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Medienreaktionen

WDR-Hörfunk vom 14.6.2008

Ein Käfig in der Kölner Innenstadt

Moderator: In der Fußgängerzone in Köln, Breite Straße, da sieht man momentan etwas ganz Merkwürdiges, nämlich einen großen Metallkäfig. Und es ist keine Zirkuswerbung und da sind [auch nicht] irgendwelche Tiere drin, nein, da sitzen Schüler drin. Da könnte man sich natürlich fragen: Wer hat sich das wohl ausgedacht? Das haben wir uns gedacht und deshalb EinsLive-Reporter Andreas Braun hingeschickt. Du hast dich da mal schlau gemacht. Was hat es denn mit dem Käfig auf sich?

  WDR-Reporter vor dem Käfig
WDR-Reporter Andreas Braun vor dem Käfig.
Reporter: Ja, der Käfig ist natürlich keine neue Form von öffentlichem Nachsitzen oder Schülerbestrafung. Das Ganze ist ein Projekt des St.-Ursula-Gymnasiums aus Attendorn. Kurios dabei ist nicht nur das Projekt selbst, Schüler öffentlich in einen Käfig zu setzen, sondern auch die Geschichte, wie es dazu gekommen ist. Der betreuende Lehrer Frank Kugelmeier erzählt.

Kugelmeier [O-Ton]: Es war - mal wieder - die Situation, dass ein Teil der Schüler in Deutsch keine Hausaufgaben gemacht hatte. Und da habe ich vor mich hin geseufzt: Im Mittelalter wärt ihr dafür an den Pranger gestellt worden! Das war dann so die Initialzündung; das fanden alle dann irgendwie interessant und faszinierend, haben mal nachgefragt: Wie war denn das so mit dem Pranger? Und so sind wir dann drauf gekommen, und dann hat sich das über ein paar Stunden hinweg so entwickelt, dass die Leute gesagt haben: Das wollen wir selber mal ausprobieren.

Reporter: Und das haben sie nun zum dritten Mal gemacht. Das erste Mal war der Käfig - kommentarlos, wohl gemerkt - auf dem Schulhof [sic!] aufgestellt worden, das zweite Mal auf dem Marktplatz von Attendorn und nun halt in der Kölner Innenstadt.

Moderator: Ja, aber was soll das bringen? Was ist so das Ziel dieses Projekts? Was wollen die da erreichen?

Reporter: Das Projekt "Käfig" ist grundsätzlich dem Sozialwissenschaften-Unterricht zugeordnet und hat zwei Ziele: Erstens mal ist es eine Art Selbstversuch für die Schüler, herauszufinden, wie es ist, öffentlich angeprangert zu werden. Corinna Linke zum Beispiel beschreibt ihre Erfahrungen mit dem Käfig.

Corinna [O-Ton]: Es kommt auf die Reaktion von den Leuten an. Wenn sie freundlich mit einem reden, dann ist es nicht ganz so schlimm. Aber wenn sie irgendwie abwertende Sachen sagen und wenn sie einem dann halt die ganze Zeit nicht glauben, dann fühlt man sich nicht so wohl.

Reporter: Und zweitens geht es natürlich auch noch darum, wie die Leute darauf reagieren, wenn man sie damit konfrontiert, dass ein Mensch, wie es im Mittelalter gewesen ist, öffentlich in einem Käfig ausgestellt wird.

Moderator: Ja, das würde mich jetzt aber schon auch interessieren. Was gibt es da so für Reaktionen von den Leuten, die vorbeilaufen?

Reporter: Also, die meisten in der Kölner Innenstadt gucken halt mal im Vorbeigehen oder fragen auch mal kurz nach, was da eigentlich los ist. Und die Schüler sagen dann, dass sie was ausgefressen haben, aber eigentlich nicht darüber reden dürfen. Das ist den meisten dann auch schon genug Info und sie gehen weiter. Allerdings nicht alle. Eine Frau zum Beispiel, die wollte die Situation so gar nicht akzeptieren, hat sich eine Zange besorgt und den Käfig einfach aufgebrochen, um den Insassen zu befreien.

Passantin [O-Ton]: Ich hab mir das eine Zeit lang angeguckt, dann bin ich hingegangen und habe ihn gefragt. Dann hat er mir keine konkrete Antwort gegeben. Und das ist mir auch egal: Ich finde, ein Mensch muss nicht eingesperrt sein, selbst wenn er das selber will.

Reporter: Am heftigsten waren die Reaktionen bis jetzt, als der Käfig in der Schule aufgestellt war. Die Käfiginsassen wurden dort nämlich mit Müll beworfen - also [mit allem], was der Schulhof so hergegeben hat - und auch heftigst beleidigt. Und das Ganze ging so weit, dass einige Mitschüler sogar versucht haben, einem Käfiginsassen die Haare anzuzünden.

Moderator: "Der Käfig" heißt das Projekt des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn. Da lassen sich die Schüler einfach an einem öffentlichen Ort wie zum Beispiel in der Kölner Innenstadt in einen Käfig sperren, weil sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben, und testen damit die Wirkung auf andere. EinsLive-Reporter Andreas Braun war dort.

WDR-Hörfunk (EinsLive), 14.6.2008, 15.33-15.36 Uhr.


©  Andreas Braun (WDR), Köln und
St.-Ursula-Gymnasium, Attendorn 2008-2012

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