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Fazit

"Jugend und Politik" - dieses Begriffspaar stellt in der öffentlichen Meinung (nicht nur in Deutschland) einen nahezu unvereinbaren Gegensatz dar. "Desinteressiert" und "politikverdrossen" sind die Attribute, die Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der Massenmedien den Jugendlichen gerne zuschreiben.

Um es gleich zu sagen: Der häufig zu hörende Vorwurf mangelnden politischen Interesses bestätigt sich in der vorliegenden Umfrage allenfalls zum Teil. Dass die befragten ukrainischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Kontext der orangefarbenen Revolution erkennbar politisiert sind, mag nicht verwundern. Aber auch bei Betrachtung der deutschen Umfrageergebnisse kommt man zu einem differenzierteren Bild. Dieses mag zwar etwas geschönt sein, weil im vorliegenden Fall ausschließlich Gymnasiasten befragt wurden, doch lässt sich mit dem Untersuchungsergebnis das Klischee von der "politikfernen" Jugend zumindest in Frage stellen.

Ergebnisse im Raum Attendorn

Für politische Meldungen in der Zeitung, im Radio oder im Fernsehen interessieren sich nämlich immerhin etwa 30 Prozent der befragten deutschen Schülerinnen und Schüler, 9 Prozent sogar "sehr". Mäßiges Interesse zeigen immer noch 59 Prozent. Dass Politik sie wenig oder gar nicht interessiert, erklären nur 11 Prozent der Befragten.

Bemerkenswert ist allerdings die Schere, die sich hier zwischen den Geschlechtern auftut. Während für 55 Prozent der männlichen Befragten Politik wichtig ist, gilt dies bei den weiblichen gerade mal für 17 Prozent. - Auch ist das Interesse der älteren (volljährigen) Befragten an Politik etwas höher als das der jüngeren.

  Jugend und Politik
Attendorner Jugendliche im Gespräch mit SPD-Chef Franz Müntefering (April 2005).
Liegt die Wertschätzung der Politik selbst noch recht hoch, so gilt dies nicht in gleicher Weise für deren Akteure, die Politiker. Der Auffassung, Politiker leisteten mit ihrer Arbeit "einen wertvollen Dienst am Menschen", stimmen lediglich 14 Prozent der Befragten zu, 30 Prozent lehnen sie rundheraus ab. Umgekehrt folgen fast 32 Prozent der Annahme, dass sich "Politiker doch nur für Macht, Einfluss und Geld interessieren". Mehr als die Hälfte der Befragten (51 Prozent) ist zumindest teilweise dieser Auffassung. Die Ablehnungsquote liegt in diesem Fall bei 17 Prozent.

Auch hier sind geschlechtsspezifische Unterschiede zu verzeichnen: Offensichtlich erfreuen sich die Politiker bei den Schülern einer größeren Beliebtheit (22 Prozent) als bei den Schülerinnen (10 Prozent). Und dem Vorwurf, Politiker seien egoistische Machtmenschen, schließen sich umgekehrt mehr weibliche als männliche Befragte an (33 zu 28 Prozent).

Interessant ist allerdings, dass bei aller Kritik an den Politikern das Vertrauen in die Politik offenbar noch nicht abhanden gekommen ist. "Wenn man sich politisch engagiert, kann man vieles zum Positiven verändern" - diese Auffassung teilt immerhin ein Drittel der Befragten. Über die Hälfte ist dieser Ansicht wenigstens teilweise. Lediglich 16 Prozent sind hier skeptisch.

In diesen Zusammenhang passt auch die Einschätzung, dass Frauen politisch inzwischen gleichberechtigt seien. Die Aussage, dass man "als Frau in der Politik keine Chance" habe, lehnen fast zwei Drittel der Befragten schlichtweg ab - interessanterweise ebenso viele männliche wie weibliche.

Bei aller grundsätzlichen Wertschätzung politischen Engagements ist allerdings kaum einer der deutschen Befragten bereit, selbst aktiv zu werden. Zwar fühlt sich ein gutes Drittel der Schülerinnen und Schüler von "mindestens einer" Partei gut vertreten, doch dort oder in einer politischen Jugendorganisation Mitglied sind gerade mal 6 Prozent der männlichen und gar nur 1 Prozent der weiblichen Befragten. Die Politik zum Beruf zu machen können sich nur 9 Prozent vorstellen (Schüler: 16, Schülerinnen: 5 Prozent). Für die große Mehrheit der Angesprochenen (82 Prozent) ist diese Vorstellung hingegen inakzeptabel.

Deutsch-ukrainischer Vergleich

Im Vergleich mit den deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen sich die ukrainischen deutlich politischer. Dies ist nicht weiter erstaunlich. Während die deutschen Schülerinnen und Schüler im Umfeld der Befragung überwiegend politisches Tagesgeschäft wahrnahmen, das allenfalls durch die anstehende nordrhein-westfälische Landtagswahl etwas akzentuiert zu werden versprach, durchlebten die jungen Erwachsenen in der Ukraine im Befragungszeitraum ein politisches Erdbeben, dessen Auslöser die im Ergebnis offensichtlich gefälschten Präsidentschaftswahlen vom Spätsommer 2004 waren. Besonders im Westen der Ukraine - und hier vor allem in der Landeshauptstadt Kiew, also am Befragungsort - kam es zu Massenprotesten, Aufmärschen und Streiks, mit denen die Bevölkerung "ihrem" (unterlegenen) Kandidaten Wiktor Juschtschenko doch noch zur Macht verhelfen wollte. Auch in der Mohyla-Akademie wurde gestreikt, und zwar offenbar in einem Ausmaß, dass das Gerücht die Runde machte, im Falle eines Siegs des Juschtschenko-Gegners Janukowitsch bei den wiederholten Präsidentschaftswahlen im Dezember 2004 werde die Bildungsanstalt komplett geschlossen werden.

Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass sich die ukrainischen Schülerinnen und Schüler in der Umfrage politisch deutlich interessierter zeigen: Für politische Nachrichten interessieren sich 69 Prozent (Deutsche im vergleichbaren Alter: 36 Prozent). Dass man durch politisches Engagement etwas verändern kann, glauben 58 Prozent der Befragten (in Attendorn 35 Prozent). Und selbst Politiker zu werden können sich immerhin 38 Prozent vorstellen (Attendorn: 9 Prozent).

Am eklatantesten sind die Unterschiede zwischen den Nationen in der praktischen Politik. Während von den deutschen Schülerinnen und Schülern gerade mal 11 Prozent bereits an einer politischen Demonstration teilgenommen haben, sind dies bei den Befragten in Kiew mit 97 Prozent nahezu alle.

Ein Rest Misstrauen gegenüber der Politik bleibt freilich, und genau dieses Gefühl führt die Jugendlichen der beiden Nationen dann auch wieder zusammen: Die Ansicht, dass Politik letztlich "ein schmutziges Geschäft" sei, ist nämlich auf beiden Seiten verbreitet - in Deutschland bei 23 Prozent, in der Ukraine gar bei 36 Prozent der Befragten.


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2005-2010

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