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Medienreaktionen

Westfalenpost vom 16.4.2008

Schüler kauern im Käfig auf dem Markt

Interessante Reaktionen auf sozial-psychologisches Experiment

Attendorn. Ein merkwürdiges Bild bot sich jetzt den Besuchern des Attendorner Wochenmarkts. Am Rande des Marktplatzes stand ein massiver, mit Fahrradschloss gesicherter Käfig - anderthalb mal zwei Meter im Grundmaß, gut mannshoch. Darin eingesperrt kauerten im Stundentakt jeweils ein oder zwei verschüchtert wirkende Jugendliche.

  Auf dem Wochenmarkt
Mitten auf dem Attendorner Wochenmarkt stand der verschlossene Käfig mit den Schülern. Die St.-Ursula-Gymnasiasten wollten untersuchen, wie die Passanten auf das sozial-psychologische Experiment reagieren.
Auf Nachfrage erklärten sie wortkarg, sie hätten etwas "ausgefressen", wollten aber lieber nicht darüber sprechen.

Was auf den ersten Blick aussah wie eine ungewöhnliche Maßnahme zur Bekämpfung der Jugendkriminalität, war in Wirklichkeit jedoch ein sozialpsychologisches Experiment, das sich die Schüler des 10. und 12. Jahrgangs des St.-Ursula-Gymnasiums zusammen mit ihrem Politiklehrer Frank Kugelmeier ausgedacht hatten. Abgesehen von der Frage, wie man sich als öffentlich zur Schau gestellter Delinquent fühlt, interessierte die Jugendlichen vor allem, wie die Passanten auf die an den Pranger Gestellten reagieren würden: mitleidig, gleichgültig oder gar spöttisch und provozierend?

Das Ergebnis: Zwar gab es einige, die der Maßnahme zustimmten und meinten, es werde schon seinen Grund haben, dass die "Gören" da eingesperrt seien. Auffällig viele Marktbesucher nahmen Anteil am Schicksal der Gefangenen, einige reichten ihnen sogar Bonbons in den Käfig, andere ereiferten sich zudem über "diese mittelalterliche Methode" öffentlicher Justiz. Letztlich gingen allerdings alle weiter, ohne etwas Konkretes zu unternehmen.

Etwa drei Stunden dauerte es, bis endlich eine resolute Passantin einschritt. Sie lieh sich vom nahen Blumenstand eine Zange, versicherte sich der Hilfe eines anderen Passanten und versuchte dann, das Fahrradschloss aufzuschneiden und die Eingesperrten zu befreien. Selbst als die Mitschüler der "Delinquenten" und Lehrer Kugelmeier intervenierten, ließ sie sich kaum von ihrem Vorhaben abbringen und rief die Polizei an. Die war freilich, ebenso wie das Ordnungsamt, über das Projekt informiert.

Vor den Osterferien hatte der Käfig bereits eine Woche lang in der Pausenhalle der St.-Ursula-Schulen gestanden. Dort waren die Versuchsergebnisse deutlich anders ausgefallen. Hielt sich in den Pausen eine größere Gruppe von Gefangenen im Käfig auf, gab es allenfalls spöttische Kommentare.

Standen oder, besser noch, hockten dort nur ein oder zwei Schüler, war kein Halten mehr: Die vermeintlichen Delinquenten wurden massiv mit Essensresten, Papierfetzen und, in Ermangelung von Steinchen, mit kleinen Geldmünzen beworfen.

Außerdem mussten sie sich als "Affen", "Opfer" und "Versager" beschimpfen lassen und erhielten, sofern sie sich gegen die Käfigwand lehnten, Fußtritte. Mehrere Mitschüler kletterten auf den Käfig und saßen in Siegerpose über den Eingesperrten. Andere rüttelten an den Gitterstäben und versuchten den Käfig umzustürzen.

Als zeitweilig nur ein einziger Gefangener hinter Gittern hockte, übergossen ihn mehrere Umstehende mit Wasser. Zwei anderen Gefangenen versuchte man mit Feuerzeugen die Haare anzuzünden.

Versuchsleiter Kugelmeier zog nach dem Experiment eine zwiespältige Bilanz. Hinsichtlich des Wochenmarkts belege das Käfig-Szenario, dass es Zivilcourage durchaus gebe. Mit Blick auf die Schule zeige sich jedoch, wie schmal offenbar der Grat zwischen Zivilisation und Barbarei sei. "Wenn in unmittelbarer Umgebung keine Autorität auftritt, die Einhalt gebietet, sind augenscheinlich viele Menschen, in unserem Fall übrigens vorrangig Jungen, bereit, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen - auch und gerade gegenüber Personen, die ihnen überhaupt nichts getan haben."

Das Experiment der Attendorner Gymnasiasten steht in einem größeren Rahmen. Es ist Teil des vom nordrhein-westfälischen Schulministerium geförderten und vom Katholisch-Sozialen Institut Bad Honnef koordinierten Gesamtprojekts "Eine wertelose Gesellschaft ist wertlos", einer Aktion zur ethischen Erziehung Jugendlicher und junger Erwachsener.

Westfalenpost, Nr.89 (16.4.2008), S.PZE1_.


Ähnliche Berichte, die auf eine Presseinformation der Schule Bezug nehmen, finden sich an folgenden Orten:

Gymnasiasten "am Pranger". Schüler saßen für Experiment auf dem Wochenmarkt im Käfig / Nur eine Frau wollte helfen. In: Siegener Zeitung, Nr.87 (14.4.2008), S.8.

Ursula-Schüler saßen im Käfig. Sozialpsychologisches Experiment auf Marktplatz in Attendorn: Bonbons und Proteste. In: Westfälische Rundschau, Nr.88 (15.4.2008), S.ROE_8.

"Gymnasiasten am Pranger". Ein Käfig frappierte Passanten auf dem Attendorner Markt. In: Sauerlandkurier vom 20.4.2008, S.31.


©  Hubertus Heuel (Westfalenpost), Hagen/Attendorn und
St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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