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Projekttagebuch: Dienstag, 11.3.2008

Dienstag, 11.3.2008, 7.20 Uhr (früher Morgen)

Am nächsten Morgen erwartet die St.-Ursula-Schüler eine Überraschung. Diesmal befindet sich nur ein einziger Gefangener im Käfig: Bereits seit 6.45 Uhr hockt Florian in einer Ecke unter einer Wolldecke und erweckt den Eindruck, als habe er die gesamte Nacht hinter Gittern verbracht.

Das Forum bildet, wie schon erwähnt wurde, den Knotenpunkt der St.-Ursula-Schulen. Zwei Türen zweigen ins Gymnasium ab, eine dritte zur Realschule, ein Durchgang führt in das gemeinsam genutzte Naturwissenschaften-Gebäude, zwei Außentüren stellen die Verbindung zu den Schulhöfen her, über die sich morgens der Großteil der Schüler in den Gebäudekomplex begibt. Es gibt also viel Gelegenheit, den Gefangenen zur Kenntnis zu nehmen.

Kurz nach 7 Uhr treffen die ersten Schüler ein, ab 7.10 Uhr einige weitere. Gegen 7.20 trudeln die ersten Busladungen ein. Auffällig ist: Diejenigen, die alleine kommen, gehen an Florian vorbei, scheinbar ohne ihn zu beachten. Kommen jedoch mehrere Jungen in einer Gruppe, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie anhalten und ihn fragen, warum er da sitzt.

Insgesamt reagieren die meisten allerdings scheu. Typisch sind verstohlene Blicke. Es wird, besonders unter den Mädchen, mehr über den Käfiginsassen getuschelt als mit ihm geredet. Mehrere Jugendliche zeigen sich erkennbar irritiert und überlegen, ob der Gefangene tatsächlich die Nacht über im Käfig geschlafen hat.


Dienstag, 11.3.2008, 9.30 Uhr (erste große Pause)

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  Rütteln am Käfig
Rütteln am Käfig
Rütteln am Käfig.

Unverkennbar ist das Interesse am Käfig in dieser Pause erheblich größer als am Vortag. Das Gerücht, der Gefangene habe die Nacht hinter Gittern zugebracht, verdichtet sich zur Gewissheit, und so fragen viele Leute nach, vor allem Angehörige der Unterstufe.

Auch das Verspotten und Hantieren rund um den Käfig beginnt erneut. Zwar stellt ein Schüler fest, es sei "langweilig, wenn nur einer drin ist und nichts passiert"; die meisten anderen finden die jetzige Personenkonstellation allerdings interessanter. "Es ist cooler, wenn nur einer im Käfig sitzt", erklärt ein Unterstufenschüler, "weil man den dann besser ärgern kann." Ein anderer stimmt zu: Es mache Spaß, den Insassen zu ärgern, indem man ihn zum Beispiel mit Geldstückchen bewerfe. Auf Nachfrage ergänzt er, er wolle ihn sogar "anfurzen", um ihn zu demütigen. Er verstehe zwar nicht, warum "der da" eingesperrt sei, und finde das auch "ziemlich bekloppt", doch werde er ihn trotzdem triezen.

Wie schon am Vortag halten einige Schüler dem Gefangenen Essen hin, geben es ihm aber nicht. Der lässt sich davon offenkundig nicht stören; aber gerade das scheint die Umstehenden zu provozieren. Einige versuchen den Käfig zu bewegen, indem sie ihre Regenschirme unter die Gitter haken, andere rütteln an den Stangen, verbiegen die Tür und wollen das Gittergerüst ganz umstürzen. Es wird viel über den Insassen gelacht. Da er still in einer Ecke des Käfigs hockt und mit dem Rücken gegen die Käfigwand lehnt, wird er dort getreten. Auch jede Menge Essensreste fliegen wieder ins Käfiginnere.

Eine Besonderheit ist, dass in der Tat viele Geldstücke in den Käfig geworfen werden - nicht etwa als "milde Gabe", sondern um den Gefangenen zu treffen. In Ermangelung anderer Wurfgeschosse kramen einige Schüler ausgiebig in ihren Portemonnaies und suchen nach Cent-Münzen.

Ein Schüler der 8. Klasse zeigt angesichts des Käfigs ein besonders auffälliges Verhalten. Ständig umkreist er das Gitter, verspottet den Insassen und will am liebsten an der Käfigwand hochklettern. Die ganze Pause über (immerhin 20 Minuten) kennt er kaum eine andere Beschäftigung.

Wiederum fällt auf, dass es vorwiegend die Jüngeren sind, die sich an dem Käfig abarbeiten. Bei den Neunt- und Zehntklässlern findet er hingegen kaum Beachtung. Auch das Verhalten der Geschlechter ist wieder unterschiedlich: "Aktiv" werden vor allem die Jungen; die Mädchen finden die Situation auf Nachfrage hin zwar "lustig", gucken aber lieber nur zu. Eine Schülerin beklagt gar die "öffentliche Zurschaustellung" des Gefangenen. Dass es hier um eine echte Bestrafung gehe, glauben allerdings die wenigsten.

Gegen Ende der Pause klettert ein Schüler unter großem Hallo der Umstehenden auf den Käfig und setzt sich in Siegerpose über den Gefangenen. Alle anderen lachen.

Selbst nach dem Gong zum Pausenende stehen noch viele, und zwar ausschließlich Jungen (auch Ältere), um den Käfig herum und warten, was passiert. Sie erkundigen sich bei dem Gefangenen erneut, weshalb er eingesperrt ist, und fragen scherzhaft, ob er Almosen haben möchte. Etliche nehmen es dabei in Kauf, zu spät zum Unterricht zu kommen.

Als die Wachleute Florian schließlich befreien, wird gelacht und applaudiert. Der Gefangene selbst hat angesichts der verbalen und physischen Attacken ein "ziemlich schlechtes Gefühl". Andererseits hat er aber auch einiges "verdient": Insgesamt 72 Cent, in Einzelmünzen zwischen 1 und 10 Cent, sind im Laufe der ersten großen Pause im Käfig gelandet.


Dienstag, 11.3.2008, 11.30 Uhr (zweite große Pause)

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In der zweiten großen Pause setzt sich das Kesseltreiben um den Käfig fort. Unterstufenschüler, aber zunehmend auch Angehörige der Mittelstufe, stehen dicht gedrängt um das Gitter herum, machen Grimassen, starren den Gefangenen an und werfen Sachen durch die Stäbe: Papierschnipsel, Taschentücher, Reste von Nahrungsmitteln, darunter ein angegessenes Eis, und wiederum etwas Geld.

Florian, der in seiner angestammten Ecke hockt, hat zwar, um die Umstehenden nicht auf falsche Gedanken zu bringen, das (am Vortag hineingeworfene) provokative "Bitte nicht füttern"-Schild umgedreht; dennoch liegt inzwischen auffällig viel Brot auf dem Käfigboden.

Laut ertönen Beschimpfungen: "Opfer!", "Gefangener!", "Versager!", "Abschaum!", "Dreck!" - Jemand fordert, den gesamten Käfig umzukippen. Mit Macht wird gedrängelt und an den Gitterwänden gerüttelt, um sie zum Einsturz zu bringen - unverändert selbst dann, als die Aggressoren dabei erkennbar gefilmt werden.

Auch jetzt klettert ein Junge auf den Käfig; ein paar andere wollen gleich hinterher. Als eine Aufsicht führende Lehrerin kommt und ihn ermahnt, steigt er herunter. Kaum ist sie weg, hängen jedoch gleich wieder mehrere Jungen an den Seitengittern.

Zwischenzeitlich hat sich der Gefangene auf ein Gespräch mit Außenstehenden eingelassen. Plötzlich wird er von einem Zehntklässler mit Wasser beschüttet. Andere Umstehende johlen. Der Gefangene versucht das Gespräch dennoch unbekümmert fortzusetzen. Zugleich wird draußen immer heftiger an den Gitterstäben gerüttelt. Erstaunlicherweise kommt niemand auf die Idee, die Befestigungsschrauben zu lösen.

Eine Minute nach dem Pausengong stehen die Schüler (fast nur Jungen) immer noch um den Käfig herum. Der Achtklässler, der bereits in der ersten Pause auffällig geworden ist, kann auch jetzt kaum von dem Gitter lassen. Zweimal versucht er, an dem Käfig hochzuklettern, beim zweiten Mal gibt ihm ein Klassenkamerad Hilfestellung, und er gelangt unter Applaus zumindest in halbe Höhe.

Fast gleichzeitig schüttet ein jüngerer Schüler dem Gefangenen eine halbe Flasche Wasser über den Kopf. Ein sichtlich irritierter Aufsicht führender Lehrer schimpft ihn daraufhin aus. Gleichwohl gibt es von den Umstehenden, vor allem den inzwischen verstärkt anzutreffenden Neunt- und Zehntklässlern, immer neue Ermutigungen in Richtung der Jüngeren, den Gefangenen zu beschimpfen oder ihm etwas anzutun.

Am Ende liegt eine beträchtliche Menge Müll im Käfig. Florian ("Diese Pause war die schlimmste!") ist völlig durchnässt und muss sich von einem Klassenkameraden Ersatzkleidung leihen. Eine weitere Pause allein in den Käfig will er definitiv nicht mehr.


Dienstag, 11.3.2008, 13.20 Uhr (dritte große Pause)

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  Müll.
Müll (Stand: Dienstagmittag); in der Mitte des Käfigs das rosafarbene "Bitte nicht füttern"-Schild.

Auch in der dritten großen Pause wird der Käfig diesmal besetzt. Anstelle von Florian H. nehmen jetzt Florian B. und Marco in unterschiedlichen Ecken Platz.

Die Pausenhalle ist nun nicht mehr ganz so stark frequentiert. Viele Unterstufenschüler haben mittlerweile schon Schulschluss. Umso bemerkenswerter sind die Reaktionen der Älteren.

Besonders eine Gruppe von (männlichen) Realschülern tut sich hier hervor. Die ganze Pause über bespötteln und beleidigen sie die Eingesperrten und treten heftig gegen die Seitengitter, um die Insassen zu ärgern, die sich von innen angelehnt haben.

Die Situation eskaliert, als aus der Gruppe heraus versucht wird, den Gefangenen mit einem Feuerzeug durch das Gitter hindurch die Haare anzuzünden.

Zwei Jungen aus der Realschüler-Gruppe distanzieren sich zwar im Nachhinein auf Befragen hin vom Haare-Flämmen ("Was zu weit geht, geht zu weit"), können dem "Necken" der Käfiginsassen ansonsten aber einiges abgewinnen: Das mache doch Spaß.

Einer der beiden Befragten erklärt, bestimmt solle mit der Käfig-Aktion das Verhalten der Außenstehenden getestet werden - und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Sein Kumpel hat eine abenteuerlichere Theorie: In dem Projekt gehe es wohl eher darum, das Aggressionspotenzial zwischen Realschülern und Gymnasiasten zu prüfen. Seine These: Realschüler seien aggressiver gegenüber eingesperrten Gymnasiasten, als es umgekehrt Gymnasiasten gegenüber eingesperrten Realschülern wären ("Gymnasiasten sind gesitteter").

Ob und wie ein Gefangener von seiner Umgebung getriezt werde, komme im Übrigen auf den Typen an, der im Käfig sitze, meinen beide Befragte. Das habe man ja auch in den vorherigen Pausen sehen können: Wer bekannt und beliebt sei, werde besser behandelt als jemand, den keiner so richtig kenne. - Dass am selben Tag keiner der drei präsentierten Gefangenen "besser" behandelt wurde, realisieren sie allerdings nicht.

Zum Abschluss machen beide Befragte den Vorschlag, doch auch einmal Realschüler in den Käfig zu stecken. Dann ergebe das Projekt erst richtig einen Sinn.

Wie dem auch sei - fest steht für das Projektteam nach den Erfahrungen dieses Schultages zweierlei: Vorläufig können keine Einzelpersonen mehr in den Käfig gesetzt werden. Und da auch für zwei Insassen ein gewisses Risiko besteht, wird den "Wachleuten" in den kommenden Tagen eine neue Rolle zukommen: Sie werden nicht mehr nur "Gefängniswärter" spielen, sondern die Aufgabe einer echten "Security" zum Schutz der Gefangenen übernehmen müssen.

Denn zu der ursprünglichen Dimension des Käfigs - er schützt die Insassen vor allzu massiven Übergriffen der Außenstehenden - tritt offenbar eine gegenläufige hinzu: Das Gitter schützt nämlich die Täter auch vor den Opfern - und macht sie damit angriffslustiger.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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