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Die Idee

Mitunter sind es Zufälle, die die Idee für eine Experimentalanordnung liefern - so auch im vorliegenden Fall. Wieder einmal musste der Deutsch- und Politiklehrer der Klasse 10a des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums feststellen, dass einige Schülerinnen und Schüler keine Hausaufgaben vorweisen konnten. Halb im Scherz seufzte er, sie könnten von Glück sagen: Im Mittelalter wären sie für ihr Vergehen an den Pranger gestellt worden. Und in der DDR hätten sie vor dem Kollektiv öffentlich Selbstkritik üben müssen; außerdem wären ihre Minderleistungen für alle sichtbar am Schwarzen Brett ausgehängt worden.

Die Jugendlichen zeigten sich fasziniert. Die Vorstellung eines "Prangers" war ihnen völlig fremd. Von Amts wegen öffentlich zur Schau gestellt zu werden erschien ihnen absurd. Zudem spekulierten sie ausgiebig darüber, wie sich denn ein derart Aus- und Bloßgestellter wohl gefühlt haben möge. Schnell kamen sie deshalb überein, ein solches Szenario öffentlicher Zurschaustellung nachzuahmen, sich selbst zu "Angeprangerten" zu machen und dabei ihr eigenes Verhalten und das ihrer Umgebung zu testen.

  Am Pranger
Am Pranger wegen politischer Intrigen und Denunziationen: Titus Oates, 1685.
In der Tat wirkt die Institution des Prangers aus heutiger Sicht befremdlich. Denn im Gegensatz zu früheren Zeiten, als man bei der Bestrafung abweichenden Verhaltens ganz selbstverständlich Öffentlichkeit herstellte, neigt die heutige Gesellschaft dazu, Delinquenz dem Blick der Massen eher zu entziehen. Von wenigen - durch die Medien hochgetriebenen - Ausnahmen abgesehen bleiben der Akt der Verurteilung und vor allem der anschließende Strafvollzug weitgehend anonym: Auch für Verbrecher gelten Persönlichkeits- und Datenschutzrechte.

Selbst im schulischen Alltag wiegen diese Rechte höher als das pädagogische Kalkül, Delinqenten zur Abschreckung oder zumindest als schlechtes Beispiel "vorzuführen". In einigen Bundesländern dürfen Rügen und Tadel nicht mehr in den allgemein zugänglichen Klassenbüchern, sondern nur noch in einer speziellen Kladde im Lehrerzimmer notiert werden. Disziplinarkonferenzen finden hinter verschlossenen Türen statt, ihre Ergebnisse werden den Betroffenen (bzw. deren Erziehungsberechtigten) postalisch zugestellt, nicht jedoch in der Öffentlichkeit verbreitet.

In merkwürdigem Kontrast zu dieser amtlichen Zurückhaltung stehen in letzter Zeit freilich Tendenzen, über die modernen Informations- und Kommunikationsmedien die öffentliche Zurschaustellung wieder salonfähig zu machen. Einschlägige Internet-Portale verschreiben sich inzwischen der mehr oder weniger subjektiven "Bewertung" bestimmter Berufsgruppen; Fernsehformate bieten die Möglichkeit der individuellen Bloßstellung oder auch Selbstbezichtigung.

Ein Grund mehr, dem Phänomen "Pranger" genauer nachzuspüren.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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