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Florian H., Gefangener

Du hast als Gefangener bereits am innerhalb der Schule durchgeführten Käfig-Experiment teilgenommen und bist damals von den Umstehenden ziemlich schlecht behandelt worden. Was hat dich dazu veranlasst, jetzt erneut mitzumachen?

  Florian H.
Florian H.
Ich wollte in der Stadt teilnehmen, da es mich interessierte, wie das eher ältere Publikum reagieren würde. Auch wollte ich sehen, ob der Käfig nach der "Stadtschicht" auch so verdreckt sein würde wie in der Schule.

Wie haben deine Familie, Freunde, Bekannten angesichts dieser negativen Erfahrungen auf deine Entscheidung, neuerlich mitzumachen, reagiert?

Meine Familie fand es gut, da die Ergebnisse solcher Experimente immer interessant sind. Es waren also alle sehr erfreut, dass ich teilnehmen wollte.

Wie haben die Passanten auf dich reagiert?

Die meisten Passanten sind einfach am Käfig vorbeigegangen und haben dabei in den Käfig geschaut. Andere haben mitten in ihrer Bewegung Halt gemacht und sind noch einmal am Käfig vorbeigegangen, um die Insassen zu begutachten. Wieder andere haben die Insassen angesprochen und wollten wissen, was wir da machen. Viele nahmen an, dass wir gegen oder für etwas demonstrieren würden, doch da kein Schild an der Außenwand des Käfigs angebracht war, meinten einige, dass sie mehr Informationen brauchten, warum wir demonstrierten. Nur sehr wenige begriffen allerdings, dass wir überhaupt nicht demonstrierten. Wenige Leute gaben den Insassen Essbares, zum Beispiel ein Apfelstück, Kinderschokolade, Biobrot und Salbei-Bonbons. Niemand warf Geld in den Käfig.
   Insgesamt, würde ich sagen, haben die Passanten aufgrund fehlender Informationen eher mürrisch und ärgerlich auf mich reagiert. Einige äußerten sich auch mitfühlend, da es ja "kalt" sei und ich mir "den Tod holen" würde.

Stimmten die Reaktionen der Passanten mit dem überein, was du vorher vermutet hattest? Inwiefern gab es Abweichungen?

Ich denke, Reaktionen wie Vorbeigehen, Hilfe-Anbieten und Nachfragen sind normal. Dass Essbares in den Käfig gegeben wird, hatte ich zwar gedacht, allerdings nicht vermutet, dass darunter auch Frisches und extra zu diesem Anlass Gekauftes sein würde.
   Eine befremdliche Reaktion war jene, als eine Frau, unterstützt von einem "älteren Herrn", das Schloss aufbrechen wollte, da sie geradezu euphorisch war und Dinge getan hat, die sie sonst vermutlich nie getan hätte. Vielleicht bin ich ihr gegenüber aber auch emotional vorbelastet, da es mein Fahrradschloss war, das sie demoliert hat.

Wie erklärst du dir die Reaktionen der Passanten?

Ich finde es ganz normal, dass Passanten auf einen Käfig reagieren, der in einer ganz gewöhnlichen Stadt auf einem Marktplatz aufgebaut steht - besonders wenn ein oder zwei Jugendliche dort drinhocken und ein trübsinniges Gesicht machen.

Welche Reaktionen der Passanten haben dich am meisten (positiv oder negativ) überrascht?

Positiv überrascht hat mich die Reaktion der Frau, die das Schloss aufbrechen wollte, denn fast nur sie hat Tatkraft und Entschlossenheit gezeigt, die Insassen zu befreien. Negativ fand ich die Reaktionen der Passanten, die an dem Käfig vorbeigingen, als sei nichts gewesen.

Wie hättest du als Passant auf einen Käfig auf dem Marktplatz reagiert? Genauso? Anders?

Ich glaube, ich würde zu den Insassen hingehen und sie fragen, was sie da drinnen machen würden, ob es ein Experiment sei und ob ich helfen könne. Allerdings würde ich keinen Aufstand machen, ausrasten oder Sachbeschädigung begehen.

Was hast du während des Versuchs empfunden?

In der Schule war es für mich wesentlich schlimmer als in der Stadt, da in der Stadt ein insgesamt älteres Publikum herumläuft. - Manchmal hatte ich den Drang, Menschen, die ich kannte, den wahren Grund meines Gefängnisaufenthalts zu verraten, habe es aber nicht getan.
   Manches fand ich auch ganz einfach lustig, so zum Beispiel, als eine Frau vom Seniorenstadtrat kam und mir vorschreiben wollte, dass ich ihr alles sagen müsste, warum ich in dem Käfig sitze und was das für einen Sinn habe. Zudem kamen auch meine Großeltern vorbei, und meine Oma konnte nach der Begegnung die gesehenen Eindrücke nicht gut bei sich behalten. So betätigte sie sich ungewollt als "Multiplikatorin". Ich konnte sie nur mit großer Mühe bremsen und alles abstreiten.
   Schlimm war das Projekt in der Stadt nicht, denn niemand verhielt sich wirklich schlecht.

Was hältst du von der Wiedereinführung eines "Käfigprangers" - speziell zur Bestrafung von Jugendkriminalität?

Die Wiedereinführung eines Käfigprangers fände ich nicht gut, da die Menschen auf echte Straftäter wahrscheinlich viel heftiger reagieren würden. Vielleicht würden sie Häftlinge mit faulem Essbaren beschmeißen oder wirkliche Körperverletzungen begehen.
   Andererseits denke ich, dass einige Personen nichts gegen einen Käfigpranger hatten, denn während meiner Zeit als Insasse fiel der Vorschlag, den Käfigpranger wieder einzuführen, häufiger. Aber, wie schon gesagt: Ich wäre dagegen, da er doch deutlich den Menschenrechten widersprechen würde.

Würdest du ein weiteres Mal an einem solchen Käfig-Experiment teilnehmen?

Ja, ich würde nochmals an einem solchen Projekt teilnehmen, da man dort gute Erfahrungen sammeln kann - allerdings nicht mehr in Attendorn, sondern eher in einer Großstadt oder zumindest in einer anderen Kleinstadt, in der man mich - und auch den Namen des Versuchsleiters - nicht kennt. Denn in Attendorn selbst ist unsere Schule inzwischen so für ihre sozialwissenschaftlichen Versuche bekannt, dass sich einige Leute dadurch nicht mehr sonderlich "erschüttern" lassen.


©  St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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