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Interview

Werner Johannes   Werner Johannes,
Jahrgang 1937,
Oberfeuerwehrmann a. D.,
Gründer und Leiter des
Feuerwehrmuseums in Attendorn.


Geübt wurde sonntags morgens um fünf

Oberfeuerwehrmann a. D. Werner Johannes über die Feuerwehr früher und heute

Ein Feuerwehrmuseum

Herr Johannes, Sie haben hier in Attendorn ein Feuerwehrmuseum gegründet. Auf etlichen hundert Quadratmetern präsentieren Sie dort ein gutes Dutzend Feuerwehrfahrzeuge, dazu Pumpen, Funktische, Uniformen, Helme, Abzeichen, insgesamt viele tausend Exponate. Wie ist die Sammlung entstanden?

Mercedes TLF 16, 1959 Ich sammle die Feuerwehrsachen seit fünfzig Jahren - so lange, wie ich in der Feuerwehr bin. Ich sammle aber nicht nur "Feuerwehr", sondern einfach alles, was mit Uniformen zu tun hat. Ich habe zu Hause, privat, noch dreimal so viel wie im Museum.

Und wie sind Sie an die Autos gekommen?

Ja, die Autos: Das ist durch die sieben Löschzüge und -gruppen, die wir hier in Attendorn haben, gekommen. Wir wollten die ausrangierten Autos nicht gerne weggeben, sondern wir wollten die Autos, die mal in Attendorn gelaufen sind, wieder so in die Reihe kriegen; deshalb haben wir die alle gesammelt.

Woher haben Sie die Exponate, die eindeutig nicht der Feuerwehr Attendorn zuzurechnen sind, zum Beispiel die japanischen, mexikanischen, kanadischen oder portugiesischen Helme?

In den fünfzig Jahren lernt man genug Leute kennen, die auch sammeln. Zum Beispiel habe ich in Wien Bekannte, in Hamburg, in Berlin oder in Paris, denen man schreibt und mit denen man sich austauscht. Der eine hat das, der andere will das gerne abgeben, sucht dafür aber etwas anderes. So auf diese Weise ist das entstanden. - Und durch die Wirtschaft, die ich hier in Attendorn gehabt habe, wo ich dreißig Jahre hinter der Theke gestanden habe, hörte man so manchen, der einem sagte: Ach, so ein Teil hab ich auch noch zu Hause, das kann ich dir mitbringen!

Manches Ausstellungsstück kann sicherlich seine eigene Geschichte erzählen. Aufgefallen ist uns da zum Beispiel ein Löschfahrzeug aus dem Zweiten Weltkrieg...

Mercedes LF 8, 1943 Ja, das ist ein Mercedes, Baujahr 1943; und wir hatten damals so einen hier, aber den haben damals die Amerikaner mitgenommen. Das, was wir jetzt im Museum stehen haben, haben wir uns aus Jena geliehen, als Dauerleihgabe. Als ich da das erste Mal hinfuhr, um das Auto nach Attendorn zu holen, sagte ich so zu meinem dortigen Kameraden: "Ja, unser Auto hat leider der Amerikaner mitgenommen." Da sagte der: "Und uns hat leider der Russe die alten Autos alle hier gelassen." Also, von den alten Autos hatten sie noch genug da. - Ja, das Fahrzeug ist die Kriegsausführung von '40 bis '43; da sind bei den Autos vorne die Motorhaube und die Tür vom Fahrer und vom Beifahrer aus Blech, und alles andere ist Sperrholz oder Pappe, der ganze Aufbau. Das Blech, das sie da an den Autos gespart haben, konnten sie schon wieder für die Kanonen verwenden.

Welche Absichten verbinden Sie mit dem Museum? Soll es vorrangig informieren - oder wollen Sie damit vor allem für die Feuerwehr werben?

Insbesondere haben wir erst einmal daran gedacht, dass wir das für die Nachwelt erhalten, das ganze Feuerwehrwesen, die Uniformen, alles, was dazugehört.

Wer besucht das Museum?

Querbeet. Es kommen Kegelclubs, es kommen Gesangvereine, es kommen Stammtische; es kommen aber auch viele vom Kindergarten, von den Schulen, die Projektwochen machen, so unter dem Motto "Feuer und Flamme" und so weiter...

Und wie ist die Resonanz auf das Museum?

Also, bis jetzt haben mir die, die drin gewesen sind, immer noch gesagt: Nee, was ist das schön!

Das Feuerwehrmuseum in Attendorn ist ja nicht das einzige seiner Art...

Es gibt in Deutschland eine Arbeitsgemeinschaft der deutschen Feuerwehrmuseen. Da ist der Hauptsitz in Fulda; und in Fulda ist auch das Deutsche Feuerwehrmuseum, mit Stücken aus ganz Deutschland. Da haben wir ab und zu so eine Zusammenkunft; wir treffen uns da einmal im Jahr. Es gibt so ungefähr fünfzig, fünfundfünfzig Feuerwehrmuseen in ganz Deutschland, mit der ehemaligen DDR zusammengenommen.

Erinnerungen

Sie waren ja nun auch selbst Feuerwehrmann. Wie war das früher? Wie haben Sie zum Beispiel von einem Einsatzfall erfahren? Einen Funkpiepser gab es ja noch nicht...

Ja, da gab es Alarm; da lief die Sirene. Die Sirene lief dreimal, und da musste man von zu Hause oder von der Arbeit zusehen, dass man zum Feuerwehrhaus oder zum Gerätehaus kam. Da hatte man seine Sachen hängen, dann wurden die angezogen, und dann fuhren wir ab. Das Ziel kriegten wir erst gewahr, wenn wir quasi im Auto saßen, wenn wir abfuhren.

Strahlrohre Und wie war das früher mit der Ausstattung? Atemschutzgeräte, Schutzanzüge - das hatten Sie ja alles noch nicht.

Nein; früher musste auch jeder selber für sein Schuhwerk sorgen. Stiefel oder so etwas gab es da nicht. Da hatte man ein Paar Schuhe, na ja, wenn sie kaputt waren, dann waren sie kaputt; man kriegte da keinen Ersatz. Oder Hosen, Blaumannbuxen: das wurde im Anfang überhaupt nicht gestellt, da musste man selber dafür sorgen. Heute ist das ja anders, da haben Sie ja drei, vier Paar Stiefel und Schuhe - hohe Schuhe, Halbschuhe und so was - unten im Spind stehen.

Aber einen Helm hatten Sie damals schon?

Ja, nun, das war nun wichtig. Der Helm war wichtig; und der Brandrock war auch wichtig. Und im Winter hatten auch einige schon mal Mäntel. Das waren dann Mäntel von der Polizei, die hatte die abgelegt, und die haben wir dann blau färben lassen, dass wir die dann tragen konnten. Das waren so alte "Wolldecken", so dicker Stoff. Wenn so ein Mantel richtig nass war, dann wog man einen halben Zentner mehr, so schwer war der.

Und wie haben Sie ein Feuer überhaupt ausgekriegt - ohne die heutige Technik?

Mit Wasser, Wasser, Wasser! Das war das einzige! Mit Wasser... - Ja, manchmal war es schlimm; es gab noch keine Tanklöschfahrzeuge, die zwei- oder fünftausend Liter an Wasser im Bauch hatten; das gab es früher nicht. Da gab es einfach nur Wagen, womit die Mannschaft bewegt wurde, und da mussten wir dann die Tragkraftspritzen, die wir hatten (die wogen so zwischen sechs und acht Zentner), immer zu vier Mann transportieren, um an offenes Wasser, an einen Fluss oder einen Feuerlöschteich dranzukommen, um damit zu löschen. Da mussten weite, weite Wegstrecken Schläuche gelegt werden.

War das Löschen damals gefährlicher als heute?

Ja, sagen wir so: Schwerer Atemschutz, die Flaschen auf dem Buckel - das kam erst später; das war ja vor allen Dingen auch eine finanzielle Angelegenheit. Die Dörfer hatten noch keinen schweren Atemschutz, das kam erst so nach und nach, dass man dafür Geld hatte, um das zu kaufen. Und da ist man schon manchmal auch ohne alles reingegangen - hat sich vorher eine Wolldecke nass gemacht, hat sie sich über den Kopf gezogen und ist dann reingegangen, um zu helfen. So mancher hat dabei auch eine Rauchvergiftung gekriegt und musste dann ins Krankenhaus.

Früher und heute

Sie sind nun, wie Sie sagen, seit fünfzig Jahren dabei. Da können Sie sicherlich sagen, ob sich inzwischen in der Mentalität der Feuerwehrleute etwas geändert hat.

Ja, damals war das noch so, da kam jeder zu Fuß zum Üben. Und da wurde auch sonntags morgens um fünf Uhr geübt, nicht Samstagnachmittag. Sonntags morgens um fünf Uhr wurde geübt, wenn alle noch am Schlafen waren. Und nach dem Üben saß man dann noch ein paar Stunden im Feuerwehrhaus zusammen und trank sich einen - zur Pflege der Kameradschaft! - Heute ist das so: Die kommen mit dem Auto vorgefahren, üben, ziehen sich um - und weg sind sie!

Schutzmasken Haben sich auch die Motive geändert, zur Feuerwehr zu gehen?

Ja, das ist unterschiedlich. Vor ein paar Jahren war das noch so: Wenn Sie zur Feuerwehr gingen, dann brauchten Sie nicht zu den Soldaten, da mussten Sie dann so und so viele Jahre abdienen und fertig. Aber heute ist das so: Durch die Jugendfeuerwehr, die wir haben - da können Sie ja schon mit zehn Jahren eintreten (das war damals nicht so) -, da wächst man so allmählich in die Atmosphäre der Feuerwehr rein, und da will man nachher nicht mehr weg.

Sind Feuerwehrleute Helden?

Nein, nein. Absolut nicht.

Warum nicht?

Normalerweise soll jeder Mensch einem anderen Menschen helfen, wenn der in Not ist - auch ohne Uniform!

Die Feuerwehr hat also mit Heldentum nichts zu tun?

Nein, Held... - Helden gibt es nicht!

Das Interview wurde am 18.3.2004 geführt. Die Fragen stellten Niklas Bein, Stefan Röben, Kerstin Rüenauver und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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