen. Durch das Schwänzen von Unterricht und Fälschen von Attesten kam es später zu seinem Rauswurf. Dabei wurden die Regeln für das Schulausschluss-Verfahren jedoch nicht eingehalten. Denn nach Paragraph 52 des thüringischen Schulgesetzes heißt es: "[...]Der Ausschluss muss zunächst angedroht, außerdem müssen Eltern- und Schülervertreter gehört werden. Zudem muss den Ausschluss-Antrag die Lehrerkonferenz beschließen. Erst dann kann die Schulleitung den Rauswurf beim zuständigen Schulamt beantragen" [12]. Allerdings wurde diese Regel von den Schulinstanzen des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums nicht angewendet. Bis zu dem Tag des Amoklaufs wussten die Eltern nicht Bescheid über den Rauswurf ihres Sohnes. Auch über das langzeitige Fehlen Steinhäusers sowie über die gefälschten Atteste waren die Eltern nicht informiert.

Der Schulverweis war wahrscheinlich einer der entscheidenden Auslöser für den Amoklauf von Erfurt. Jedoch wird auch nicht jeder Schüler, der von der Schule verwiesen wurde oder eine Klasse wiederholen muss, zum Amokläufer. Die Ursachen für die Gewaltbereitschaft entstehen sicher nicht allein in der Schule. Es bleibt also fraglich, inwieweit die Regeln des Thüringer Schulsystems selbst oder das Handeln der Schulleitung für den Amoklauf von Erfurt verantwortlich gemacht werden können.

5.3 Waffengesetz und Schützenvereine

Die Suche nach den Ursachen für den Amoklauf von Erfurt hat neben der Frage nach der Mitschuld der Medien und des Schulsystems auch die nach der Zugangsberechtigung zu Waffen sowie dem Sinn und Zweck von Schützenvereinen in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Noch bis zu dem 26. April 2002 wurde das deutsche Waffengesetz als angeblich eines der strengsten der Welt gepriesen, was sich allerdings wenig später als erschreckender Irrtum herausstellte.

Tatwaffe "Als ein Mitglied des Erfurter Schützenvereins Domblick erhielt Steinhäuser am 16. Oktober 2001 vom Ordnungsamt Erfurt eine offizielle Waffenbesitzkarte, die es ihm erlaubte, seine spätere Tatwaffen, eine 9-Millimeter-Pistole und eine Flinte im Kaliber 12/76, zu kaufen. Zudem besaß der Täter noch einen sog. Vorderschaftsrepetierer (Pumpgun), die er laut den vorgeschriebenen Kalibervorgaben nicht hätte ausgehändigt bekommen sollen. Auch der Erwerb der Flinte wird angezweifelt, zumal Steinhäuser damit nicht auf den Erfurter Schießständen hätte trainieren dürfen. Auch eignete sich die Waffe durch den gleichzeitig gekauften Pistolengriff, der für den Schaft an die Flinte angebracht werden sollte, nur noch zum Rumballern" [13]. Dadurch wird deutlich, wie unsicher das deutsche Waffengesetz und vor allem wie löchrig die Kontrolle durch die Ordnungsämter bei dem Beschaffen von Waffen ist.

Am Tag des Erfurter Blutbades kam es zu einem makaberen Zufall: Parallel zu den ersten Schüssen im Gutenberg-Gymnasium beschloss der Bundestag eine Verschärfung des 30 Jahre alten Waffenrechts. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Sportschützen ab dem achtzehnten Lebensjahr auf Antrag eine Waffe erwerben. Bei Jägern lag die Altersgrenze bei nur 16 Jahren. "Derzeit gibt es in der Bundesrepublik Deutschland 7,2 Millionen legale Waffen, wovon nur 15.000 Privatpersonen eine zum Selbstschutz tragen dürfen" [14].

Das alte Waffengesetz hat es Steinhäuser ermöglicht, sich auf legalem Weg seine Tatwaffen zu besorgen. Den Umgang mit Waffen bzw. die Treffsicherheit konnte er sich in dem Sportschützenverein beibringen. "Wir trainieren das möglichst präzise Treffen von Zielen, und das ist Robert Steinhäuser in der Schule leider sehr gut gelungen" [15], so der Vereinschef des Erfurter Domblick-Schützenvereins.

6. Reaktionen

6.1 Reaktionen der Politik

"Es ist ein Ereignis, das alle Vorstellungskraft übertrifft. Alle Erklärungsversuche sind vorläufig und greifen zu kurz." [16] Dieses waren einige der Worte von Bundeskanzler Schröder zu den schrecklichen Ereignissen im Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26.April 2002.

Politiker aller Parteien reagierten mit Fassungslosigkeit und Entsetzen auf den Amoklauf von Erfurt. Den Opfern und ihren Angehörigen sprachen sie ihr tiefstes Mitgefühl aus.

Die SPD sagte ihre bundesweite Parteikonferenz am folgendem Samstag ab und die Thüringer CDU verschob die Vorstellung ihres Wahlprogramms um eine Woche. Vielmehr richteten die Parteien ihr Augenmerk auf die Frage, welche politischen Konsequenzen aus dem Massaker gezogen werden müssen.

Das noch am selben Tag verschärfte Waffengesetz wurde erneut zu einem Brennpunkt der Diskussionen. Politiker forderten eine erneute Restriktion des Waffengesetzes, bei dem vor allem für den Erwerb eines Waffenscheines die Altersgrenze von 18 auf 21 Jahren heraufgesetzt werden soll. Ferner sollte der Zugang zu scharfer Munition deutlich erschwert werden. Bundeskanzler Schröder rief für die nächsten Tage ein Treffen mit den Ministerpräsidenten aller Länder zusammen, um über mögliche Gesetzesänderungen abzustimmen. Im Bundesrat zeichnete sich schon im Voraus eine Mehrheit für die Verschärfung des Waffengesetzes ab.

Des Weiteren forderten die Politiker Maßnahmen gegen die Verherrlichung von Gewalt in den Medien. Darauf bezogen kündigte Bundeskanzler Schröder ein Gespräch mit den Intendanten der großen Fernsehanstalten an.

Um eine effektive Medienkontrolle zu erreichen, bemühte sich die SPD die schon bestehenden Verbote von Gewaltdarstellungen auf die neuen Medien auszudehnen. Politiker aus allen Parteien plädierten für eine Verbesserung des Jugendschutzes, damit Kinder und Jugendliche keinen Zugang mehr zu Gewalt verherrlichenden Videos und Computerspiele haben.

Um ein Ergebnis bei der Gewaltbekämpfung zu erzielen, wurde allgemein eine parteiübergreifende Zusammenarbeit gefordert. [17]

6.2 Reaktionen der Medien

Hilferuf aus dem Gymnasium Der Amoklauf von Erfurt hat vor allem auch in den Medien ein großes Echo gefunden.

Bereits kurze Zeit, nachdem die ersten Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium gefallen waren, traf eine Vielzahl an Reportern aus allen Himmelsrichtungen an dem Schauplatz des Geschehens ein und brachte eine vorher noch völlig unbekannte und unauffällige Schulgemeinschaft ins Blitzlicht der Medien. Innerhalb eines Tages wurde die Schule nicht nur national, sondern auch international zum Brennpunkt von Diskussionen in allen Bereichen. Die Medien waren es, die Informationen über den Amoklauf von Erfurt über die ganze Welt verbreiteten. Zum Teil wurde seriöse Aufklärungsarbeit geleistet, zum anderen Teil wurden Artikel publiziert, die auf die reine Sensationslust der Menschen angelegt waren. Der Amoklauf wurde zu einem Medienevent.

Am Tag nach dem Amoklauf reagierten die Thüringer Zeitungen mit einem Trauerflor und Traueranzeigen auf der Titelseite. Aber auch in den Zeitungen anderer Bundesländer erschienen Traueranzeigen sowie Beileidsbekundungen zu den schrecklichen Ereignissen in Erfurt.

Die großen Fernsehanstalten antworteten mit einer Überarbeitung ihres für das Wochenende vorgesehenen Fernsehprogramms. Spielfilme, die mit extremen Gewaltdarstellungen verbunden waren, wurden aus dem Programm gestrichen. Auch für die folgenden Wochen planten die Sender mit Rücksichtsnahme auf die Opfer des Amoklaufes und deren Angehörige Darstellungen von Gewalt, Schmerz und Trauer zu meiden. So wurden z. B. der Spielfilm "Natural Born Killers" sowie die beiden Horrorthriller "The Faculty" und "Kinder des Zorns - Teil 5" vorläufig aus dem ProSieben-Programm abgesetzt. Die Verantwortlichen des Kölner Musiksenders Viva bzw. Viva plus beschlossen, fortan keine Videoclips der Heavy-Metal-Band Slipknot mehr auszustrahlen, da der Amokläufer Robert Steinhäuser nach Aussagen von Freunden ein großer Fan dieser Musikband gewesen sei. [18]

Die Kinoprogramme wurden bundesweit ohne Veränderungen weitergeführt.

Im Großen und Ganzen reagierten die Medien mit Rücksicht und Anteilnahme auf den Amoklauf von Erfurt. Jegliche Mitverantwortung für diesen fatalen Gewaltausbruch und für vergleichbare Fälle stritten sie allerdings ab.

6.3 Reaktionen öffentlicher Institutionen

6.3.1 Örtliche Reaktionen

Die örtliche Feuerwehr und die Polizei errichteten ein Rettungszelt und informierten Angehörige über die Vermissten.

Die Schüler des Gutenberg-Gymnasiums wurden zehn Tage nach dem Amoklauf in einem Ersatzgebäude untergebracht. Pädagogen aus Thüringen und Mainz ersetzten die zwölf ermordeten Lehrer. In der Schule wurden die Schüler zusätzlich von psychologischen Fachkräften betreut. Mit Hilfe einer Subvention der Bundesregierung von drei bis vier Millionen Euro wird das Gebäude des Gutenberg-Gymnasiums inzwischen komplett saniert.

Die tödlichen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium versetzten die Stadt Erfurt in einen Zustand der Verzweiflung, Ratlosigkeit und Trauer. Aus gegebenem Anlass wurden alle Unterhaltungsveranstaltungen in Erfurt abgesagt. In der Stadt versammelten sich Hunderte von Menschen, darunter Schüler, Eltern sowie Angehörige der Opfer, um gemeinsam der Opfer zu gedenken.

An der Trauerfeier in Erfurt nahmen mehr als 100.000 Menschen teil, unter ihnen Bundespräsident Rau und Bundeskanzler Schröder. Im Rahmen von Trauermärschen wurde gegen das Waffengesetz und das Thüringer Schulsystem demonstriert.

Kirchen luden spontan zu ökumenischen Trauergottesdiensten und blieben die ganze Nacht für die Gemeinde geöffnet.

Allgemein wurden in der Stadt Erfurt Anlaufstellen für die Opfer und deren Familien eingerichtet. Diesen standen zudem mehrere Teams von Psychologen zur Verfügung.

Als Konsequenz des Amoklaufs hat sich der Polizeischutz in Erfurt erhöht. Das Ersatzgebäude für das Gutenberg-Gymnasium wird von Sicherheitspersonal kontrolliert und bewacht.

In einer Konferenz des Kultusministeriums wurde beschlossen, dass die von dem Amoklauf betroffenen Abiturienten des Gutenberg-Gymnasiums ihr Abitur ohne weitere Prüfungen angerechnet bekommen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reagierte mit einer Liste von Forderungen auf den Amoklauf von Erfurt. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach "mehr Sicherheit in den Schulen". [19]

Die Thüringer Landeselternschaft forderte eine grundsätzlich bessere psychologische Betreuung an Schulen durch z. B. Vertrauenslehrer.

6.3.2 Bundesweite Reaktionen

Nicht nur in Erfurt, sondern auch bundesweit wurde über das schreckliche Ereignis am Gutenberg-Gymnasium getrauert. Eine Vielzahl von Menschen aus ganz Deutschland, darunter schwerpunktmäßig Angehörige und Freunde der Opfer sowie psychologische und pädagogische Fachkräfte, reisten noch am selben Tag nach Erfurt.

Es traf eine Fülle an Post in Erfurt ein, in welcher Menschen aus der gesamten Bundesrepublik ihr Mitgefühl aussprachen.

Kirchen vieler Gemeinden blieben für stille Andachten geöffnet.

Am ersten Schultag nach dem Amoklauf von Erfurt wurde um 11.05 Uhr, dem Zeitpunkt, als im Gutenberg-Gymnasium drei Tage zuvor die ersten Schüsse gefallen waren, an allen deutschen Schulen eine Schweigeminute gehalten.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund rief dazu auf, zu diesem Zeitpunkt kurz die Arbeit niederzulegen, um an dem Gedenken der Opfer teilzunehmen.

Der Deutsche Schützenbund sagte sowohl den für das Wochenende geplante Schützentag in Suhl als auch das Bundeskönigsschießen ab.

In Hinblick auf die von der Bundesregierung eingeleitete Diskussion über eine erneute Verschärfung des Waffenschutzgesetzes zeigten sich die Waffenlobby und die Interessenvertretungen der Verbände von Büchsenmachern und Waffenhändler allerdings verärgert und erhöhten ihren Druck auf die Bundesregierung.

Die Landespolizeien berieten sich auf bundesweiter Ebene über Einsatztaktiken und Verhaltensvorgaben, um auf vergleichbare Fälle vorbereitet zu sein.

Auch auf Schulebene wurde das Thema Amoklauf intensiv behandelt. In Konferenzen wurde über Maßnahmen zur Vorbeugung vor derartigen Gewaltexzessen bzw. mehr Sicherheit in Schulen diskutiert. Nach Forderungen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft sollte auch im Unterricht intensiver über Gewalt gesprochen werden.

Aus allen Teilen Deutschlands kamen Rufe nach einem strengeren Waffenrecht und einer Intensivierung des Jugendschutzgesetzes.

6.4 Weltweite Reaktionen

Der Amoklauf Robert Steinhäusers hat weltweit großes Entsetzen ausgelöst. Vor allem in Europa wurde intensiv darüber berichtet. Aber auch außerhalb der EU erschienen Artikel über den Amoklauf von Erfurt. Allseitig wurde man sich bewusst, dass solche Taten überall möglich sind. Dem Thema Gewaltprävention wurde allgemein eine große Aufmerksamkeit gewidmet.

7. Auswirkungen

7.1 Auswirkungen in Erfurt bzw. Thüringen

Ein Jahr nach den schrecklichen Ereignissen am Gutenberg Gymnasium scheint Erfurt allenfalls äußerlich zur Normalität zurückgefunden zu haben. Denn auch wenn die Blutspuren und Einschusslöcher am Tatort inzwischen entfernt wurden und die Fassade des Gutenberg-Gymnasiums erneuert ist, bleiben die Konsequenzen aus dem Blutbad überall präsent.

So wurde beispielsweise ein "Nachsorgeprojekt Gutenberg-Gymnasium" in Erfurt eingeleitet. Die damit verbundene psychologische Betreuung der Überlebenden und Hinterbliebenen wird noch bis zum Jahresende hin fortgesetzt, denn die traumatischen Erinnerungen sind auch ein Jahr danach bei vielen noch tief verankert.

Parallel zu diesem Projekt schlossen sich Schüler in kleinen Gruppen zusammen, um gemeinsam die Erinnerungen zu verarbeiten. Es wurden z. B. Bands gegründet, die durch ihre Musik ihre Gefühle zum Ausdruck brachten.

Eine Gruppe weiterer Schüler übernahm die Aufgabe, aus den Postbergen, die sich seit dem Amoklauf angesammelt hatten, eine Ausstellung zu gestalten.

Auch im Unterricht bemühten sich die Lehrer, bewusst über die traumatischen Erinnerungen zu reden oder durch kreative Aufträge wie z. B. Collagen, Zeichnungen etc. den Kindern die Möglichkeit zu geben, das Erlebte zu verarbeiten.

Bis zum Herbst 2004 soll das gesamte Schulgebäude renoviert und für die in einer Ersatzschule untergebrachten Schüler einzugsbereit sein.

Der Jahrestag des Amoklaufes wurde allgemein als Tag der Besinnung bezeichnet. Mit großer Anteilnahme gedachten mehrere tausend Menschen der Opfer des Blutbades.

Auf Landesebene wurde nach Bestrebungen der Landeselternschaft und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft das Thüringer Schulgesetz modifiziert. Fortan bekommen Schüler, die ihre Abiturprüfung nicht bestanden haben, den Realschulabschluss angerechnet. Durch eine zusätzliche Prüfung wird es ihnen sogar ermöglicht, die Fachhochschulreife zu erwerben.

7.2 Bundesweite Auswirkungen

Proteste Unter dem Eindruck des Massakers beschlossen Bund und Länder weitere Verschärfungen des Waffenrechts. Ende Juni 2002 wurden die Gesetzeserneuerungen von Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Kurze Zeit später, am 17. Oktober 2002, trat ein Verbot von Pump-Guns in Kraft. Seit dem 1. April 2003 wurde dieses Verbot auch auf den Besitz von Butterfly-Messern und Ninja-Sternen ausgeweitet. Die Altersgrenze für den Erwerb und Besitz von Schusswaffen wurde grundsätzlich angehoben. Sportschützen dürfen künftig erst nach Vollendung des 21. Lebensjahres in den Besitz ihres ersten Gewehres oder ihrer eigenen Pistole gelangen. Personen unter 25 Jahren wird die Vorlage eines amts- oder fachpsychologischen Gutachtens zur Voraussetzung für den Waffenbesitz gemacht.

Parallel zu der Verabschiedung des neuen Waffengesetzes am 1. April trat am selben Tag ein neu geregeltes Jugendschutzgesetz in Kraft. Dieses beinhaltete vor allem strengere Regelungen für Gewaltdarstellungen in den elektronischen Medien. Fortan müssen sämtliche Computerspiele, Filme und CDs mit Alterbegrenzungen gekennzeichnet sein.

Auch wurde von den Bundesländern eine Kommission für Jugendschutz (KJM) eingesetzt, die das Internet und Privatfernsehen kontrolliert.

Zusätzlich wurde zur Eindämmung und Kontrolle von Mediengewalt im Mai 2002 von Bundeskanzler Schröder der "Runde Tisch" eingeführt. In diesem Gremium sollen u. a. auch die Vertreter der Landesmedienanstalten mitwirken, um vorhandene Grundsätze zu überprüfen bzw. zu ergänzen.

8. Reaktionen und Auswirkungen im Kreis Olpe

Die Recherche ein Jahr nach dem Amoklauf lässt den Schluss zu, dass Erfurt nur zufällig Ort des Geschehens war und es somit auch in unserer unmittelbaren Umgebung hätte stattfinden können. Folglich stellt sich die Frage, inwiefern lokale Einrichtungen auf die Ereignisse von Erfurt reagiert haben. Ein Besuch bei der Kreispolizeibehörde in Olpe sowie ein Treffen mit dem Schulleiter eines örtlichen Gymnasiums boten hierzu einen Einblick.

8.1 Kreispolizeibehörde Olpe

In einem Gespräch mit Herrn Wolfgang S., Polizeioberkommissar und Ausbilder für Eingriffstechnik der Kreispolizei Olpe, wurden folgende Fragenkomplexe erörtert:

  1. Gibt es grundsätzlich bei Amokläufen eine Verhaltensvorgabe durch die Polizei? Werden solche Amoklagen trainiert?
  2. Ist diese Verhaltensvorgabe nach dem Amoklauf von Erfurt zielgerichtet überarbeitet bzw. geändert worden?
  3. Wie würde die Polizei des Kreises Olpe nach den Erfahrungen mit "Erfurt" reagieren, wenn ein vergleichbarer Fall im näheren Umfeld auftritt?
  4. Welche Arten von Amokläufen sind der hiesigen Polizei bekannt?
  5. Hat der Gesetzgeber wirksam in Hinblick auf den Amoklauf von Erfurt reagiert?
  6. Hätten durch andere bzw. neue Gesetze solche Gewalttaten verhindert werden können?
  7. Gibt es eine besondere Kooperation zwischen Polizei und Schulen, die seit dem Amoklauf von Erfurt eingeleitet worden ist?
  8. Inwiefern hat die Gewaltbereitschaft gegenüber der Bevölkerung bzw. der Polizei zugenommen?

Im Folgenden werden die Ergebnisse des Gespräches zusammengefasst dargestellt:

Allgemein gibt es festgesetzte Verhaltensregeln, die bei der Polizei als Vorbereitung auf Extremsituationen unterrichtet werden. Bei Amokläufen ist es erste Priorität, den Täter so schnell wie möglich zu lokalisieren und seinen Aktionsbereich bzw. seine Aktionsfähigkeit einzuschränken, um weiteres Töten oder Verletzen zu verhindern. Dabei ist es wichtig, zügig, zielgerichtet und koordiniert zu handeln. Verletzte werden vorerst ignoriert und an ein Rettungsteam weitergemeldet. Das Automatisieren von bestimmten Reaktionen sowie die Überwindung von moralischen Hindernissen müssen intensiv trainiert werden [20].

S. berichtete, dass sich nach dem Fall "Erfurt" speziell das Sondereinsatzkommando der Polizei des Kreises Olpe mit dem Thema Amoklauf auseinandergesetzt und vorhandene Verhaltensvorgaben verschärft habe. Bei mehreren kommunalen sowie landesweiten Treffen der Polizei sei über Schutzeinsatztaktiken vor dem Hintergrund bekannter phänomenologischer Erkenntnisse debattiert worden. Im Allgemeinen gelte, die Eigensicherung zu bewahren, jedoch auch eine Gefährdung des eigenen Lebens unter bestimmten Voraussetzungen in Kauf zu nehmen.

Bei einem vergleichbaren Fall würde die Olper Polizei nach Angaben von S. unmittelbar agieren, d. h. ohne jeden Zeitverzug mit allen verfügbaren Kräften einschreiten und die Bewegungs- und Handlungsfreiheit des Täters unter Ausschöpfung aller taktischen und rechtlichen Möglichkeiten einschränken. Die betroffene Menge müsse schnellstmöglich evakuiert, alle Verletzten müssten behandelt werden.

Jedoch sei es zunächst schwierig, eine Amoklage überhaupt zu erkennen; es gelte zu unterscheiden zwischen einer Bedrohungs- und einer Amoklage. Zumal jeder Täter eine eigene Couleur und eigene Motive bzw. Ziele habe, gebe es unterschiedliche Arten von Amoktaten, die sich aus Banküberfällen, Entführungen etc. entwickeln könnten.

Die Gesetzgebung, speziell das neu verabschiedete Waffenschutzgesetz, habe sicherlich einen dämmenden Einfluss auf Gewalttaten, jedoch nicht auf Amoklagen selbst, da potentielle Täter "von einer krankhaften Wahnvorstellung getrieben sind" und nur eine sensible, aber frühzeitige Intervention bzw. Hilfen aus dem nahen sozialen Umfeld erfolgversprechend einen solchen Extremfall verhindern könnten, so die Angaben von S. - Deshalb hätten der Erfurter Amoklauf und vorausgegangene Amokläufe auch nicht durch neue Gesetze verhindert werden können. Zudem seien in den meisten Fällen die Tatwaffen illegal erworben worden, so dass auch eine Verschärfung des Waffenbesitzrechtes solche Gewalttaten nicht verhindern, sondern allenfalls in kleinen Maßen vermindern könnte.

Hierbei betonte S., dass es deshalb umso notwendiger sei, dem Phänomen Amok präventiv zu begegnen, z. B. durch eine Kooperation von Schulen und Polizei, die es derzeit im Kreis Olpe nicht gebe.

Allgemein habe die Gewaltbereitschaft vor allem in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen, was S. auf die "zunehmend entmoralisierte Gesellschaft" und auf eine "falsche Erziehung" zurückführt. In Nordrhein-Westfalen habe es von 1964-2002 zehn Amokläufe gegeben, wobei insgesamt 37 Menschen getötet und 22 Menschen verletzt worden seien.

8.2 St.-Ursula-Gymnasium Attendorn

Folgende Gesichtspunkte wurden bei einem Treffen mit dem Schulleiter des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn, Herrn Oberstudiendirektor Peter W., thematisiert:

  1. Reaktionen örtlicher Schulen auf den Amoklauf von Erfurt
  2. Tatort Schule - Gewaltbereitschaft gegenüber Lehrern und Mitschülern
  3. inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt im Unterricht
  4. Präventionsstrategien gegen Amokläufe an Schulen (z. B. Kooperation zwischen Schulen und Polizei)
  5. Sicherheit in Schulen z.B. durch Videoüberwachungen, Metalldetektoren etc.
  6. lokales Schulsystem (Schulausschluss-Verfahren, Entschuldigungswesen, Information der Eltern über häufiges Fehlen bzw. Rauswurf des Kindes etc.)

Im Folgenden werden die Ergebnisse des Gespräches zusammengefasst dargestellt:

Als unmittelbare Reaktion auf den Amoklauf von Erfurt sei eine Konferenz zusammengerufen worden, an der die Schulleiter aller Bistumsschulen aus dem Kreis teilgenommen und über den Vorfall in Erfurt diskutiert hätten.

Das Gespräch habe sich schwerpunktmäßig auf zwei Fragen konzentriert:
a) Kann ein vergleichbarer Fall auch an unserer Schule auftreten?
b) Was haben wir aus Erfurt gelernt bzw. wie würden wir bei einer solchen Extremsituation reagieren?

Als Antwort auf a) wurde allgemein gesagt, dass man auch durch organisatorische Maßnahmen einen ähnlichen Fall wohl nicht verhindern könne. Es sei utopisch anzunehmen, von vergleichbaren Fällen ausgeschlossen zu sein. Jedoch sei es wichtig vorbeugend zu arbeiten, um durch eine intakte Beziehung zwischen Lehrern und Schülern die Anwendung von Gewalt an Schulen einzudämmen.

Auf b) wurde geantwortet, dass man in Erfurt gesehen habe, wie hilflos und unvorbereitet man in einer solchen Situation sei. Darauf bezogen sei den Schulleitern ein von Pater Wunram entwickeltes Krisenkonzept vorgestellt worden, das Verhaltensvorgaben für das Lehrerkollegium enthalte. Neuralgische Entscheidungskonflikte sollten so weit wie möglich im Voraus durchgespielt werden, um ein auftretendes Chaos zu verhindern. So sei es von großem Vorteil, dass z. B. die Nottelefonnummern für Polizei, Krankenhaus, Feuerwehr etc. immer bereit lägen und die Schulbeamten im Voraus auf bestimmte Verantwortungsgebiete verteilt würden. Dieses sog. Krisenkonzept sei auf Schulleiterebene szenarienartig durchgespielt worden.

Insgesamt sei es nicht zu leugnen, dass die Gewaltbereitschaft, hauptsächlich in Ballungsgebieten, in den letzten Jahren zugenommen habe. Aufgrund der vornehmlich ländlich geprägten Lage der Schulen aus dem Kreis Olpe komme es hier zu keiner Häufung von Konflikten. Der Schulleiter betonte, dass im Allgemeinen ein gutes Betriebsklima und auch ein gutes Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern herrsche. Auch das elterliche Engagement trage zu einer positiven Gesamtatmosphäre bei.

Im krassen Kontrast dazu seien die Schulen in Ballungsgebieten oft völlig überfordert. Die Schüler und Lehrer seien in die Anonymität der Großstadt gestoßen und pflegten somit eher einen oberflächlichen Kontakt zueinander.

Des Weiteren sagte Oberstudiendirektor W., dass eine zunehmende Verlagerung der Erziehungskonflikte sowie der Gewalt in Institutionen zu erkennen sei. Dort könnten die Probleme aber nicht aufgefangen werden, was ein strukturelles Defizit im System der Bundesrepublik darstelle. Den Institutionen fehle es an Fachkräften, die sich mit den auftretenden Problemfällen professionell auseinandersetzen könnten. Positiv zu bemerken sei laut Oberstudiendirektor W., die Entwicklung auf der Ebene der Kirchen und Jugendämter. Diese ständen stets als eine Anlaufstelle für Problembewältigungen zur Verfügung.

Bezogen auf den Amoklauf von Erfurt habe es keine "verordnete" inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt im Unterricht gegeben. Selbstverständlich gehöre es aber zu der Aufgabe der Lehrer, alle Fragen, die sich auf aktuelle Ereignisse beziehen, zu beantworten und nach Bedarf öffentlich mit der Klasse zu diskutieren.

Der Schulleiter informierte, dass sich bei der Projektwoche im letzten Jahr eine Zusammenarbeit des St.-Ursula-Gymnasiums mit der örtlichen Polizei ergeben habe. Die Jahrgangsstufen 8-10 hätten sich während dieser Zeit in Gesprächen mit Olper Polizeibeamten intensiv mit dem Thema Gewaltprävention auseinandergesetzt. Auch seien u. a. Kurse zur Persönlichkeitsstärkung und Selbstbehauptung angeboten worden.

Allgemein werde probiert, Schüler mit mangelndem Selbstbewusstsein bzw. Selbstvertrauen zu fördern. Zudem stehe den Schülern auch jederzeit ein Vertrauenslehrer zur Verfügung und in extremeren Fällen verfüge die Schule auch über einen Schulpsychiater. Auch gebe es eine Kooperation der Schule mit der sog. "Aufwindgruppe". Dieses ist eine von den Franziskanern Attendorn neu gegründete Institution, die sich speziell um persönlichkeitsschwache, Hilfe suchende Jugendliche kümmert.

Eine weitere Präventionsstrategie beinhalte den Grundgedanken, Schülern Anerkennung zu vermitteln. Dieses würde durch akademische und athletische Wettbewerbe (z. B. Mathe-Olympiade, Stadtschulsportfest etc.) möglich gemacht. Auch musikalische Veranstaltungen, wie die regelmäßigen Musicals, seien für die Schüler mit einem großen Erfolg verbunden, der ihnen einerseits Anerkennung verschaffe und andererseits mehr Spaß an der Schule gebe.

Nach dem Amoklauf von Erfurt habe es keine sicherheitstechnische Erneuerungen gegeben. Anschaffungen wie Metalldetektoren oder Videoüberwachungen seien aufgrund jahrelanger positiver Erfahrungen und aufgrund der ländlich-ruhigen Umgebung nicht notwendig. Sie würden im Gegenteil das in der Schule vorherrschende friedliche Klima zerstören.

Bezüglich des Schulsystems habe es bei den Bistumsschulen aus Nordrhein-Westfalen einige wesentliche Änderungen als Reaktion auf den Erfurter Amoklauf gegeben. Das Informationsrecht der Eltern über die schulische Lage ihres Kindes sei ausgeweitet worden. Fortan würden auch die Eltern von volljährigen Schülern über deren schulische Laufbahn informiert. Falls ein volljähriger Schüler beantrage, den Informationszugang seiner Eltern zu seinen schulischen Leistungen zu schließen, so würden die Eltern zunächst über diesen Antrag benachrichtigt und es müsse anschließend ein rechtmäßiger Beschluss eingeleitet werden.

9. Fazit

Der Amoklauf von Erfurt im April 2002 geschah durch den Schüler Robert Steinhäuser, der trotz seines geringen Alters ein für Amoktaten typisches Täterprofil erfüllte. Hierzu gehörte auch, dass er sich zum Abschluss seiner Tat selbst tötete. Er mordete am Ort ehemals erlittener Kränkungen bzw. Enttäuschungen, lebte isoliert und hatte Interesse an Waffen und Gewaltvideos. Die Hintergründe für die Tat sind sicherlich vielfältig.

Fragen Zweifelsohne war Robert Steinhäuser psychisch am Ende und sah keinen Ausweg und vor allem keine Perspektive als den Suizid. Amoklauf ist jedoch eine Dimension höher. Hier paart sich vermutlich die Ausweglosigkeit mit unbändigem Hass und dem Ziel, auch einmal Macht über Andere ausüben zu können.

Mögliche Ursachen wurden von den Medien zusammengetragen und es ergab sich vor allem vor dem Hintergrund des schulischen Versagens und der harten gezogenen Konsequenzen durch die Schulverantwortlichen eine gewisse Erklärung für den Amoklauf, jedoch sicherlich keine Billigung der Tat.

Die Reaktionen in der Gesellschaft und in den Institutionen waren nicht überraschend: großes Entsetzen und Fassungslosigkeit, herbe Vorwürfe an jene, die die Verbreitung von Gewalt bzw. Gewaltverherrlichungen nicht eindämmen oder untersagen. Schwerpunkte der Reaktionen waren sicherlich auch Veränderungen im Waffengesetz durch die Politik und Maßnahmen seriöser Medien, die ungefilterte Berieselung vor allem junger Menschen mit Gewaltszenen einzudämmen und zu kontrollieren.

Eine Untersuchung im heimischen Kreis zeigte, dass der Amoklauf in Erfurt auch zu Präventivmaßnahmen geführt hat und damit die Erkenntnis bestätigt, dass Erfurt auch woanders hätte stattfinden können. Das Thema wird durchaus mit Ernsthaftigkeit von der Polizei und den Schulen angegangen.

Dabei bleibt für mich als Fazit, dass die durch den Amoklauf allgemein ausgelöste Diskussion über das "Warum" die Chance bietet, eine Reihe bisher verkannter gesellschaftlicher Missstände - Verbürokratisierung schulischer Prozesse, Verharmlosung des Waffengebrauchs durch Jugendliche, exzessive und "einseitige" Computernutzung etc. - aufzuarbeiten. Eine differenzierte Debatte darüber, wie es zu einer Persönlichkeitsentwicklung bzw. -veränderung wie im Falle Steinhäuser hat kommen können, vermag, so meine Hoffnung, dazu beizutragen, Gewalttaten wie der in Erfurt in Zukunft die Grundlage zu entziehen.

Anmerkungen

[1] Duden, Band 1, 1996, S.109, 21.Auflage

[2] Saint Martin, Manuel L., Running Amok: A Modern Perspective on a Cultural-Bound-Syndrome, Primacy Care Companion J Clin Psychatry, 1999

[3] Tod in der Schule - Das Massaker von Erfurt, Spiegel TV Special, VOX (26.April 2003)

[4] Sinngemäß aus: http://www.sueddeutsche.de/deutschland/politik/42495/index.php

[5] http://www.focus.de/G/GN/gn.htm?snr=105169&streamsnr=9

[6] Sinngemäß aus: Archiv der Jugendkulturen, Der Amoklauf von Erfurt, Berlin, 2003

[7] Adler, L., Amok - Eine Studie, 2000, S.37

[8] Adler, L., Amok - Eine Studie, 2000, S.37

[9] Sinngemäß aus: Jugend-Medien-Schutz-Report, 25.Jg., April 2002, S.10

[10] Sinngemäß aus: Archiv der Jugendkulturen, Der Amoklauf von Erfurt, Berlin, 2003

[11] Sinngemäß aus: Archiv der Jugendkulturen, Der Amoklauf von Erfurt, Berlin, 2003

[12] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,195721,00.html

[13] Sinngemäß übernommen aus der Zeitung Thüringen zum Sonntag, 26. April 2003, S.4

[14] http://www.sueddeutsche.de/deutschland/politik/42478/index.php

[15] http://www.sueddeutsche.de/wissenschaft/medizin/37104/index.php

[16] http://www.focus.de/G/GN/gn.htm?snr=104850&streamsnr=9

[17] http://www.sueddeutsche.de/deutschland/politik/42490/index.php

[18] Sinngemäß aus: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,194779,00.html

[19] http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,193910,00.html

[20] Sinngemäß aus: "Deutsche Polizei", Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei, 2002, S.8

Quellen

Attendorn, den 18.6.2003


©  Nike Hengstenberg / St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2003


Der Anhang (Lexikon-, Zeitungsartikel usw.) ist in der vorliegenden Dokumentation nicht enthalten.
Die Fotobearbeitungen wurden für die Webfassung der Dokumentation neu zusammengestellt.