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Projekttagebuch: Montag, 10.3.2008

Montag, 10.3.2008, 7.30 Uhr (vor Unterrichtsbeginn)

  Käfigtransport
Käfigtransport.

Seit einer knappen Woche steht er bereits fertig montiert in einer Nische neben dem Lehrerzimmer: der Käfig. Jetzt ist es so weit: Sechs dunkel gekleidete Schüler schleppen das sperrige Gittergerüst durch die Gänge hinüber ins Pausenforum.

Auf den Fluren und in den Klassenräumen sind die ersten Jugendlichen eingetroffen, Schulbus-Fahrschüler zumeist. Sie bemerken den Transport zwar, messen ihm aber keine besondere Bedeutung bei. Am Abend zuvor hat im Forum die letzte Vorstellung des diesjährigen Schulmusicals stattgefunden. Bühnenpodeste und Stative liegen noch in der Halle herum; und so rechnen die Schülerinnen und Schüler den Gittertransport den fälligen Aufräumarbeiten zu.

Exakt im Zentrum des Forums, effektvoll ausgeleuchtet von den Deckenflutern, wird der Käfig auf einer Linoleummatte platziert. Diese hat sich der Schulleiter zur Schonung des steinernen Hallenbodens ausbedungen. Sie verleiht dem Käfig zudem zusätzliche Rutschfestigkeit.

Nachdem die Transportgruppe das Gittergerüst ausgerichtet und dann verlassen hat, findet es kaum Beachtung. Das Forum ist zwar der Knotenpunkt der allmorgendlich eintreffenden Schülerinnen und Schüler, doch sind diese offenkundig mit anderen Dingen beschäftigt.


Montag, 10.3.2008, 9.30 Uhr (erste große Pause)

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Beob-
achter

Schon vor Pausenbeginn sind die Wachleute ihrer Pflicht nachgekommen und haben die Gefangenen eingesperrt. Alle sechs stehen nun hinter Gittern: Florian, Laura, Kilian, Florian, Karina und Marco.

Gleich nach dem Pausengong bildet sich eine Menschentraube um den Käfig. Überwiegend sind es jüngere Schüler der Klassen 5 bis 7, die sich für die Insassen interessieren. Manche von ihnen werden von den hinten Stehenden regelrecht gegen die Käfigwand gedrückt. Die Älteren halten sich hingegen - noch - zurück.

Natürlich werden die Eingesperrten nach dem Grund ihrer Gefangenschaft gefragt. Als sie keine befriedigende Antwort geben, schießen Gerüchte ins Kraut: "Die müssen irgendeine Strafe absitzen oder so." Ältere Schüler vermuten "irgendsoein Projekt".

Einige jüngere Mädchen bemühen sich, die Eingesperrten durch die Gitterstäbe zu berühren; ansonsten sind es aber vorrangig Jungen, die sich mit den Insassen beschäftigen. So werden die Gefangenen beispielsweise ausgelacht; vereinzelt ertönen Buh-Rufe. Ein Junge versucht das Schloss aufzubrechen; andere wackeln am Käfiggitter. Insgesamt halten sich überwiegend dieselben Personen rund um den Käfig auf.

Bereits nach wenigen Minuten wird ein rosafarbenes DIN-A4-Blatt mit der Aufschrift "Bitte nicht füttern" an den Gitterstäben befestigt, kurz danach allerdings wieder abgerissen und ins Innere des Käfigs geworfen. Unter diesem Eindruck wirft ein Junge auch Stücke einer Tomate hinein. Andere folgen diesem Beispiel. In kurzer Zeit landen ein angebissener Apfel und andere Essensreste im Käfiginnern, wobei sich die "Spender" einen Spaß daraus machen, auf die Insassen zu zielen.

Umwillkürlich bilden daraufhin die Gefangenen einen Kreis, stehen mit dem Rücken nach außen, um sich gegen die Geschosse zu schützen. Das Interesse der Umstehenden lässt demzufolge etwas nach; die Menschentraube löst sich auf, ohne dass die Schüler jedoch völlig von den Insassen ablassen.

Als das Wachpersonal die Eingesperrten am Ende der Pause abführt, ist die Aufmerksamkeit der Umstehenden relativ gering. Auffällig ist, dass, anders als die Gefangenen, die Wachleute kaum angesprochen werden. Ihre Funktion erklärt sich offenbar von selbst.

Dass sie sich unwohl gefühlt hätten, wollen die Gefangenen im Nachhinein nicht sagen. Kilian erklärt, er sei zu Anfang etwas unsicher gewesen, da er nicht gewusst habe, was auf ihn zukomme, habe sich dann aber sehr schnell beruhigt. Ähnlich äußert sich Florian: Auch er habe anfangs negative Gefühle gehabt, sei jedoch zunehmend gelassener geworden.


Montag, 10.3.2008, 11.30 Uhr (zweite große Pause)

  Die Gefangenen
Die Gefangenen.

In der zweiten Pause zeigt sich das gleiche Bild wie in der ersten: Wieder bildet sich ein Pulk von (meist männlichen) Schülern, die um den Käfig herumrangeln. Wieder ertönen höhnische "Haha!"-Rufe. Wieder versucht ein Schüler den Käfig aufzubrechen. Wieder werden die Insassen mit Essensresten, darunter einer verschimmelten Möhre und Kaugummipapier, bombardiert.

Überhaupt scheinen sich einige Schüler daran zu erfreuen, den Käfiginsassen etwas "vorzuessen", ohne ihnen etwas abzugeben. Ein Mitschüler aus einer Parallelklasse reicht ihnen spöttisch eine Scheibe Brot hinein.

Als die vornehmlich jüngeren Schüler merken, dass sich die Insassen nicht wehren können, beginnen sie, am Käfig hochzuspringen. Auch rufen sie ihnen Schimpfwörter zu oder versuchen die Gefangenen durch Anstarren zu provozieren. Ein jüngerer Schüler steckt den Insassen ein 2-Cent-Stück durch das Gitter.

Allerdings nähern sich in dieser Pause erstmalig auch etliche Ältere dem Käfig. Mehrere Oberstufenschüler fragen (vergeblich) nach den Gründen für die Gefangenschaft und titulieren die Eingesperrten belustigt mit "Opfer".

Insgesamt hält sich jedoch das Interesse an den Gefangenen im weiteren Umkreis des Käfigs in Grenzen. Dies hat vermutlich auch mit dem stürmischen Wetter zu tun, das draußen über die Höfe tobt und die Schüler beider St.-Ursula-Schulen in die regensichere Pausenhalle treibt. Eine Oberstufenschülerin, die zufällig vorbeikommt, bringt es auf den Punkt: "Hier stehen doch sowieso alle dicht gedrängt in Cliquen herum. Da fallen die in dem Käfig doch gar nicht auf. Ob da jetzt Gitterstäbe dazwischen sind oder nicht - wo ist da der Unterschied?"

In der Tat unterscheidet sich die Gefangenengruppe, die sich wiederum im Kreis aufgestellt hat, kaum von ihren "draußen" befindlichen Mitschülern. Das Projektteam beschließt deshalb, die Versuchsanordnung für den nächsten Tag grundlegend zu ändern.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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