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Kurier extra

90 Minuten Hausaufgaben:

Gymnasiasten fragten und 1054 Schüler antworteten

(ak) Wenn am Attendorner St.-Ursula-Gymnasium um 7.50 Uhr der Unterricht beginnt, ist jeder vierte Schüler schon seit mindestens eineinhalb Stunden aus den Federn. Und die gleichen Schüler sind es auch, die am Nachmittag erst zwischen 14 und 15 Uhr zu Hause sind. Hausaufgaben, Mitarbeit im elterlichen Haushalt, was bleibt da noch an Freizeit übrig? Dieser Frage gingen 17 Schülerinnen und Schüler der Attendorner Penne nach. Herausgekommen sind 45.000 Daten, die Einblicke in den "Arbeitstag" von Kindern und Jugendlichen erlauben.

Das Team Die Dauer des täglichen Schulwegs, den Umfang der Hausaufgaben, die häuslichen Verpflichtungen im Elternhaus und die Freizeitbeschäftigungen wollten Studienrat Frank Kugelmeier und seine 17 Schüler aus dem Leistungskurs Sozialwissenschaft erforschen. "Zunächst hatten die Schüler noch viel mehr Fragen", erinnert sich der Kursleiter, "aber das wäre zu umfangreich gewesen." So stellte Kugelmeier aus den Anregungen einen Fragenkatalog zusammen.

1054 Realschüler und Gymnasiasten der beiden St.-Ursula-Schulen wurden im Juni von den "Sozialwissenschaftlern" unter die Lupe genommen. Mit entsprechender Software gelang es, die anfallende Datenmenge zu verarbeiten und ein Ergebnis zu präsentieren, das bei 280 Tabellen und Schaubildern nicht nur durch Quantität besticht. Das Einzugsgebiet der St.-Ursula-Schulen ist ländlich strukturiert und großflächig. Valbert bei Meinerzhagen gehört ebenso dazu wie Herscheid im Plettenberger und Weuspert im Finnentroper Gemeindegebiet. Entsprechend lang sind die An- und Rückfahrtswege. "Zweieinhalb Stunden pro Tag", so die Attendorner Freizeitforscher, "sind da keine Seltenheit." 58% der Schülerinnen und Schüler müssen spätestens um 6.30 Uhr aus den Federn.

Am Nachmittag sind dann Hausaufgaben angesagt. Viel zu viel, wie aus Schülermund immer wieder zu hören ist. Doch der Computer legte schonungslos offen, was Lehrer schon immer wußten. Zwei Stunden pro Tag sind das höchste der Gefühle. 83% der Realschüler halten es sogar nur für die Dauer eines Fußballspiels an ihren Schreibtischen aus.

Dieses Ergebnis korreliert mit dem Umfang an Freizeit. Durchschnittlich stehen vier Stunden zur Verfügung. Auffallend hierbei, daß Realschüler mehr freie Zeit als Gymnasiasten und Jungen mehr Freiräume als Mädchen haben.

Was machen die Kinder und Jugendlichen auf dem Land in ihrer Freizeit? Nach landläufiger Meinung "hängen sie rum und wissen nichts mit sich anzufangen". Doch weit gefehlt. 82% der Befragten nutzen die Angebote von Vereinen. Eine Spitzenstellung nehmen dabei die Sportvereine ein. Es folgen gleichauf Karnevalsclubs, Musikgruppen und von der Kirche organisierte Treffs. Politische Gruppierungen werden hingegen von 98% gemieden.

Die "Flimmerkiste" vertreibt den Schülern durchschnittlich zwei Stunden pro Tag die Langeweile. Erschreckend hierbei, daß ein Drittel Gefallen an Horrorfilmen findet. Politische Magazine (7%) und Nachrichten (17%) rangieren in der Beliebtheitsskala auf hinteren Plätzen.

Ganz oben auf der Wunschliste steht ein Kino. 57% aller Befragten vermissen eine solche Einrichtung in der Hansestadt. Vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl für Investoren. Und noch ein Wunsch schlummert in den Schülerherzen: "Wir haben festgestellt, daß sich jeder dritte ein Schwimmbad wünscht, wie es in Finnentrop geplant war", erzählt Carsten (19), "außerdem mangelt es an Rockkonzerten."

Überrascht zeigte sich der "Sowi-Kurs" über die Rückkehrzeiten. Dazu Tina aus Plettenberg: "Daß die jüngeren Schüler so spät zu Hause sind, hätte ich nicht gedacht." Nur Michael (17) zeigt sich unbeeindruckt. Wohnhaft in Weuspert, absolviert er bereits seit neun Jahren jeden Tag eine kleine Weltreise.

Kurier extra, Nr.45 (19.12.1992), S.2

Das Foto zeigt das Umfrageteam (von links nach rechts, oben nach unten): Claus Schulte-Henke, Marc Kostewitz, Michael Rohrmann, Hendrik Gerlach, Karolin Schulte, Verena Brauckmann, Anette Winkler, Frank Kugelmeier, Carsten Langenbach, Cordula Gabriel, Tanja Schweigmann, Melanie Posteher, Irina Dahlmann, Tina Boosch, Stefanie Arnold, Iris Leowald (nicht im Bild: Kerstin Huven, Stefan Kramer).


©  Sauerlandkurier, Grevenbrück 1992 und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1997, 2003, 2004

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