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Dokumentation des Milgram-Experiments

Vorbemerkung

Die Vorstellung, jeder Mensch sei mit jedem anderen auf der Welt über "sechs Ecken" bekannt, hat etwas Faszinierendes - kommt sie doch unserem multimedial geprägten Empfinden entgegen, die Welt werde kleiner, zu einem "globalen Dorf" (McLuhan), in dem die Menschheit immer enger zusammenrücke.

Kleine Welt Die "Small World"-Theorie, die Annahme also, jeder Erdenbewohner sei mit jedem anderen vernetzt - und das womöglich nur über (durchschnittlich) fünf Zwischenglieder, traf deshalb auch bei einer Projektgruppe des Attendorner St.-Ursula-Gymnasiums auf großes Interesse.

Ein erster Selbstversuch ergab Erstaunliches. Auf die Frage, über wie viele Zwischenstationen die Schülerinnen und Schüler denn wohl mit dem amerikanischen Präsidenten vernetzt zu sein glaubten, schwankten die Antworten zwischen "zwanzig" und "sechzig". Umso größer war die Überraschung, dass der tatsächliche Grad der Vernetzung deutlich darunter lag. Es waren nicht einmal "six degrees of separation", sondern lediglich vier.

Alle Schülerinnen und Schüler kannten den Sozialwissenschaften-Lehrer Frank Kugelmeier. Dieser hatte kurz zuvor in einem anderen Projekt zahlreiche prominente Politiker interviewt, darunter Franz Müntefering, Peer Steinbrück, Jürgen Rüttgers und den heimischen Bundestagsabgeordneten Hartmut Schauerte. Alle diese Personen sind auf spezielle Weise mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt oder gar befreundet: Müntefering und Steinbrück als Kabinettskollegen, Rüttgers als Parteifreund, Ministerpräsident und ehemaliger Kabinettskollege (aus der Ära Kohl) - und Hartmut Schauerte, der besonders enge Kontakte zur Attendorner Schule pflegt, als mittelstandspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion und Parlamentarischer Staatssekretär. Angela Merkel wiederum hat - schon von Amts wegen - direkt mit US-Präsident George W. Bush zu tun. - Kurz gesagt: Zwischen sämtlichen Angehörigen des St.-Ursula-Gymnasiums in Attendorn und dem US-Präsidenten in Washington liegen höchstens vier Verbindungen. Und dieser Befund gilt nicht nur für den US-Präsidenten, sondern beispielsweise auch für den russischen Amtsinhaber oder für die chinesische Führung.

Natürlich stellt sich die Frage, welchen praktischen Nutzen dieser Befund hat. Denn das gerade genannte Beispiel zeigt auch sehr deutlich die Grenzen der konstruierten Bekanntschaftskette auf. Die Tatsache, dass ein deutscher Schüler "über vier Ecken" mit dem amerikanischen Präsidenten bekannt ist, wird ihn nämlich im konkreten Fall eines Bittgesuchs, eines Gesprächswunschs usw. keinen Schritt weiter bringen, und die Vorstellung, nur weil man mit dem chinesischen Regierungschef über drei Zwischenträger bekannt sei, habe man von Seiten Chinas besondere Vergünstigungen zu erwarten, erscheint geradezu absurd.

Dennoch kann man der "Small World"-Theorie auch etwas Konstruktives abgewinnen: So führt die Annahme einer engen Vernetzung der Menschen fast zwangsläufig zu der Vermutung, hierdurch könne sich auch eine gewisse "Einheitlichkeit im Denken" einstellen - mit nachhaltigen Konsequenzen für den Weltfrieden. Die Vorstellung von einer "kleinen Welt" ist also zugleich immer auch ein Stück "mathematisch begründbare" Harmonieerwartung.

Die Geschichte des Versuchs

Die Überlegung, dass alle Menschen "irgendwie" mit allen anderen verbunden seien, geht vermutlich auf den ungarischen Autor Frigyes Karinthy zurück. In einer 1929 publizierten Kurzgeschichte namens "Ketten" ("Chains") lässt er eine seiner Erzählfiguren eine Wette anbieten, dass sie sich zu jedem der (damals) anderthalb Milliarden Erdenbewohner über maximal fünf Bekanntschaften in Beziehung setzen könne.

To demonstrate that people on earth are much closer than ever, a member of the group suggested a test. He offered a bet that we could name any person among earth's one and a half billion inhabitants, and through at most five acquaintances, one of which he knew personally, he could link to the chosen one. (Frigyes Karinthy: "Chains", 1929)

Ob Karinthy der Urheber dieser Idee war oder ob er lediglich eine schon damals umlaufende Hypothese aufgegriffen hat, lässt sich heute nicht mehr klären. Fest steht hingegen, dass sich in den folgenden Jahrzehnten vor allem Mathematiker mit dem "Kleine-Welt"-Problem auseinander setzten.

So versuchten zum Beispiel in den fünfziger Jahren Ithiel de Sola Pool vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Manfred Kochen, Mitarbeiter des Computerherstellers IBM, die "Small World"-Theorie auf dem Rechenweg zu lösen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass in einer vorgegebenen Menge n jedes Mitglied dieser Menge mit einem anderen Mitglied über k1, k2, k3, k4, k5 ... kn Verbindungen vernetzt ist?

Bei ihren Überlegungen stießen die beiden auf zwei Schwierigkeiten. Erstens war die Berechnung der Wahrscheinlichkeit davon abhängig, wie viele Bekannte ein Mensch in einer bestimmten Gesellschaft durchschnittlich hat. Dieses Problem versuchten die beiden empirisch zu lösen, indem sie repräsentativ ausgewählte Personen 100 Tage lang über ihre Kontakte Buch führen ließen. Es ergab sich eine durchschnittliche Zahl von etwa 500 Bekanntschaften.

Kleine Welt Die zweite Schwierigkeit war ungleich gravierender. Sie stellt sich auch ein, wenn man beispielsweise versucht, die Zahl seiner Ahnen zu berechnen. So hat jeder der 25.000 Einwohner der Stadt Attendorn je zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw. - Setzt man diese Rechnung fort, müssten im Spätmittelalter in Attendorn sechseinhalb Milliarden Menschen gelebt haben; das entspricht ungefähr der heutigen Weltbevölkerung. Natürlich war dies nicht so, was offensichtlich damit zu tun hat, dass viele Einwohner Attendorns (und anderer Städte!) gemeinsame Urururgroßeltern (und als Geschwister sogar dieselben Eltern) haben. - Ähnliches gilt für die Bekanntschafts- und Freundschaftsbeziehungen der Menschen. Wie viele gemeinsame Bekannte sie haben, hängt sehr stark von ihrem jeweiligen Lebensumfeld ab, das sich mathematisch wiederum kaum berechnen lässt.

So führten die Überlegungen von de Sola Pool und Kochen dann auch zu keinem befriedigenden Ergebnis, und daher entschlossen sich die beiden, ihre 1958 geschriebene Forschungsarbeit nicht zu veröffentlichen. "We never felt we had broken the back of the problem" war ihr ernüchterndes Fazit (Kochen [1989], S.VIII). Allerdings legten ihre - vorläufigen! - Resultate die Vermutung nahe, dass die Bekanntschaftsbeziehungen der Menschen untereinander sehr eng seien.

Den Versuch, das Problem empirisch-soziologisch zu lösen, trat ab 1967 der Sozialpsychologe Stanley Milgram an. Er benutzte eine Art "Kettenbrief"-Technik, die in der Folgezeit mehrfach wiederholt wurde und inzwischen im digitalen Zeitalter über E-Mail-Kontakte und Internet-Links weiterentwickelt wird.

Auffällig ist, dass Milgram die ersten Resultate seines Versuchs in einer eher populärwissenschaftlichen Zeitschrift, Psychology Today, veröffentlichte. Die Redaktionen der einschlägigen Fachzeitschriften lehnten seinen Beitrag nämlich zunächst ab.

Dies nicht ohne Grund. Denn Milgram ging in seinem Artikel mit Daten und Zahlen recht sparsam um. Stattdessen begann er seine Ausführungen mit einer Anekdote, deren Pointe wohl kein Zufall sein könne: In einem Café in Tunis kommen ein US-Amerikaner und ein Engländer miteinander ins Gespräch und entdecken dabei, dass sie einen gemeinsamen Bekannten in Detroit haben (der dem Namen nach zu urteilen dazu noch armenischer Abstammung ist). Die Situation gipfelt in dem Ausruf, wie klein doch die Welt sei.

Fred Jones of Peoria, sitting in a sidewalk cafe in Tunis, and needing a light for his cigarette, asks the man at the next table for a match. They fall into conversation; the stranger is an Englishman who, it turns out, spent several months in Detroit studying the operation of an interchangeable-bottlecap-factory. "I know it's a foolish question," says Jones, "but did you ever by any chance run into a fellow named Ben Arkadian? He's an old friend of mine, manages a chain of supermarkets in Detroit..."
 
"Arkadian, Arkadian," the Englishman mutters. "Why, upon my soul, I believe I do! Small chap, very energetic, raised merry hell with the factory over a shipment of defective bottlecaps."
 
"No kidding!" Jones exclaims in amazement.
 
"Good lord, it's a small world, isn't it?" (Milgram [1967], S.61)

Für Milgram war die geschilderte Situation ein unübersehbares Indiz für das "Small World"-Phänomen. Im weiteren Verlauf des Artikels berichtete er dann über seine Experimentalanordnung.

Das Problem, die unsichtbaren Verbindungen der Menschen untereinander sichtbar zu machen, löste Milgram, indem er als "Medien" Briefumschläge verwendete. Mit Umschlägen hatte der Sozialpsychologe bereits in einem anderen Versuch (dem Experiment der "verlorenen Briefe", 1963) operiert. Hier nun verwendete er sie, indem er "zufällig" ausgewählte "Startpersonen" im Mittleren Westen (in Kansas oder Nebraska) damit beauftragte, die Umschläge jeweils an eine ihnen unbekannte Person an der Ostküste (in Cambridge, Massachusetts oder Boston) zu schicken. Dabei durften die so genannten "Starter" die Briefe allerdings nicht direkt ans Ziel senden, sondern nur an jemanden weiterreichen bzw. schicken, mit dem sie gut bekannt waren und von dem sie glaubten, er könne den jeweiligen Umschlag näher zum Ziel dirigieren; und diese Person durfte den Brief wiederum nur an jemanden weiterleiten, mit dem sie gut bekannt war usw. usw. - "Gut bekannt" bedeutete für Milgram eine Verbindung "on a first-name basis", das entspricht im Deutschen einer Beziehung "irgendwo" zwischen enger Bekanntschaft und Freundschaft.

Die Briefumschläge waren mit der ungefähren Anschrift (nicht aber mit der exakten Postadresse) der Empfänger, ferner mit kurzen Anweisungen sowie mit einer Liste versehen, auf der sich sämtliche Zwischenträger eintragen sollten. Außerdem enthielt der Umschlag eine Reihe von frankierten Postkarten, die von den Zwischenträgern ausgefüllt und an die Harvard University, Milgrams wissenschaftliches Zuhause, geschickt werden sollten. Auf diese Weise wollte Milgram den Fortgang der Ereignisse verfolgen.

How to take part in this study
  1. Add your name to the roster at the bottom of this sheet.
  2. Detach one postcard. Fill it out and return it to Harvard University.
  3. If you know the target person on a personal basis, mail this folder directly to him/her.
  4. If you do not know the target person on a personal basis, do not try to contact him directly. Instead, mail this folder (postcards and all) to a personal acquaintance who is more likely than you to know the target person.

Eigenen Angaben zufolge rechnete Milgram damit, dass etwa hundert Zwischenträger nötig sein würden, um die Briefe von Kansas oder Nebraska nach Cambridge bzw. Boston zu schaffen. Tatsächlich kam der erste Brief jedoch bereits nach vier Tagen an, und die Zahl der Zwischenträger hielt sich ebenfalls in Grenzen. "Starter" war ein Weizenfarmer aus Kansas gewesen, der den Brief seinem Pfarrer gegeben hatte. Dieser wiederum hatte ihn per Post an einen befreundeten Kollegen in Cambridge geschickt, der die Empfängerin, in diesem Fall die als "Alice" bezeichnete Frau eines Theologiestudenten, kannte und ihr den Umschlag dann auch persönlich übergab. Die Zahl der Zwischenträger lag damit bei zwei, die "Abgrenzungsrate" zwischen "Starter" und Zielperson also bei drei.

Four days after the folders were sent to a group of starting persons in Kansas, an instructor at the Episcopal Theological Seminary approached our target person on the street. "Alice," he said, thrusting a brown folder toward her, "this is for you." At first she thought he was simply returning a folder that had gone astray and had never gotten out of Cambridge, but when we looked at the roster, we found to our pleased surprise that the document had started with a wheat farmer in Kansas. He had passed it on to an Episcopalian minister in his home town, who sent it to the minister who taught in Cambridge, who gave it to the target person. Altogether, the number of intermediate links between starting person and target amounted to two!
(Hervorhebung im Original, Milgram [1967], S.64-65)

Mehr zu den Ergebnissen des ersten Versuchs sagte Milgram in seinem Artikel nicht. Stattdessen führte er die Resultate eines zweiten Versuchs an, in dem einige "Starter" aus Nebraska eine Zielperson erreichen sollten, die in Sharon (Massachusetts) lebte und in Boston arbeitete. Milgram berichtete, in diesem Fall habe die Zahl der Überbringer zwischen zwei und zehn geschwankt und liege im Mittel bei etwa fünf ("chains varied from two to 10 intermediate acquaintances, with the median at five", Milgram [1967], S.65). Damit schien tatsächlich jeder Mensch (zumindest jede der beteiligten Versuchspersonen) von jedem anderen lediglich sechs Bekanntschaftsgrade entfernt zu sein - eben jene "six degrees of separation", die daraufhin zum geflügelten Wort wurden und sogar Theater- und Filmautoren, Computerspiel-Programmierer und Musikgruppen inspirierten.

Kritik

Betrachtet man Milgrams Untersuchungen genauer, stellt man allerdings fest, dass sie mehr Fragen offen lassen als Antworten geben.

(1) Dies fängt schon mit den so genannten Briefumschlägen an, die er versandte. In seinem Nachlass (der Wissenschaftler starb 1984) finden sich Hinweise auf mindestens drei Varianten: auf einen Kettenbrief ("chain-letter"), auf einen Brief in einem Umschlag ("a document in a folder") und sogar auf einen königsblauen Pass, der, versehen mit der in goldenen Lettern geprägten Aufschrift "Harvard University" und verziert mit einem imposanten Logo, weitergereicht werden sollte.

Kleine Welt Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Judith S. Kleinfeld, die sich ausführlich mit Milgrams Nachlass beschäftigt hat, kam daraufhin zu der Ansicht, dass allein schon diese Varianten des Übermittlungsmediums den Ausgang des Experiments entscheidend beeinflussen können: Ein eindrucksvolles, halboffizielles Dokument wie den "Reisepass" der Harvard-Universität, auf dem außerdem auch noch in verschiedenen Handschriften und mit unterschiedlichen Tintenfarben sorgfältig die Namen der Zwischenträger vermerkt sind, wird man vermutlich eher weiterleiten als einen simplen Zettel oder einen nichtssagenden Briefumschlag. Eine vergleichende Untersuchung der von Milgram im Lauf der Zeit durchgeführten "Kleine-Welt"-Studien ist damit kaum möglich.

(2) Darüber hinaus muss sich Milgram weitere Kritik gefallen lassen. Sie betrifft die so genannten "Starter", denen er die jeweiligen "Briefumschläge" zuschickte, auf dass sie sie an die Zielperson weiterleiten sollten. Um das Budget der Universität zu schonen, ermittelte der Versuchsleiter die Startpersonen nicht etwa über aufwendige repräsentative Verfahren, sondern aus (preiswert) gekauften Adressenlisten. Solche Listen enthielten seinerzeit aber fast ausschließlich die Namen herausgehobener Personen, die - vor allem wirtschaftlich, etwa als Aktionäre - von Interesse waren und die deshalb auch quasi von Hause aus bereits über einen überdurchschnittlich großen Bekanntenkreis verfügten. Mit anderen Worten: Diesen "Startern" fiel es vermutlich seinerzeit wesentlich leichter, Briefkontakte zu knüpfen, als Bürgern, die auf keiner Liste standen. Entsprechend kürzer fielen ihre "degrees of separation" aus.

Bei anderen Varianten des Experiments griff Milgram auf Freiwillige zurück, die er per Zeitungsinserat geworben hatte. Dieses Inserat war allerdings so formuliert, dass es nicht so sehr zufällige (und damit "repräsentative") Personen ansprach; vielmehr appellierte es an den Ehrgeiz "geselliger" Personen, ihre sozialen Kontakte spielen zu lassen.

I found in the archives the original advertisement recruiting subjects for the Wichita, Kansas study. This advertisement was worded so as to attract not representative people but particularly sociable people proud of their social skills and confident of their powers to reach someone across class barriers. (Kleinfeld [2001])

Auch hier barg also die Auswahl der Startpersonen bereits die Gefahr "verkürzter Ketten".

(3) Ein weiterer und besonders gravierender Vorwurf an Milgram lautet, dass der Autor des Psychology Today-Artikels die Ergebnisse seiner Versuche gehörig geschönt oder, freundlicher ausgedrückt, zumindest recht selektiv publiziert hat. So erwähnte Milgram in seinem Aufsatz zwar die Theologiestudenten-Gattin Alice, die in seiner ersten Studie als Anlaufstelle fungiert habe und die über nur zwei Zwischenträger mit einem Farmer in Kansas "bekannt" sei; die empirischen Unterlagen zu dieser Behauptung veröffentlichte er jedoch weder in Psychology Today noch sonst irgendwo. Auch in seinem Nachlass findet sich kein passender Beleg; im Gegenteil, die dortigen Aufzeichnungen sprechen eine ganz andere Sprache. Ein undatiertes Dokument, "Results of Communication Project", gibt darüber Auskunft, dass Milgram für seinen "ersten Versuch" zwar 60 Personen in Wichita (Kansas) über eine Zeitungsannonce rekrutierte, dass im Rahmen dieses Versuchs allerdings lediglich 3 der 60 Dokumente, also gerade mal 5 Prozent, tatsächlich die Frau des Theologiestudenten erreichten, und das auch nur über jeweils 8 Zwischenpersonen. Mit anderen Worten: Der Abstand lag bei diesem Versuch bei "nine degrees of separation". Lakonisch schließt Judith S. Kleinfeld: "The memorable anecdote in Psychology Today was at great variance from the actual, unreported results of the first study."

Der statistische Wert von 5,5 Abgrenzungsgraden, den Milgram gelegentlich anführte und den er dann auf die berühmten "six degrees" aufrundete, stammte offenbar aus Folgeuntersuchungen, deren Daten allerdings ebenfalls nicht immer zweifelsfrei zu eruieren waren.

(4) Die Fehlquote von 95 Prozent im ersten Versuch (in den Folgeversuchen lag sie selten unter 70 Prozent) erklärte Milgram immer wieder aus der Bequemlichkeit der Menschen, sich nicht auf ihre Rolle als Zwischenträger einzulassen. Tatsächlich lässt sich das Ergebnis aber auch ganz anders deuten: Wenn 19 von 20 Briefen nicht am Zielort ankommen, dann liegt der Verdacht nahe, dass für die meisten Menschen eben nicht die "six degrees of separation" gelten und/oder dass eine "menschliche Kette" gewöhnlich nach sechs, sieben, acht, maximal neun Kontakten abbricht.

In gewisser Hinsicht scheint sich dieser Verdacht in neueren Untersuchungen zu bestätigen, so etwa in einer E-Mail-Version des Milgram-Versuchs, die Anfang des neuen Jahrhunderts an der Columbia University (New York) konzipiert wurde. "In diesem globalen Experiment versuchten mehr als 60.000 E-Mail-Nutzer aus 166 Ländern insgesamt 18 ausgewählte Zielpersonen in 13 Staaten durch das Weiterleiten von elektronischen Nachrichten direkt zu erreichen", so der Initiator des Projekts, Duncan J. Watts in einem Aufsatz zu seiner Aktion (im Fachblatt Science, Vol.301, S.827). "Je nach Einbindung in soziale Netzwerke variierte die Zahl der Weiterleitungen zwischen fünf und sieben, mit einem gewichteten Mittelwert (Median) bei sechs. Insgesamt starteten über 24.000 E-Mail-Ketten. Wegen mangelnden Interesses der freiwilligen Teilnehmer erreichten jedoch nur 384 wirklich ihr Ziel [...]." (Löfken [2003])

(5) Ein Aspekt, der (zunächst) in Milgrams Versuch nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, war die Überwindung sozialer Barrieren beim Transport der Briefe. 1970 veröffentlichte er dann zusammen mit C. Korte eine Studie, die deutlich machte, dass die "six degrees of separation" zumindest in einer Welt der Rassenschranken nicht gelten. Von den 270 Briefen, die weiße "Starter" an schwarze Adressaten weiterleiten sollten, gelangten nur 13 Prozent ans Ziel (von denen an weiße Adressaten immerhin 33 Prozent). (Korte/Milgram [1970])

Ähnliche Studien hatten unmittelbar nach Milgrams erster "Kleine-Welt"-Publikation schon die Soziologen Beck und Cadamagnani unternommen. Sie unterteilten die "Starter" und Zielpersonen in Angehörige mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen und mussten feststellen, dass die einkommensschwache Gruppe keine Chance hatte, mit ihren Briefen in die anderen beiden Schichten vorzudringen. Judith S. Kleinfeld hierzu:

I found in the archives a variation of the small world study, probably sent to Milgram for review but to my knowledge unpublished. This study not only showed extremely low chain completion rates (below 18%) but also suggested that people are actually separated quite dramatically by social class [...]. This study recruited 151 volunteers from Crestline, Ohio, divided into low-income, middle-income, and high-income groups. The starters were to try to reach a low-income, middle-income, or high-income person in Los Angeles. While the chain completion rate was too low to permit statistical comparisons of subgroups, the researchers observe that "No low-income senders were able to complete chains to targets other than the low-income target" (p.5). The middle-income and high-income people, on the other hand, did get messages through to some people in every other income group. These patterns suggest a world divided by social class, with low-income people disconnected. (Kleinfeld [2001])

Statt von einer "Kleine-Welt"-Theorie sollte man also vielleicht eher von einem "Getrennte-Welten"-Phänomen sprechen.

Dilemmata

Die Schwierigkeiten, die eine "saubere" Konstruktion und Auswertung des "Small World"-Experiments erschweren oder gar verhindern können, liegen in mehreren Dilemmata begründet, die sich am sinnfälligsten in drei Paradoxien fassen lassen:

(1) Was sich hinter der Formulierung "ferne Nähe" verbirgt, ist schnell erklärt. Gemeint ist damit, dass die Annahme, "six degrees of separation" seien ein überraschend geringer Abstand für die Beziehungen der Erdenbewohner zueinander, möglicherweise von einer falschen Prämisse ausgeht. Vielleicht sind sechs Abgrenzungsgrade ja auch schon recht viel, unter Umständen sogar zu viel für eine "kleine Welt". Nimmt man das schon erwähnte Beispiel der Attendorner Schüler, die nur vier Bekanntschaftsgrade vom amerikanischen Präsidenten entfernt sind, wird das Dilemma deutlich: Die Zahl Vier suggeriert eine Nähe, hinter der sich tatsächlich jedoch eine Ferne verbirgt, wie sie größer nicht sein kann.

Zugespitzt gesagt: Sollte Milgram Recht haben und die Menschheit wirklich (nur) "um sechs Ecken" miteinander bekannt sein, dann ist dies nicht zwangsläufig ein Zeichen globaler Nähe, sondern vielleicht im Gegenteil grenzenloser Anonymität und Beziehungslosigkeit. Insofern zielt möglicherweise jeder Versuch, durch die Bestätigung der "Six-degrees"-Hypothese die "Small World"-Theorie zu untermauern, schon im Grundsatz in die falsche Richtung.

Kleine Welt (2) Das Paradoxon des geraden Umwegs zeigt ein zweites Dilemma der Versuchsanordnung Milgrams auf. Fast zwangsläufig richtet sich das Augenmerk bei der Konzeption des Experiments einerseits auf den Start-, andererseits auf den Zielpunkt. Als Indikator für die Zuverlässigkeit der "Six-degrees"-Hypothese gilt die Zahl der beobachteten Teil-Verbindungen zwischen diesen beiden Punkten.

Problematisch ist in diesem Szenario jedoch, dass es in Wirklichkeit nicht nur zwei, sondern drei Fixpunkte hat: außer den "Startern" und der Zielperson auch den Versuchsleiter. Über ihn läuft, da er beide Parteien "kennt", eigentlich die kürzeste Verbindungslinie zwischen Anfang und Ende der Kette. Im Grunde genommen müsste - im Sinne einer optimierten Ausnutzung von Beziehungen - jede Startperson ihren Umschlag unmittelbar nach Erhalt geradewegs an den Versuchsleiter zurückgeben, damit dieser sie der Zielperson übergibt.

Aus diesem Dilemma flüchtet sich der Versuchsleiter, indem er sich vor den Versuchspersonen als "unendlichen Umweg" definiert, der in keinem Fall in Anspruch genommen werden darf. Entkommen kann er der Paradoxie dadurch jedoch nicht.

Es handelt sich hierbei nicht etwa um ein rein akademisches Problem, sondern um ein ganz praktisches, das in der Kritik an Milgram auch schon angedeutet wurde: Der Versuchsleiter wird nur solche Personen als "Starter" und "Ziele" ansprechen können, die er erreicht. Indem er sie (unmittelbar oder über "Mittelsmänner") erreicht, verliert er seine "operationale Unschuld". Er wird zum Glied in der Kette, deren Existenz und Länge er eigentlich erst beweisen (oder widerlegen) will.

(3) Das dritte Paradoxon, nämlich das des allgemeinen Besonderen, besagt, dass das "Small World"-Experiment einerseits die Konstruktion eines allgemeingültigen, "absolut" geltenden Szenarios verlangt, das sich andererseits jedoch bereits dadurch relativiert, dass es die regionalen bzw. kulturellen Besonderheiten der Versuchspersonen berücksichtigen muss.

Ein Beispiel: Würde man einen Briefumschlag - wie im Idealfall sicherlich anzustreben ist - tatsächlich rund um die Welt schicken, müsste er, um niemanden in der Kette auszuschließen, eigentlich besondere Instruktionen in allen erdenklichen Sprachen enthalten. Eine Reduktion auf einige wenige Sprachen (oder gar nur eine: Englisch) grenzt die Zahl möglicher Zwischenträger bedenklich ein.

Hinzu kommt, dass bereits das Medium des Versuchs, der Briefumschlag selbst, Ausdruck einer nicht-universellen Kultur ist. Seine Symbolkraft (geschweige denn die eines "Harvard-Reisepasses") ist nicht zwangsläufig absolut. Es gibt Weltgegenden, in denen eher über Rauchzeichen oder das gesprochene Wort kommuniziert wird; und selbst in den Industrieländern hat inzwischen die Bedeutung herkömmlicher Briefe zugunsten digitaler Interaktionen abgenommen. Im Übrigen ist die Tradition des Briefeschreibens in den meisten Kulturen an besondere Gesellschaftsschichten gebunden, was dem "unspezifischen" Anspruch der Untersuchung auf Allgemeingültigkeit entgegensteht.

Das Dilemma "allgemeiner Anspruch versus konkrete Besonderheit" zeigt sich in dem "Small World"-Experiment auch in der naiven Vorstellung, man könne - bzw. dürfe - schlechterdings überall auf der Welt im Dienste der Wissenschaft einen Brief überbringen. Gerade in totalitären Systemen, in denen der Austausch von Informationen strengster Kontrolle unterliegt (aber mittlerweile auch in westlichen Gesellschaften, die sich gegen terroristische Akte wappnen), dürfte die diffuse Weitergabe von Kettenbriefen für Misstrauen sorgen und möglicherweise gar zur "Separierung" der Zwischenträger führen. Die Redewendung "six degrees of separation" bekäme dadurch eine neue, zynische Bedeutung.

[ Weiter zum 2. Teil (Konzept des Attendorner Versuchs) ]

Weiterführende Literatur


©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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