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Projekttagebuch: Freitag, 14.3.2008

Freitag, 14.3.2008, 9.30 Uhr (erste große Pause)

  Marco
Marco im Affenkäfig.

Der letzte Tag des Experiments. Trotz der schlechten Erfahrungen, die Florian am Dienstag gemacht hat, nimmt es Marco auf sich, einen ganzen Vormittag allein im Käfig zu verbringen. Mit gesenktem Kopf hockt er in einer Ecke.

Dass dieser Selbstversuch durchaus gewagt ist, erfährt er sehr schnell. Vor allem das "Affen"-Schild, das am Vortag angeheftet worden ist, führt zu einem Massenauftrieb und sorgt für große Aufmerksamkeit und Belustigung. Zwar gibt es immer noch Pausenhallenbesucher, die sich ahnungslos geben ("Warum sitzt da eigentlich so ein Typ im Käfig?") oder meinen, dort hocke jemand, der "Scheiße gebaut" habe, doch ist der Hinweis auf den "Affen im Sonderangebot" für die meisten Anwesenden die Bestätigung, dass es sich bei dem Käfig-Szenario tatsächlich um ein Zoo-Experiment handelt.

Im Übrigen scheint das Schild die Umstehenden zu animieren, mit dem "Affen im Käfig" etwas anzustellen. Viele lachen den Gefangenen unverhohlen aus, andere rütteln wie gewohnt am Käfig und bombardieren Marco mit Müll. So packt beispielsweise ein Junge genüsslich sein Schokobrötchen aus dem Brotbeutel und wirft den Abfall auf den Käfiginsassen. Andere Schüler besorgen sich Geldmünzen und werfen diese dann ebenfalls hinein. Als sie darauf angesprochen werden, bestreiten sie alles und erklären, sie hätten lediglich "herumliegendes Geld aufgehoben", nicht aber in den Käfig geworfen. Es entstehen diverse Rangeleien; einige Jungen schubsen sich, vielleicht auch weil sich die Pausenaufsicht zurückhält, gegenseitig gegen das Gitter.

Besonders der Realschul-Clique, die bereits am Vortag und am Dienstag von sich reden gemacht hat, hat es der Gefangene angetan. Gemeinsam kaufen mehrere Realschüler ein Käsebrötchen, teilen es untereinander auf und bewerfen dann den Eingesperrten mit einzelnen Stückchen. Einer leugnet anschließend, etwas derartiges gemacht zu haben, ein anderer gesteht jedoch freimütig: "Das ist lustig. Ja, das gebe ich zu." Wieder ein anderer erklärt rundheraus: "Ich kann Gymnasiasten nicht leiden, deshalb mache ich das." Woher er denn wisse, dass das im Käfig ein Gymnasiast sei, wird er weiter gefragt. Seine Antwort: "Ja, weil die komisch aussehen."

Was dem Käfiginsassen auffällt, ist, dass die Realschüler durchgängig hinter ihm stehen, ihn also hinter seinem Rücken attackieren, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Außerdem, so Marco, fühlten sie sich wohl nur in ihrer Gruppe stark.

Aber auch einige Fünftklässler des Gymnasiums treibt der Übermut. Einer erklärt, halb im Scherz, in den Käfig komme der "Abschaum" rein; das sei cool. Ein Mittelstufenschüler geht die Sache schon etwas ernsthafter an. Auch er würde gerne mal in dem Käfig Platz nehmen: "Das sieht lustig aus." Ob er nicht Angst hätte, beleidigt zu werden? Nein, das würde ihn nicht stören.


Freitag, 14.3.2008, 10.25 Uhr (Ende der dritten Stunde)

Entgegen dem üblichen Ritual, dass die Käfiginsassen am Ende der Pause von den Wachleuten abgeholt werden, bleibt Marco diesmal in seinem Gefängnis sitzen - kein angenehmer Aufenthalt, denn der Boden des Käfigs ist die reinste Müllhalde.

Mit der Zeit wird es ziemlich still um den Gefangenen herum. Im Verlauf der dritten Unterrichtsstunde rennen zwar vereinzelt Schüler durch das Forum, die ihn auch registrieren. Angesprochen wird er jedoch nicht.

Erst in der Fünfminutenpause zwischen der dritten und vierten Stunde kommen wieder vermehrt Schüler und auch Lehrer vorbei. Manche fragen den Gefangenen neugierig, was er da mache. Einige Schüler treten gegen den Käfig, andere verspotten den Insassen und tragen die Botschaft, dass nun offenbar jemand sogar ganztägig inhaftiert sei, in ihre Klassenräume.


Freitag, 14.3.2008, 11.10 Uhr (Ende der vierten Stunde)

  Umstürzen des Käfigs
Umstürzen des Käfigs.

Kurz vor Beginn der zweiten großen Pause tritt das Projektteam zur letzten großen Veränderung des Käfig-Szenarios an: Vorsichtig stürzen die Wachleute das Gittergerüst, in dem sich nach wie vor Marco befindet, um.

Der Käfig ist dadurch nur noch 1,20 Meter hoch. Auch Unterstufenschüler können, so die Überlegung des Teams, nun darüber hinwegsehen. Vielleicht führt dies zu neuen, bisher noch nicht beobachteten Aktivitäten.

Aufrecht stehen kann man in dem Gefängnis jetzt natürlich nicht mehr. Marco macht es sich deshalb in gebückter Haltung (un-)bequem. Er schiebt den Müll zur Seite, schaufelt sich so eine Sitzfläche frei und wartet auf den Pausengong.


Freitag, 14.3.2008, 11.30 Uhr (zweite große Pause)

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In der zweiten Pause ist das Interesse der Schüler, insbesondere der jüngeren, noch einmal größer als in der ersten. Vorherrschend ist allgemeines Gelächter, denn für die meisten liegt die Annahme nahe, irgendjemand Außenstehendes habe den Käfig aus Schabernack umgeworfen.

Eine große Traube meist männlicher Unterstufenschüler bildet sich um das Gittergerüst, über das hinweg man sich jetzt bequem etwas zurufen kann. Nach Kräften wird gerüttelt und getreten. Der Käfig ist nun so niedrig, dass ein Schüler, der sich etwas vornübergebeugt hat, gar auf die Käfigdecke geschubst wird.

Besiegelt wird nun auch das Schicksal der an die Käfigwand (jetzt -decke) geklebten Zettel: Einige Schüler reißen sie kurzerhand ab, zerkleinern sie und werfen dann die Schnipsel ins Innere des Geheges. Auch jede Menge andere Müllreste, vor allem Brotkrümel, landen auf dem Gefangenen. Die Mitschüler kommen im wahrsten Sinne des Wortes "über ihn".

Immerhin kann aber auch er sich über einige Einnahmen freuen: Die Münzen, mit denen er beworfen wird, ergeben den stolzen Betrag von 1,24 Euro. Dennoch hat Marco für's erste genug. "Ab und zu" würde er vielleicht schon noch einmal in den Käfig gehen, erklärt er zum Abschluss. "Allerdings nicht mehr so lange an einem Stück."


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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