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Das Konzept des Attendorner Versuchs

Unterschiede zum Milgram-Experiment

Das am St.-Ursula-Gymnasium initiierte "Kleine-Welt"-Experiment hat zwar auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten mit den Versuchen Milgrams, weicht jedoch in drei entscheidenden Punkten von dem amerikanischen "Vorbild" ab.

Kleine Welt (1) Stanley Milgram suchte sich für seine Experimentalanordnung "entfernte" Startpersonen, die er, wie bereits erwähnt wurde, über Zeitungsanzeigen oder gar aus Adressenlisten rekrutierte. Die Zielpersonen, die er bestimmte, kamen hingegen allesamt aus seinem Universitätsort (Cambridge) oder aber aus dessen unmittelbarer Nähe (Boston). Dieses Vorgehen hatte natürlich System: Nachdem er die "Starter" mit den Umschlägen versorgt hatte, konnte Milgram gemütlich warten, bis die ersten Briefe bei ihm eintreffen würden. Er konnte dann sofort auf die Listen mit den Zwischenträgern zugreifen.

Ein Nachteil dieses Verfahrens war allerdings (auch darüber wurde schon berichtet), dass sich die Beschaffenheit der "startenden" Versuchspersonen, ihr sozialer Status, ihre Kontaktfreudigkeit, ihr gesellschaftlicher Kontext, auf die weite Distanz nur schwer kontrollieren ließ. Die Zusammensetzung der "Starter" hing von Faktoren ab, auf die der "entfernte" Versuchsleiter nur geringen Einfluss hatte. Jede Briefkette war deshalb schon am Ausgangspunkt von Unsicherheiten geprägt.

Die Initiatoren der Attendorner Untersuchung gehen aus diesem Grund anders vor. Sie folgen zwar Milgrams Konzept, zur Ermittlung menschlicher Bekanntschaftsbeziehungen Briefumschläge zu verwenden, lassen sich diese aber nicht zuschicken, sondern schicken sie im Gegenteil "hinaus in die Welt". Mit anderen Worten: Sämtliche Startpersonen stammen aus Attendorn (oder der näheren Umgebung). In räumlicher Distanz zur Versuchsleitung sind hingegen die Zielpersonen.

Dieses Konzept hat zwar den Nachteil, dass die Umschläge anschließend aus allen möglichen Weltgegenden wieder eingesammelt werden müssen. Entscheidend ist jedoch der Vorteil, dass die Versuchsleitung auf diese Weise unmittelbaren analytischen Zugriff auf die große Gruppe der "Starter" hat. Dem Attendorner Experiment liegt also die Überlegung zugrunde, dass es einfacher ist, einige (wenige) Zielpersonen als viele, diffuse Startpersonen "in der Ferne" zu bestimmen.

(2) Noch einen zweiten - und zwar fundamentalen - Unterschied weist die Attendorner Untersuchung gegenüber dem Milgram-Experiment auf. Während der amerikanische Sozialpsychologe bei der Weiterleitung der Umschläge auch den Weg über die Post zuließ, solange nur eine enge Bekanntschaftsbeziehung zwischen Absender und Empfänger bestand, untersagt das Attendorner Experiment die postalische Weitergabe der Briefe ausdrücklich: Sie dürfen nur "per Hand" übermittelt werden.

Diese Einschränkung stellt gegenüber dem Milgram-Experiment natürlich eine enorme Erschwernis dar. Der Pfarrer der Espikopalkirche in Wichita (Arkansas), der laut Milgrams Bericht den Umschlag aus der Hand des Weizenfarmers erhielt, hätte in unserem Fall das Dokument also keineswegs seinem Kollegen an der Ostküste zuschicken dürfen, sondern hätte erst einen geeigneten Partner vor Ort suchen müssen, der das Schriftstück quasi zu Fuß weitergeleitet hätte.

Der Grund für das Verbot der Übermittlung per Post ist der, dass sich so der etwas schwammige Begriff der "Bekanntschaftsbeziehung" besser operationalisieren, eher auf den Punkt bringen lässt. Die persönliche Übergabe eines Briefumschlags setzt einen Mindestgrad an "Bekanntschaft" (und räumlicher Nähe!) voraus, wohingegen sich Milgrams Kriterium - ein postalisch erreichbarer Freund "on a first-name basis" - in der Praxis nur schwer kontrollieren lässt. (Dass unter den Attendorner Vorgaben der Umschlag an einen gänzlich Unbekannten weitergereicht wird, ist zwar theoretisch vorstellbar, würde aber faktisch vermutlich schon an dessen Misstrauen scheitern, eine "fremde" Briefsendung entgegenzunehmen.)

(3) Der dritte Unterschied zwischen dem Milgram-Experiment und dem Attendorner Versuch ist zugleich der wohl problematischste. Entgegen dem Grundgedanken der "Kleine-Welt"-Hypothese, die Verknüpfungen der Menschen ausschließlich über Bekanntschaftsgrade herzustellen, verzichtet die Attendorner Studie darauf, das "letzte Glied in der Kette" zu suchen. Im Klartext: Für die Versuchsanordnung gelten zwar grundsätzlich die Regeln, die schon Milgram verwendet hat ("Leiten Sie den Umschlag nur an jemanden weiter, den Sie persönlich kennen!"); eine Ausnahme bildet jedoch das vorletzte Glied in der Kette: Die Aufgabe des letzten Überbringers ist es lediglich, der Zielperson den Brief auszuhändigen (dazu gehört auch der bloße Einwurf in den Briefkasten der Zielperson). Er muss jedoch nicht persönlich mit ihr bekannt sein.

Damit ist die "Bekanntschaftskette" natürlich streng genommen nicht ganz vollständig. Rechtfertigen lässt sich die Ausnahme nur deshalb, weil die Zielsetzungen des Versuchs etwas von denen Milgrams abweichen.

Ziele

Die Haupt-Zielsetzung des jetzigen Versuchs ist - und bleibt - selbstverständlich die Überprüfung der Vernetzung der Welt. Mit "Vernetzung" ist in diesem Zusammenhang der unmittelbare, sozusagen greifbare Kontakt "von Mensch zu Mensch" gemeint, der sich in dem buchstäblichen Körperkontakt während der Übergabe des Briefumschlags manifestiert. Die Attendorner Studie setzt sich damit bewusst von unpersönlichen, mitunter gar anonymisierten Vernetzungs-Experimenten ab, die mit digitalen Verlinkungen im Internet oder per E-Mail operieren.

Die Kernfrage der Untersuchung ist also nach wie vor:

In diesem Zusammenhang interessieren natürlich auch die Antworten auf die Fragen nach dem Verlauf dieser "Bekanntschaftskette":

Darüber hinaus zielt die Untersuchung auf die "Gedankenarbeit", die die Zwischenträger im Verlauf der Briefkette zu bewältigen haben:

Worauf das Attendorner Experiment hingegen nicht abzielt, ist die Bestätigung (oder Widerlegung) der "Six degrees of separation"-Hypothese. Angesichts des andernorts beschriebenen Dilemmas der "fernen Nähe" wäre mit der Feststellung einer bestimmten mathematischen Nähe (bzw. Ferne) der Versuchspersonen zueinander ohnehin nichts gewonnen.

Versuchsanordnung

Die Briefe

Wie schon erwähnt, kommen in der vorliegenden Studie zur Überprüfung der Vernetzung der Menschen Briefumschläge zum Einsatz. Sie haben allesamt das Format B4, können also Dokumente der Größe DIN-A4 aufnehmen. Vorder- und Rückseite der Umschläge sind mit Aufdrucken im DIN-A4-Format versehen.

Briefumschlag für Zielorte im Ausland
(mit deutscher und englischer Beschriftung) Auf der Vorderseite sind links die Instruktionen notiert, mindestens in deutscher, auf den Umschlägen, die ins Ausland gehen sollen, auch in englischer Sprache. Rechts daneben ist deutlich die - vollständige - Postadresse des Empfängers zu sehen. Über allem befindet sich der (hoffentlich eindrucksvolle) Briefkopf der Schule inklusive Schul-Logo. Als eine weitere vertrauensbildende Maßnahme ziert das Deckblatt die (originale) Unterschrift des Versuchsleiters.

Auf die Rückseite des Umschlags ist eine Liste mit 24 Positionen geklebt. Hier sollen die Zwischenträger ihren Namen, das Datum und den Ort des Erhalts sowie das Datum und den Ort der Weiterleitung des Briefs notieren. Auf freiwilliger Basis können sie auch ihre Telefonnummer (für eventuelle Rückfragen) angeben.

Im Innern des Umschlags befindet sich eine weitere, gleichartige Liste mit den Positionen 25 bis 48, falls der Brief über mehr als 24 Zwischenträger weitergegeben wird. Zusätzlich enthält der Umschlag ein leeres DIN-A4-Blatt (für Anmerkungen, die Fortführung der Liste über Position 48 hinaus usw.) sowie ein Anschreiben an den Empfänger mit kurzen Erläuterungen, wie er mit dem erhaltenen Umschlag verfahren soll.

Um dem Eindruck entgegenzuwirken, in dem Umschlag werde womöglich etwas Verbotenes transportiert, bleibt der Brief unverschlossen. Er ist lediglich provisorisch mit zwei leicht zu öffnenden Klammern versehen. Wichtig ist dies auch deshalb, weil das Dokument, je nach Zielort, durch die Zollkontrolle gegeben werden muss.

Jeder Brief erhält eine eigene, gut sichtbare Nummer.

Die Anweisungen

Das Anschreiben, das auf dem Briefumschlag notiert ist, richtet sich an die Startperson bzw. die Zwischenträger. Es gliedert sich inhaltlich in zwei Teile.

Der erste Teil enthält zur Orientierung der Versuchspersonen einen kurzen Abriss des Milgram-Experiments von 1967. Bei den ersten Briefen hielt sich dieser Text in der Sache weitgehend an die Fakten, die in einem Artikel der Computerzeitschrift c't über das Experiment berichtet wurden (Ziegler [2005], S.188). Weitere Recherchen der Versuchsleitung ergaben jedoch, dass diese "Fakten" nicht ganz stimmig sind. So sind weder die in der c't gemachten Angaben zur Zahl der Startpersonen ("160") noch die zum Ausgangsort des Experiments (der "Süden der US-Westküste") nachvollziehbar. Ab Brief Nr. 45 wird deshalb eine korrigierte Textfassung verwendet.

Der zweite Teil des Anschreibens enthält dann die eigentlichen Anweisungen:

Wir [...] bitten Sie, den vorliegenden Briefumschlag an die rechts angegebene Empfängeradresse weiterzuleiten. Versenden Sie den Umschlag auf keinen Fall mit der Post. Geben Sie ihn vielmehr "per Hand" weiter, und zwar nur an jemanden, (a) den Sie persönlich kennen, (b) dem Sie zutrauen, dass er den Umschlag ein Stück näher zum Ziel befördern kann. Notieren Sie auf der umseitig angehefteten Liste bitte Ihren Namen, den Zeitpunkt sowie den Ort, an dem Sie den Brief erhalten bzw. weitergegeben haben. Schön wäre es, wenn Sie (für eventuelle Rückfragen) auch Ihre Telefonnummer angeben würden; Sie müssen dies aber nicht tun. Sollte die Liste nicht ausreichen, finden Sie im Inneren des Umschlags Ergänzungsblätter.

Im Umschlag selbst befindet sich ein DIN-A4-Anschreiben an die Zielperson. Auch dieses enthält einige Anweisungen:

  1. Notieren Sie bitte auf der dem Umschlag beigefügten Liste (dem Laufzettel), wann Sie die Sendung entgegengenommen haben (Datum, Uhrzeit).
  2. Senden Sie die eingetroffenen Umschläge bitte (ggf. im Sammelpack) an das St.-Ursula-Gymnasium zurück (Adresse: siehe Briefkopf). Einen hierfür präparierten frankierten Rückumschlag senden wir Ihnen gerne zu.
  3. Schön wäre es natürlich, wenn Sie uns telefonisch, per Fax oder E-Mail benachrichtigen könnten, sobald der eine oder andere Umschlag bei Ihnen eingetroffen ist. Wir werden uns zwischendurch ggf. aber auch bei Ihnen melden.

Die Adressaten

Bei den Zielpersonen ist zwischen Adressaten in Deutschland und solchen im weiträumigen Ausland zu unterscheiden. Da Attendorn geografisch recht zentral liegt, kommen als "entfernte" deutsche Ziele nur Orte im Norden bzw. Süden der Bundesrepublik in Frage. Für einen Zielort (Hannover) wird die Studie durch die Aufgabe besonders vieler Briefe vertieft. Als Empfänger fungieren Männer ebenso wie Frauen, angegeben ist außer Privatanschriften ferner eine Büroadresse.

Bei den ausländischen Adressen waren die Initiatoren des Versuchs bislang weitgehend auf Vorschläge aus der Schülerschaft angewiesen. Folglich sind die Zielorte etwas willkürlicher gesetzt als im deutschen Raum. Dass sich das Dilemma des "geraden Umwegs" dadurch verschärft, ist der Versuchsleitung durchaus bewusst.

Konkret wurden bisher Briefe an folgende Empfänger aufgegeben:

Weitere Briefe sind in Planung, unter anderem an Adressaten in den USA und in Lateinamerika.

Die Startpersonen

Bei den Startpersonen handelt es sich ausschließlich um Angehörige der Schule bzw. um Personen aus dem Umfeld der Schule (z. B. nahe Verwandte von Schülern).

Kleine Welt Erhalten haben die Umschläge bislang ausschließlich Freiwillige (kritisch könnte man auch sagen: nur Personen, die über so viele soziale Kontakte verfügen, dass sie sich die Weiterleitung ohne weiteres zutrauen). Die Umstände der Briefvergabe lassen jedoch darauf schließen, dass durch die Freiwilligkeit keine besonders hohe soziale Selektion der Startpersonen entstanden ist. In der Regel griffen, sobald einige Schülerinnen und Schüler ihre Bereitschaft zur Teilnahme an dem Versuch erklärt hatten, dann auch die noch unentschlossenen Mitschüler zu. - Im Übrigen konnten sich die Schüler die Ziele der Umschläge nicht etwa aussuchen; die Empfängeradressen wurden ihnen vielmehr zufällig zugeteilt.

Einschränkend muss man allerdings anmerken, dass die Schülerschaft des St.-Ursula-Gymnasiums sehr stark mittelschichtenspezifisch geprägt ist. Möglicherweise sind dadurch die Voraussetzungen für die Weitergabe der Briefe etwas günstiger als in anderen Umgebungen.

Ob die etwas abgeschiedene, ländliche Lage des Ausgangsorts Attendorn den Versuch nennenswert beeinträchtigt, muss sich erst noch zeigen. Umgekehrt könnte man auch argumentieren, dass die Weitergabe der Briefe eher in der Anonymität einer Großstadt erschwert wird. Hypothetisch lässt sich vermuten, dass die mittelständische Struktur der Region, in der jeder Beschäftigte seinen Arbeitgeber persönlich kennt und ihm deshalb vielleicht sogar einen präparierten "Kleine-Welt"-Umschlag für einen ausländischen Geschäftspartner in die Hand drücken kann, das Fortkommen der Briefe eher begünstigt als verhindert.

Weitere Bedingungen

Da das Experiment derzeit noch "läuft", lässt sich über weitere Versuchsbedingungen nicht abschließend berichten. In mancherlei Hinsicht entwickelt sich die Studie aber so, wie es Reto U. Schneider in seinem "Buch der verrückten Experimente" beschreibt: Ein Forscher habe ihm nämlich einmal anvertraut, die Durchführung eines Experiments sei ein bisschen so wie "in den Krieg ziehen: Beim ersten Feindkontakt werden alle Pläne über den Haufen geworfen" (Schneider [2004], S.12).

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©  Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2006-2010

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