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  Hörfunkinterview

WDR 5 - Radio für Südwestfalen

Interview mit dem Projektleiter

Gleich 7 Uhr 15, Viertel nach 7. Sie hören Radio für Südwestfalen auf WDR 5. - Der Leistungskurs Sozialwissenschaften des St.-Ursula-Gymnasiums Attendorn hat eine groß angelegte Umfrage durchgeführt. Gefragt wurde danach, welches Freizeitverhalten Kinder und Jugendliche im Südsauerland entwickelt haben. 1.000 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 12 aus der Region Attendorn, Finnentrop, Plettenberg und Valbert gaben Auskunft; und nun liegt sie vor, die Studie, und am Telefon begrüße ich den Kursleiter, Studienrat Frank Kugelmeier. Guten Morgen, Herr Kugelmeier!

Einen schönen guten Morgen, Herr Stössel!

Herr Kugelmeier, was machen denn nun die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit am liebsten?

Ja, zunächst eine Meldung, die Ihnen schmeicheln wird: Die meisten Jugendlichen geben als liebste Freizeitbeschäftigung das Musikhören an - da sind Sie natürlich nicht ganz unbeteiligt dran. An zweiter Stelle haben wir dann das Sporttreiben, dicht gefolgt. Dann gibt es eine ganze Weile gar nichts, und dann kommen Betätigungen wie "mit Freunden unterhalten", "fernsehen" und "Computer spielen" oder überhaupt "mit Computern sich beschäftigen", wobei das Lesen eher im mittleren Feld zu finden ist. Ich sag Ihnen auch gleich, was die Leute am liebsten gar nicht machen, nämlich basteln, wandern und handarbeiten. Das ist vielleicht ganz wichtig für die Weihnachtsgeschenke, dass man als Eltern vielleicht in dieser Hinsicht ein bisschen spart.

Das Ergebnis haben wir nun vorneweggenommen, aber erst mal sollten wir sagen: Was war denn eigentlich der Grund für die Umfrage?

Schüler Ja, da gibt's natürlich mehrere. Ein paar "Nebengründe" gab's; einmal, dass man einen Leistungskurs hat, mit dem man natürlich schon von der Stundenzahl her wesentlich mehr machen kann, ein bisschen praxisorientierter arbeiten kann als mit einem Grundkurs. Zweitens hatten wir dann - formal kann man das so sehen - Schuljubiläum, da wollte das Fach Sozialwissenschaften natürlich auch ein bisschen was dazu beisteuern. Für mich gab es aber einen Hauptgrund, und das waren Klagen von Schülern - und zwar jetzt nicht Klagen über zu viele Hausaufgaben (die gibt es ja meistens), sondern eine Klage, die mir hier für die Region ganz typisch zu sein scheint, nämlich die Klage über zu lange Schulwege. Ich hab mir das mal überlegt: Es gibt tatsächlich Klassen, wo die Schüler bis zu 40 Kilometer auseinander wohnen, wenn einer also in Valbert oder hinter Valbert wohnt und der andere hinter Finnentrop. Das heißt, die Schüler sehen sich eigentlich nur vormittags in der Schule, nachmittags nicht mehr. Da stellen sich dann natürlich zwei Fragen. Erstens: Wie lange fahren diese Schüler überhaupt zur Schule? Denn diese Zeit ist ja eigentlich vertan; wer einmal mit dem Schulbus gefahren ist, weiß, dass man da nicht viel machen kann. Und die zweite Frage ist: Was machen diese Schüler eigentlich, wenn sie zu Hause sind, wenn sie nicht mehr auf die Klassenkameraden zurückgreifen können? - Ja, und dann hat sich halt ergeben, dass wir Fragen gestellt haben beispielsweise dazu, wie viel Freizeit den Schülern überhaupt bleibt, und natürlich auch Fragen, wie diese Freizeit genutzt wird.

Und was kam da zum Vorschein?

Zum Vorschein kam, etwa was die Schulwege angeht, durchschnittlich gesprochen, dass man morgens etwa eine halbe Stunde zur Schule fährt, mit dem Bus, wobei ich sagen muss, dass an unseren Schulen etwa drei Viertel aller Schüler mit dem Bus fahren müssen. Das ist aber natürlich eine breite Streuung. Es gibt Schüler, die sind wesentlich länger unterwegs. Um halb 7 sind die meisten aus dem Bett, um 7 Uhr schläft kaum noch einer, da sind also alle dann schon unterwegs. Wichtiger erschien mir aber die Rückfahrt von der Schule: Der Hinweg ist meistens gut organisiert; bei der Rückfahrt hapert es so ein bisschen. Nach der 6. Stunde geht's da noch. Auch da sind etwa 50 Prozent der Schüler schon nach über einer halben Stunde (ungefähr) zu Hause, 90 Prozent nach einer Stunde, aber immerhin alle Schüler erst nach eindreiviertel Stunden. Wichtiger sind aber dann die Zahlen, wenn die Schüler nachmittags Unterricht haben, beispielsweise nach der 8. oder 10. Stunde Schluss haben, also etwa um halb 4. Dann kann es wirklich zum Teil je nach Anbindung bis zu zweieinviertel Stunden dauern, bis die Schüler zu Hause sind, so dass man insgesamt auf eine Zeit von zweieinhalb bis drei Stunden kommt bei manchen Schülern, die sie täglich nur im Bus sitzen oder an der Bushaltestelle verwarten.

Das ist eine ganze Menge. Was haben Sie denn sonst noch für Fragen gestellt? Ich glaube, es waren insgesamt so 40 Fragen.

40 Fragen auf einem Fragebogen.

Die wollen wir jetzt nicht alle vortragen...

Nein, das muss nicht sein.

Was war denn das Wesentliche? Was haben Sie denn da noch gefragt? Was wollten Sie noch wissen?

Für die, die es interessiert: [Die] Hausaufgabendauer liegt bei durchschnittlich 74 Minuten, wobei es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt; die Mädchen sind da wohl etwas fleißiger als die Jungen. Und auch - wir haben also bei Realschule und Gymnasium gefragt - beim Gymnasium dauern die Hausaufgaben etwa 90 Minuten, bei der Realschule etwa 60 Minuten im Schnitt. Das hat mich ein bisschen gewundert, weil ich doch dachte - eigentlich -, es wäre noch ein bisschen mehr (jedenfalls nach dem, was man so von den Schülern hörte).

Na, ich hoffe, jetzt kommt nicht die Konsequenz, und Sie geben mehr auf...

Nein, nein, also das soll es bitte nicht sein, auch nicht als Anregung für Kollegen. - Nur dass man sich da mal auch drüber im Klaren wird: Das ist natürlich ein Schnitt, der jetzt für alle Jahrgangsstufen - in dem Fall von 5 bis 10 - angesetzt war; das ist natürlich je nach Alter dann noch mal verschieden. - Zwei andere Dinge erschienen mir schon wichtig, und zwar im Bereich der so genannten Halb-Freizeit oder auch der Haushaltspflichten, also dem Bereich, den man nicht der Freizeit zurechnen kann, wenn man zu Hause ist. Da stellte ich doch fest, dass die Mädchen offensichtlich viel mehr in die Pflicht genommen werden als die Jungen. Ich hätte das in dieser Form nicht erwartet. Die Mädchen müssen eigentlich bei allem zu Hause etwas kräftiger anpacken, sei es nun Geschirr spülen oder Geschirr wegräumen, abtrocknen, solche Dinge, auf Geschwister aufpassen oder Zimmer putzen, sauber machen, aufräumen und so weiter, während die Jungen nur in einem einzigen Bereich eigentlich die Nase vorn haben, das ist das Rasenmähen; das ist offensichtlich reine Männersache. Ähnliches gilt dann für Autowaschen, aber ansonsten müssen die Mädchen wohl offensichtlich noch mehr ran. - Ja, ansonsten noch interessant ist vielleicht auch der Fernsehkonsum; denn die Schüler haben etwa - [das] geben sie selbst an - noch so dreieinhalb, vier, manche auch mehr Stunden Freizeit pro Tag, und davon werden so durchschnittlich zwei Stunden für das Fernsehen verwendet - wobei es auch Extreme gibt, also Leute, die offensichtlich bis zu 8 Stunden fernsehen.

Meine Güte. - Wie sieht es denn mit dem Engagement in den Vereinen aus?

Ja, auch das ist vielleicht typisch für diese Region: Vielleicht weil es etwas ländlich ist und man sich sonst nicht so beschäftigen kann, dann ist man wohl im örtlichen Verein gut organisiert. Wir haben also festgestellt, dass etwa 82 Prozent aller Schüler in irgendwelchen Vereinen sind - oder Gruppen -, wobei wir den Begriff allerdings relativ weit gefasst haben, dass auch kirchliche Gruppen und irgendwelche mehr informellen Sportvereine oder Musikgruppen da mit dazukamen. Ganz deutlich vorne liegen die Sportvereine. Auch da gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen; die Jungen sind also mehr für Fußball, Handball, die Mädchen mehr für's Reiten oder Jazztanz oder sowas. Aber auch die anderen Gruppierungen, Musikgruppen oder Karnevals- und Schützenvereine, liegen ganz vorn, wobei die Schützenvereine mehr von den Jungen, die Karnevalsvereine mehr von den Mädchen favorisiert werden. Wofür sich die Kinder und Jugendlichen überhaupt nicht interessieren, sind übrigens politische Vereinigungen.

Herr Kugelmeier, nun haben Sie - nach mühevoller Kleinarbeit, muss man dazu sagen - diese Studie erarbeitet, zusammen mit den Schülern und Schülerinnen. Nun hat sich's ja wahrscheinlich auch gezeigt, welche Wünsche da sind, die noch nicht erfüllt worden sind.

Ja, auch da gibt es einen eindeutigen Favoriten, das gilt aber wahrscheinlich nur speziell für Attendorn - und zwar ist das ein Kino. Es gab in Attendorn mal ein Kino; zur Zeit gibt's wieder eine Diskussion darum, ob mit den Räumlichkeiten, die noch vorhanden sind, irgendwas Neues angefangen werden soll. Es haben also sich 57 Prozent der Schülerinnen und Schüler tatsächlich ein Kino wieder in Attendorn gewünscht - oder jedenfalls in der Region, wo sie wohnen; das ist also ganz deutlich der Favorit. Dann kommt lange Zeit gar nichts, und dann kommen noch Wünsche wie Rockkonzerte oder Disco, und die übrigen Wünsche sind eher marginal. Also, Jugendzentrum und Theater und so etwas wird eigentlich nicht sehr häufig gewünscht.

Jetzt haben Sie ein ganz aktuelles Bild des Freizeitverhaltens vorliegen. Was werden Sie denn jetzt machen mit dieser Studie? Kommt die in den Aktenordner und wird vergessen - oder was planen Sie?

Ich hoffe nicht, dass sie [nur] in den Aktenordner kommt. Ich denke, man kann drei Perspektiven aufzeigen. Erstens, dass man die Kommunalpolitik, Verbände, Kirchen und so weiter anspricht; denn ich denke, dass die Ergebnisse schon diesen Gruppierungen von Nutzen sein können für ihre Jugendarbeit. Bei der Gelegenheit kann ich sagen, dass auch jeder, der sich angesprochen fühlt, sich an uns wenden kann, ans St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn, und nachfragen kann, welche Ergebnisse denn nun rausgekommen sind. - Ein zweiter Punkt wäre natürlich, dass wir speziell die Verkehrsbetriebe ansprechen; vielleicht lässt sich ja hinsichtlich der Schulwegzeiten noch einiges am Fahrplan ändern für einige Schüler. - Und das Dritte ist natürlich, dass wir auch weitermachen werden, vielleicht jetzt nicht mit diesem Kurs, aber dann mit Nachfolgekursen, damit wir also dann vielleicht noch ein bisschen in die Tiefe dringen können. Ich denke, man sollte sich schon nach den Motiven erkundigen, das haben wir bisher noch nicht gemacht, warum bestimmte Schülerinnen und Schüler bestimmte Dinge in ihrer Freizeit tun oder nicht tun. Und was ich sicherlich auch interessant finde: Politische Einstellungen sollten vielleicht noch ein bisschen hinterfragt werden. Mir ist aufgefallen, dass offensichtlich das politische Interesse bei den hiesigen Schülern nicht so stark verbreitet ist. - Wenn wir etwas Neues wissen, werden wir Sie natürlich auf dem Laufenden halten.

Wunderbar! - Studienrat Frank Kugelmeier war mein Gesprächspartner, und es ging um eine große Umfrage über das Freizeitverhalten von Schülerinnen und Schülern im Großraum Attendorn. - 7 Uhr 23, 7 Minuten vor halb 8.

Wörtliche Interviewmitschrift.
WDR 5 - Radio für Südwestfalen, 14.12.1992, 7.14 bis 7.23 Uhr


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©  Westdeutscher Rundfunk, Siegen/Köln 1992 und Frank U. Kugelmeier, Attendorn 1997, 2003, 2004

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