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Interview

Christof Grote, Michael Lütkevedder   Dr. Christof Grote,
Jahrgang 1964,
evangelischer Pfarrer in Attendorn,
Unfallseelsorger.
 
Michael Lütkevedder,
Jahrgang 1959,
katholischer Pfarrer in Attendorn,
Unfallseelsorger.


Wir zücken nicht plötzlich unsere Bibel

Die Geistlichen Christof Grote und Michael Lütkevedder über die Nachbetreuung von Opfern und Rettern

Unfallseelsorge

Sie sind im Raum Attendorn mit der Unfallseelsorge, mit der psychologischen Betreuung von Unfallopfern, ihrer Angehörigen und auch der Einsatzkräfte betraut. Was genau sind Ihre Aufgaben?

G: Wir sind von der Feuerwehr als Pastoren angesprochen worden, ob wir bereit sind, im Rahmen der Notfallseelsorge zur Verfügung zu stehen und, wenn Bedarf ist, über die Leitstelle angefordert auch zu Unfallstellen zu kommen. Wenn das der Fall ist, ist unsere Aufgabe zum einen, dass wir die verunglückten, verunfallten Personen betreuen, dass wir zum anderen aber auch für die Feuerwehrleute bereit stehen, wenn es Probleme gibt in der Nachbesprechung, in der Nachbereitung eines Einsatzes.

L: Wobei es jetzt allerdings nicht nur um Unfälle geht - das einfach nur zur Ergänzung -, sondern auch wenn Unglücke anderer Art passieren, etwa ein plötzlicher Tod im Haushalt, mit dem Menschen nicht so schnell klarkommen, dann ist es immer möglich, uns über die Leitstelle anzufordern, wenn psychologische oder seelsorgerliche Hilfe gebraucht wird.

Wie ist die Betreuung organisiert? Wie erfahren Sie von einem Unfall? Wie sind die Zuständigkeiten geregelt? Gibt es sozusagen einen "Einsatzplan"?

L: Im Bereich der katholischen Kirche gibt es einen Einsatzplan in der Weise, als dass ein Priester hier aus dem Pastoralverbund Attendorn immer für eine Woche einen so genannten Notfalldienst für das Krankenhaus hat. Der Priester bekommt jeweils auch ein Handy vom Krankenhaus, hat das die ganze Woche Tag und Nacht bei sich und kann aus dem Grund einfach über das Handy angefordert werden. Und der Priester, der in der Woche zuständig ist, ist dann auch für diese Einsätze der Feuerwehr oder Anforderungen des Krankenhauses, wenn es denn gewünscht wird, zuständig.

G: Die evangelischen Pfarrer werden nach Bedarf dann einfach auch über Telefon angerufen und dazugeholt.

Wird bei der Betreuung zwischen den Konfessionen unterschieden?

G: Nein, überhaupt nicht.

Können Sie Ihre Arbeit an einigen konkreten Einsätzen deutlich machen? Vielleicht an dem Bahnunglück im letzten Jahr oder an dem Kanuten-Unfall 1998 an der Ihne, wo ein Feuerwehrmann im Einsatz umgekommen ist?

L: Ich bin in beiden Situationen beteiligt gewesen aus dem Grund, weil ich zufällig dieses Handy hatte, allerdings bei dem Kanu-Unfall damals erst im Nachhinein, nicht selbst am Tag des Unfalls, sondern dann erst in der Nachbetreuung des verstorbenen Feuerwehrmanns. Es ging um die Angehörigen; ich hatte auch die Beerdigung zu halten, und da hat es einige Besuche, einige Gespräche mit den Angehörigen des Verstorbenen gegeben. Eine weitere - ich will mal sagen: - seelsorgerliche Betreuung, die sich daraus ergeben hat, ist die, dass ich auch zuständig bin für die Seelsorge in den Werthmann-Werkstätten, einer Einrichtung der Caritas, wo behinderte Menschen beschäftigt sind. Dort ist einer der Feuerwehrleute, der bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden ist, folgenschwere Schäden davongetragen hat, inzwischen beschäftigt; und ich treffe ihn immer dann dort auch, und man spricht ein Wort zusammen, und so fügt sich das dann manchmal. -Unglückswaggon Eine andere Situation für uns beide, Herrn Pastor Grote und mich, war das Bahnunglück hier in Attendorn, zu Beginn der Herbstferien im letzten Jahr. Dort wurde ich etwa eine halbe Stunde, nachdem das Unglück geschehen war, benachrichtigt, ohne genau zu wissen, was mich da jetzt erwarten würde. Es wurde nur gesagt, es sei ein Unglück am Bahnübergang geschehen. Es gab keine genaue Anforderung von Seiten der Leitstelle, was genau da jetzt zu tun wäre. Ich habe mich dann zunächst um einen der Arbeiter gekümmert, die das Ganze - wahrscheinlich, muss man sagen - verursacht haben, - der von der Stelle, wo gearbeitet wurde und dieser Waggon losgetreten worden ist, in seinem Schock mehrere Kilometer hinter dem Waggon hergelaufen ist in der Hoffnung, ihn aufhalten zu können. Das war dort die erste Betreuung, die mir anvertraut wurde. Dann ging es aber vor allen Dingen um die Verletzten im Krankenhaus, die zum Teil auf den Fluren lagen und auf die nächste Untersuchung warteten. Es ging darum, diese zu betreuen, mit ihnen zu sprechen; auch Familienangehörige habe ich in dem Zusammenhang benachrichtigt. Und dann habe ich mich vor allem um den Lebensgefährten einer der Frauen gekümmert, die bei diesem Unfall ums Leben gekommen sind - so lange, bis er versorgt war, von Angehörigen abgeholt werden konnte. Da waren natürlich sehr viele Gespräche, die sehr wirr waren, weil die Situation einfach verwirrt, verwirrend war. - Anschließend gab es dann auch noch mal ein Gespräch wieder an der Unglücksstelle mit der Polizei, weil sie wissen wollte, was die Angehörigen und andere über den möglichen Hergang dieses Unglücks gesagt haben.

G: Vielleicht noch zur Ergänzung: Das Ihne-Unglück 1998 war der Auftakt dafür, dass es hier in Attendorn überhaupt Notfallseelsorge gibt. Bis dahin war das, denke ich, bei der Feuerwehr überhaupt nicht im Blickfeld, dass Pastoren an der Stelle auch hilfreich sein können. Der Hintergrund ist gewesen: Relativ kurze Zeit vorher ist in Meggen bei der Kirmes ein Unglück passiert, eine Gondel von einem Karussell ist in ein Garagentor geflogen, und Pastor Behrensmeier aus Altenhundem war zufällig anwesend und wurde als sehr hilfreich empfunden von den Feuerwehrleuten und auch von den Angehörigen. Darüber ist dann Folgendes passiert bei dem Ihne-Unglück 1998, dass zunächst Pastor Behrensmeier aus Altenhundem, weil namentlich bekannt, von der Leitstelle angerufen wurde, ob er kommen könnte. Und der hat gesagt, er kommt gerne, versucht allerdings erst, ob er nicht in Attendorn einen Kollegen findet, der auch kommen kann. Er hat dann bei mir angerufen. Darüber bin ich dann zu der Unglücksstelle gekommen, war bei der Begleitung der Angehörigen mit dabei, musste die Todesnachricht mit überbringen und hab dann hinterher - ich denke, das ist auch ein wichtiger Bereich der Aufgaben - noch einige Gespräche mit Feuerwehrleuten geführt, mit den Mannschaften. Ich denke, das ist ja eine schwierige Situation, wenn einer der Kameraden vom Einsatz nicht mehr zurückkommt.

Wie arbeiten Sie mit den Einsatzkräften - Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr - zusammen?

G: Zu den Einsätzen, zu den Unglücken werden wir im Normalfall über die Leitstelle in Olpe angefordert. In Olpe werden alle Notfalleinsätze hier für den gesamten Kreis koordiniert in der Leitstelle. Und von der Einsatzleitung vor Ort kommt dann der Wunsch, die Bitte, die Aufforderung, dass auch ein Seelsorger dazukommt. So kommen wir zu den Einsätzen. Was dann später noch kommt an Nachgesprächen mit Feuerwehrleuten - bei dem Eisenbahnunglück bin ich nachher noch bei den Helfern vom DRK gewesen, um mit denen die Situation noch mal aufzuarbeiten -, das verabredet man konkret mit den Betroffenen.

Anteilnahme am Gleis Wie sieht Ihre seelsorgerliche Betreuung im Detail aus? Reden Sie einfach mit den Leuten, oder fallen da noch andere Dinge an?

L: Also, ich habe es bei dem Zugunglück so erlebt, dass, als ich dorthin kam, mir gesagt wurde: "Dort steht dieser Mann!" Und man bat mich darum, mich um den Bauarbeiter zu kümmern, weil keiner Zeit hatte, das zu tun, weil andere Aufgaben zu erledigen waren. Als die Polizei kam und diesen Mann mitnahm, sagte man mir, es wäre schön, wenn ich jetzt ins Krankenhaus ginge; mittlerweile war vom Krankenhaus eine Nachricht gekommen, ob ich nicht dort ein wenig zur Stelle sein könnte. Da war es dann so, dass ich einfach gucken musste, was dran war. Was es mir leicht machte, war, dass die, die ich da vorfand, Schülerinnen von mir waren; ich kannte die, die kannten mich; das war eine große Hilfe. Da stehen dann so Dinge an wie: "Rufen Sie doch mal meinen Papa an!" Und dann mussten wir das Handy da rausnehmen; das durfte aber eigentlich gar keiner sehen, weil es im Krankenhaus eigentlich gar nicht erlaubt ist, aber dann haben wir das doch irgendwie geschafft. - Eine Frau saß bei ihrem Kind, wollte aber zugleich zu ihrem Mann, der auf der Intensivstation lag; da habe ich zu der Frau gesagt: "Ich bleibe jetzt bei Ihrem Kind, gehen Sie zu Ihrem Mann!" Zwischendurch bin ich auf der Intensivstation gewesen, habe mich nach ihrem Mann erkundigt, um ihr eine Nachricht zu bringen, wie es ihm denn geht, hab sie dann abgelöst, bin bei dem Kind geblieben und so weiter. Das alles ergibt sich in einer solchen Situation. Man muss, glaube ich, sehr wach sein in diesen Situationen und spüren, was gerade dran ist. Das kann zum Beispiel auch ganz banal sein, Kaffee zu kochen oder zum Zigarettenautomaten zu gehen und den Angehörigen Zigaretten zu holen. Und manchmal reicht es auch, überhaupt nichts zu tun, sondern einfach nur dazusitzen und mit auszuhalten.

G: Ich denke, das ist ein bisschen so ein Klischee, wenn man hört: "Seelsorge", dann kommt der Pastor und zückt seine Bibel und liest dann vor und fragt vielleicht noch: "Stehen Sie in einer lebendigen Beziehung zu Gott?" Dann sagt man: "Nein." Dann antwortet der Pastor: "Das ist aber schade." - Das ist aber wirklich nur ein Klischee, wie man sich das so denkt.

Betreuung der Retter

Wie oft wenden sich die Retter selbst an Sie?

L: Also, ich hab das so direkt noch nicht erlebt, dass die Retter jetzt für sich selbst eine seelsorgerliche Betreuung in Anspruch genommen hätten. Ich kann das jetzt nur für mich sagen; mein Prinzip ist eben auch, zwar da zu sein, vor Ort zu sein; aber der Wunsch danach muss schon von den betreffenden Leuten kommen. Bis jetzt habe ich es so erlebt, dass die Retter angefordert haben für Betroffene oder für Angehörige, aber nicht für sich selbst.

G: Nach dem Ihne-Unglück bin ich, das hatten wir verabredet, einmal bei der Löschgruppe gewesen, aus der der verunglückte Feuerwehrmann gekommen ist, der Löschgruppe Neu-Listernohl; das war der Wunsch aus der Löschgruppe, dass ich da zu der Nachbesprechung komme; und ich habe dann auch mit zwei Leuten aus der Löschgruppe noch intensive Einzelgespräche gehabt, die sich daraus ergeben haben, die sich daran angeschlossen haben. Aber es ist im Grunde genommen eine relativ seltene Situation, das stimmt schon.

Wie erklären Sie sich das, dass die Feuerwehrleute Ihre Hilfe für sich selbst so selten in Anspruch nehmen?

Anteilnahme am Bahnübergang G: Ich denke, das ist eine Gemengelage. Das eine ist, dass es ein relativ neues Angebot ist. Ich weiß nicht, wie lange es die Freiwillige Feuerwehr in Attendorn gibt, hundert, hundertzwanzig Jahre; die Notfallseelsorge und auch die Begleitung der Feuerwehrleute gibt es seit vier, fünf Jahren, und verglichen damit ist das ja etwas ganz Neues. Das andere ist, dass bei Feuerwehrleuten leicht so eine Haltung vorherrscht - auch so ein gewisser Gruppendruck -, dass man stark und hart sein muss und alle Situationen so wegstecken können muss. Das Dritte, was sicherlich noch eine Rolle spielt, ist, dass solche Gespräche, wenn man sie denn überhaupt führen will (und das dann auch noch so, dass, wie ich eben sagte, nicht alle anderen das mitkriegen), eine Vertrauensbasis voraussetzen. Nur weil jemand Pastor ist, wird der nicht angesprochen; und insofern, denke ich, braucht das auch eine gewisse Zeit und immer wieder auch Begegnungen mit der Feuerwehr, bis da klar ist - hoffentlich klar ist -, dass man mit uns in solchen Situationen auch reden kann.

L: Ich glaube, es ist beides. Es ist das, was Herr Pastor Grote gerade gesagt hat: Man hat als Feuerwehrmann stark zu sein. Aber es ist auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir leben in einer so genannten Leistungsgesellschaft, in der man sich Schwäche nicht erlauben kann; und von daher ist es für alle in unserer Gesellschaft grundsätzlich ziemlich schwer, über solche Schwachpunkte zu reden; und es braucht, glaube ich, eine Menge Mut und von uns Geistlichen sicherlich auch die eine oder andere Einladung oder den Hinweis, dass das eben möglich ist und eigentlich gar nichts passiert, wenn man seine Schwäche ausspricht. Leichter wäre es oft, wenn solche Gespräche stattfinden würden.

Anderen bei der Bewältigung ihrer Traumata zu helfen ist eine Sache. Nun sind Sie aber selbst ebenfalls am Einsatzort. Wer hilft Ihnen?

L: Es gibt für uns jetzt keine professionelle Hilfe. Die könnten wir uns sicherlich auch suchen, wenn wir es denn wollten. Wichtig ist es, glaube ich, allerdings, Menschen im persönlichen Umfeld zu haben, wo man das dann sagen kann, wo man das erzählen kann, natürlich immer nur bis zu einem gewissen Grad; es kann nicht sein, dass man Dinge aus den seelsorgerlichen Gesprächen mit nach Hause trägt, in den Freundeskreis, in die Familie trägt - das kann sicherlich nicht sein. Aber die Gefühle, die man dabei hat, oder die eine oder andere leichte Schocksituation, die man mitbringt, oder das Erschrecken darüber - das kann man aussprechen, das muss man auch aussprechen; dafür muss man selber auch sorgen in seinem persönlichen Umfeld, dass das geht.

G: Das andere ist natürlich, dass wir beide in einem Kollegenkreis arbeiten, mit Menschen, die auch genau solche Situationen kennen und von daher auch gut reagieren, die das auch gut aufnehmen können.

Ist seelsorgerliche Nachbetreuung lernbar, planbar?

G: So wenig Unglücke vorhersehbar sind, so wenig sind auch seelsorgerliche Einsätze planbar. Was wir in unserem Kirchenkreis machen, ist allerdings, dass wir uns entsprechend fortbilden, demnächst mit einem Abend zum Thema "Plötzlicher Kindstod - Was heißt das überhaupt? Wie kann man da als Seelsorger helfen?" - Wir hatten eine Fortbildung "Umgang mit Selbstmord"; wir hatten eine Fortbildung zum Thema "Seelsorgerlicher Einsatz bei Großschadenslagen", zum Beispiel bei Bombenfunden oder Ähnlichem. Man kann sich insoweit ein Stück weit gedanklich darauf vorbereiten, kann überlegen: "Was könnte sein, wenn...?" Aber die jeweiligen Situationen geben im Grunde genommen dann doch letztlich den Ablauf ganz anders vor.

Das Interview wurde am 17.3.2004 geführt. Die Fragen stellten Julia-Kristin Klein, Kerstin Rüenauver und Ann-Kristin Blöcher.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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