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Öffentliche Reaktionen

Kaum dass sie gefallen waren, setzten die Äußerungen des Augsburger Bischofs eine wahre Lawine medial vorgetragener Stellungnahmen und Bekenntnisse in Gang. Besonders heftig wurde Mixas Kritik an der CDU-Familienministerin beim Koalitionspartner SPD kommentiert. So konstatierte etwa der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schmidt, Mixas Haltung sei von "familienpolitischer Rückständigkeit und einer frauenfeindlichen Grundhaltung" geprägt. Er forderte den Bischof deshalb sogar zum Amtsverzicht auf. [1] Ernst Dieter Rossmann, Sprecher der SPD-Linken in der Bundestagsfraktion, schlug in dieselbe Kerbe: "Die Denunzierung von Frauen als Gebärmaschinen ist sehr verletzend. Der Bischof muss in sich gehen und zurücktreten." [2] Auch die Vorsitzende der Bundestags-Kinderkommission, Marlene Rupprecht (SPD), resümierte: "Bischof Mixa muss sich überlegen, wenn er so wenig die Realität wahrnimmt, ob er für sein Amt noch geeignet ist." [3]

  Karl Lehmann
Karl Lehmann
In ähnlicher Weise ließen sich Vertreter der Linkspartei vernehmen. Eine Ausnahme bildete zwar Oskar Lafontaine, der sich als einer der beiden Fraktionsvorsitzenden mit der Kritik des Bischofs in der Sache durchaus anfreunden konnte ("Wenn das die katholische Kirche ähnlich sieht, muss das die Linke noch lange nicht für falsch halten") [4]; im Übrigen folgten die Parteimitglieder jedoch eher der Linie des anderen Fraktionschefs Gregor Gysi, der Mixas Vorwurf zurückwies, Kinderkrippen seien der DDR wesensimmanent und damit abzulehnen. Vielmehr sei es in Deutschland versäumt worden, positive Entwicklungen aus dem Osten zu übernehmen. [5] - Volker Beck, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, nannte die Äußerungen des Augsburger Geistlichen "ein echtes Armutszeugnis" und forderte pathetisch: "Bischof Mixa, kehren Sie um und leisten Sie Buße." [6]

Selbst in der sonst eher kirchenfreundlichen CDU kam Mixas Kritik nicht gut an. So gab Bundeskanzlerin Merkel (CDU) ihrer Familienministerin nach den Angriffen des Bischofs demonstrativ "volle Rückendeckung" [7]: "Freiheit der Wahl setzt die Möglichkeit der Wahl voraus." [8] Ebenso äußerte sich NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (ebenfalls CDU): "Wir müssen die Kinderbetreuung für unter Dreijährige massiv ausbauen." [9] Der Parlamentarische Staatssekretär von der Leyens, Hermann Kues (CDU), merkte zudem an, die Forderung nach einem Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder sei doch eigentlich eine alte Forderung der Deutschen Bischofskonferenz. [10]

Ursula Heinen, Vorsitzende der Frauengruppe in der Unionsfraktion im Bundestag, gab zu verstehen, der Bischof lebe offenbar "in einer anderen Welt". "Erschreckend und nicht angemessen" fand ihre Parteikollegin Dorothee Bär die Wortwahl des Geistlichen. Friedbert Pflüger, CDU-Präsidiumsmitglied, hielt Mixas Meinung gar für "absurd". [11] Auch Joachim Herrmann, CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, erklärte: "Es wäre unfair und falsch, berufstätigen Müttern die Sorge um ihre Kinder und die Erziehungsleistung abzusprechen." [12]

Allerdings gab es gerade in der CSU auch etliche Stimmen, die Mixa mehr oder weniger unverhohlen Recht gaben. So warnte Bayerns Familienministerin Christa Stewens, die staatliche Kinderbetreuung dürfe nicht gegen die Erziehung innerhalb der Familie ausgespielt werden. Und CSU-Parteichef Edmund Stoiber konstatierte, der Vorschlag von der Leyens laufe Gefahr, den Familienbegriff zu verengen. [13]

Rückendeckung erhielt Mixa zudem vom Oberhaupt des Benediktinerordens: Offenbar, so Abtprimas Notker Wolf, zähle eine Frau nur etwas, wenn sie wie ein Mann arbeite und nicht wie eine Mutter für ihr Kind sorge. [14] Ansonsten boten die Reaktionen der katholischen Kirche freilich ein eher ambivalentes Bild. So bekundete Karl Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, zwar zunächst Verständnis für Mixas Position ("Es wäre ein fundamentaler Fehler anzunehmen, dass Kinder nur in staatlicher Obhut optimal versorgt sind") [15]; in den folgenden Wochen ging er jedoch zunehmend auf Distanz zu seinem Augsburger Amtsbruder. Mixa sei "nur eine Stimme" unter den insgesamt 27 Diözesanbischöfen. [16]

In der Tat hielt sich die Solidarität der deutschen Bischöfe mit Mixa in Grenzen. Nur wenige Oberhirten sprangen ihm dezidiert bei: verhalten der Hamburger Erzbischof Werner Thissen, der für Eltern "Wahlfreiheit" zwischen Beruf und häuslicher Betreuung forderte [17], sowie Berlins Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky ("Wer Krippenplätze finanziell fördert, muss auch Eltern, die um der Kinder willen auf Erwerbstätigkeit verzichten, angemessen fördern") [18], deutlicher der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner mit seiner Ansicht, Krippenplätze seien lediglich für den "Ausnahmefall" nötig [19], und der Regensburger Bischof Gerhard Müller, der erklärte, als Geistlicher werde man sich von der Politik nicht den Mund verbieten lassen [20].

Bei den katholischen Laien überwog eindeutig die Ablehnung. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, erklärte, er könne "den Zorn des Bischofs nicht nachvollziehen". [21] Und auch Ingrid Fischbach, Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB), führte an: "Nicht die Vorschläge der Familienministerin sind 'zutiefst unsozial und familienfeindlich', sondern die Anschuldigungen und Diskussionen, die zu Lasten der Kinder ausgetragen werden." [22] Die Theologin Uta Ranke-Heinemann gab zu Protokoll, Mixa sei "wohl der Allerletzte, auf dessen Rat die Frauen hören". Vielmehr seien es die katholischen Bischöfe selbst, "von denen sich Frauen zu Gebärmaschinen degradiert fühlen, nach dem katholischen Motto: Kinder, Küche, Kirche". [23]

Auch Vertreter der evangelischen Kirche gingen auf Distanz. Margot Käßmann, Landesbischöfin von Hannover, merkte an, sie könne die Kritik schon deshalb nicht nachvollziehen, weil im Jahr 2013 Krippenplätze lediglich für jedes dritte Kind zur Verfügung stehen würden. [24] An anderer Stelle ergänzte sie, in der Diskussion gehe es "ganz offensichtlich gar nicht mehr um das Wohl der Kinder, sondern um das Festhalten an alten Rollenbildern". [25]

Aus der Fülle an Kommentierungen des Falls Mixa vs. von der Leyen ragten zwei besonders heraus: die des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck und die der Grünen-Chefin Claudia Roth.

Bei einer Programmkonferenz der SPD reagierte Beck auf die scharfe Kritik Mixas mit einem Witz: Eine einsame Frau habe sich als Gesellschaft einen Kater gekauft, der aber jeden Abend unterwegs gewesen sei und sie alleine gelassen habe. Auf Rat einer Freundin habe sie ihn daraufhin kastrieren lassen. Als sie später der Freundin klagte, der Kater sei weiterhin jeden Abend unterwegs, habe diese ungläubig gefragt: "Wieso denn, der kann doch gar nicht mehr?" Darauf habe die Frau gesagt: "Das nicht, aber er berät jetzt." - Später erklärte Beck, er habe mit dieser Geschichte lediglich um Verständnis für Mixa werben wollen. [26] Dennoch musste er sich heftige Vorwürfe gefallen lassen, er habe den Bischof unbotmäßigerweise mit einem kastrierten Kater verglichen.

Gravierender war freilich der Fall Claudia Roth. Nachdem sie Mixa, dem Bischof ihres Wahlkreises Augsburg, bereits unmittelbar nach seinen ersten Äußerungen vorgeworfen hatte, er führe einen "Kreuzzug" gegen ein besseres Angebot bei Kinderbetreuungseinrichtungen [27], holte die Bundesvorsitzende während des bayerischen Grünen-Landesparteitags im Oktober 2007 zu einem weiteren Schlag aus: Zwar nur in einem Halbsatz, aber dennoch unüberhörbar bezeichnete sie Mixa als einen "durchgeknallten, spalterischen Oberfundi". Der solchermaßen Angesprochene reagierte darauf nicht selbst, doch schoss sein Öffentlichkeitsreferent Dirk Hermann Voß zurück. Dieser erklärte, derartige Äußerungen trügen "faschistoide Züge" und erinnerten an die Propagandahetze der Nazis gegen die katholische Kirche. Die Grünen seien "auf allen Ebenen für Christen nicht wählbar". [28]

Wenig später zeigten sich dann beide Seiten um Schadensbegrenzung bemüht. Claudia Roth wurde von namhaften Parteifreunden (etwa ZdK-Mitglied Christa Nickels) in ihre Schranken gewiesen; und Mixas Öffentlichkeitsreferent zog seine umstrittenen Äußerungen zurück, zumal selbst Kurienkardinal Walter Kasper zur Mäßigung aufrief. Roths Angriff zeuge zwar "nicht gerade von der besten Kinderstube", in diesem Zusammenhang aber auf "Dinge des Dritten Reichs" zurückzukommen führe, so Kasper, auch nicht sehr weit. [29]

Am 7. November 2007 löste Claudia Roth allerdings eine neuerliche Kontroverse in Sachen Mixa aus. In einem Fernsehinterview erklärte sie: "Er redet von Umerziehungslagern, da fällt mir Pol Pot ein." [30] Zahlreiche Medien zogen daraus die - logisch falsche - Schlussfolgerung, die Grünen-Chefin habe Mixa mit dem kambodschanischen Diktator gleichgesetzt [31], so dass sich Roth einen Tag später zu einer Richtigstellung veranlasst sah. [32] Sehr wohl erneuerte die Politikerin freilich ihre Kritik in der Sache: Der Bischof solle erkennen, "dass wir Frauen nicht die Hälfte der Plätze im Himmel wollen, sondern im Hier und Jetzt". [33]

In Wirklichkeit hatte Mixa übrigens nicht von Lagern, sondern von staatlichen Umerziehungsprogrammen gesprochen. [34] Erklärlich wird Roths fortgesetzt kirchenkritische Haltung vielleicht vor dem Hintergrund, dass sie in ihrer Zeit als Europaabgeordnete im Jahr 1994 als EU-Berichterstatterin für den Report "Gleiche Rechte für Schwule und Lesben" verantwortlich zeichnete und deswegen von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert wurde. [35]


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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