Zurück Übersicht Seitenende Weiter

Zur Übersicht  

Interview

Bernd Hinz, Andrea Mohr   Bernd Hinz,
Jahrgang 1963,
Vorsitzender des Musikzugs der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn
(Tenorhorn, E-Bass).
 
Andrea Mohr,
Jahrgang 1982,
Zeugwartin des Musikzugs der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn
(Flügelhorn, Trompete).


Wir haben ein gutes Miteinander

Die Musiker Bernd Hinz und Andrea Mohr über Feuerwehrmusikzüge und "Aktive"

Wozu Musik?

Drei Generationen Frau Mohr, Herr Hinz, Sie beide sind Mitglieder des Musikzugs der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn. Da drängt sich einem natürlich sofort die Frage auf: Wozu braucht eine Feuerwehr überhaupt einen Musikzug?

M: Hmm. Ob sie einen "braucht", weiß ich nicht. Aber er präsentiert und repräsentiert die Feuerwehr natürlich ein Stück weit. Er ist eine Art "Aushängeschild" der Wehr.

H: Vielleicht greifen wir mal ein bisschen in die Geschichte zurück: Der "aktive" Löschzug ist in Attendorn 1885 gegründet worden und der Feuerwehrmusikzug 1889; es gab also schon sehr früh eine Kombination von beidem. Man kennt das ja im Übrigen von der Bundeswehr. Da gibt es ja auch nicht nur die "kämpfende Truppe", sondern zusätzlich als "Aushängeschild" die Heeresmusiker. Und so sehen wir uns innerhalb der Feuerwehr eigentlich auch.

Haben Sie Kontakt zu den Aktiven innerhalb der Feuerwehr, oder läuft das mehr so nebeneinander her?

H: Doch, wir haben ein gutes Miteinander...

M: Auf jeden Fall, ja...

H: Es war vor Jahren - aber das ist sicherlich zwanzig Jahre her - nicht so. Da hat man seinerzeit ein bisschen gegeneinander gearbeitet; aber das ist Gott sei Dank völlig anders geworden, auch durch einen Wechsel in den jeweiligen Führungsspitzen. Für die Gegenwart kann man sagen, dass wir gut miteinander harmonieren. Wir gestalten zum Beispiel das Feuerwehr-Sommerfest mit, das immer am letzten Wochenende im Juni stattfindet, eine Woche vor dem Attendorner Schützenfest - und das auch immer als Generalprobe für das Schützenfest angesehen wird. In der Öffentlichkeit engagieren wir uns da sehr, indem wir da samstags und sonntags Musik machen. Dann haben wir andere Feuerwehranlässe, die wir gestalten, etwa Jahresdienstbesprechungen oder das Kreisfeuerwehrfest, das ebenfalls fast jedes Jahr stattfindet. Traditionell richten wir auch die erste Übung jeden Jahres musikalisch aus, eine Traditionsveranstaltung, die in der Regel am letzten Wochenende im April stattfindet. Am letzten Aprilsamstag ist erst für alle Feuerwehrleute Heilige Messe, und anschließend marschieren wir durch die Stadt. Das ist dann so der Auftakt zu den Aktivitäten der Feuerwehr des jeweiligen Jahres.

Sie haben gesagt, es ist ein Miteinander und früher sei es zeitweise eher ein Nebeneinander gewesen. Ist es manchmal auch ein "Nacheinander" in dem Sinne, dass Sie als Nicht-Aktive sozusagen "Feuerwehrleute zweiter Klasse" sind?

M: Das kann man so eigentlich nicht sagen. Ich denke, gerade dadurch, dass wir uns halt viel in der Öffentlichkeit, auf Schützenfesten und so weiter, darstellen, ist es wirklich schon ein gutes Miteinander. "Nacheinander" würde ich auf keinen Fall sagen.

Zielgruppen

Nun hatte ja die Feuerwehr - das sagen durchaus auch einige von den Aktiven, die sich gerne oder ungern daran zurückerinnern - früher gelegentlich das Image der "Feier-Wehr", des Trinkvereins. Haben Sie da nicht die Befürchtung, dass Sie über den Musikzug dieses Klischee so ein bisschen bedienen, indem Sie die "passende" Musik dazu machen?

Dirigent W. Schulte H: Ich sage es mal so: Was wir mittlerweile (und da sind wir besonders unserem jetzigen Dirigenten, Wolfgang Schulte, zu großem Dank verpflichtet) mit unserem Jugendorchester leisten, mit der Ausbildung, mit dem Konzept, die jungen Leute gezielt zur Orchesterarbeit hinzuführen, sie darauf vorzubereiten - das ist die größte Aufgabe und Verpflichtung unseres Musikzuges. Und das ist weit mehr, als mal irgendwo "passende" Musik zu machen.

Nun kann man aber, glaube ich, sagen, dass "Blasmusik" im weiteren Sinne nicht unbedingt das ist, was Jugendliche von heute als besonders cool empfinden. Wie erreichen Sie diese Jugendlichen trotzdem?

H: Dazu muss man zunächst mal sagen, dass es doch irgendwie cool zu sein scheint, denn zwei Drittel unserer Mannschaft sind Kinder und Jugendliche. Und die sind mit Begeisterung dabei. Wir spielen ja auch nicht nur Märsche. Wir haben einmal im Jahr unser Jahreskonzert, zu Palmsonntag in der Stadthalle, wo wir das ganze Spektrum dessen, was uns musikalisch möglich ist, was Blasmusik bieten kann, abzubilden versuchen. Zum Beispiel ist "Alte Kameraden", ein Traditionsmarsch, in Swingform nicht so bekannt - mit Bassgitarre, mit Keyboard, mit jeder Menge Percussion und Rhythmus.

M: Wir spielen auch Filmmusik, die ganze Bandbreite der Musik rauf und runter. Meines Wissens haben wir in unserem Verein ein Durchschnittsalter von etwa 21 Jahren, das spricht, glaube ich, für sich. Außerdem führen wir ab und zu auch Jugendwerbeaktionen durch, um zu zeigen, was mit unserer Musikgruppe so alles möglich ist - dass es eben nicht nur diese typische Marschmusik ist, sondern dass sie echt mehr zu bieten hat. Und das hat sich bewährt. Unser Jugendorchester hat sich mittlerweile gut etabliert und ist inzwischen auch Bestandteil unseres Konzerts. Das leistet da schon einiges.

Nachwuchssorgen haben Sie in dieser Hinsicht also nicht?

H: Sicherlich sind wir über jedes Mädchen, jeden Jungen, die zu uns kommen, erfreut. Momentan haben wir zwar einen guten Ausbildungsstand, aber wir würden niemals sagen: So, jetzt ist es genug, wir brauchen keine Kinder, keine Jugendlichen mehr. - Die sind schließlich die Zukunft eines jeden Vereins, ob es nun Musik ist oder Sport oder Schach.

Gemischte Truppe

Klarinettistin B. Lütticke Apropos Mädchen und Jungen. Wenn man Sie beide hier so sitzen sieht, scheint das Thema "Männer und Frauen in der Feuerwehr" kein Problem zu sein...

H: Überhaupt keins.

Bei den Aktiven aber offenbar schon. Wie kommt das?

M: Das können wir als Musikzug uns gar nicht so richtig erklären, weil unser Zug nach Geschlechtern etwa jeweils zur Hälfte besetzt ist und deshalb auch vielfach die Meinung vertreten wird, dass der Zug, wenn er jetzt plötzlich auf sämtliche Mädchen und Frauen verzichten müsste, schon ziemlich arm dastände. Insofern kann ich es überhaupt nicht nachvollziehen, dass es da im Löschzug offenbar in dieser Diskussion durchaus zu Schwierigkeiten kommt.

H: Meines Erachtens gibt es in der aktiven Wehr unter anderem ganz banale organisatorische und finanzielle Schwierigkeiten bei der "Zulassung" von Frauen und Mädchen. Die Feuerwehrhäuser müssen entsprechend getrennte Umkleidekabinen, Sanitäranlagen, eventuell auch Ausrüstung, die neu beschafft werden muss, bieten; und das ist dann nicht zuletzt auch eine Belastung für den Stadtsäckel. Vielleicht ist das mit ein Grund. Aber der Trend, Frauen aufzunehmen, ist meiner Meinung nach letztlich nicht aufzuhalten.

Immerhin eine aktive Feuerwehrfrau gibt es ja hier in Attendorn...

M: Aber die steht in der Tat noch ziemlich alleine da, und das in mehrfacher Hinsicht...

H: Es ist im Grunde genommen eine Auseinandersetzung, wie wir sie hier vor etlichen Jahren auch schon auf einem ganz anderen Gebiet hatten, nämlich in der katholischen Kirche, als es um die Zulassung weiblicher Messdiener ging. Da gab es auch viele Vorbehalte. Inzwischen ist das kein Thema mehr; natürlich haben wir hier inzwischen Messdienerinnen.

Motive

Vizedirigent M. Strotkemper Ich wechsle ein wenig das Thema: Warum sind Sie nicht in der aktiven Wehr, sondern sozusagen in der "passiven"?

H: Da kann ich nur für mich sprechen: Aus dem einfachen Grund, weil man nicht alles gleichzeitig machen kann. Wir machen unser Ding. Ich bin in erster Linie Musiker, erst in zweiter Linie "Feuerwehrmann", wenn ich das so sagen darf. - Man versucht halt, das Beste aus dem Verein herauszuholen - durch stetiges Proben, mindestens einmal in der Woche, und vor großen Konzerten und Schützenfesten auch zwei-, dreimal in der Woche. Als Vorsitzender hab ich auch jede Menge anderer, organisatorischer Arbeiten zu leisten, und da kann man halt nicht alles machen. Das ist keine Abneigung gegen die aktive Wehr, um Gottes willen. Die aktive Wehr macht ihr Ding, und das ist selbstverständlich Hauptbestandteil einer Feuerwehr. Wir sind da letztlich, wie gesagt, nur repräsentativ tätig.

Und Frau Mohr, könnten Sie sich vorstellen, in die aktive Wehr zu gehen?

M: Ich für meinen Teil würde es auch ausschließen. Das hat einfach damit zu tun, dass meine Interessen eher im musikalischen Bereich liegen, und in erster Linie bin ich, ähnlich wie Bernd es eben sagte, Musikerin. Mir macht halt das Musizieren Spaß, und da kommt es erst an zweiter Stelle, dass ich in einem Feuerwehrmusikzug bin. Ich kann es mir also für mich persönlich nicht vorstellen. Aber es ist schon so, dass wir durchaus auch jemanden in unserem Musikzug haben, der zugleich in der aktiven Wehr tätig ist. Aber das ist in der Tat die Ausnahme, weil es vor allem terminlich schwer unter einen Hut zu bringen ist. Wir haben halt sehr, sehr viele Termine im Jahr, und - na ja - es gibt auch noch so ein bisschen was neben dem Hobby: Familie, Beruf, Schule. Die Zeit ist da halt einfach begrenzt. Beides zusammen ist kaum zu schaffen.

Helden

Ich wechsle erneut das Thema und komme damit zugleich zu meiner Abschlussfrage: George W. Bush hat die Feuerwehrleute des 11. Septembers als "Our Heroes", als Helden bezeichnet. - Sind Feuerwehrleute Helden?

H: Ja. Aktive Feuerwehrleute, würde ich sagen, auf jeden Fall.

Können Sie das begründen?

Musikzug der Feuerwehr Attendorn H: Es gibt das Motto "Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr", das über allem steht; das steht auf jeder Feuerwehrfahne. Dann gibt es noch den Leitspruch der Feuerwehr: "Retten, löschen, bergen, schützen". Also, ich kann mir nichts Effektiveres vorstellen, als dass, wenn jemand in Not gerät, bei einem schweren Autounfall oder wenn das Haus abbrennt, dann die Männer mit den roten Autos kommen und Hab und Gut und natürlich in allererster Linie das Leben der Menschen schützen. Ich kann das nur bewundern. Ich finde deshalb schon, dass der Feuerwehrdienst einen guten Platz in der Gesellschaft hat.

M: Es hat irgendwo schon etwas Heldenhaftes, und gerade im Bereich der Freiwilligen Feuerwehr gibt es da noch mal eine Steigerung: Die Leute machen es aus freien Stücken und setzen dabei schon einiges aufs Spiel, denn es ist ja durchaus schon öfters zu Unfällen gekommen. Die setzen da sehr viel ein, um dem Nächsten zu helfen, und das ist in der Tat eine tolle Sache. Auch ich kann das nur bewundern.

H: Und dass es dabei durchaus auch mal an die Grenzen geht, das sieht man zum Beispiel hin und wieder bei schweren Verkehrsunfällen. Wenn bei einem Unfall drei, vier Menschen in einem Autowrack liegen, teils tot, teils schwer verletzt, dann diese Leute als Feuerwehrmann da herauszuholen, das erfordert schon einiges. Es hat schon seine Berechtigung, dass heutzutage auch Feuerwehrseelsorger bei solchen Einsätzen dabei sind, denn manchem Retter geht es dann letztlich doch über seine Möglichkeiten. Und deshalb nochmals: Mein vollster Respekt vor diesem Dienst!

Das Interview wurde am 22.5.2004 geführt. Die Fragen stellte Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

Zurück Übersicht Seitenanfang Weiter