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Interview

Hartmut Schlüter   Hartmut Schlüter,
Jahrgang 1956,
Leiter des
Westfälischen Feuerwehrmuseums in Hattingen.


Wir atmen noch - wir haben noch Hoffnung

Museumsleiter Hartmut Schlüter über die Schwierigkeiten, die Arbeit der Feuerwehr öffentlich zu präsentieren

Ein Museum auf Abruf

Herr Schlüter, das Westfälische Feuerwehrmuseum, dessen Leiter Sie sind, ist in den letzten Monaten in die Schlagzeilen geraten. Ihm droht die Schließung. Deshalb meine erste Frage: Wie geht es dem Museum zurzeit?

Henrichshütte Wir atmen noch - so würde ich es jetzt formulieren. Wir haben noch Hoffnung. Wir haben noch einige Gespräche vor uns, die das Problem lösen oder aber relativ schnell beerdigen werden. Mein Ziel ist es, über den Standort unseres Museums mit der Stadt Hattingen zu einem Einvernehmen zu kommen. Sollten die Gespräche allerdings negativ ausgehen, werden wir wahrscheinlich im kommenden Jahr damit beschäftigt sein, das Museum abzuwickeln.

Können Sie die Hintergründe des Problems etwas näher schildern?

Die momentane Situation ist so, dass wir Untermieter des Westfälischen Industriemuseums sind, das heißt, man hat uns hier in einigen Industriehallen Unterkunft gewährt. Diese Unterkunft ist an Tagen wie heute, an denen es regnet, freundlich gesagt etwas unwirtlich. Wir haben Löcher im Dach, durch die es zum Teil auf unsere Exponate tropft. Außerdem ist eine Halle wegen Baufälligkeit inzwischen für die Besucher gesperrt. Darüber hinaus endet Ende nächsten Jahres, am 31.12.2005, der Mietvertrag. Da wir das schon etwas länger wissen, bemühen wir uns seit etwa zwei Jahren, hier in Hattingen einen anderen Ort zu finden. Ideal wäre ein Platz hier im Umfeld der Henrichshütte, sprich: in dem Gewerbe- und Landschaftspark, in dem wir jetzt auch liegen. Das hat mit unseren Fahrzeugen zu tun. Wir legen auf unsere Mobilität großen Wert; und Lkws kann man nun mal in Wohngebieten nicht so gut fahren. Beim letzten Museumsfest hatten wir selbst hier schon Stress, weil einem Anwohner die Martinshörner zu laut waren. Wir müssten also schon innerhalb einer Industrielandschaft einen neuen Platz finden. - Zufälligerweise - und bedauerlicherweise, muss man sagen - ist hier nun vor kurzem ein Betrieb in Insolvenz gegangen, der viele Hallen hinterlässt. Und da kämpfen wir im Augenblick für ein größeres, allerdings sanierungsbedürftiges Objekt, das geeignet wäre, das etwa 4.000 Quadratmeter Hallenfläche hätte; da würden wir unsere Sammlung - nach meinen Vorstellungen - schon als Museum präsentieren können. - Wir kämpfen dabei übrigens nicht gegen irgendwelche konkurrierenden Investoren, die Schlange stehen und diese Hallen übernehmen wollen; denn die gibt es gar nicht. Ein Problem ist nur, dass der bisherige Bürgermeister Hattingens das ganze Gelände hier für etwaige Investoren vorhalten wollte, so dass wir dort nur schlecht hineingepasst hätten, denn Faktum ist, dass wir ein Ausstellungsgelände weder kaufen noch mieten können. Nun sind aber Kommunalwahlen gewesen; es gibt einen neuen Bürgermeister, und so werden wir sehen müssen, wie sich die Dinge jetzt entwickeln.

Eine "Sammlung" Die Kommunalpolitiker waren also offenbar bisher nicht sehr kooperativ...

Sicherlich hätte ich mir von Fall zu Fall mehr Kooperation gewünscht. Aber dahinter steckt natürlich: Ein Feuerwehrmuseum behandelt ein Thema, das relativ profan ist; damit kann man nicht so viele Lorbeeren sammeln wie mit Museen mit künstlerischen oder sonstwie elitären Ansprüchen. Das ist das eine. Das andere ist: Einem Verein wie unserem Museumsverein, der funktioniert und damit beweist, dass er etwas auf die Beine stellen kann, wird leicht unterstellt, dass er das eigentlich nur für seinen eigenen Lustgewinn macht, dass die Mitglieder gerne mit Feuerwehrautos im Kreis fahren und das sowieso machen, egal ob man öffentlich etwas für sie tut oder nicht. Man hat deswegen lange das Problem der Unterbringung verdrängt und angenommen, es werde sich hier im Hause irgendwie schon eine Lösung finden. Erst mit der Kündigung des Mietvertrags ist das Problem ein bisschen mehr ins Bewusstsein gerückt. Man hat uns im Übrigen zwischen Stadt und Land hin und her geschoben. Man hat gesagt, dass für bestimmte Entscheidungen nur das Land zuständig ist. Dann hatten wir Ministeriumstermine; dort haben wir dann erfahren, dass das so nicht stimmt, dass es doch die Stadt entscheiden müsse, und so schloss sich dann der Kreis. Man erfährt in einer solchen Situation viel über die Macht und die Ohnmacht der Politik und auch darüber, dass das Ehrenamt eher etwas für Sonntagsreden und Orden ist - und nicht für wirkliche Unterstützung. Das ist ein relativ dunkles Kapitel.

Das Museum als Handlungsraum

Jetzt könnte man zynisch fragen: Wozu braucht man überhaupt ein Feuerwehrmuseum? Gerade im Rahmen der Diskussion, die derzeit beispielsweise um das Opel-Werk in Bochum geführt wird, können Politiker ja sehr schön argumentieren, dass es doch viel sinnvoller sei, das Geld lieber in die Sicherung von Arbeitsplätzen zu stecken als in ein Museum. Was würden Sie dieser Argumentation entgegenhalten?

Im Museum Genauso zynisch geantwortet: Wenn Opel schließen würde, würden dort ja viele große Hallen frei, die wir zum Unterstellen unserer Fahrzeuge gut gebrauchen könnten. Nein, jetzt mal im Ernst: Gegenüber allen politischen Bemühungen um die Sicherung von Arbeitsplätzen ist unser Anliegen ja ein eher kleines, zudem kein vorrangig finanzielles. Wir wollen nicht permanent bezuschusst werden. Das Einzige, was wir brauchen, ist ein Hallengelände, das sonst vielleicht nur brach liegen oder eventuell abgerissen würde. Das kostet zunächst einmal de facto so lange kein Geld, wie wir nicht in Konkurrenz mit irgendeinem Investor stehen, der sich ebenfalls für diese Industriebrache interessiert. - Wenn Sie zum Beispiel hier durch unser Industriegebiet fahren, dann sind da etwa 800.000 Quadratmeter, davon sind 400.000 Quadratmeter frei, die könnte man von heute auf morgen verkaufen. Aber es gibt niemanden, der sie kaufen will, niemanden, der sich dafür interessiert. Unsere Argumentation ist: Wenn hier schon Hallen leer stehen und niemand Miete dafür zahlt, dann könnten doch eigentlich auch wir die Hallen nutzen und keine Miete dafür zahlen, aber gleichzeitig etwas daraus machen. Der Vorteil für alle Beteiligten ist offensichtlich. Ein ehrenamtlich betreutes Museum ist für die Region allemal attraktiver als Industrieruinen mit eingeschmissenen Scheiben. Dass wir durch unsere Museumsarbeit keine neuen Arbeitsplätze schaffen, ist uns klar.

Ihre Argumentation klingt plausibel. Warum folgt ihr die Politik nicht?

Unser Dilemma ist, dass paradoxerweise negative Zukunft von der EU bezuschusst wird. Im Klartext: Die Stadt Hattingen erhält Zuschüsse, wenn sie Fabrikhallen abreißen lässt. Für die Abrissbirne gibt es also Geld, für positive Zukunftspläne wie ein Museum nicht. Schwierigkeiten gibt es natürlich auch im Bürokratischen. Bestimmte Gebiete sind hier als reine Gewerbezonen ausgewiesen und müssten dann erst als Museumsgelände umgewidmet werden. Aber all das ist im Prinzip machbar, wenn man es nur will.

Ansonsten wäre Ihr Anliegen, sieht man einmal von der Bereitstellung eines Geländes ab, kostenneutral?

Von der finanziellen Seite her ist unser Anliegen unproblematisch. Jedes Museum, das neu gegründet wird, hat erst einmal Kosten für Exponate und dann auch Personalkosten aufzubringen, und dieses Problem haben wir nicht. Und im Gegensatz zu manchem Investor, der vollmundige Versprechungen macht, bauen wir hier auch kein Traumschloss auf, sondern haben in den vergangenen sechs Jahren bewiesen, dass der Laden läuft und dass es nur von Vorteil ist, wenn wir mit unserem rollenden Museum, unseren "roten Riesen", über Land fahren und für Hattingen werben. - Nun aber zurück zu Ihrer ursprünglichen Frage: Warum braucht man ein Feuerwehrmuseum? Ich würde die Frage gerne erweitern: Warum braucht man noch ein Feuerwehrmuseum? Das kann man sich in der Tat fragen; denn es gibt ja schon sehr viele Feuerwehrmuseen.

Und wie lautet Ihre Antwort?

Autos auf Halde Ich würde sagen, dass der Ansatz bei uns schon ein bisschen anders ist. Die meisten Feuerwehrmuseen sind, so nenne ich es, "bodenständig", das heißt, sie sind aus einer bestimmten Feuerwehr erwachsen und dokumentieren deren Geschichte - durchaus tief, aber in der Regel regional gebunden. Unser Ansatz hingegen ist, dass von Anfang an deutschlandweit gesammelt wurde, vor allem Fahrzeuge; wir haben zum Beispiel sehr viele Autos von Werksfeuerwehren, und über diese Kontakte kamen dann auch viele Kleinteile als Exponate dazu. Damit decken wir thematisch einen Teilbereich der Feuerwehr ab, der in den anderen Museen nicht so selbstverständlich ist. Hinzu kommt unsere Größe: Wir haben die größte Sammlung an deutschen Feuerwehrfahrzeugen der Nachkriegszeit. Und ganz neu ist natürlich unser Ansatz, mit unserem Museum mobil zu sein, unsere Fahrzeuge flott zu machen und damit herauszufahren, uns an vielen Orten als rollendes Museum zu präsentieren. - Im Übrigen hat unser Museum hier vor Ort im Gegensatz zu den - ich sage mal: traditionellen - Feuerwehrmuseen vom Didaktischen her eine andere Zielrichtung. Ich möchte die Exponate nicht einfach nur nebeneinander stellen, sondern will einen Handlungsraum schaffen. Wir nennen das "Perspektivrundgänge". Die Menschen, die zu uns kommen, sollen ein Leitsystem vorfinden, anhand dessen sie sich durch die Ausstellung bewegen können, und zwar aus verschiedenen Perspektiven, beispielsweise der Perspektive des Feuers, dann der des Feuerwehrmanns, der des Opfers und auch der des Schaulustigen. Ein Phänomen in herkömmlichen Ausstellungen ist, dass man sie mehr schlecht als recht "durchstehen" muss. Unser Konzept ist hingegen, dass wir das Ganze mehr detektivisch ausrichten: Die Besucher kriegen einen "Auftrag" und gehen "entdeckend" durch die Sammlung, machen sich schlau und stürzen dann irgendwann in einen Einsatz hinein. Nach dem Einsatz trifft man sich dann wieder und hat die Möglichkeit, zu reflektieren, was passiert ist - sozusagen parallel zum Feuerwehralltag. Und wenn man später vielleicht noch einmal wiederkommt, hat man die Chance, innerhalb des Museums einen anderen Gang zu gehen, mit einem anderen Auftrag - oder vielleicht auch noch einmal mit demselben Auftrag, den man dann besser ausführt.

Ihr Konzept ist also eher erlebnisorientiert als historisierend bzw. enzyklopädisch?

Richtig. Es ist weniger unser Anliegen, zweiundreißig Lampen oder Strahlrohre verschiedener Generationen oder hundertzweiundneunzig glitzernde Helme unterschiedlicher Nationen nebeneinander zu stellen. Das würde klimatisch auch gar nicht passen. Wichtiger ist mir ein Museum als Erfahrungsraum, den wir ja bisher auch teilweise schon gestaltet haben, mit einem Feuerlabor, mit einem Spielparcours, mit der Ausbildung zum "kleinen Feuerwehrmann" usw. - Feuer bietet Anlass zu vielen Assoziationen, wenn Sie nur an die vielen Metaphern denken, die sich um das Feuer ranken; und darauf möchte ich gerne aufbauen. - Dabei sehe ich uns aber nicht als Konkurrenz zu den anderen Feuerwehrmuseen, eher als Ergänzung. Wir haben zum Beispiel nur eine einzige alte Handdruckspritze; das muss genügen. Wir werden keine weitere kaufen; es wird sie uns auch keiner schenken; und wenn ein Besucher unbedingt altes Feuerwehrgerät sehen will, dann werden wir ihn halt weiterverweisen, nach Lüdenscheid, nach Attendorn, und werden uns da nicht abschotten.

Sie sagten eben, Sie wollten nicht hundertzweiundneunzig Helme nebeneinander ausstellen. Nun kommen Sie aber mit Ihren Autos schon bedenklich nah an diese Zahl heran. Es sind zwar nicht gerade hundertzweiundneunzig, aber immerhin schon über sechzig. Widersprechen Sie sich da nicht in Ihrer Konzeption?

Stimmt. Da habe ich gegen meinen eigenen Grundsatz verstoßen. Als ich hier angefangen habe, wollte ich systematisieren und abgeben, weil ich auf 1.500 Quadratmeter hin geplant habe. Aber dieser Widerspruch hat natürlich eine politische Komponente: Wer viele Fahrzeuge hat, erscheint dadurch in seiner politischen Argumentation allemal gewichtiger als jemand, der fein, aber klein ist. Mein Kollege in Fulda sagt dazu "Eichhörnchenmentalität". Wir haben in einer gewissen Phase einfach alles gesammelt, was wir kriegen konnten. Denn Politik versteht nur Größtes, Schönstes, Bestes - das muss ich leider so sagen.

Krankenwagen im Museum Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, etwas abzuspecken, zu selektieren und auf exemplarische Exponate zu setzen? Wäre das auch der Politik gegenüber nicht diplomatischer als zu sagen: Wir müssen da jetzt leider mit sechzig Autos kommen? Oder nehmen die Politiker tatsächlich lieber die sechzig Autos statt der didaktisch reduzierten Version?

Die nehmen weder noch. Hinzu kommt: Inzwischen haben wir halt die Sammlung, und genauso haben wir natürlich unsere Ideen, "Perspektivrundgänge", "rollendes Museum" usw. - Da kann man zwar didaktisch reduzieren, aber nicht gegen null. Eine Lösung auf nur 1.500 Quadratmetern, wie ich sie ja zu Anfang noch in Erwägung gezogen habe, käme für mich deshalb inzwischen nicht mehr in Frage. Das müssten dann andere machen.

Welche Zielgruppe haben Sie?

Die Zielgruppe ist relativ weit gefächert. Ich muss dazu sagen, dass ich von Hause aus kein Feuerwehrmann bin, auch nie einer werden wollte, mit der Feuerwehr also gar nichts zu tun hatte. Ich habe in dem Industriemuseum, in dem wir hier sitzen, gearbeitet und habe darüber eher zufällig das Feuerwehrmuseum kennen gelernt. Das führte bei mir als einem "Museumsmenschen" zu der Erkenntnis, dass da ein Schatz liegt, der aber weder didaktisch-pädagogisch noch öffentlich hinreichend betreut wurde. Das habe ich als eine Chance angesehen, etwas von null an zu gestalten. In der Regel ist es so, dass man in einem Projekt arbeitet, das zuvor andere definiert haben, das also Zahnrad eines großen Räderwerkes ist; und hier konnte ich das Räderwerk selber bauen; und das mache ich jetzt so seit 1997/1998. Und zur Struktur dieses Räderwerks gehört eben auch, möglichst viele Leute anzusprechen. Ich denke, gerade weil ich nicht bei der Feuerwehr war und bin, kenne ich eher die Fragen der Besucher als ein Feuerwehrmann oder ein Technik-Freak. Da ich ursprünglich ja von der Museumsseite her komme, bediene ich sozusagen eine andere Klientel. Die Freaks, die sich da über irgendwelche glänzenden Achsen begaukeln können, die brauchen mich ja eigentlich auch gar nicht. Ein anderer Bereich ist mir da wichtiger. Hier im Ennepe-Ruhr-Kreis und im Märkischen Kreis arbeiten wir mit im Arbeitskreis Brandschutzerziehung, und das ist für mich auch innerhalb der Museumsarbeit eine wichtige Komponente. Wer zu uns kommt, lernt sozusagen aus der Geschichte, nämlich aus der Geschichte früherer Brände. Er lernt zu Hause etwas mehr Obacht zu geben oder konkret Brände zu verhindern bzw. richtig auf Brände zu reagieren. So waren zum Beispiel unsere Museumsfeste immer aufgebaut. Wir hatten da etliche Vorführungen zur Brandschutzerziehung, an denen sich auch das Publikum beteiligen konnte - etwa indem man mit Löschdecken brennende Puppen "gerettet" oder mit dem Feuerlöscher agiert hat. Es gibt viele spektakuläre Feuerexperimente; wenn man die gesehen und vor allen Dingen erläutert bekommen hat, dann vergisst man die nicht so schnell; und das kann für jeden zu Hause ja durchaus wichtig sein. Insofern ist meine Zielgruppe ziemlich groß.

Helden im Museum

Sie sprachen von der Brandschutzerziehung als einer wichtigen Komponente innerhalb des Feuerwehrmuseums. Eine andere Komponente des Feuerwehrdienstes ist ja das Ehrenamt, der freiwillige Dienst, der Dienst am Mitmenschen. Lässt sich dieser Idealismus in einem Museum darstellen?

Ein "roter Riese" Durchaus. Interessanterweise treffen sich im Ehrenamt ja hier Feuerwehrleute und unsere ehrenamtlichen Museumsmitarbeiter. Wir stehen zwar nicht nachts um zwei auf, um Brände zu löschen, doch gibt es, was das Nachdenken über die Sinnhaftigkeit des Ehrenamts angeht, da schon Parallelen. - Und das, was Sie mit Ihren bisherigen Interviews über die "Helden auf Abruf" versucht haben, nämlich sozusagen hinter die Kulissen zu blicken und die Empfindungen der Feuerwehrleute ans Tageslicht zu fördern, das schwebt mir für unser Museum eigentlich auch vor. Es gibt da übrigens, so meine eigene Erfahrung aus Gesprächen mit etlichen Feuerwehrleuten, schöne Spannungsfelder zwischen der reflektierten Erzählung und dem tatsächlichen Tun während eines Einsatzes. So etwas würde ich gerne in die Museumsarbeit einbauen.

Auf welche Weise?

Ich habe mich mit Feuerwehrleuten unterhalten, da ging es gar nicht so sehr darum, was sie gesagt haben, sondern wie sie es gesagt haben. Die hatten eine phänomenale Erzählausstrahlung. Es gibt Schilderungen von Einsätzen, zum Teil auch schriftlich festgehalten, die sind schon vom Zeitkolorit her so faszinierend, dass das unbedingt dazugehört - indem man es entweder akustisch einspielt oder aber auch ganz einfach diese Menschen einlädt, damit sie es "live" erzählen. Nichts ist besser als eine faszinierende Erzählung; kein Medium kommt da mit. - Die Geräte, die ich ausstelle, sind alle nur Hilfsmittel. Hinter jedem Gerät steht der Mensch - vielleicht auch davor, als derjenige, der sich das Gerät ausgedacht und über die Jahrzehnte, Jahrhunderte immer weiter verbessert hat. Wahrscheinlich müsste ich vor jedes Gerät einen Menschen stellen, der die Geschichte des Gerätes erzählt. Da das natürlich nicht praktikabel ist, muss ich mich leider mitunter bescheiden und auf einzelne Vortragsveranstaltungen, auf Einspielungen oder auch auf die schon erwähnten "Perspektivrundgänge" zurückgreifen.

Im Anschluss an den 11. September ist ja speziell in der amerikanischen Öffentlichkeit ein ganz bestimmtes Bild von Feuerwehrleuten entstanden; vielleicht hat sich dieses Bild auch nur verfestigt. Es ist das Bild des "Helden", der im Dienst einer guten Sache umkommt. Vielleicht wird er auch, zynisch gesagt, sogar erst dadurch zum Helden, dass er umkommt. Wie sehen Sie das aus der Distanz, aus europäischer Sicht? Ist dieser Blick auf die Feuerwehrleute des 11. Septembers etwas, was man in einem deutschen Museum aufgreifen kann, möglicherweise sogar aufgreifen sollte, um das Publikum dort abzuholen, wo es mit seinen Fernseherfahrungen und Sehgewohnheiten steht? In der Lüdenscheider Feuerwehrausstellung aus dem Jahr 2003, für die Sie ja viele Exponate bereitgestellt haben, wurde das Bild des Helden durchaus thematisiert, in einem eigenen Raum zum Thema "Modern Heroes".

Ich persönlich habe, offen gesagt, zum Heldentum ein gebrochenes Verhältnis. Ich würde die Besucher deshalb auch nicht von dem amerikanischen Idol abholen. Zum einen ist das letztlich doch eine ganz fremde Welt, und außerdem ist der 11. September sicherlich ein Sonderfall. - Wenn man den Heldenbegriff - unabhängig vom World Trade Center, aber beispielsweise orientiert an einschlägigen Kinofilmen - trotzdem aufgreifen würde, müsste man natürlich viele zusätzliche Fragen stellen, ob es nämlich zum Beispiel Heldentum ist, wenn man ohne Atemschutz oder ohne klare Anweisung in Gebäude geht. Ein Feuerwehrmann braucht einen kühlen Kopf und muss Lagen einschätzen können. Und er muss in erster Linie darauf achten, dass er dort, wo er hineingeht, auch wieder herauskommt. Ein toter Feuerwehrmann ist kein guter Feuerwehrmann; der hilft niemandem. Irgendwo kopflos reinzurennen - das sind Dinge, die wir weder schulen noch als sinnvoll erachten; deshalb müsste das dann auch thematisiert werden.

Und wie wäre es, "gebrochene Helden" zu zeigen?

Das wäre sicher noch schwieriger; denn dazu findet man kaum präsentationsfähiges Material. Zwar haben natürlich auch Feuerwehrleute, ähnlich wie Kriegsveteranen, nach schlimmen Einsätzen ihre Traumata, doch werden die selten dokumentiert, sondern in der Öffentlichkeit - in der von den Medien hergestellten Öffentlichkeit - eher beiseite gewischt.

Visionen

Angenommen, Sie hätten unbegrenzte Mengen an Geld und auch sonst völlig freie Hand: Wie sähe dann Ihr Traum-Feuerwehrmuseum aus?

"Rote Riesen" Grundsätzlich gilt: Nur wer keine Ideen hat, braucht Geld, damit er welche kaufen kann. Ideen sind nicht automatisch eine Sache des Geldes (auch wenn man sie nicht völlig davon abkoppeln kann). - Vor diesem Hintergrund sage ich: Das, was ich eben schon skizziert habe, ein großes Gelände, Perspektivrundgänge, entdeckendes Lernen und all das, wäre natürlich schon mein Traum, auch ohne Geld. - Darüber hinaus würde ich mir ein etwas größeres Kollegium wünschen, das sich an der Planung und Entwicklung dieses Museums beteiligt; da bin ich im Augenblick so ein bisschen Einzelkämpfer. - Und wenn ich viel Platz hätte, würde ich auch gerne noch das anbieten, was ich eine "Ruhezone für Feuerwehrautos" nenne. Dahinter steckt die Idee, dass Feuerwehren, die nicht wissen, wo sie ihre alten Fahrzeuge unterstellen können, diese dann bei uns mit auf den Platz stellen. Die würden dann halt nur so dastehen, wären von den Besitzern selbst zu pflegen, zu warten und könnten dort auch bewegt und gelegentlich ausgefahren werden. Der Vorteil für uns: Die Besucher hätten die einmalige Möglichkeit, noch viel mehr zu sehen, als wir ihnen mit unserem eigenen Museum bieten können. Die Kollegen aus Attendorn haben mir zum Beispiel gesagt, dass sie da durchaus mitmachen würden; denn die haben ja auch noch ein paar Fahrzeuge in irgendwelchen Scheunen stehen. - Ein weiterer Wunsch, eine weitere Vision, wenn Sie so wollen, wäre es, die Aktionsflächen weiter auszubauen, vor allem für Kinder. Im Industriemuseum "Zeche Hannover" in Bochum gibt es da etwas sehr Schönes, die "Zeche Knirps". So etwas könnte ich mir auch gut für unser Museum vorstellen. Man kann sicherlich jede Menge Spielplätze entwickeln, die viele Elemente der Feuerwehr enthalten und anbieten.

Haben Sie angesichts der derzeitigen Lage die ernsthafte Hoffnung, diese Ideen und Visionen irgendwann einmal umsetzen zu können?

Man soll die Hoffnung bekanntlich nie ganz aufgeben. Mir würde eine Lösung mittlerer Größe - also beispielsweise ohne die eben angesprochene "Ruhezone" - auch schon genügen, da es an Ideen nun wirklich nicht mangelt.

Was wäre für Sie ein Grund aufzuhören?

Da muss ich nicht lange suchen. Wenn sich das Projekt hier am Ort nicht umsetzen lässt, dann ist die Sache für mich erledigt; dann mache ich etwas anderes.

Schmerzt das?

Sicher tut so etwas weh; es war ein Stück Lebensweg und hätte vielleicht ein Stück Lebenswerk werden können; aber wenn die Voraussetzungen nicht stimmen, muss man den Realitäten halt ins Auge sehen. - Leid tut es mir natürlich vor allem für die Kollegen hier im Museumsverein. Die haben zum Teil mit viel Herzblut den Fahrzeugpark restauriert und bei Veranstaltungen oder im Museumsdienst Überstunden geschoben. Da gibt es jetzt naturgemäß viel Verbitterung und auch den Wunsch, das der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen, was man in diesem Land zu erwarten hat, wenn man sich öffentlich und ehrenamtlich engagiert. Am öffentlichkeitswirksamsten - aber das ist jetzt natürlich reine Männerphantasie - wäre sicherlich das Szenario, dass wir, sobald der Tod des Museums beschlossen ist, alle in unsere Autos, in die "roten Riesen", steigen, auf die A40 oder B1 fahren, die Wagen da an den Straßenrand stellen, den Schlüssel abziehen, in die Ruhr schmeißen und sagen: "So, das war's!"

Das Interview wurde am 18.11.2004 geführt. Die Fragen stellte Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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