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Recherchen unserer Arbeitsgruppe

In dem Spannungsfeld aus Polemiken und medial hochgeschaukelten Aufgeregtheiten blieb in der Kinderkrippendiskussion eine Frage weitgehend auf der Strecke: inwieweit es nämlich einem Kirchenvertreter überhaupt gestattet sei, sich in tagespolitische Angelegenheiten einzumischen.

Zur Beantwortung dieser Frage suchte unsere Arbeitsgruppe das Gespräch mit prominenten Entscheidungsträgern aus Politik und Klerus. Geeignete Foren stellten hierfür die Eröffnungsveranstaltung der Misereor-Fastenaktion in Paderborn, der EU-Schülergipfel in Köln (dessen einzige Gäste wir übrigens waren), der Evangelische Kirchentag in Köln und die "Campus Akademie" in Schwerte dar. Darüber hinaus vereinbarten wir einige exklusive Interviewtermine, u. a. mit Bundestagspräsident Norbert Lammert in Arnsberg und Erzbischof Hans-Josef Becker in Attendorn.

Der erste Geistliche, den wir befragten, Weihbischof Matthias König aus Paderborn, äußerte sich Ende Februar 2007, fünf Tage nach Mixas ursprünglicher Kritik, uns gegenüber noch recht zurückhaltend. So vermied er direkte Bezüge zum Augsburger Bischof: Grundsätzlich, so König, solle sich jeder getaufte Christ - auch politisch - in die Gesellschaft einbringen. Andererseits habe der Papst aber Priestern jede dezidierte politische Betätigung untersagt. - Etwas offener gab sich acht Wochen später Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker. Wenn etwas nicht in Ordnung sei, müsse man als Christ "den Finger auf die Wunde legen". Dies müsse allerdings, gab Becker weiter zu bedenken, "so sachlich und so hilfreich wie möglich" geschehen, damit nicht "neue Polarisierungen" aufgebaut würden.

Unumwunden kritisch zeigte sich hingegen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof und Kardinal Karl Lehmann. Natürlich dürfe jeder Bischof seine Meinung sagen. Klar sei jedoch auch, dass Mixa nicht die Gesamtmeinung der Bischofskonferenz repräsentiere. Schwierigkeiten habe er im Übrigen mit Mixas "Stil und Ton": "Es wäre besser gewesen, das wäre ohne Polemik gesagt worden."

  Schülerinterview mit EKT-Präsident Reinhard Höppner
Schülerinterview mit Reinhard Höppner,
Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags
Auch in der evangelischen Kirche stieß unseren Recherchen zufolge Mixas Verhalten auf Ablehnung. So kritisierte etwa Reinhard Höppner, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, "Leute, die meinen, sie haben die Wahrheit gepachtet, und dann mit so einer selbstgerechten Art den andern sagen wollen, was richtig ist." - Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, sah dies ähnlich: "Wenn es darum geht, ein sehr enges, einseitiges Familienbild zu stabilisieren, dann soll er seine Meinung zwar sagen, doch nicht mit dem Anspruch des Bischofs, sondern mit dem des Mitbürgers Mixa." - Auch die Predigerin der Abschlussfeier des Kirchentags, Fernsehpfarrerin Mechthild Werner, bemängelte, es sei "eine Schärfe in der Kritik gewesen, die nicht unbedingt etwas voranbringt".

Einzig TV-Moderator Jürgen Fliege, ebenfalls evangelischer Geistlicher, rechtfertigte die Einmischung des Augsburger Bischofs; denn der mache, wenn auch unpopulär, "darauf aufmerksam, dass Familie in unserer Gesellschaft immer noch unter dem Diktat der Ökonomie steht."

Die Politikerinnen und Politiker, die wir interviewten, waren sich in der Beantwortung der Frage, wie weit sich ein Bischof politisch engagieren dürfe, über alle Parteigrenzen hinweg überraschend einig. Die Abgeordneten Norbert Lammert von der CDU, Wolfgang Thierse, Ulla Schmidt und Lale Akgün von der SPD, Angela Freimuth von der FDP sowie Renate Künast, Claudia Roth, Ute Koczy und Kerstin Müller von den Grünen gaben gleichermaßen zu Protokoll, was der Europaparlamentarier Helmut Kuhne (SPD) zu Mixas Äußerungen besonders eingängig formulierte: "Er darf das; aber er muss sich genauso wie Politiker gefallen lassen, dass man sagt: Du bist blöd! In dem Augenblick, in dem man in die politische Debatte eintritt, gibt es keinen Heiligenschein mehr."

Das Dilemma der Auseinandersetzung um religiöse und politische Ansprüche brachte Bundestagspräsident Lammert am besten auf den Punkt: "Kirchen, Religionen handeln von Wahrheiten; Politik handelt von Mehrheiten. Das ist erkennbar nicht dasselbe."

Auch die von uns befragten Elder Statesmen sahen Mixas Einmischung kritisch. Bernhard Vogel (CDU), Ministerpräsident a. D. und langjährig im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken engagiert, gestand Kirchenvertretern zwar eine beratende Funktion in "Fragen des Lebens" (etwa zur Bioethik) zu; die Tagespolitik sollten sie jedoch bitte den Politikern überlassen.

Die inzwischen 91-jährige ehemalige NRW-Landtagsabgeordnete Elsbeth Rickers (CDU) plädierte im Gespräch mit uns zwar ebenfalls dafür, dass Bischof Mixa seine Meinung sagen dürfe, fühlte sich bei der Auseinandersetzung um die Krippenpolitik jedoch ungut an das Ende der vierziger Jahre erinnert, als sie selbst im Kreis Olpe die ersten Kindergärten hatte einrichten wollen. Auch ihr sei damals kurzerhand mitgeteilt worden, solche Institutionen seien überflüssig; für die Erziehung der Kinder seien schließlich die Frauen zu Hause zuständig.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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