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Interview

Markus Sondermann   Markus Sondermann,
Jahrgang 1974,
hauptamtlicher Mitarbeiter
der Feuer- und Rettungswache Gummersbach,
Brandmeister,
zugleich Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Attendorn,
Löschgruppe Neu-Listernohl.


Man muss sich auf den anderen verlassen können

Brandmeister Markus Sondermann über Kameraden und Kameradschaft

Lösch-Ästhetik

Sie haben die Feuer-Wehr zu Ihrem Beruf gemacht. Welches Verhältnis haben Sie zu "Feuer"? Bedeutet es Ihnen überhaupt etwas? Finden Sie es faszinierend? Oder ist es eher etwas, was Sie abschreckt?

"Abschrecken" will ich nicht sagen. Ich denke mal eher, man hat es kennen gelernt, man weiß, wie es funktioniert, was man braucht, damit es überhaupt entsteht, damit es brennt. Man weiß zum großen Teil, wie es reagiert, auch: wie man es löscht, und deswegen schreckt es einen nicht mehr ab. Man muss aber natürlich dementsprechend auch den nötigen Respekt vor dem Feuer haben, um nicht Gefahr zu laufen, dass einem etwas passiert, wenn es irgendwo brennt.

Ein Schadenfeuer Wie sehen Sie und Ihre Kameraden während eines Einsatzes einen Brand: Ist er lediglich ein chemischer Prozess - oder sehen Sie darin auch irgendein widerspenstiges Wesen, womöglich einen persönlichen Feind?

Einen Feind eigentlich nicht. Es ist ein chemischer Prozess. Natürlich ist es wie ein "Feind", den man bekämpfen muss, klar, keine Frage, aber nicht in Gestalt irgendwelcher "Wesen", die in dem Feuer drin wären. Da sieht man nicht irgendwelche Gestalten drin, nein.

Gibt es denn "schöne" Brände?

Ja, natürlich, ein Osterfeuer ist zum Beispiel ein schöner Brand... - Nein, Spaß beiseite, schöne Brände gibt es eigentlich nicht. Wir rücken ja nur aus, um ein Feuer zu löschen, wenn es nicht brennen soll, und dann ist es eigentlich nie schön.

Schaut man sich ein bisschen im "Feuerwehr-Milieu" um, dann stellt man schnell fest, dass sich dort offenbar eine eigene Ästhetik entwickelt hat: Es gibt Bildbände mit Aufnahmen der schönsten Löschfahrzeuge; im Internet präsentiert sich so manche Homepage mit beeindruckenden Einsatzfotos; es gibt sogar durchgestylte "Feuerwehr-Kalender" mit Mensch und Gerät vor effektvoller Kulisse. Wie erklären Sie sich diesen "Hang zum Schönen"?

Richtig ist: Man guckt sich mit Sicherheit solche Bücher an, man kriegt diese Bücher geschenkt, man kauft sich auch teilweise Bücher mit den schönsten - oder den neuesten - Feuerwehrautos. Das ist aber, denke ich mal, vorwiegend Interesse für die Technik, für das besondere Gerät, das irgendeine Feuerwehr gekauft oder erhalten hat. Vielleicht ist auch manchmal ein bisschen Neid dabei, dass andere etwas haben, was ganz modern ist, was man selber am Standort nicht hat. Ob dahinter allerdings ein "Hang zum Schönen" steht, weiß ich nicht. Auch ein Feuerwehrkalender an der Wand spricht nicht automatisch dafür.

Motive

Was reizt Sie am Beruf des Feuerwehrmanns?

Dass man, wenn man morgens um sieben zum Dienst kommt, nicht weiß, was um fünf nach sieben sein wird. Es gibt jeden Tag etwas Neues, es gibt jeden Tag etwas anderes; man weiß nicht, was auf einen zukommt, und das reizt mich. Es ist nicht das Monotone in der Art, dass man, wenn man freitags nach Hause geht, genau weiß, welche Sachen man in der nächsten Woche abarbeiten muss im Büro oder irgendwo in der Firma, sondern dass jeder Tag anders ist. Jeder Tag ist neu; und es ist dieses Ungewisse, was vielleicht kommt; das ist das Reizvolle. Man kann eine halbe Stunde später schon wieder etwas ganz anderes machen als vorher.

Welche Rolle spielten bei Ihren Motiven, zur Feuerwehr zu gehen, die Kameradschaft und der Wunsch, anderen zu helfen?

Das kam mit Sicherheit dazu. Kameradschaft auf jeden Fall. Man hat doch einen ganz guten Kontakt zu den Kollegen, den ich eigentlich in der Zeit, wo ich in der Industrie gearbeitet habe, nicht so hatte; man hat da jetzt doch einen engeren Kontakt. - Der Wunsch, anderen zu helfen, spielt natürlich auch eine Rolle, klar, obwohl das bei mir, ehrlich gesagt, nicht das vorrangige Motiv war.

Gehörte Abenteuerlust zu Ihren Motiven?

Ein bisschen; es kommt darauf an, wie man es sieht: Dass man, wie ich eben schon sagte, nicht weiß, was auf einen zukommt, was der Tag so bringen wird, hat sicherlich etwas mit Abenteuerlust zu tun. Aber im Grunde genommen ist "Feuerwehrmann" ein Beruf wie jeder andere auch; ich glaube nicht, dass dieser Beruf ein besonderes Abenteuer ist.

Ist Feuerwehrmann Ihr Traumberuf?

Ich würde sagen: ja. Man hat als Kind immer so Traumberufe, die man mal ergreifen will, sei es Feuerwehrmann, sei es Baggerfahrer oder Polizist. Ich denke, das hat jedes Kind mal. Und da zählte bei mir der Feuerwehrmann dazu. Und ich hatte auch wirklich schon, als ich nach dem zehnten Schuljahr aus der Realschule kam, den Wunsch, Feuerwehrmann zu werden, und habe auch immer versucht, darauf hinzuarbeiten. Es hat letztendlich geklappt, und ich habe es nicht bereut. Ich denke auch, es wird mein Traumberuf bleiben.

Kameradschaft

Was ist "Kameradschaft" für Sie?

Tja..., eine schwierige Frage. - Kameradschaft muss sein, auch in der Freiwilligen Feuerwehr, gar keine Frage. Man muss sich ab und zu mal treffen, um in Ruhe ein Bier zusammen zu trinken oder eine Cola, oder auch mal ein Schwätzchen halten; das zähle ich eigentlich so unter "Kameradschaft". Man muss sich halt auf den anderen verlassen können und mit dem zusammenarbeiten können; denn man gerät mit den Kollegen oft genug in Schwierigkeiten, die man alleine nicht lösen kann, wo man auf den anderen zählen können muss, und ich denke mal, in dem Bereich ist Kameradschaft sehr wichtig, dass man weiß, dass man sich auf den anderen verlassen kann und dass man den anderen auch mal bei einem Gespräch oder, wie gesagt, bei einem Bier kennen lernt und die ganze Zusammenarbeit nicht nur auf den Feuerwehrdienst beschränkt, gerade in der Freiwilligen Feuerwehr.

Kameradschaft Wo ist der Unterschied zur Freundschaft?

Teilweise - aber nur teilweise - ist es fast dasselbe. Man hat zu vielen Kollegen ein freundschaftliches Verhältnis; es sind auch viele "private" Freunde in der Feuerwehr. Aber ich denke, zur "Freundschaft" gehört, dass man mit Freunden über alles Mögliche reden kann, worüber man mit einem "reinen" Kameraden nicht redet, über Probleme zum Beispiel, die man dem Kameraden gegenüber außen vor lässt. Man unterhält sich zwar auch mit ihm; wie gesagt: Man muss sich auf den anderen verlassen können; aber Kameradschaft ist letztlich noch keine Freundschaft. Da fehlt sozusagen noch ein bisschen.

Und was ist unabdingbar für eine funktionierende "Kameradschaft"? Was würden Sie für einen Kameraden tun, bei einem Einsatz zum Beispiel?

Also, bei einem Einsatz ist es mit Sicherheit so, dass ich alles daransetzen würde, dass mein Kamerad oder mein Arbeitskollege nicht zu Schaden kommt, dass ich ihn nicht irgendwo reinlaufen lasse, wo ich genau weiß, da gibt es Probleme, - oder ihm helfe im Problemfall, jedenfalls so weit, wie es in meinen Möglichkeiten steht, auch wenn ich selbst etwas dabei riskiere. Ich würde mit Sicherheit mehr dabei riskieren, einen Kameraden zu retten, als einen "normalen" zu Rettenden. Weil es ein Kamerad ist, den man gut kennt. Ich denke, dass man da einfach mehr investieren würde oder sich mehr Gefahren aussetzen würde, um denjenigen zu retten, als bei einer Person, die man nicht kennt. Das ist, glaube ich, ganz natürlich.

Sie würden einen "normalen" zu Rettenden also sozusagen zu hundert Prozent retten und einen Kameraden zu hundertfünfzig Prozent?

Ja, genau. Das ist eine gute Abstufung. Ich würde nicht sagen, dass man einen zu Rettenden zu siebzig bis achtzig Prozent rettet und den Kameraden zu hundert Prozent. Natürlich rettet man das Opfer auch zu hundert Prozent, aber bei einem Kameraden gibt man dann doch schon mehr.

Sie sind ja nicht nur in der Berufsfeuerwehr, sondern auch in der Freiwilligen Feuerwehr. Würden Sie sagen, dass Sie in einer von beiden Gruppen deutlich mehr Freunde als Kameraden haben, oder ist das bei beiden Gruppen gleich?

Meine Freunde habe ich eigentlich in der Freiwilligen Feuerwehr. Und die anderen - die in der Berufsfeuerwehr - das sind Arbeitskollegen, Kameraden, Personen halt, mit denen man eher auf dienstlicher Ebene Kontakt hat. Das schließt allerdings nicht aus, dass man nicht auch mal mit den "Beruflichen" privat etwas unternimmt, vielleicht sogar mehr als in anderen Berufen.

"Berufliche" und "Freiwillige"

Bleiben wir einen Augenblick bei der Unterscheidung "Berufliche" und "Freiwillige". Mit wem arbeiten Sie als Berufsfeuerwehrmann besser zusammen: mit den anderen "Beruflichen" oder mit der Freiwilligen Feuerwehr? Gibt es da Unterschiede?

Lagebesprechung Nein, eigentlich nicht. Dadurch, dass in Gummersbach eine relativ kleine Berufsfeuerwehr ist und nur wenige hauptamtliche Kräfte arbeiten, ist es so, dass wir oft mit der Freiwilligen Feuerwehr zusammenarbeiten. Da gibt es eigentlich keine Probleme. Die brauchen uns; wir brauchen sie. Wir müssen zusammenarbeiten; ohne gegenseitige Hilfe funktioniert es nicht; und deshalb klappt es in der Regel ganz gut. Natürlich gibt es schon mal hier und da Reibereien; aber im Großen und Ganzen funktioniert die Zusammenarbeit, das muss man einfach sagen, hervorragend.

Worin liegen denn die Reibereien - oder ist das zu intim gefragt?

Nein. Meistens liegen die in höheren Bereichen, im Kompetenzgerangel der Freiwilligen und der Beruflichen auf Vorgesetztenebene, dass die mitunter klären müssen: Wer hat jetzt wo das Sagen? In den Mannschaftsdienstgraden gibt es weniger Probleme, bei Einsätzen erst recht weniger als in alltäglichen Situationen. Aber insgesamt sind auch diese so genannten Reibereien nichts Dramatisches.

Sie sind ja interessanterweise beides: Berufsfeuerwehrmann und "Freiwilliger", das eine in Gummersbach, Ihrem Arbeitsort, das andere in Attendorn, Ihrem Wohnort. Das ist, finde ich, höchst ungewöhnlich. Normalerweise macht man in seiner Freizeit das, was mit dem Beruf gar nicht so viel zu tun hat - man sammelt Briefmarken oder baut Schiffsmodelle -, jedenfalls geht man aber nicht auch wieder zur Feuerwehr. Warum ist das bei Ihnen anders?

Ich war schon in der Freiwilligen Feuerwehr, bevor ich Berufsfeuerwehrmann wurde; das heißt, ich war bei den "Freiwilligen" einfach schon drin, da kann man sich nicht einfach so loslösen. Wenn man zehn Jahre Fußball spielt und dann plötzlich verletzungsbedingt aufhören müsste, dann würde einem das sicherlich auch schwer fallen. So war es hier auch. - Hinzu kommt: Es macht halt Spaß; und dadurch, dass ich viele Freunde und Bekannte in dem Bereich "Freiwillige Feuerwehr" habe, wollte ich da auch nicht raus. - Natürlich kommt es schon mal vor, dass man nach einem 24-Stunden-Dienst nach Hause kommt und denkt: Heute lass ich die Freiwillige Feuerwehr mal freiwillig sein und bleibe zu Hause oder mach irgendwas anderes; aber im Allgemeinen macht es trotz der Anforderungen im Beruf auch in der Freizeit noch Spaß, das muss man so sagen. Ich geh da immer noch gerne hin.

Frauen im Dienst

Eine heikle Frage, und ich springe dabei ganz furchtbar im Thema: Frauen und Feuerwehr - passt das zusammen?

Löschübung Ja; ich finde schon. Ich hab damit kein Problem. Ich denke, Probleme haben damit ältere Kollegen, die in der Feuerwehr so diese letzte Domäne sehen, wo sie ohne Frauen sind, wo sie unter sich sind. Ich habe den Eindruck, das ist weniger ein Problem der Jüngeren. Ich habe auch keine schlechten Erfahrungen mit weiblichen Feuerwehrleuten gemacht.

Gibt es in Gummersbach Feuerwehrfrauen?

In der Freiwilligen Feuerwehr ja; bei der Berufsfeuerwehr nicht. Es gibt sie zwar grundsätzlich, aber halt nicht an unserem Standort.

Was können denn zum Beispiel die, wie Sie sagen, älteren Feuerwehrleute ernsthaft gegen die Frauen anführen? Man braucht ja letztlich Argumente dagegen. Man kann ja nicht einfach sagen: Wir wollen hier unseren Männerclub haben. Zumindest empfiehlt es sich nicht, dies öffentlich auszusprechen...

Es ist ein schlechtes Argument, das stimmt. Tja, die Argumente, die man so hört, ziehen meiner Ansicht nach nicht. Gerade in der Freiwilligen Feuerwehr hört man: Die Feuerwehr ist eine Männerdomäne; kann ich denn da eine Frau überhaupt so einsetzen wie einen Mann? Die sind ja doch nicht so stark. Was ist, wenn mal etwas Schwereres zu erledigen ist, da kann ich doch dann die Frau nicht gebrauchen, da muss ich dann doch einen Mann hinstellen... - Das sind, denke ich mal, so die Argumente, aber die ziehen einfach nicht, das ist klar. - Natürlich muss ich bei einer Frau, gerade wenn sie es beruflich macht, berücksichtigen: Wie weit kann ich sie einsetzen, wenn sie zum Beispiel schwanger ist? Wie lange kann ich sie dann überhaupt noch einsetzen? Das sind natürlich Fragen, die dann aufkommen, die geklärt werden müssen; aber ich finde, das kann kein Argument sein, überhaupt keine Frau einzustellen.

Belastungen

Als Feuerwehrmann leben Sie ja sozusagen ein Leben auf Abruf. Belastet Sie das nicht?

Nein, eigentlich nicht. Wenn ich es aus beruflicher Sicht sehe, dann habe ich da meinen Dienst und habe danach frei, genauso wie jeder andere, der arbeiten geht, auch. Natürlich könnte mal das Telefon klingeln und einer sagt: Wir haben hier einen riesengroßen Einsatz, du musst bitte kommen. Das kann ich dann allerdings auch nur, wenn ich nicht zum Beispiel gerade ein kleines Kind zu Hause habe, auf das ich aufpassen muss, weil die Frau gerade arbeiten geht oder so. Aber ich denke, das ist in anderen Berufen auch so, dass, wenn es irgendwo Probleme in der Firma gibt, schon mal angerufen und gesagt wird: Du musst kommen. - In der Freiwilligen Feuerwehr ist es natürlich so, dass es insofern ein Leben auf Abruf ist, als man einen Piepser hat - oder es gehen die Sirenen. Wenn das der Fall ist, dann muss man los. Nur darf man sich das nicht so vorstellen, dass man deshalb womöglich das Stadtgebiet nicht mehr verlassen darf, dass man nicht mehr rausfährt. Man lebt ein ganz normales Leben, und man kann bei der Freiwilligen Feuerwehr halt nur zum Einsatz kommen, wenn man tatsächlich die Möglichkeit dazu hat. Wenn man nach Köln zum Einkaufen fährt, kann niemand verlangen, dass man zugleich in Attendorn in den Einsatz geht.

Wenn ein Alarm kommt - egal ob beruflich oder in der Freiwilligen Feuerwehr -, wissen Sie ja zunächst noch nicht, wohin Sie jetzt gerufen werden. Unter Umständen ist das, was Sie am Einsatzort zu sehen bekommen, schrecklich. Wie gehen Sie damit um?

Im Einsatz Bis jetzt habe ich keine Probleme damit. Man kommt irgendwohin; man sieht vielleicht etwas, das schrecklicher ist, als man es sich vorher vorgestellt hat; doch in dem Moment läuft, finde ich, ein Film in einem ab: Was hab ich gelernt? Was muss ich machen? Ich verrichte die Arbeit. Da ist der Verletzte, der zu versorgen ist. - Probleme gibt es manchmal im Nachhinein, wenn man zur Ruhe kommt, wenn ein Einsatz abgearbeitet ist, wenn man anschließend da sitzt und einen Kaffee trinkt oder abends ins Bett geht und sich noch mal Gedanken über den Einsatz macht; dann kommen die meisten Fragen. Bisher hatte ich damit allerdings nicht so große Probleme, darüber bin ich auch ganz froh. Es gibt allerdings Kollegen, denen das offenbar mehr zu schaffen macht.

Auch wenn Sie sagen, dass die Einsätze Sie - zur Zeit noch - nicht so stark belasten: Hatten Sie bereits Einsätze, die Sie nicht so schnell vergessen werden?

Ja. Zu nennen ist da natürlich der Kanutenunfall 1998, der Einsatz am Ihne-Schuss, wo ein Kamerad und auch ein guter Freund von mir ums Leben gekommen ist. So etwas wird man sicherlich nicht vergessen. Ansonsten gibt es natürlich auch viele andere Einsätze, schwere Unfälle, die man mit Sicherheit nicht vergessen wird, die einen aber nicht persönlich so sehr belasten.

Wie haben Sie den Einsatztod Ihres Kameraden bzw. Freundes eigentlich aufgearbeitet? Wurde er überhaupt aufgearbeitet - oder eher tabuisiert?

Das war damals sehr schwierig. Was uns sehr geholfen hat, das war das Gespräch mit der Kripo. Da ich mit ein paar Kollegen ja direkt vor Ort gewesen war, mussten wir am nächsten Tag zur Zeugenaussage zur Kripo, und da musste wirklich haarklein alles erzählt werden. Da habe ich gemerkt, dass es einem wirklich etwas bringt, wenn man über die Sache redet, vor allen Dingen mit jemandem, der außenstehend ist, der nicht dazugehört, der auch haarklein nachfragt, so dass man zwangsläufig alles aufarbeitet und alles detailliert erzählt. Das hat sehr geholfen. Hinzu kamen die Notfallseelsorger, ein Angebot, das ja in den letzten Jahren erst im Aufbau ist und das ich persönlich sehr gut finde, weil man da mal jemanden hat, der Abstand hat, mit dem man nicht so engen Kontakt hat wie mit Familienangehörigen und mit dem man über so etwas reden kann. Wo man einfach frei weg erzählen kann, was da passiert ist, um sich frei zu reden. Das hilft. Man darf es nicht totschweigen; man muss darüber reden, auch mit den Kameraden. Ich denke, es ist ein Fehler, wenn man nicht darüber spricht und das Thema einfach verschweigt, verdrängt.

Macht man sich nach einem solchen Unfall auch Vorwürfe? Oder schlimmer noch: Macht man vielleicht auch anderen Vorwürfe? Dass man etwa sagt, wenn dies oder jenes anders gehandhabt worden wäre, dann wäre das und das gar nicht erst passiert?

Natürlich macht man sich Gedanken: Was ist passiert? Wie ist es dazu gekommen? Hätte man es verhindern können? In dem Fall konnte man keinem einen Vorwurf machen. Aber in anderen Fällen kann ich mir das schon vorstellen, dass es da zu Vorwürfen kommt. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn man in einer Situation genau wüsste, da ist jemand Bestimmtes schuld am Tod eines Kameraden. Ich bin sehr froh, dass diese Situation bisher nie eingetreten ist.

Ist die Löschgruppe Neu-Listernohl, in der der tödliche Unfall passiert ist, jetzt eine andere als vorher?

Sie ist mit Sicherheit enger zusammengewachsen, besonders natürlich die Leute, die an dem Tag beim Einsatz dabei waren - oder auch die etwas Älteren, die den toten Kameraden zumindest näher kannten. Aber eine komplette Veränderung der Löschgruppe hat es nicht gegeben. Es ist höchstens so, dass man inzwischen etwas mehr sein Augenmerk darauf richtet, was man macht und ob das, was man da gerade macht, nicht ein bisschen zu gefährlich ist.

Leben und Tod

Wie ist, vielleicht auch gerade nach den Eindrücken während dieses Unfalls, Ihre Beziehung zum Tod? Ist sie, provozierend gefragt, eher geschäftsmäßig - oder ignorieren Sie ihn vielleicht einfach?

Weder noch. Ich denke, nach meinen Erfahrungen am Ihne-Schuss macht man sich mehr Gedanken darüber, welcher Gefahr man sich unter Umständen aussetzt. Man überlegt bewusster: Ist es nicht doch ein bisschen gefährlich? Gehe ich nicht doch lieber einen Schritt zurück? Ich bilde mir ein, seit dem Einsatztod meines Kameraden würde ich mehr darauf achten. Früher wäre ich vielleicht eher einen Schritt weiter - oder zu weit - gegangen. Jetzt führe ich mir eher vor Augen, was passieren kann und wie schnell es passieren kann.

Sie haben vorhin zwischen Ihrer Beziehung zu Kameraden und der zu - in Anführungszeichen - "normalen" zu Rettenden unterschieden. Gilt das auch für den Tod? Arbeitet man den Tod von unbekannten Patienten, Unfallopfern geschäftsmäßiger ab als den von Kameraden? Wie geht man mit diesem "fremden Tod" um?

Im Einsatz Zur Normalität wird auch dieser Tod nicht. Aber es ist sicherlich etwas anderes, wenn es Fremde sind, die man nicht kennt. Vor allem bekommt man das Ganze, das sich im Anschluss an den Tod abspielt, die Benachrichtigung der Angehörigen, deren Unglück und so weiter, nicht mit. Man fährt nach dem Einsatz zurück, auf die Wache, nach Hause; fertig. Man macht sich natürlich Gedanken, aber es belastet einen nicht so sehr wie bei einem Freund oder Bekannten in der Nähe. Eine Ausnahme sind vielleicht kleine Kinder, deren Tod ist immer belastend.

Wenn es tatsächlich zu einer solchen Belastung kommt, wenn Sie - oder Ihre Kollegen - aus einem schlimmen Einsatz kommen und erst mal "nicht mehr können", wird dann, speziell in der Berufsfeuerwehr, darauf Rücksicht genommen, oder müssen Sie sozusagen beim nächsten Einsatz sofort wieder raus?

Rücksicht genommen wird auf jeden Fall. Wenn man merkt, dass es einen Kollegen sehr belastet, dann wird mit Sicherheit so reagiert, dass man sagt: So, du bleibst jetzt mal hier! Oder: Du machst jetzt mal was anderes! Oder man ruft den Seelsorger, den wir auch gut kennen, mit dem wir viel zusammenarbeiten, dass die sich mal zusammensetzen und darüber reden. Das wird auf jeden Fall so gehandhabt. Wenn einer ein Problem haben sollte, bleibt er auf jeden Fall auf der Wache.

Haben Sie die Betreuung durch den Seelsorger auch selbst schon einmal in Anspruch genommen?

Nach dem Tod unseres Kameraden schon. Allerdings nicht so, dass ich nachher noch ein persönliches Gespräch mit dem Geistlichen gesucht hätte, sondern halt in der Gruppe, wo wir alle einen Tag später mit dem Seelsorger in großer Runde über die Sache geredet haben. Ich hätte keine Probleme, es auch für mich persönlich in Anspruch zu nehmen, aber bis jetzt war es Gott sei Dank nicht nötig.

Sie sagten vorhin, dass Sie es für sinnvoll halten, im Anschluss an einen Einsatz auch und gerade mit den Kameraden über besonders belastende Bilder zu sprechen. Wie sieht das in der Praxis aus: Sprechen Sie tatsächlich miteinander, oder frisst doch letztlich jeder seine Eindrücke in sich hinein?

Das ist verschieden. Ich spreche schon mal mit Kollegen darüber, besonders natürlich mit solchen, die mit vor Ort waren, die wissen, was passiert ist. Es gibt aber auch Kollegen, die nicht so darüber reden, die es, wie Sie sagen, in sich hineinfressen.

Einsätze können - auch für Sie - tödlich sein. Denken Sie darüber nach? Wie denkt Ihre Familie darüber?

Ich denke, meine Frau denkt da mehr darüber nach als ich. Ich mach mir natürlich auch Gedanken, aber ich sehe es so: Die Feuerwehr ist ein Beruf wie jeder andere auch; in jedem Beruf kann einem was passieren. Okay, vielleicht ist es in meinem Beruf schon mal ein bisschen gefährlicher, aber ich hoffe halt, dass es nicht gleich mit dem Tod enden muss. Ehrlich gesagt mache ich mir darum nicht so viele Gedanken. Man ist ja nun auch nicht alltäglich in der Situation, dass man sagen muss: Oh, einen Schritt weiter, und es wäre vorbei gewesen!

Helden

In New York sind am 11. September 2001 viele Feuerwehrleute ums Leben gekommen, Berufsfeuerwehrleute wie Sie. Wie haben Sie den Tod Ihrer - im weiteren Sinne - "Kollegen" damals empfunden? Fühlt man sich da verbunden?

Auf jeden Fall; gar keine Frage. Es kommen zwar auf der ganzen Welt immer mal wieder Feuerwehrleute ums Leben; aber wenn es so viele auf einmal sind, bei einer so schrecklichen Sache, dann empfindet man mit denen auf jeden Fall mit. Man vergleicht es mit sich selber, mit der eigenen Wache; wenn dann plötzlich alle nicht mehr da wären, alle außer einem selber, weil man vielleicht gerade in Urlaub gewesen ist oder so, da empfindet man natürlich mit denen und mit ihren überlebenden Kollegen und mit den Familien, gerade in diesem besonderen Fall.

Die New Yorker Feuerwehr wirbt auf ihrer Internet-Homepage inzwischen mit dem Slogan "Heroes Wanted" - "Helden gesucht". Dahinter steckt ja ein gewisser Anspruch an den Beruf des Feuerwehrmanns. Können Sie den nachvollziehen?

Eigentlich nicht. Ich als Feuerwehrmann würde mich jetzt zum Beispiel nicht als Held bezeichnen. Natürlich ist es so, dass man anderen schon mal das Leben rettet, sicher; aber ich selber seh mich dadurch nicht direkt als Held. Ob hinter dem Slogan ein gewisser Anspruch steckt: Ich weiß es nicht. Es gibt sicherlich Leute, die es so sehen. Ich sehe es nicht so.

New York nach dem 11.9. Sind denn die Feuerwehrleute des 11. Septembers überhaupt Helden?

Tja... hm. - In gewisser Weise schon. Sie haben ihre Arbeit getan und sind da reingegangen, ohne vorher zu wissen, was mit ihnen passiert, was da überhaupt passieren würde, dass alles einstürzen würde und sie dabei alle ums Leben kommen. Sie sind weiter vorangegangen, obwohl alle anderen rausgelaufen sind; das ist schon ein kleines Stück Heldentum. - Aber die alltägliche Arbeit des Feuerwehrmanns ist trotzdem kein Heldentum.

Sie sehen sich also nicht als Held. Aber wer wäre für Sie dann einer?

In der heutigen Zeit sind - für mich - Helden diejenigen Leute, die andere retten, die dies aber nicht aus ihrem Beruf heraus tun. Wenn ein normaler Bürger, ein Spaziergänger, zum Beispiel sieht, dass irgendwo jemand in einen Fluss gefallen ist und nicht schwimmen kann, und er hinterherspringt, obwohl das Wasser sehr kalt ist, weil Winter ist, oder es eine starke Strömung hat, und er weiß, dass er sein Leben riskiert, um den andern zu retten, dann würde ich diese Person schon eher als Held bezeichnen.

Müssen Helden Amateure sein?

Nein, das nun auch wieder nicht! Ich denke, wenn das bei uns in der Berufsfeuerwehr vorkommen würde, dann würde man auch ein kleiner Held. Aber man ist nicht schon automatisch Held, nur weil man Feuerwehrmann ist.

Wären Sie gern ein Held? Vielleicht auch nur ein kleiner?

Hm. Ich frag mal ganz krass: Welchen Nutzen hätte ich davon? Klar, man fühlt sich besser, wenn man jemanden hat retten können, aber ansonsten macht es in der Sache doch keinen Unterschied, ob ich nachher als Held gefeiert werde oder nicht. Ich sollte niemanden retten wollen, nur um anschließend ein Held zu sein. Ich rette ihn so oder so.

Kann man Heldentum lernen?

Kurz und knapp: nein.

Das Interview wurde am 22.3.2004 geführt. Die Fragen stellten Niklas Bein, Kerstin Rüenauver und Frank U. Kugelmeier.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2004-2010

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