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Interview

Verena Solbach   Verena Solbach,
Jahrgang 1980,
Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn,
Unterbrandmeisterin in der Löschgruppe Neu-Listernohl.


Es ist schwierig, Frauen anzuwerben

Unterbrandmeisterin Verena Solbach über weibliche Feuerwehrleute

Allein unter Männern

Frau Solbach, wie viele Frauen gibt es in Ihrer Löschgruppe?

Ich bin die einzige Frau.

Und das macht Ihnen nichts aus?

Nee, das macht mir gar nichts aus.

Und in der gesamten Freiwilligen Feuerwehr in Attendorn?

Im Musikzug Da bin ich auch die einzige - in der aktiven Wehr. In den Spielzügen, die Musik machen, in den Musikzügen, da sind mehrere Frauen, aber von denen, die aktiv dabei sind, da bin ich die einzige.

Wie erklären Sie sich den geringen Frauenanteil?

Das weiß ich nicht; keine Ahnung. Vielleicht trauen sich zu wenige oder haben Angst vor Feuer. Bei mir war's von Anfang an so: Ich hab vorher in Niederfischbach, Kreis Altenkirchen, gewohnt; da war ich auch in der Feuerwehr, auch die erste Frau. Mein Wohnhaus, mein Geburtshaus, ist direkt neben dem Gerätehaus gewesen, und mein Vater war in der Feuerwehr und meine Onkels, mein Cousin. Irgendwie hat's mich immer da hingezogen.

Ist das generell so, dass nur wenige Frauen in der Feuerwehr sind?

Ja, noch ist es so. Aber ich denke mal, das wird sich noch ändern.

Sie haben also offensichtlich bisher nicht den Weg für weitere Frauen geebnet...

Das kann ich nicht sagen. Es ist auch schwierig, irgendwelche anzuwerben, zu sagen: "Komm doch mal mit!" - Ich weiß nicht, warum die kein Interesse daran haben, warum die sich das nicht vorstellen können.

Liegt es daran, dass man Frauen nachsagt, sie reagierten emotionaler, während Männer angeblich psychische Belastungen besser verkraften?

Ich weiß nicht. Vor kurzem war ein tödlicher Unfall, das war bei mir das erste Mal, wo ich mit einer Leiche konfrontiert wurde. Es war halt so, ja, mein Gott, der Mann ist gestorben, und ich hab damit jetzt kein Problem gehabt. Vielleicht haben das andere Frauen, dass sie das nicht mögen und sagen: "Igitt, 'ne Leiche, nee"... - Vielleicht haben sie Angst, so einer Situation zu begegnen, mag sein, aber von mir kann ich sagen, es war nicht so, dass ich jetzt Angst davor gehabt hätte.

Vorbehalte

Haben Sie nicht das Gefühl, in eine geschlossene Männergesellschaft eingedrungen zu sein - sozusagen als ein Fremdkörper?

Nein, es ist normale Kameradschaft, da fällt auch kein dummes Wort wie: "Wir haben jetzt 'ne Frau, du bist jetzt in der Küche!" Das ist mir noch nie vorgekommen.

Ein Männerclub? Die Männer sind ja nun bisher doch unter sich gewesen. Ist es da wirklich so problemlos, dass da bei der Feuerwehr einfach so eine Frau reinkommt und die Männer sagen: "Ja, prima, so muss das sein"? Gibt es da keine Vorbehalte? Sagt da keiner: "Was will die hier?"

Zu mir haben sie es noch nicht gesagt. Nun gut, mein Freund ist ja nun auch dabei, und da haben sie schon gesagt: "Hm, meinst du wirklich?" Aber, mein Gott, die haben dann gemeint: "Ja, okay, probieren wir's." - Auch die von außerhalb haben erst gefragt: "Ja, wo zieht die sich denn um?" - "Ja, mit bei uns." - Da haben die dann auch erst mal komisch geguckt, aber es ist dann akzeptiert worden.

Beim Militär ist bei der Aufnahme von Soldatinnen ja auch oft diskutiert worden: Geht das überhaupt; wir haben ja gar keine zusätzlichen Toiletten eingebaut. War das hier auch so?

Eine Damentoilette gibt's schon; aber wegen der Umkleidemöglichkeiten haben sie zuerst gesagt: "Da müssen wir ja irgendwas Spezielles machen." Ich hab gesagt: "Das macht mir nichts aus. Wenn euch das nicht stört; ich zieh mich auch da um, wo ihr euch umzieht; mir macht das nichts."

Und versteckte Anzüglichkeiten - nach dem Motto: Jetzt mach du mal diese Aufgaben! - die gab es nicht?

Nee, da setz ich mich aber auch durch. Ich sag: "Ich bin zwar eine Frau, ihr braucht aber keine Rücksicht zu nehmen. Ich kann genauso gut anpacken." - Also, ich stell mich da auch selber nicht zurück; ich sag: "Ich mach das." - Gut, wenn mal irgendwo Sachen zu schwer sind, klar, dann sag ich: "Hier, packt mal grade mit an!" Oder: "Mach du das mal lieber, ist ein bisschen schwer für mich!" Aber sonst...

Männer lieben Autos ja über alles, und so ist es kein Wunder, dass die Fahrzeuge der Feuerwehr immer blitzblank sind und manchmal auch mit einem gewissen Stolz präsentiert werden. Teilen Sie diesen Stolz?

Ich denk schon, dass das bei Männern eher ist als bei Frauen. Ich weiß nicht, ich habe mich jetzt noch nicht so mit dem Auto befasst, das stimmt schon. Schwer zu sagen.

Also bauen Männer vielleicht eher eine erotische Beziehung zum Auto auf als Frauen?

Ja, das glaube ich allerdings!

Können Sie sich vorstellen, dass es Löschzüge bzw. -gruppen gibt, die von einer Frau - bzw. von Frauen - geleitet werden?

Ich denke schon. Ich denke mal, einen Nachteil wird's da nicht geben. Warum sollte es eine Frau nicht genauso gut oder sogar besser können als ein Mann?

Da wir gerade beim Phantasieren sind: Könnten Sie sich auch vorstellen, Ihren freiwilligen Dienst zum Hauptberuf zu machen?

Wenn es hier in der Nähe eine berufliche Wache gäbe, könnte ich mir das schon vorstellen, dass man das dann - wenn mal irgendwie Kinder da sind - mit ihnen verbinden kann. Aber bei weiten Fahrtstrecken bis irgendwohin in die Großstadt ist das schon schwieriger.

Belastungen

Wie verträgt sich Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Feuerwehr mit Ihrem Hauptberuf? Gibt es da Konflikte?

Meine Chefs wissen, dass ich in der Feuerwehr bin, und bis jetzt hatte ich noch keinen Einsatz während der Arbeitszeit; deswegen wär's das erste Mal, wenn's denn so weit wäre. Aber bis jetzt hat da keiner irgendwas Negatives gesagt, etwa: "Nee, jetzt darfst du nicht weg." Das ist nicht vorgekommen.

Was sind Sie von Beruf?

Ich bin Elektrikerin.

Wäre es denn da überhaupt möglich, vom Arbeitsplatz aus einfach loszurennen? Was würden die Kunden sagen?

Ja gut, es ist dann abzuwägen, was jetzt wichtiger ist. Wenn es heißt: eine Ölspur, und ich bin gerade beim Kunden und muss dem irgendwas installieren, wieder instandsetzen oder so, dann ist natürlich klar, da geht der Kunde vor. Wenn es aber heißt: Menschenrettung oder Menschen in Gefahr oder größere Sachen, dann hat das schon Vorrang.

Frau im Dienst Wie erfahren Sie denn, welche Art von Einsatz es sein wird?

Im Moment hab ich noch keinen Alarmpiepser; ansonsten wird das über den durchgesagt, was das für eine Einsatzart ist. Sonst halt nur über die Sirene. Außerdem gibt's auch das Handy, so dass man mal eben anrufen und fragen kann: Was ist? Ist es was Schlimmes oder kann ich bleiben?

Ist es Ihnen nicht lästig, ständig mit Alarm rechnen zu müssen, ständig auf Abruf zu leben?

Nein, gar nicht, das macht mir nichts aus. Klar, nachts nervt es schon mal, wenn's denn Sirenenalarm gibt: Ha, das blöde Ding schon wieder! Aber das hat man schnell vergessen; das geht schon.

Bei einem Einsatz wissen Sie ja zuerst nie, was Sie erwartet - Tote, Schwerverletzte. Prinzipiell kann ein Alarm ja durchaus zum Horrortrip werden. Wie gehen Sie damit um?

Das ist meistens eine Sache der Erfahrung, wie das über Funk gesagt wird. Wie jetzt bei dem letzten Einsatz, wo halt jemand tot war, da hieß es schon: "Unterstützung für den Rettungsdienst". Meistens heißt es dann schon: "Da ist irgendwo eine Leiche zu bergen" oder so etwas. Bei anderen Sachen wie zum Beispiel einem Kaminbrand, da ist es eher selten, dass eine Person verletzt ist. - Bei einem Autounfall, klar, da kann es sein, dass wir jemanden rausschneiden müssen, der schlimme Gesichtsverletzungen hat. Klar, da macht man sich schon ein bisschen Gedanken während der Fahrt darüber, aber das ist dann halt schnell vergessen, wenn man erst aussteigt und dann sieht: "Das musst du jetzt machen!" - Dann hat man halt die Sachen im Kopf, wie man es jetzt am taktischsten löst, was man als Nächstes aufbaut oder was man sich aus dem Auto nehmen muss. Das ist dann eher im Vordergrund.

Helden

Die Feuerwehrleute, die am 11. September 2001 im und am World Trade Center Dienst getan haben, wurden in der amerikanischen Öffentlichkeit als Helden gefeiert. Können Sie das nachvollziehen?

Ja, das kann ich nachvollziehen, weil: Wenn Leute für andere Leute - um andere Menschenleben zu retten - ihr Leben lassen, dann finde ich das schon okay.

Waren (bzw. sind) diese Feuerwehrleute auch in Ihren Augen Helden?

Ja, das würde ich sagen.

Sehen Sie sich als Heldin?

Nee. Nee, das nicht.

Wären Sie gerne eine?

Nein. Ich finde, das ist so okay, wie es ist. Die Leute wissen: Es gibt die Feuerwehr; die macht das. Aber da jetzt irgendwelche Leute hervorzuheben, das muss nicht sein.

Können Sie sich ein Leben ohne Ihren Dienst bei der Feuerwehr vorstellen?

Ja, ich denke, irgendwann wird es so weit kommen, wenn mal Familie da ist. Ganz austreten werde ich nicht. Aber ich werde dann eher passiv dabei sein und ab und zu mal vorbeischaun, weil: Ich denk mal, wenn Kinder im Spiel sind, dann geht das vor.

Das Interview wurde am 1.3.2004 geführt. Die Fragen stellten Kerstin Rüenauver, Jonas Warns und Ann-Kristin Blöcher.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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