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Methodische Anmerkungen

  Demonstration
Demonstration der freien Schulen gegen Finanzkürzungen (vor dem Landtag in Düsseldorf, Januar 2004).
Die Studie "Jugend und Politik" untersucht, wie ihr Titel schon andeutet, die Einstellung Jugendlicher und junger Erwachsener zur Politik und ihren "Machern", den Politikern. Die gewählte empirische Methode ist die Befragung. Diese folgt drei Prinzipien:

Mit "Alltagsorientierung" ist gemeint, dass die Untersuchung nicht irgendein abstraktes politisches Fachwissen oder die politisch-partizipatorische Kompetenz der Zielgruppe abfragt, sondern vielmehr deren Alltagsverständnis von "Politik" thematisiert. Hierzu legt die Untersuchung den Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Reihe "vertrauter" Statements vor, deren teils überspitzte, teils klischeebehaftete Aussage die Befragten begutachten sollen. "Vertraut" heißt in diesem Zusammenhang, dass sich die Statements auf die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (bzw. auf die von den Massenmedien aufbereitete Kolportage dieser Lebenswelt) beziehen.

Übertragbarkeit bedeutet, dass die Untersuchung nicht nur auf die Situation in Deutschland hin angelegt ist, sondern den Anspruch erhebt, "universell" anwendbar zu sein. Konkret wurde die Befragung außer für Deutschland für den Einsatz in der Ukraine nach der orangefarbenen Revolution konzipiert. Prinzipiell sind aber, bei leichter Variation des Befragungstexts, auch andere internationale Untersuchungsorte, an denen "Politik" stattfindet, denkbar.

Um den Einsatz des Statement-Katalogs in fremden Umgebungen möglichst unkompliziert zu halten, zeichnet sich die Untersuchung zudem durch Kompaktheit aus. Sie enthält außer der notwendigen Erfassung der Stammdaten "Alter" (bzw. "Schulstufe"), "Geschlecht" und "Nationalität" lediglich acht zu bewertende Aussagen sowie drei einfache Fragen.

Für die Bewertung der acht Statements ist als Antwortmöglichkeit jeweils eine fünfstufige Likert-Skala vorgegeben. Zwei der drei anschließenden Fragen sind durch die einfache Wahlmöglichkeit zwischen "ja" und "nein" zu beantworten, die dritte ebenfalls auf einer fünfstufigen Skala. - Da es sich bei allen Positionen der Befragung um Einfachauswahl-Optionen handelt, umfasst der Untersuchungsaufwand pro Person somit lediglich 15 Daten.

Stammdaten

Als "Angaben zur Person" (also als so genannte "Stammdaten") erfasst die Studie nur drei Dimensionen: das Geschlecht und das Alter der Befragten (wobei hier zwischen dem biologischen und dem Schulalter unterschieden wird) sowie die Nationalität.

Die Differenzierung zwischen "männlichen" und "weiblichen" Befragten zielt natürlich darauf ab, mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in den politischen Einstellungen herausarbeiten zu können. Letztlich dient die Dimension "Geschlecht" vor allem der Überprüfung der Frage, ob sich, wie häufig kolportiert wird, Männer tatsächlich mehr für Politik interessieren als Frauen.

Anhand der Dimension "Alter" lässt sich testen, ob sich das Image der Politik und der Politiker bei jungen Menschen im Lauf der Jahre wandelt - ob also beispielsweise, als Alltagshypothese formuliert, das Interesse an Politik mit wachsender "Reife" zunimmt.

Zusätzlich zum (biologischen) Alter ist in die Untersuchung die Eigenschaft "Jahrgangsstufe", also die Zuordnung des "Schulalters" aufgenommen. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass politisches Interesse (bzw. das Image von Politik) nicht zwangsläufig an das Lebensalter, sondern möglicherweise eher an die erreichte Schulstufe gekoppelt ist. So setzt etwa in Nordrhein-Westfalen das Fach "Sozialwissenschaften" erst in der Jahrgangsstufe 11 ein. Zumindest hypothetisch ist deshalb denkbar, dass der Eintritt in die gymnasiale Oberstufe (und damit der plötzliche sozialwissenschaftliche Informationszuwachs) bei den Schülerinnen und Schülern zu einem "qualitativen Sprung" in der Einstellung zur Politik führt.

Im Rahmen der hier vorliegenden in Attendorn und Kiew durchgeführten Untersuchung lässt sich allerdings festhalten, dass solche "Entwicklungssprünge" nicht zu beobachten sind. Die Ergebnistabellen orientieren sich daher weitestgehend an der Dimension des biologischen Alters.

Hinzu kommt, dass die Abfrage der "Jahrgangsstufe" unter dem oben angeführten Aspekt der Übertragbarkeit nicht ganz unproblematisch ist, da sie sich sehr stark am deutschen Bildungssystem ausrichtet. Ein bi- oder internationaler Vergleich der Dimension "Jahrgangsstufe" ist damit bestenfalls mit Einschränkungen möglich.

Die Abfrage der Nationalität ist im Erhebungsbogen nicht explizit ausgewiesen, da sie auf anderem Wege organisatorisch leichter zu ermitteln ist (nämlich durch die strikte Trennung von Bögen unterschiedlicher Länder). Sie wird jedoch "stillschweigend" in die Auswertung mit aufgenommen.

Stellungnahmen

Der erste themenbezogene Block der Untersuchung enthält acht Statements, zu denen die Befragten auf einer fünfstufigen Likert-Skala Stellung nehmen sollen. Die Fünfstufigkeit ermöglicht den Befragten eine nuancierte Beantwortung. Die Ungeradzahligkeit der Skala birgt zwar die Gefahr, dass sich Unentschlossene jeweils auf das mittlere "teils, teils" zurückziehen; gleichwohl erscheint es den Initiatoren der Befragung als ein Gebot der Fairness, auch die Option einer "ausgewogenen" Replik anzubieten:

stimme  stimme  teils,  lehne   lehne
stark     zu     teils    ab    stark
 zu                              ab

  o-------o-------o-------o-------o

Die Statements sind bewusst "eindeutig", prononciert, mitunter etwas klischeehaft formuliert. Erwartet werden können hier deshalb spontane, ebenso "eindeutige" Antworten. - Für die ausländischen Antworten gilt dies freilich mit gewissen Einschränkungen, da die Prägnanz der Statement-Formulierungen unter Umständen unter der Mehrfachübersetzung (im konkreten Fall vom Deutschen ins Englische, vom Englischen ins Ukrainische) leidet.

[1]
Politische Meldungen (in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen) interessieren mich sehr.

Das erste Statement, das vordergründig die Medienrezeption, insgesamt aber natürlich das grundsätzliche politische Interesse der Befragten prüft, lädt zur unmittelbaren Identifizierung ein ("mich"). Die Formulierung "sehr" sorgt für die nötige Zuspitzung: Uneingeschränkt zustimmen werden hier tatsächlich nur die politisch Hartgesottenen.

[2]
Die Politiker leisten mit ihrer Arbeit einen wertvollen Dienst am Menschen.

Das zweite Statement ist allgemeiner - ohne direkte Ansprache der Befragten - formuliert. Gleich drei Reizwörter dürften hier Zustimmung oder Widerspruch auslösen: Das Prädikat verweist auf den Leistungsgedanken, die Formulierung "wertvoll" auf den dahinter liegenden Wertekanon und der Begriff "Dienst" auf die Vorstellung vom Politiker als Staats-Diener, der uneigennützig "seine Pflicht tut". Insgesamt propagiert die Aussage eine konservative, an traditionellen "Tugenden" orientierte Sicht auf die Politik. Entsprechend können sich an ihr die Geister scheiden.

[3]
Ich kann mir gut vorstellen, die Politik später einmal zu meinem Beruf zu machen.

Dieses Statement richtet sich erneut direkt an die Befragten ("Ich"). "Zwischen den Zeilen" wird hier natürlich ihre Sympathie für das politische Geschäft abgefragt, denn wer sich vorstellen kann, in die Politik zu gehen, wird dies wohl kaum tun, wenn er dieses Geschäft ablehnt. Prononciert wird die Aussage durch die Formulierung "gut".

[4]
Ich kenne mindestens eine politische Partei, die meine Belange gut vertritt.

Dieses Statement erkundet die Parteienbindung der Befragten. Die Einschränkung "mindestens" bietet allerdings Raum für die Definition auch loserer Beziehungen, etwa der Beheimatung lediglich in einer Parteienkonstellation ("Rot-Grün", "Schwarz-Gelb", "Schwarz-Rot", "Orange" usw.).

[5]
Wenn man sich politisch engagiert, kann man vieles zum Positiven verändern.

Diese sehr allgemein gehaltene Aussage strahlt viel Optimismus aus, der möglicherweise aber auch als falsch empfunden werden kann. Das Ausmaß der Ablehnung des Statements lässt sich hier als Gradmesser für die behauptete Politikverdrossenheit der Bevölkerung verstehen.

[6]
Als Frau hat man in der Politik keine Chance.

Nach fünf positiv formulierten Statements folgen nun drei negative. Den Anfang macht eine Aussage zur Verteilung der Geschlechterrollen in der Politik. Die Botschaft ist rigoros ("keine Chance"); entsprechend gespalten kann hier die Bewertung ausfallen.

[7]
Politiker interessieren sich doch nur für Macht, Einfluss und Geld.

Das Statement greift ein hinlänglich bekanntes Klischee auf, das in den Massenmedien und am Stammtisch gleichermaßen kolportiert wird. Während die vorherigen Statements durchweg auf das Reflexionsvermögen zielen, spricht die siebte Aussage eher die Emotionalität der Befragten an. Im Übrigen steht sie in scharfem Kontrast zur Aussage des zweiten Statements.

[8]
Politik ist ein schmutziges Geschäft.

Diese Aussage variiert im Grunde genommen die Behauptung des siebten Statements, legt den Schwerpunkt allerdings weniger auf die Politiker als Akteure, sondern auf das politische Geschäft allgemein. Die emotionale Wirkung entspricht der des vorherigen Statements.

Fragen

Der zweite themenbezogene Block der Untersuchung erkundet mittels zweier einfacher Fragen das tatsächlich belegbare politische Engagement der Befragten. Dass dies nur exemplarisch und damit höchst unvollkommen geschehen kann, versteht sich von selbst, doch wird hier dem oben erwähnten Grundsatz der Kompaktheit Rechnung getragen.

[9]
Bist du selbst Mitglied einer politischen Partei bzw. Jugendorganisation (z. B. Junge Union, Jungsozialisten)?

Die Frage, die sinnvollerweise nur mit "ja" oder "nein" zu beantworten ist, prüft die formale Bereitschaft, sich auf "Politik" einzulassen. Natürlich sagt ein "ja" hier nichts über die Qualität des politischen Engagements aus; es belegt jedoch zumindest, dass der bzw. die Befragte das politische Geschäft ernst nimmt. - Für ausländische Befragte entfällt natürlich die erläuternde Klammerbemerkung.

[10]
Hast du schon einmal an einer politischen Demonstration teilgenommen?

Diese Frage bildet das Komplement zur vorherigen: Erfragt wird hier nicht das formale, sondern das praktische Engagement, das ja nicht zwangsläufig parteigebunden sein muss.

Zusatzfragen

In das Konzept der Untersuchung ist eine Zusatzfrage aufgenommen, die auf den ersten Blick mit dem oben genannten Prinzip der Übertragbarkeit kollidiert, da sie sich auf die spezifische Situation in der Ukraine Ende 2004 bezieht:

[11]
Wie gut bist du über die sich seit 2004 abzeichnenden politischen Veränderungen in der Ukraine informiert?

Als Antwortmöglichkeit werden folgende Skalenoptionen angeboten:

sehr    gut    mäßig   kaum     gar
 gut            gut            nicht
 o-------o-------o-------o-------o

In der Tat müsste diese Frage in anderen Untersuchungszusammenhängen umformuliert und auf die jeweilige Situation bezogen werden. Dass sie überhaupt aufgenommen wurde, erklärt sich damit, dass es den Initiatoren der Untersuchung sinnvoll erschien, im Rahmen einer internationalen Studie zumindest eine Frage zu stellen, die unterschiedliche Befragtengruppen (hier: Deutsche und Ukrainer) miteinander verbindet. - Position 11 des Umfragebogens richtet sich also ganz bewusst nur an eine deutsche Zielgruppe (im Kontext des Jahreswechsels 2004/2005), die "Gegenfrage" (als Position 12 ausgewiesen) ausschließlich an ausländische - hier: ukrainische - Jugendliche und junge Erwachsene.

[12]
Wie gut bist du über die aktuelle Politik der Bundesrepublik Deutschland (Regierung, Reformvorhaben, Außenpolitik usw.) informiert?

Zu beachten ist, dass die beiden Fragen nicht symmetrisch sind. Während Position 11 die Kenntnis eines speziellen historischen Ereignisses prüft, das kurz vor der Befragung von den Massenmedien hinlänglich aufbereitet wurde, zielt die Gegenfrage (Position 12) eher auf allgemeine, akademische Kenntnisse ohne massenmediale Begleitung. Entsprechend unterschiedlich können die jeweiligen Antworten ausfallen.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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