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Die Krippenpolitik der Familienministerin

Was ist Familie? Welche Rechte, welche Pflichten haben ihre Mitglieder? Gibt es hier eine klare Rollenzuweisung, die die Erziehung der Kinder zwangsläufig in die Hände der nächsten Angehörigen legt? Oder dürfen Eltern die Betreuung ihres Nachwuchses beispielsweise an Dritte - etwa an Kinderkrippen oder Tagesmütter - übertragen?

Fragen wie diese lösten Anfang 2007 eine heftige Debatte zwischen familienpolitischen Traditionalisten und Modernisierern aus. Auf der Seite der Modernisierer stand die CDU-Politikerin und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die unumwunden für einen Ausbau der Kinderkrippenplätze für Kleinstkinder plädierte. Sie reagierte damit auf alarmierende Zahlen zur demografischen Entwicklung der deutschen Gesellschaft.

Von der Leyens Argumentation war dabei folgende:

Mit ihrer Ansicht stand die Familienministerin nicht allein. Die meisten Deutschen favorisieren inzwischen eine Lebensplanung, in der sowohl Mann als auch Frau eine berufliche Karriere anstreben und zugleich auch glücklich in einer Familie mit Kindern leben können.

Dem traditionellen Familienbild - der Mann als Alleinverdiener, die Frau als Hausfrau und Mutter - hängen indessen immer weniger Bundesbürger an. Das Bedürfnis nach traditionellen Familienstrukturen ging im Westen in den Jahren 1982 bis 2004 von 70 Prozent auf 40 Prozent zurück; im Osten halbierte es sich in den Jahren 1991 bis 2004 von ohnehin schon geringen 33 Prozent auf 17 Prozent. [3]

Es ist anzunehmen, dass das Interesse an der traditionellen Familie in Zukunft noch weiter abnehmen wird, da laut Umfragen vor allem junge Menschen den Modernisierern zuzurechnen sind, während die Senioren stärker (nämlich mit bis zu 71 Prozent im Westen) für die traditionellen Werte plädieren. Allerdings ist selbst in der gehobenen Altersgruppe mittlerweile ein Umdenken zu beobachten: In den achtziger Jahren lag der Anteil der Traditionalisten dort noch bei über 90 Prozent. [4]

Ein weiteres Argument für die Politik der Familienministerin ist ein Befund des Bamberger Staatsinstituts für Familienforschung, demzufolge 7,4 Prozent aller deutschen Mütter nur deshalb nicht einem Beruf, sondern der häuslichen Kindererziehung nachgehen, weil es an passenden öffentlichen Betreuungsangeboten fehle. [5] Schon 2005 stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fest, dass eine Nachfrage nach 1,2 Millionen Plätzen für Kinder bis drei Jahre bestehe. [6]

Faktum ist, dass im Bundesdurchschnitt nur jedes zehnte Kind unter drei Jahren in einer Krippe betreut werden kann. Dabei gibt es dann auch noch große Unterschiede zwischen den neuen (bis zu 39 Prozent) und den alten Bundesländern (nur bis zu 6,6 Prozent). [7] In jedem Fall sei das, so EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla, im europaweiten Vergleich eindeutig zu wenig. Die auf dem EU-Gipfel von Barcelona im März 2002 beschlossenen Kriterien zur Betreuung von Kleinkindern würden in Deutschland damit "nicht erfüllt". Dem Gipfel-Beschluss zufolge sollen in den EU-Staaten bis zum Jahr 2010 33 Prozent der unter dreijährigen Kinder einen Krippenplatz beanspruchen können. [8]

In der Tat lässt ein Blick in die europäischen Nachbarstaaten hier Handlungsbedarf auf deutscher Seite erkennen. Ursula von der Leyen resümierte dann auch aus Krippenprojekten einiger skandinavischen Länder und Frankreichs: "Die Kinder dort sind wohlauf, sie leben seltener in Armut, und in Bildungsvergleichen schneiden sie oft besser ab als Kinder aus der Bundesrepublik. Außerdem werden dort mehr Kinder geboren - und zugleich sind mehr Mütter erwerbstätig. Das sollte uns zu denken geben." Folgerichtig propagierte sie, die Krippenplätze und die Anzahl von Tagesmüttern so zu steigern, dass bis zum Jahr 2013 nicht nur 250.000, sondern bis zu 750.000 Kleinkinder im ganzen Bundesgebiet fremdbetreut werden können. [9]

Außerdem, so von der Leyen, sei eine Qualitätsoffensive notwendig: "Dazu gehört zum Beispiel, dass die Öffnungszeiten noch flexibler werden und die Ausbildung der Erzieherinnen weiter verbessert wird. Wir könnten Modellprojekte für Bachelor-Studiengänge entwickeln - in allen anderen europäischen Staaten werden Erzieherinnen längst an Hochschulen ausgebildet." [10]


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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