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Zur Übersicht   Die Untersuchung im Überblick

Vorbemerkung

Logo 45.000 Daten zum Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen - das ist das Resultat einer umfangreichen Fragebogenaktion, die der Leistungskurs Sozialwissenschaften des St.-Ursula-Gymnasiums im Juni 1992 im Großraum Attendorn durchgeführt und mit Computerunterstützung ausgewertet hat. Befragt wurden insgesamt 1054 Personen aus der Region Attendorn - Finnentrop - Plettenberg - Valbert, allesamt Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 - 12 der beiden St.-Ursula-Schulen. Die Untersuchungsergebnisse sind zwar nicht uneingeschränkt zu verallgemeinern (gefragt wurde ausschließlich in Realschule und Gymnasium), doch spiegeln die Antworten zumindest Tendenzen wider, die für die ländliche Region Südsauerland typisch sein dürften.

Schwerpunkte der Untersuchung, die unter der Leitung von StR i.E. Frank U. Kugelmeier stand, waren Fragen nach der Länge bzw. Dauer des Schulwegs, nach dem Umfang der Hausaufgaben, aber auch nach den sonstigen häuslichen Verpflichtungen, nach Freizeitbeschäftigungen und gewünschten (weil nicht vorhandenen) Freizeiteinrichtungen.

Stichtag der Untersuchung war der 16. Juni 1992. Durchgeführt wurde die Befragung während der Unterrichtszeit in allen Klassen bzw. Parallelkursen der beiden Schulen. Die Rücklaufquote der Fragebögen betrug 100 Prozent. - Für die Auswertung der 40 Fragen umfassenden Bögen standen 15 Schulcomputer sowie eine spezielle Software zur Verfügung. - Die Ergebnisse der Untersuchung liegen - außer im HTML-Format - in mehreren Teilbänden vor, die ca. 300 Tabellen und Schaubilder, ferner Kommentare und Hinweise zu Konzeption, Antworthäufigkeiten und Hilfsmitteln enthalten. Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Resultate vor.

Zweieinhalb Stunden Schulweg pro Tag sind keine Seltenheit

Hinsichtlich der Länge des Schulwegs macht sich die ländliche Struktur der Region Attendorn deutlich bemerkbar: Etwa drei Viertel aller Befragten sind auf den Schulbus, die Bahn oder das Privat-Auto als Transportmittel angewiesen. Um pünktlich um 7.50 Uhr im Unterricht zu sitzen, muss etwa ein Viertel der Befragten bereits um 6.15 Uhr aus den Federn, um 6.30 Uhr sind dann schon 58 Prozent der Schüler/-innen aufgestanden, bis 7.00 Uhr können allenfalls noch 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen schlummern.

Während der Hinweg zur Schule durchschnittlich eine halbe Stunde dauert, gestaltet sich der Rückweg mitunter schwieriger: Wer das Pech hat, wegen Nachmittagsunterrichts erst um halb vier an der Bushaltestelle zu stehen, der muss sich häufig in Geduld fassen: Besonders die Region Meinerzhagen/Valbert, aber auch mehrere Täler in den Regionen Finnentrop und Herscheid sind über öffentliche Verkehrsmittel nur schlecht angebunden, so dass sich für einige Betroffene die Dauer des Schulwegs schnell auf zweieinhalb bis hin zu drei Stunden täglich summiert.

Große Unterschiede bei den Hausaufgaben

Dass Schülerinnen und Schüler über zu viele Hausaufgaben klagen, ist seit alters her bekannt. Über die Berechtigung derartiger Klagen kann man aufgrund der Untersuchungsergebnisse trefflich streiten. Eins steht jedenfalls fest: In den Klassen 5 bis 10 sitzt kaum jemand viel länger als zwei Stunden vor dem Schreibtisch und "büffelt".

Enorme Unterschiede tun sich hier allerdings beim Vergleich der verschiedenen Schultypen auf: Die meisten Realschüler/-innen (83 Prozent) kommen mit weniger als anderthalb Stunden für die Hausaufgaben aus; die gleichaltrigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten geben dies nur zu 40 Prozent an, 60 Prozent benötigen deutlich mehr (anderthalb bis zwei Stunden).

Auffällig ist auch, dass die Mädchen offensichtlich sorgfältiger arbeiten als die Jungen: 43 Prozent der männlichen Befragten sind bereits in weniger als einer Stunde mit allem fertig, bei den Schülerinnen beträgt der Anteil der "Kurzarbeiter" nur 34 Prozent.

Traditionelle Geschlechterrollen bei den Haushaltspflichten

Ähnliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zeigen sich auch bei der Mithilfe im Haushalt: Die Mädchen sind hier deutlich mehr gefordert als die Jungen: Nur 29 Prozent der Schüler, aber 38 Prozent der Schülerinnen geben an, sie müssten "täglich" bzw. "oft" Dienste im Haushalt übernehmen.

Schaut man sich die Art der Pflichten an, werden die Unterschiede eklatant: Bei fast allen Tätigkeiten, sei es nun das Einkaufen, das Geschirrspülen, das Aufräumen oder das Beaufsichtigen der Geschwister, werden die Mädchen erheblich stärker herangezogen als die Jungen; diese brauchen sich lediglich auf dem Feld der Gartenarbeit zu bewähren; besonders das Rasenmähen ist offenbar reine "Männersache".

Etwa vier Stunden Freizeit pro Wochentag

Trotz der Hausaufgaben und der Haushaltspflichten bleiben den befragten Schülerinnen und Schülern durchschnittlich etwa dreieinhalb bis vier Stunden "reine" Freizeit pro Wochentag. 40 Prozent der Befragten geben sogar an, sie verfügten über vier, fünf oder mehr Stunden freie Zeit.

Allerdings sind auch hier bemerkenswerte Unterschiede zu verzeichnen. So scheinen Realschüler mehr Freizeit als Gymnasiasten, Jungen (vor allem am Wochenende) mehr Zeit als Mädchen zu haben. Besonders in der gymnasialen Oberstufe nimmt der Freizeitumfang rapide ab.

Rege Vereinstätigkeit

Ein Teil der Freizeit wird offenbar in organisierter Form verbracht: Mehr als vier Fünftel (82 Prozent) aller Befragten geben an, Mitglied eines Vereins zu sein. Die Spitzenstellung nehmen hierbei die Sportclubs ein. Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen bestätigt, in mindestens (!) einem solchen Verein zu sein, wobei die Jungen mehr dem Fuß- und Handball, die Mädchen mehr den übrigen Sportarten (Rhönrad-, Jazztanzgruppe) zuneigen.

Im Übrigen zeigen sich die Jungen vor allem an Schützenvereinen interessiert (15 Prozent); die Mädchen gehen lieber in einen Karnevalsclub (13 Prozent) oder eine Musikgruppe (15 Prozent). Auch kirchliche Gruppen finden regen Zuspruch (ca. 22 Prozent), nicht hingegen politische Vereinigungen (2 Prozent).

Liebste Beschäftigungen: Musik hören und Sport treiben

Die übrige, unorganisierte Freizeit wird am liebsten mit Musikhören und Sporttreiben verbracht. Auf Platz drei in der Liste der liebsten Freizeitbeschäftigungen rangiert das "Unterhalten mit Freunden"; Platz vier nimmt das Fernsehen ein, und auf Platz fünf liegt die Beschäftigung mit dem Computer.

Wenig geschätzt werden hingegen das Handarbeiten und Basteln sowie das Wandern. Das Lesen nimmt in der Freizeit nur einen mittleren Rang ein. Auffällig ist, dass das Sporttreiben vorwiegend von den Jungen favorisiert wird (66 Prozent), während die Mädchen dieser Aktivität weniger Bedeutung beimessen (45 Prozent). Auch das Fernsehen ist bei den Jungen merklich beliebter als bei den Mädchen (38 Prozent gegenüber 19 Prozent). Umgekehrt schätzen die Schülerinnen die "Unterhaltung mit Freunden" erheblich mehr (49 Prozent) als die männlichen Befragten (26 Prozent). Auch die Beschäftigung mit Musik (zuhören, selbst musizieren oder eine Disco besuchen) liegt eher den Mädchen, ebenso wie das Lesen (25 Prozent der Mädchen gegenüber 12 Prozent der Jungen).

Bemerkenswert sind die Unterschiede hinsichtlich der Benutzung von Heimcomputern: Rund 70 Prozent der männlichen Befragten, aber nur 21 Prozent der weiblichen geben an, einen eigenen "Personal Computer" zu besitzen (wobei übrigens der Anteil der Realschülerinnen um einiges höher liegt als der der Gymnasiastinnen). Entsprechend rechnen 42 Prozent der Jungen, doch lediglich 6 Prozent der Mädchen das "Computern" zu ihren liebsten Freizeitbeschäftigungen.

Durchschnittlich zwei Stunden täglich vor dem Fernseher

An Wochentagen reicht der Fernsehkonsum der Befragten von 0 bis zu 8 (!) Stunden. Durchschnittlich sitzen die Kinder und Jugendlichen ungefähr zwei Stunden vor der Flimmerkiste, die Jungen eine halbe Stunde länger als die Mädchen; das Gleiche gilt für Realschüler/-innen gegenüber Gymnasiast/-inn/-en.

Am "langen" Wochenende (mit schulfreiem Samstag) wird - in Ausnahmefällen - bis zu 20 Stunden ferngesehen, im Schnitt vier (Mädchen) bzw. fünf (Jungen) Stunden. Eine allgemeine Tendenz, etwa dergestalt, dass mit zunehmendem Alter mehr oder aber weniger ferngesehen wird, lässt sich übrigens anhand der Daten nicht ausmachen. Der Fernsehkonsum bleibt über die Jahrgangsstufen hinweg weitgehend konstant und nimmt lediglich mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe etwas ab.

Als liebste Fernsehsendungen werden lustige Spielfilme (60 Prozent), Krimis (54 Prozent) und Zeichentrickfilme (48 Prozent) genannt; auch für Sportübertragungen interessiert sich etwa die Hälfte aller Befragten. Ein knappes Drittel schätzt Horrorfilme. Ganz unten in der Rangliste stehen dagegen kritische Jugendsendungen (20 Prozent), Nachrichten (17 Prozent) und politische Magazine (7 Prozent).

Auf der Wunschliste ganz oben: ein Kino

Als Antwort auf die Frage, welche Wünsche hinsichtlich zusätzlicher Freizeiteinrichtungen für die Attendorner Region bestehen, zeichnet sich ein Favorit deutlich ab: 57 Prozent aller Befragten vermissen ein Kino. Vielleicht macht dieses Ergebnis dem einen oder anderen Investor Mut, seine Pläne für die (Wieder-)Einrichtung eines Lichtspielhauses in Attendorn zu forcieren.

Etwa ein Drittel aller Befragten wünscht sich mehr Rockkonzertveranstaltungen; ebenso viele Jugendliche verlangen nach einer Disco. Besonders bei Schülerinnen und Schülern, die in den Stadtrandbezirken oder auf dem Land wohnen, kommt zudem der Wunsch nach einem Schwimmbad auf. Andere Sportstätten scheint es hingegen bereits in genügender Anzahl zu geben; der Bedarf beispielsweise an zusätzlichen Fußballplätzen ist offenbar gering.

Rund 8 Prozent der Befragten sind übrigens wunschlos glücklich. Auf die Frage nach gewünschten Freizeitangeboten geben sie keine Antwort.

Schlussbemerkung

Die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses verstehen ihre Untersuchung einerseits natürlich als Anregung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Dichotomie Schulzeit - Freizeit. Zugleich implizieren die Untersuchungsergebnisse aber auch eine deutliche Aufforderung, den durch die Studie gewonnenen allgemeinen Erkenntnissen nun differenzierte(re) Nachuntersuchungen (etwa zum Fernsehkonsum oder zu geschlechtsspezifischen Freizeitbudgets) folgen zu lassen. Nur so ist ein verlässliches Fundament für die Reflexion des eigenen Freizeitverhaltens zu schaffen.

Teilergebnisse der Umfrage können allerdings schon jetzt der Kommunalpolitik, Sportverbänden und Kirchen bei der Gestaltung ihrer Jugendarbeit von Nutzen sein.

Angesichts der zum Teil erheblichen Schulwegzeiten für Fahrschüler/-innen sollten sich im Übrigen die örtlichen Verkehrsbetriebe angesprochen fühlen. Vielleicht kann die eine oder andere Fahrplanänderung bzw. -ergänzung ja für eine Verbesserung der derzeitigen Situation sorgen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1997, 2003, 2004

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