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Stellungnahmen prominenter Kirchenvertreter

Inwieweit dürfen sich Kirchenvertreter in die Politik einmischen? Wir denken da beispielsweise an den aktuellen Fall des Augsburger Bischofs Mixa, der sich gegen die Familienpolitik von Ministerin von der Leyen gestellt hat...

Na ja, jeder Bischof hat die Freiheit, die alle anderen Menschen auch haben - dass sie nämlich ihre Meinung sagen können. Ob einem die passt oder nicht passt, das ist etwas anderes. Es ist auch nicht die Meinung der Bischofskonferenz, die er vorgetragen hat. Deswegen haben wir ja im Rahmen unserer Diskussion in der Bischofskonferenz in der Woche nach Ostern in Reute auch ein entsprechendes Papier verabschiedet. Ich habe danach eine Begegnung mit Frau von der Leyen gehabt, die gesagt hat: Mit diesem Beschluss der Bischofskonferenz kann ich leben. - Da gibt es also eine sehr differenzierte, reiche Palette von Meinungsbildung und offizieller Meinung der Bischofskonferenz; und das darf man dann nicht mit der Stimme eines Bischofs verwechseln.
   Bei Bischof Mixa ist es für mich eigentlich mehr das Problem des Stils und des Tons gewesen. Dass da Anfragen gemacht werden können, dass man schauen muss, dass die Frauen und Männer, die zum Beispiel im Interesse ihrer Kinder zu Hause bleiben, nicht schlechter gestellt werden dürfen als die, die arbeiten - das sind echte Fragen. Aber es wäre besser gewesen, das wäre ohne Polemik gesagt worden.

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Hans-Josef Becker, Erzbischof des Erzbistums Paderborn
Wenn wir, wenn Kirche, wenn wir Christen, die wir in dieser Welt leben und auch in dieser Welt Verantwortung haben, etwas bemerken, was nicht in Ordnung ist, müssen wir den Finger auf die Wunde legen und uns äußern - in welcher Form dann auch immer diese Äußerung geschieht.
   Es gehört dazu allerdings, sich so sachlich und so hilfreich wie möglich zu äußern - damit nicht neue Polarisierungen aufgebaut werden.
   Aber wenn es um klare Ansichten geht, zum Beispiel über die Würde des Menschen, dann kann die Kirche, dann können kirchliche Vertreter kein Blatt vor den Mund nehmen. Dann müssen sie reden.

Es gibt da Abstufungen. Jeder getaufte Christ soll sich in die Gesellschaft einbringen, und das schließt durchaus auch politisches Engagement ein.
   Für mich ist zum Beispiel ganz bezeichnend, dass nach der Wende katholische Politiker - obwohl ja nur eine kleine Minderheit - in den neuen Bundesländern in einem überproportionalen Maße in die Verantwortung gekommen sind. In den ersten Kabinetten der neu errichteten Bundesländer waren, glaube ich, vier von fünf Ministerpräsidenten katholisch; sie waren aus der aktiven katholischen Gemeindearbeit der damaligen DDR gekommen. Die waren ganz einfach unverdächtig, mit dem damaligen System paktiert zu haben.
   Allerdings ist Priestern politische Betätigung verboten. Das ist eine Sache, die unter Johannes Paul II. sicherlich mit Recht festgelegt wurde, weil man sonst irgendwann in Konflikte kommt, die man mit seinem priesterlichen Dienst nicht vereinbaren kann.

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Reinhard Höppner,
Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags
Na ja, es kommt immer darauf an, auf welche Art und mit welcher Absicht man sich einmischt. Ich glaube, dass die Kirche und die Christen von ihrem Evangelium her ein paar wichtige Dinge zu sagen haben, die auch Politiker beachten sollten. Insofern ist Einmischung - mindestens so, wie sich auch andere Bürgerinnen und Bürger einmischen - natürlich nötig.
   Es gibt aber natürlich auch Leute, die meinen, sie haben die Wahrheit gepachtet, und dann mit so einer selbstgerechten Art den andern sagen wollen, was richtig ist. Diese Art wäre aber nicht die der Christen.

Wenn Bischof Mixa sagt: Hier geht es um ganz wesentliche Fragen der Menschen, bei denen es sozusagen um Tod und Leben für die Menschen geht!, dann muss er etwas sagen.
   Aber wenn es darum geht, ein sehr enges, einseitiges Familienbild zu stabilisieren, dann soll er seine Meinung zwar sagen, doch nicht mit dem Anspruch des Bischofs, sondern mit dem des Mitbürgers Mixa. Und dann muss er auch damit leben, dass er entsprechend anderes hört.

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Jürgen Fliege,
evangelischer Pfarrer und TV-Moderator ("Fliege")
Sie können sich vorstellen, dass ich kein Parteigänger von Mixa bin; aber Mixa hat Recht. Denn er macht ganz unpopulär darauf aufmerksam, dass Familie in unserer Gesellschaft immer noch unter dem Diktat der Ökonomie steht: Zuerst der Arbeitsplatz, zuerst die Kohle, und dann die Familie! Das ist falsch.
   Also, wenn beispielsweise du glücklich werden willst, musst du zuerst Kinder bekommen und keine Kohle. Und wenn dein Freund glücklich werden will, muss er Kinder zeugen und keine Kohle schaufeln. Das ist enorm wichtig und hat mit katholisch und evangelisch gar nichts zu tun, sondern hat etwas mit Zukunft zu tun: Wenn wir keine Kinder haben, haben wir keine Zukunft. Punkt, aus, Ende. Zukunft hat man aber nur, wenn man ein großes Vertrauen in die Zukunft hat, und dazu gehört Religion. Mixa, dessen Freund ich nicht bin, hat Recht.
   Familienpolitik ist so etwas von wichtig in diesem Land, dass man sie mit tausend Euro pro Monat nicht ändern kann, sondern es braucht viel mehr Unterstützung für berufstätige Frauen, für Frauen, die zu Hause sind, und für Männer, die diese Kinder zeugen und auch erziehen und bezahlen müssen.


©  St.-Ursula-Gymnasium Attendorn 2008

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