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Auf dem Wochenmarkt - Das Konzept des Versuchs

Nach den bemerkenswerten Ergebnissen, die das Experiment in der Schule gezeigt hatte, fragten sich die Initiatoren des Versuchs natürlich, wie der Käfigpranger wohl von einer Öffentlichkeit außerhalb der Schulmauern aufgenommen werden würde. "Angeprangerte" Gefangene einer - relativ - homogenen Gruppe von Schülern auszusetzen war das eine; sie in einer belebten Fußgängerzone zu präsentieren konnte, so das Kalkül der Versuchsleitung, jedoch völlig andere Reaktionen freisetzen.

  Lucas erhält Zuspruch
Lucas erhält Zuspruch.
Der Wunsch, den Käfig an einem Samstag auf dem Attendorner Wochenmarkt aufzustellen, stieß bei den Behörden allerdings zunächst auf Skepsis. Der Marktleiter zeigte sich wenig erfreut; der Leiter des Ordnungsamts behielt sich vor, Rücksprache mit dem Bürgermeister zu nehmen. Schließlich könne ein solcher Pranger ja dem guten Ruf der Stadt, die gerade am Wochenende von vielen Touristen besucht werde, nachhaltig schaden. Vorsichtshalber holte er zudem den Rat der örtlichen Polizei ein.

Letztlich durfte das Käfig-Szenario dann aber doch installiert werden. Am Samstag, dem 12. April 2008, stand das Gittergestell von 9 bis 14 Uhr am Rande des Marktplatzes auf dem Hauptverkehrsweg durch die Fußgängerzone.

In der Versuchsanordnung wich das Szenario in einigen Punkten von der im Schulforum ab. Anders als im Forum, in dem sich die Anwesenheit der Gefangenen weitgehend nach dem Takt der 15- bzw. 20-minütigen Pausen gerichtet hatte, konnte der Käfig in der Fußgängerzone natürlich nicht alle Viertelstunden neu besetzt werden. Andererseits wollte das Organisationsteam angesichts der nur schwer kalkulierbaren Publikumsreaktionen aber auch keinem Gefangenen zumuten, den gesamten Vormittag durchgängig hinter Gittern zu verbringen. Stattdessen kamen die Initiatoren überein, die Besatzung des Käfigs etwa alle anderthalb Stunden auszutauschen.

Der Zeitplan sah vor, in einem ersten Block einen Schüler der Klasse 10, in den folgenden anderthalb Stunden dann zwei Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 und im dritten Block schließlich wiederum einen Schüler der Klasse 10 hinter Gittern zu platzieren. Der Umstand, dass nur maximal zwei Personen zugleich in den Käfig sollten, war der Erkenntnis geschuldet, dass sich im schulischen Versuch die heftigsten Reaktionen bei einer geringen Belegungsfrequenz des Käfigs gezeigt hatten.

Eine zweite Erkenntnis des Schulversuchs bestand bekanntlich darin, dass sitzende Käfiginsassen ein höheres aggressiv-emotionales Potenzial weckten als stehende. Aus diesem Grund erhielten die Gefangenen die Anweisung, im Käfig keinesfalls aufrecht zu stehen, sondern sich in demütiger, verschüchterter Haltung (also etwa mit frierend-verschränkten Armen oder in Embryonalhaltung) auf den Boden zu setzen.

Auf Nachfragen von Passanten hin konnten sie, anders als im Forum, natürlich schlecht auf die Schulleitung verweisen. Stattdessen sollten sie knapp antworten, sie hätten etwas augefressen, wollten aber lieber nicht darüber reden.

Um die Vorübergehenden zu eben solchen Nachfragen zu ermuntern, erhielt der Käfig keinerlei Beschriftung oder sonstige Hinweise, die einen Grund für die Gefangenschaft hätten erkennen lassen.

Natürlich standen, genau wie im Schulforum, auch auf dem Attendorner Markt in diskretem Abstand Beobachter bereit. Ausgestattet mit Diktiergeräten, Fotoapparaten und Videokameras hielten sie das Geschehen auch diesmal in Wort und Bild fest.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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