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Interview

Dirk Mühlhan   Dirk Mühlhan,
Jahrgang 1966,
Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn,
Brandoberinspektor und
Gruppenführer der Löschgruppe Neu-Listernohl,
zugleich Mitglied der Betriebsfeuerwehr
der Firma "Muhr und Bender", Attendorn


Die Frage, ob es sich "lohnt" zu retten, stellt sich keiner

Brandoberinspektor Dirk Mühlhan über den Tod im Einsatz

Helden

Die Feuerwehr hat in den letzten Jahren - vielleicht auch unfreiwillig - einen Imagegewinn erfahren. Spätestens seit den Vorkommnissen um das World Trade Center werden Feuerwehrleute als Helden gefeiert. Können Sie das nachvollziehen?

Teils, teils. Es gibt halt das Problem, dass "Helden" diesen negativen Beigeschmack hat, dass die also bis zum Allerletzten blind losrennen, während eigentlich "Feuerwehr" immer heißt, das Ganze ein bisschen zu kalkulieren, dass man also ein kalkuliertes Risiko eingeht.

New York, 11.9.2001 Sind die Feuerwehrleute, die am 11. September 2001 im und am World Trade Center umgekommen sind, für Sie Helden?

Sicherlich. Denn die sind in ihren Einsatz reingegangen, ohne zu wissen, was da auf sie zukommt. Eine Situation, die wir auch schon mal erlebt haben, und das ist sicherlich nicht schön.

Sie sehen da also eher Gemeinsamkeiten als Mentalitätsunterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Feuerwehrleuten?

Ich kenne keine amerikanischen Feuerwehrleute; von daher ist das sicherlich schwer zu sagen, aber ich denke mal, Feuerwehrleute sind eigentlich kurioserweise auf der ganzen Welt ziemlich ähnlich.

Wie beurteilen Sie das Bild, das in so manchem Hollywood-Film vom Beruf des Feuerwehrmanns gezeichnet wird?

Hm. Es ist ein Film. Überdreht, überzeichnet und stellenweise ganz einfach auch kitschig. Er stellt also nicht die Wirklichkeit dar.

Wie sieht für Sie die Wirklichkeit aus? Ist sie häufig härter als im Film, oder übertreibt der Film eher?

Es ist sicherlich oft härter als im Film. Man muss zum Film ganz klar sagen: Da sind mehr die Show-Effekte gefragt, die man halt im normalen Leben nicht so hat.

Was macht für Sie denn einen guten Helden aus? Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein? Mut? Pflichterfüllung? Kameradschaft?

Eine Mischung aus allem.

Muss ein guter Held, böse gesagt, im Dienst einer guten Sache umkommen?

Hm, damit tu ich mich jetzt schwer, mit dem Umkommen. Im Dienst einer guten Sache umkommen heißt irgendwo, dass dieser Held Fehler gemacht hat, das heißt, er war ein dummer Held.

Gibt es Heldentum als Gemeinschaftserlebnis, oder gehört zu einem Helden ein gewisser Grad von Einsamkeit?

Das ist auch wieder eine sehr schwere Frage. Einen einsamen Helden - zumindest im Feuerwehrleben gibt's den nicht. Es arbeiten alle zusammen; einer alleine erreicht nichts.

Finden Sie Teamarbeit in der Feuerwehr sehr wichtig?

Ja. Teamarbeit ist das Wichtigste.

Kann man Heldentum lernen? Zum Beispiel samstags, beim Üben?

Wir haben also sicherlich auf keinem Ausbildungsplan Heldentum stehen, und das ist auch schon begründet.

Inwiefern?

Heldentum heißt immer: Leichtsinn, unverantwortliches Handeln. Denn es ist so, dass nie ein Feuerwehrmann alleine irgendwo hingehen sollte. Das heißt, ich hab immer eine Verantwortung für mindestens noch einen anderen. Wenn ich da den Helden spiele, dann heißt das letztlich, dass ich den andern auch gefährde.

Sie sehen sich nicht als Held?

Hm, "Held"... - Keine Ahnung.

Motive

Warum sind Sie dann bei der Feuerwehr?

Um anderen zu helfen.

Gab es neben diesem Wunsch noch andere Beweggründe? Die Kameradschaft? Vielleicht sogar Abenteuerlust?

Es ist sicherlich auch da wieder eine Mischung aus allem. Irgendwann bin ich über die Jugendfeuerwehr in die Feuerwehr gekommen und bin dann auch dabei geblieben.

Sie sind ja bei der Freiwilligen Feuerwehr. Könnten Sie sich vorstellen, das auch beruflich zu machen?

Eigentlich nicht mehr. Zum einen hieße das, die Ausbildung wieder ganz von vorne anzufangen, zum zweiten spricht mittlerweile mein Alter dagegen, denn auch Feuerwehrleute sind Beamte, die nur bis zu einem gewissen Alter eingestellt werden dürfen bzw. können. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, Berufsfeuerwehr reizt mich eigentlich weniger.

Dirk Mühlhan im Einsatz Wie funktioniert die Kooperation zwischen diesen beiden Gruppen, also zwischen Beruflichen und Freiwilligen?

Das ist sicherlich hier in diesem Bereich schwer zu sagen, weil wir keine Berufsfeuerwehren haben. Aber es ist eigentlich ein Zusammenarbeiten überall. Anders geht's nicht.

Gibt es auch Reibungsflächen? Mentalitätsunterschiede?

Sicherlich. Der Berufsfeuerwehrmann ist halt mehr der Beamte, der auch teilweise verwaltet und sich mit sich selber und seinen Geräten beschäftigt, während der freiwillige Feuerwehrmann halt immer noch einen anderen Beruf hat, den er ausübt, und dadurch auch viele andere Sachen erledigt, also nicht so sehr auf dieses Thema Feuerwehr fixiert ist.

Unterschiede gibt es vermutlich auch zwischen Ihnen als aktiven Feuerwehrleuten und den "Veteranen", die nicht mehr aktiv im Dienst sind...

Sicherlich gibt es die. Wir haben ja diese "Ehrenabteilung", wie es heute offiziell heißt; das sind Leute über sechzig. Mit sechzig wird man aus dem aktiven Dienst der Feuerwehr ausgemustert, man wird also "Rentner", wenn man das so sagen will, und da gibt's ganz klar Mentalitätsunterschiede, wie es, ich denke mal, generationsmäßig normal ist.

Worin bestehen denn diese Unterschiede?

Die Unterschiede bestehen darin, dass halt früher viel mehr mit weniger Technik gemacht worden ist; heute, da habe ich mehr Technik. Die ganze Geschichte "Feuerwehr" hat sich in den letzten Jahren immer mehr verändert. Früher gab es keine - oder nur sehr wenige - gefährliche Stoffe und Güter, früher hatte man weniger mit Verkehrsunfällen zu tun, und dadurch bedingt verändert sich diese Mentalität in gewissen Abständen doch ganz gewaltig.

Also war es früher wirklich mehr eine Feuer-Wehr als eine erweiterte Wehr?

"Feuer-Wehr", ganz klar; es gab früher mehr, ja, diesen guten alten Bauernhofbrand als irgendwelche Chemikalien oder Gefahrgüter. Ganz böse Zungen behaupten, früher wär's dann stellenweise auch noch eine "Feier-Wehr" gewesen, die gelegentlich die Dienste dazu benutzt hätte, auch mal ordentlich über die Stränge zu schlagen. Das ist eine Geschichte, die heute nicht mehr möglich ist. Es wird eigentlich heute zu viel von einem verlangt, als dass man da jetzt lasch an diese ganze Geschichte herangehen kann.

Lösch-Ästhetik

Welches Verhältnis haben Sie zu "Feuer"? Finden Sie es eher faszinierend oder eher abschreckend?

Es kann eigentlich alles sein. Es ist schon mal faszinierend, welche Gewalt so ein Feuer hat, welche Kraft dahinter steckt. Wenn man zum Beispiel nach einem Feuer sieht, wie Eisenträger da so verknotet rumliegen, ist das sicherlich faszinierend. Es ist andererseits abschreckend, weil es doch immer jemanden schädigt, Sachen, Werte unwiderbringlich zerstört.

Löschfahrzeug Im "Feuerwehr-Milieu" scheint es ja eine eigene Ästhetik zu geben: Bildbände mit Aufnahmen der schönsten Löschfahrzeuge, Internetportale mit den tollsten Einsatzfotos, durchgestyle "Feuerwehr-Kalender" mit Kameraden vor schaurig-schöner Brandkulisse. Wie erklären Sie sich das?

Das ist ganz einfach: Irgendwo ist es für jeden ein Hobby. Wenn zum Beispiel einer Oldtimer sammelt, hängt der sich wahrscheinlich auch einen Kalender an die Wand mit alten Autos oder so was, und von daher gibt's halt diese Kalender mit dem Thema Feuerwehr oder Bildbände mit diversen Feuerwehrfahrzeugen aus aller Herren Länder. Das ist sicherlich ein Markt geworden, den einige Geschäftsleute mittlerweile auch ganz gut und pfiffig bedienen.

Im Internet wird eine heftige Diskussion darüber geführt, ob bzw. inwiefern man überhaupt Einsatzfotos veröffentlichen sollte. Wie stehen Sie zu dieser Frage?

Es sollte eine Grenze da sein. Das heißt: Das Foto, wo irgendwo aus der Entfernung ein Unfall oder ein brennendes Gebäude zu sehen ist, ist okay. Das Foto, auf dem Menschen zu sehen sind, die verletzt sind oder Ähnliches, das sollte endgültig mal tabu werden.

Belastungen

Wie verträgt sich Ihr freiwilliges Amt in der Feuerwehr mit Ihrer beruflichen Tätigkeit?

Im Moment ganz gut. Das heißt, man versucht beides nebeneinander laufen zu lassen, und von daher ist das in Ordnung. Es passt also.

Aber Sie leben auch am Arbeitsplatz ja sozusagen auf Abruf...

Ja, das funktioniert aber eigentlich ganz gut.

Was machen Sie denn beruflich?

Ich arbeite beruflich im Werkzeugbau der Firma Muhr und Bender in Attendorn, bin da als Dreher angestellt. Und solange die Arbeitgeber mitmachen, funktioniert das auch mit dem Leben auf Abruf.

Wenn ein Alarm kommt, wissen Sie ja zunächst noch nicht, wohin Sie jetzt gerufen werden. Unter Umständen ist das, was Sie am Einsatzort zu sehen bekommen, beunruhigend, schockierend. Ist das nicht eine Belastung?

Es ist sicherlich eine Belastung; es ist aber auch jedes Mal eine kleine Herausforderung.

Hatten Sie bereits einen Einsatz - oder Einsätze -, die Sie in dieser Hinsicht nie vergessen werden?

Sicher gibt's Einsätze, die man nicht vergisst.

Können Sie das genauer sagen, oder möchten Sie lieber nicht?

Als Haupteinsatz ist zu nennen ein Einsatz, aus dem ein Kamerad nicht wieder mit nach Hause gekommen ist; der also da verstorben ist. In diesem Einsatz sind auch mehrere Kameraden verletzt worden. Das ist sicherlich eine Geschichte, die man nie vergisst. - Was jeden Feuerwehrmann außerdem mitnimmt, sind Einsätze, wo Kinder zu Schaden kommen, wo also Kinder ums Leben kommen. Und davon gibt's halt eben doch nach einiger Zeit einige.

Nutzen Sie die psychologische Nachbetreuung für Feuerwehrleute?

Das ist gerade im Bereich der Feuerwehr im Aufbau. Es sind bisher ganz gute Erfahrungen damit gemacht worden, und es hilft auch, ja.

Nutzen Sie die auch selber?

Wir nutzen die auch selber, wenn es sich anbietet, ja.

Leben und Tod

Ihr Kamerad, von dem Sie erzählten, ist ja seinerzeit - 1998 im Oktober war es wohl - bei einem Einsatz auf der Bigge umgekommen. Die Feuerwehr hat damals nach einem vermissten Kanuten gesucht. Der war bei Hochwasser in ein Fallrohr hineingefahren und wurde nun am Fuß dieses Rohrs in einem Strudel vermutet. Können Sie die Situation genauer schildern? Oder wollen Sie das lieber nicht, ist das in gewisser Hinsicht ein Tabu für Sie?

Ich meine, aus heutiger Sicht mit einer Menge Abstand kann man es sich halbwegs erklären, was da gewesen ist, warum das gekommen ist. Es war halt so, dass man vermutet hat, dass dieser Vermisste noch in diesem so genannten Ihne-Schuss ist, das ist ein tunnelartiger Kanal, der unter einer Straße verläuft, - dass bei diesem Hochwasser halt noch mal ein Stück Fluss abgesucht wurde zwischen diesem Tunnel und dem Biggekraftwerk, - dass in diesem Bereich so genannte Staustufen, Wehre drin sind und aus welchen Gründen auch immer das Boot da dann schlussendlich gekentert ist und er durch einen Kälteschock ums Leben gekommen ist. - Das wäre eine ganz nüchterne Betrachtung dieser ganzen Geschichte.

Einsatzpause Der vermisste Kanut, nach dem gesucht wurde, war zu diesem Zeitpunkt ja wohl schon tot. Und die Bilanz auf Seiten der Feuerwehr waren ein weiterer Toter und mehrere zum Teil auf Lebenszeit Verletzte. Ist das besonders bitter, wenn man sich im Nachhinein sagt, es hat ja eigentlich - in Anführungszeichen - nichts "genutzt", es hat niemanden mehr gerettet?

Natürlich ist das bitter. Zumal da einige Faktoren zusammenkamen, die man - im Nachhinein gesehen - hätte ausschließen können.

Hinzu kam ja noch, dass dieser Einsatz nicht ein Brand war, sondern ein Freizeitsportunfall, wenn man so will, wo man sich ja immer fragen kann: Warum müssen Kanuten bei Hochwasser unbedingt in das Rohr der Ihne hineinpaddeln? Ist das etwas, was einen bei Einsätzen auch bewegt, dass man sich manchmal fragt, ob es sozusagen "lohnt", dort noch zu retten?

Die Frage, ob es sich "lohnt" zu retten, die stellt sich eigentlich keiner. Wenn es was zu retten gibt, dann versucht man das sicherlich. Allerdings: Ich denke mal, seit dieser Geschichte gehen einige ein bisschen vorsichtiger an dieses Thema heran. Das wurde auch von Kameraden schon ganz klar gesagt: Wenn irgendjemand als Hobbysportler unbedingt meint, seinen Kick zu suchen, sein Leben aufs Spiel setzen zu wollen - und das teilweise noch ganz bewusst -, bitte schön, dann soll er's tun. Aber nicht so, dass hinterher dann noch drei oder vier Leute dadurch geschädigt werden.

Wie gehen Ihre Familienangehörigen mit Ihrer Feuerwehrtätigkeit um? Sie müssen ja, brutal gesagt, immer damit rechnen, dass auch Ihnen etwas passieren könnte...

Das ist sicher richtig. Das ist sicherlich für die nicht ganz einfach, aber auch die gewöhnen sich irgendwie mit der Zeit daran.

Gibt es für Sie einen Punkt, an dem Sie sagen würden: Ich höre als Feuerwehrmann auf?

Es gibt sicherlich einen Punkt, wo ich sage, ich höre auf. Das ist, wenn ich zum einen merke, dass mir die ganze Geschichte über den Kopf wächst, dass es also zu viel wird, oder wenn ich sage, ich kann es aus irgendwelchen anderen Gründen nicht mehr, sei es gesundheitlich, sei es geistig. Dann hoffe ich doch, dass ich den Punkt finde, wo ich sage: Jetzt ist Schluss.

Das Interview wurde am 1.3.2004 geführt. Die Fragen stellten Kerstin Rüenauver und Jonas Warns.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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